„Wir keine passiven Empfänger unserer Gefühle“

„Wir sind keine passiven Empfänger unserer Gefühle“

Was haben gesunde Ernährung, Massage und das Erlernen einer Fremdsprache mit unseren Gefühlen zu tun? Eine ganze Menge, meint Lisa Feldmann Barrett. Im Gespräch mit Psychologie Heute erläutert die Emotionsforscherin aus Boston, wie Gefühle entstehen und was wir ganz praktisch tun können, um sie besser zu steuern

Frau Professor Barrett, in Ihrem Buch How emotions are made diskutieren Sie unter anderem, wie man die eigenen Gefühle beeinflussen kann. Und der erste Rat lautet: Gesund essen! Was hat der Verzehr von mehr Gemüse und weniger Zucker damit zu tun, ob wir uns glücklich, wütend oder traurig fühlen?

Nun, es gibt eine direkte Verbindung zwischen dem Zustand des Körpers und den Emotionen. Das Gehirn generiert Emotionen aus einer Reihe von Zutaten, könnte man sagen, und einer dieser Zutaten ist etwas, das Wissenschaftler Affekt nennen. Das ist eine Art Grundempfindung mit zwei Merkmalen, nämlich angenehm/unangenehm sowie ruhig/erregt – und allen Tönungen dazwischen. Affektive Gefühle kommen vom Körper, und sie erlauben es uns, den physiologischen Zustand des Körpers zu spüren. So wie das Gehirn verschaltet ist, können wir allerdings nicht sehr detailliert wahrnehmen, was in den inneren Systemen des Körpers vor sich geht.

Vielleicht ist das ja ganz gut so?

Ja, denn wenn man jede kleine Herzfrequenzänderung, jede Erweiterung der Blutgefäße oder jeden leichten Anstieg der Körpertemperatur spüren würde, wäre man nicht in der Lage, auf irgendetwas in der äußeren Welt zu achten. Das Gehirn macht den integrierten physiologischen Zustand des Körpers als affektives Gefühl zugänglich. Wenn man den Körper gesund erhält, dann ist es weniger wahrscheinlich, dass man sich unwohl fühlt, und es ist weniger wahrscheinlich, dass das Gehirn negative Emotionen wie Wut und Traurigkeit hervorbringt.

Ein Affekt ist also nicht dasselbe wie eine Emotion?

Richtig. Affekt ist in jedem wachen Moment gegenwärtig, nicht nur, wenn man eine Emotion erlebt, sondern auch, wenn die Sinne etwas wahrnehmen, wenn man nachdenkt oder eine Erinnerung hat. In den Momenten aber, in denen der Affekt sehr intensiv ist – man fühlt sich wie durch die Mangel gedreht oder nicht zu bändigen, zappelig oder müde - das sind die Momente, in denen das Gehirn eher eine Emotion produziert.

Und wie greift das Essen hier genau ein?

Um dies zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass eine Aufgabe des Gehirns darin besteht, den Körper zu kontrollieren. Es ist nicht nur damit beschäftigt, zu denken, wahrzunehmen und zu fühlen, sondern während es das tut, kontrolliert es auch den Körper. Wenn man sich das Gehirn anschaut, dann sieht man, dass die Schaltkreise, die für die Kontrolle des Körpers zuständig sind, das Kernstück des Hirns ausmachen. Das Gehirn versucht, alle Körpersysteme im Gleichgewicht zu halten, und das nicht im metaphorischen, sondern im ganz realen Sinne.

Wie funktioniert dieses In-Balance-Halten?

Man kann sich das als Budget des Körpers vorstellen. Jedes Mal, wenn man etwas Erholsames tut, wenn man etwas isst, schläft oder Zeit mit Freunden verbringt, füllt man das Körperbudget auf, man investiert. Und jedes Mal, wenn man aus irgendeinem Grund Energie verbraucht, beispielsweise körperlich oder geistig arbeitet oder anstrengenden Sport betreibt, nimmt man eine Abhebung vor. Das Gehirn hat eine ähnliche Rolle wie die Finanzabteilung eines Unternehmens. Jede Abteilung verfügt über ein finanzielles Budget und alle Budgets müssen über das gesamte Unternehmen hinweg ausgeglichen werden, sonst geht die Firma in Konkurs. Das gleiche gilt für den Körper. Man hat eine bestimmte Menge an Glukose, und das Gehirn muss priorisieren, wohin sie geht. Das gleiche gilt für Natrium, Wasser und jede Ressource, mit der der Körper zu tun hat. Wie hilft gesunde Ernährung dabei, Emotionen zu regulieren? Nun, wenn das Körperbudget chronisch aus dem Gleichgewicht gerät, wird der Affekt negativ. Man fühlt sich miserabel.

Eine Studie mit verheirateten Paaren kam vor einigen Jahren zu dem Ergebnis, dass die Harmonie in der Partnerschaft vom Blutzuckerspiegel abhängt: War einer der beiden unterzuckert, dann ärgerte er oder sie sich eher über den Partner und verhielt sich aggressiver. Wie erklären Sie sich das?

Wenn man unterzuckert ist, fühlt man sich unwohl, man ist launisch. Und dieser Affekt ist für das Gehirn verfügbar, um eine beliebige negative Emotion zu konstruieren. Bei den meisten Leuten passiert immer irgendetwas im Leben, mit dem man die unangenehme Empfindung verknüpfen kann.

Man sucht nach einer Rechtfertigung?

Nicht ganz. Das Gehirn versucht immer, die Wahrnehmungen, die es hat, zu erklären. Wenn es die Ursache kennt, dann weiß es, wie es mit ihnen umgehen soll. So stellt das Hirn unser Überleben sicher. Was wir rationalisieren oder attribuieren nennen, ist der Versuch des Gehirns, Wahrnehmungen zu verstehen, damit es weiß, wie mit ihnen umzugehen ist und was es als nächstes tun soll.

Was bedeutet gesundes Essen genau?

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2018: Heilkraft Meditation
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