Sei nicht so negativ!

Wer eher vorsichtig und pessimistisch in die Welt blickt, sieht sich einem Zwang zum Positiven ausgesetzt. Doch: Ist Optimismus immer gut?

Zwanghaft positiv in die Zukunft blicken? Das hat auch Nachteile © Dorothea Pluta

Optimistischer werden – warum eigentlich?

„Sei nicht so negativ!“ Wer ein vorsichtiger und eher pessimistischer Mensch ist, sieht sich heute einem Zwang zum Positiven ausgesetzt, der kaum Raum lässt für Zweifel und Skepsis. Doch: Ist Optimismus immer gut?

Gelegentlich eine rosa Brille aufzusetzen, mehr auf die Sonnenseite zu schauen und die eigenen Möglichkeiten leicht zu überschätzen ist gesund. Immer wieder haben Forscher gezeigt, dass es statistisch gesehen günstiger ist, das Glas halb voll als halb leer zu sehen. Vor allem die positive Psychologie hat zum Optimismusboom beigetragen. Jene von dem Sozialpsychologen Martin Seligman ins Leben gerufene Wissenschaftsdisziplin will nicht die Schattenseiten der Seele erforschen, sondern interessiert sich für die positiven Gefühle von psychisch Gesunden und fragt danach: Was macht Menschen fröhlich? Wann erleben sie Zufriedenheit? Wann blühen sie auf? Was lässt sie zuversichtlich in die Zukunft blicken? Welche Charaktereigenschaften sind glücksfördernd und welche glückshemmend? Ein Fazit der umfangreichen Forschung der positiven Psychologie: Glück basiert auf einer optimistischen Selbstbeschreibung und ist für jeden erlernbar und trainierbar.

Königsweg zum Glück?

Nachdem der Hype um diesen Ansatz etwas abgeflaut ist, wird Optimismus allerdings nicht mehr ganz so laut als Königsweg zum Glück angepriesen. Die Verklärung ist einer skeptischen Überprüfung gewichen. Kritische Stimmen warnen vor den negativen Folgen einer allzu starken Fixierung auf das Positive. Den Anfang machte die amerikanische Molekularbiologin und Publizistin Barbara Ehrenreich mit ihrem Buch Smile or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt (Kunstmann, München 2010). Aus dem harmlosen Lob einer optimistischen Lebenseinstellung, kritisierte sie, sei eine zwanghafte Aufforderung geworden, auf Teufel komm raus eine lückenlos positive Grundhaltung an den Tag zu legen. Eine Art kategorischer Imperativ: „Sei optimistisch!“ „Konzentrier dich auf das Positive!“ „Gib dem Negativen keine Chance!“

Der naive Glaube, alles erreichen zu können

Auch zahlreiche deutsche Psychotherapeuten setzen sich kritisch mit der Verklärung von Optimismus und positivem Denken auseinander. Die Psychologin Astrid Schütz, Inhaberin des Lehrstuhls für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik und Leiterin des Kompetenzzentrums für Angewandte Personalpsychologie an der Universität Bamberg, befürwortet eine optimistische Grundhaltung. Ein gemäßigter Optimismus sei zu empfehlen, meint Schütz. „Ein bisschen Rosarot ist günstig, motiviert uns, sorgt dafür, dass wir uns gut fühlen, und wenn wir uns gut fühlen, gehen wir Herausforderungen mutiger an, was wiederum zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung im positiven Sinn werden kann.“ (Siehe dazu auch den Beitrag auf Seite 18.) Sich aber nur auf positives Denken zu verlassen und darauf zu hoffen, dass die Dinge sich schon von allein gut entwickeln, könne hingegen zu einer Falle werden, und im schlechtesten Fall zu Realitätsverlust führen, warnt die Psychologin.

Vor allem die überzogenen Glücks- und Erfolgsversprechen, mit denen zum Beispiel Motivations- und Erfolgstrainer Teilnehmer in sündhaft teure Workshops „Denk positiv“ locken, sieht Astrid Schütz mehr als kritisch. Der naive Glaube, mit der richtigen Einstellung und den richtigen Gedanken alles erreichen zu können, richte Schaden an. „Heute leiden Menschen nicht nur darunter, dass bei ihnen beruflich oder privat etwas schiefgelaufen ist. Sie fühlen sich obendrein auch noch schuldig.“ Weil sie vermeintlich nicht optimistisch genug an ihr Vorhaben herangegangen sind und nicht fest genug daran geglaubt haben, sonst hätte es ja klappen müssen.

"Mir sind schon ganz andere Dinge gelungen"

Astrid Schütz warnt zudem vor blindem Optimismus. Motorradfahren ohne Helm sei ein Beispiel für blinden Optimismus, der aus einer Illusion der Unverwundbarkeit entstehe. Ein defensiver Optimismus, der Risiken unterschätzt, kann gesundheitsgefährdend sein. Wer nach dem Motto lebt: „Klar weiß ich, dass Rauchen Lungenkrebs erzeugen kann, aber mir passiert schon nichts, darauf eine Gitane“, legt einen gefährlichen Optimismus an den Tag und schätzt das eigene Risiko unrealistisch ein. Günstiger wäre es, die eigenen Chancen, trotz exzessiven Zigarettenkonsums gesund zu bleiben, pessimistischer einzuschätzen, die eigene Selbstwirksamkeit hingegen optimistischer zu bewerten: „Mir sind schon ganz andere Dinge gelungen, da schaffe ich es auch, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich bin stark genug.“ Diese Haltung ist Ausdruck eines funktionalen Optimismus, der die eigene Kompetenz betont.

Der Glücksturbo

Jens Asendorpf, emeritierter Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, hält ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung ebenfalls für gesund, warnt jedoch davor, es damit zu übertreiben. Der aktuelle Zeitgeist ermuntere dazu, sich zu überschätzen und sich zu einer optimistischen Sicht zu zwingen, aus Angst, als missmutiger Langweiler im Abseits zu landen. „Es entsteht die Fantasie, dass man auf jeden Fall optimistisch sein und sich alles zutrauen soll. Wenn die Diskrepanz zwischen dem schönen Idealbild und der weniger glänzenden Realität zu stark wird, entstehen starke Spannungen, die in eine Depression münden können.“

Asendorpf sieht eine unheilvolle Allianz zwischen Optimismus und Optimierungswahn. Gegen eine positive Grundhaltung sei natürlich nichts einzuwenden. Doch der Daueroptimismus, der als Glücksturbo angepriesen wird, zielt laut Asendorpf nicht auf Optimierung, sondern auf Maximierung. „Es ist uferlos. Man muss immer wieder aufs Neue auf den Hometrainer oder das Fahrrad steigen, um sein Gewicht zu halten. Man begibt sich in eine Endlosschleife. Nie ist das Ziel erreicht. Es gibt keine Grenze nach oben. Selbstverwirklichung ist kein Mangelbedürfnis, sondern ein Wachstumsbedürfnis, das nie gestillt ist. Das ist das Gefährliche daran.“ Es entsteht ein Druck, sich ständig weiterentwickeln zu müssen und keinesfalls hinter den eigenen Möglichkeiten zurückbleiben zu dürfen.

Endlose Grübelschleifen

Der Gedanke „Ich sollte optimistischer sein. Ich sollte die Dinge positiver sehen“ ist für Asendorpf Ausdruck einer allgemeinen Optimierungsbewegung, die durch die positive Psychologie befeuert wird. Das Ergebnis: Viele Menschen würden ihre Persönlichkeit gerne verändern, am liebsten ein anderer werden. „Die Frage, wie ich mich akzeptieren kann, wie ich bin, wird viel zu selten gestellt.“ Bevor man versucht, optimistischer zu werden, sollte man sich daher die Frage beantworten, warum und für wen man sich verändern möchte und ob man Lust auf die Veränderung hat oder nur einem sozialen Druck nachgibt und Selbstakzeptanz eine gute Alternative wäre.

Wer unglücklich ist mit seinem Leben und unter endlosen Grübelschleifen leidet, könne mithilfe einer Psychotherapie lernen, mit den negativen Gedanken souveräner umzugehen und auch das Positive zu sehen, meint Asendorpf. Wer keinen großen Leidensdruck hat, solle sich jedoch ernsthaft die Frage stellen: Will ich wirklich optimistischer werden? Warum eigentlich? Warum verspüre ich den Druck, mich zu verändern? „Wenn ich wirklich unglücklich bin, ist es sinnvoll, die mühsame Arbeit, etwas an meiner Einstellung und meinem Verhalten zu verändern, auf mich zu nehmen. Oft kommt der Druck, unbedingt optimistischer werden zu wollen, jedoch von außen.“

Die eigenen Möglichkeiten überschätzen

Doch kann man es sich heute überhaupt noch leisten zu sagen: „Ich will so bleiben, wie ich bin, und das ist gut so.“? Muss man nicht zumindest den Eindruck erwecken, eine rundum optimistische und zupackende Persönlichkeit zu sein, die überall Herausforderungen und Wachstumsgelegenheiten wittert, um beispielsweise in Vorstellungsgesprächen eine Chance zu haben? „Der Druck, sich zu verkaufen, hat sicher zugenommen“, meint Jens Asendorpf. „Es gibt jedoch auch eine Gegenbewegung. Personaler sind etwas vorsichtiger geworden. Sie merken, dass es auch Nachteile hat, nur auf die extravertierten Optimisten abzufahren, weil diese ihre eigenen Möglichkeiten und die der anderen überschätzen und sich und andere überfordern.“

Die Vorteile des Pessimismus

Die Gefahr der Überforderung sieht auch Astrid Schütz. Plakativ zugespitzt könne man sagen, dass Optimisten burnoutgefährdet sind, wenn sie in Situationen geraten, die objektiv überfordernd sind. Die rosarote Brille hindert sie daran, ihre Grenzen rechtzeitig zu erkennen. „Ein Optimist sagt sich vielleicht, das muss doch gehen, ich schaff das schon, wenn ich mich richtig anstrenge. Ich finde eine Lösung. Ein Pessimist zieht sich hingegen früher zurück und sagt, das ist sowieso nicht zu schaffen.“ Der pessimistisch motivierte resignative Rückzug könne manchmal gesünder sein. Um potenzielle Überforderung durch Optimismus genauer zu erforschen, bedürfte es jedoch einer größeren Zahl von Längsschnittstudien, die langandauernde Belastungssituationen untersuchen.

Dass situativer Pessimismus wichtig ist, um Fehleinschätzungen zu korrigieren, darauf weist auch der US-amerikanische Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinen Büchern hin. Laut Kahneman überschätzen Firmenchefs chronisch ihr Können und verkennen die Risiken. Viele Unternehmensgründer müssen schnell aufgeben, weil sie das Geschäft illusionär einschätzen und ihre Erfolgserwartungen zu optimistisch sind. „Individuell ist das natürlich eine Katastrophe“, meint Astrid Schütz. „Gesellschaftlich ziehen wir auch einen Nutzen daraus, dass viele Menschen den Mut haben, etwas zu wagen. Manche, die optimistisch ein großes Risiko eingehen, scheitern, andere werden berühmt.“

Wie übermäßiges Trinken

Nach dem Motto „Der Optimist erfindet das Flugzeug, der Pessimist den Fallschirm“ ist es für den Erfolg von Teams gut, auch Warner dabeizuhaben, die die Schwachstellen im Blick haben. Ein Team aus lauter Pessimisten würde jedoch in endlosen Risikoabwägungen steckenbleiben. Auf die Mischung kommt es an. Auch auf die innerpsychische. Denn sogar Optimisten sollten es sich erlauben, mal enttäuscht und frustriert zu sein, meint Astrid Schütz „Immer optimistisch denken zu müssen ist ein übertriebener Anspruch. Es ist durchaus gesund, mal durchzuhängen.“ Die Psychologin und Neurowissenschaftlerin Tali Sharot bringt es auf die griffige Formel: „Ein Glas am Tag ist gesund, aber eine Flasche am Tag kann fatal sein. Extremer Optimismus kann wie übermäßiges Trinken nicht nur für die Gesundheit, sondern auch fürs Portemonnaie gefährlich sein.“

Naiv, heimlich, altruistisch

Eine optimistische Haltung beschränkt sich nicht darauf, alles durch die rosarote Brille zu sehen. In seinem Buch Optimismus. Warum manche weiterkommen als andere (Campus 2017) stellt der Erziehungswissenschaftler Jens Weidner die verschiedenen Gesichter des Optimismus vor – und zeigt damit das Potential dieser Eigenschaft

Der Zweckoptimist

Zweckoptimisten beweisen einen sehr langen Atem, wenn es darum geht, sich auf die positiven Aspekte einer schwierigen beruflichen Aufgabe zu konzentrieren. Zweckoptimismus ist besonders in sozialen Berufen oder auch in Veränderungsprozessen gefragt, wenn es notwendig wird, dem Unangenehmen positive Seiten abzugewinnen, selbst wenn die Umstände kaum veränderbar sind. Zweckoptimisten demonstrieren Durchhaltevermögen und wünschen sich heimlich dafür Bewunderung. Sie sind kämpferisch, auch bei eher geringen Erfolgsaussichten, weil sie das Unveränderbare akzeptieren können und sich trotzdem engagieren.

Der naive Optimist

Naive Optimisten sind begeisterungsfähig, voller Energie und Tatendrang. Leider neigen sie auch dazu, blind vor Begeisterung über ihre Ideen, Projekte und sich selbst zu sein. Hindernisse und Misserfolge werden ignoriert. Naive Optimisten sprühen vor Ideen, ohne deren Umsetzung konsequent anzugehen. Sie sehen sich als Visionäre, die immer das Richtige tun. Sie sind risikofreudig, charmant, kurzfristig erfolgreich und witzig. Sie denken, sie seien unverwundbar und weniger gefährdet als andere Menschen, und halten wenig von Prävention. Risikorückmeldungen oder Vernunftappelle zu möglichen schmerzhaften Folgen erreichen sie nicht.

Der heimliche Optimist

Heimliche Optimisten verkörpern die Mehrheit der Optimisten im deutschsprachigen Raum. Sie nehmen das Übelste an, denn dann kann es nur besser werden. Sie bereiten sich auf alle Eventualitäten vor. Erwartungen hängen sie niedrig. Dieser Minimalismus macht ihnen gute Laune. Diese Form der Enttäuschungsprophylaxe erscheint ihnen als der sicherste Weg zum Glück. Führungskräfte, die einen Bereich neu übernehmen, sprechen von unerwarteten Baustellen, hängen die Messlatte tief, senken die Erwartungen, um dann nach einem halben Jahr überraschend Erfolge zu verkünden. Beruflich sind heimliche Optimisten defensiv ausgerichtet. Die zweite Reihe reicht ihnen allemal. Heimliche Optimisten sind nicht naiv. Sie wissen genau, wie sie sich einen Vorteil verschaffen, sie machen es nur verdeckt und diskret.

Der altruistische Optimist

Altruistische Optimisten sind uneigennützig, selbstlos und rücksichtsvoll. Sie denken an das Wohl der anderen. Kein Wunder, dass dieser Optimismustyp oft in helfenden Berufen zu finden ist. Diese Menschen sind seltener selbständig und häufiger in familiärer, beruflicher oder materieller Abhängigkeit. Altruistische Optimisten sind begeisterungsfähig, aber inkonsequent, denn sie wollen sich nicht durch ihre eigenen Träume unter Druck setzen lassen. Sie produzieren Vorschläge in Arbeitsgruppen, ohne bei ihrer Umsetzung mitzumachen. Sie reiben sich nirgends auf, sind zufrieden und schätzen, was sie haben: Gesundheit, ein überschaubares, aber seriöses Einkommen, nette Freunde. Sie machen keine Karriereplanung, denn dieser Optimismus speist sich nicht aus materiellem Erfolg, sondern aus werteorientierter Zufriedenheit.

Der Best-of-Optimist

Der Best-of-Optimist sucht den Erfolg, will nach oben kommen und strebt eine Karriere an. Bei ihm wechseln sich eine gewisse berufliche Risikobereitschaft mit Konsolidierungsphasen ab. Er ist überzeugt, seine Projekte zum Erfolg zu bringen, denn er denkt vom Ende her und hat das angestrebte Ergebnis schon vor Augen. Aber er beharrt nicht darauf. Wenn es unwahrscheinlich erscheint, das Ziel zu erreichen, verabschiedet er sich davon. Er ist anpassungsfähig und beharrt nicht auf der tollen Idee, die mit hoher Wahrscheinlichkeit aber nicht funktionieren dürfte. Er kämpft konsequent für seine Interessen, strebt aber keine Vernichtung des Mitbewerbers an. PH

Birgit Schönberger

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2018: Die Kunst der Zuversicht
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