Der Mythos vom „typengerechten Lernen“

06. Januar 2010
 

Geht es nach der Wissenschaft, dann gilt es, einen Mythos schleunigst zu begraben, der seit beinahe vier Jahrzehnten durch die Pädagogik geistert: die Idee vom „typengerechten Lernen“. Der Ansatz fußt auf der Vorstellung, dass Menschen bei der Aufnahme von Informationen unterschiedliche Sinnesvorlieben haben: „Visuelle Typen“ stützen sich am liebsten auf das, was in Büchern oder an der Tafel steht. „Auditive Typen“ hören lieber zu und lassen sich den Stoff erklären. „Gesprächstypen“ müssen ihren eigenen Senf hinzugeben, um etwas zu verstehen, „Kinästhetiker“ lernen, indem sie sich bewegen – und so weiter und so fort.

Nicht weniger als 71 verschiedene Modelle von „Lernstilen“ haben Hal Pashler, Mark McDaniel, Doug Rohrer und Robert Bjork gezählt. Die renommierten Lernforscher, die an unterschiedlichen amerikanischen Universitäten forschen, machten jetzt die Probe aufs Exempel: Gibt es tatsächlich empirische Belege dafür, dass es sich „typengerecht“ besser lernt? In einem Report für die Zeitschrift Psychological Science in the Public Interest analysierten die vier Wissenschaftler sämtliche vorhandenen Studien zu Lernstilen, derer sie habhaft werden konnten.

Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: Nahezu alle Untersuchungen, die den Nachweis der Effizienz typengerechten Lernens erbracht haben wollten, verfehlten fundamentale Kriterien wissenschaftlicher Forschung und waren daher wertlos. So wurde in vielen Studien versäumt, die Lernteilnehmer strikt nach dem Zufallsprinzip auf jene Gruppen zu verteilen, die dann zum Beispiel entweder mit visuellen oder aber auditiven Lehrstrategien unterrichtet wurden. Ferner war oft nicht einmal sichergestellt, dass alle Teilnehmer am Ende des Trainings denselben Test absolvierten, sodass ihre Lernfortschritte objektiv verglichen werden konnten.

Von den wenigen Studien, die wissenschaftlichen Standards entsprachen, kamen laut dem neuen Report mehrere zu Ergebnissen, die den Annahmen „typengerechter“ Lernstile rundweg widersprachen. Die vier Lernforscher kommen zu dem Fazit, dass sich durch nichts belegen lässt, dass Menschen auf unterschiedliche Weise lernen – jedenfalls unterscheiden sie sich nicht so, wie es die propagierten „Lerntypen“ nahelegen.

Auch die Erziehungswissenschaftlerin Nicole Becker von der Universität Tübingen bekräftigt in einem Beitrag für Psychologie Heute (Heft 11/2009), dass die Protagonisten typengerechten Lernens jeglichen wissenschaftlichen Beleg schuldig bleiben. Sie „lassen sich oft von der naiven Vorstellung leiten, dass eine Information vom Sinnesorgan – je nach ‚Lerntyp‘, zum Beispiel dem Auge oder dem Ohr – quasi direkt ins Langzeitgedächtnis überführt wird“, schreibt Becker. „Tatsächlich jedoch erfordert semantisches Lernen – also das, was man im pädagogischen Sinne unter Wissenserwerb versteht – eine aktive, intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Gegenstand. Man kommt also, selbst wenn man bestimmte Präferenzen im Umgang mit Lerninhalten haben mag, um das intellektuelle Durcharbeiten von Inhalten nicht herum.“

Gleichwohl erfreut sich das Konzept des „typengerechten Lernens“ nicht nur bei Eltern, sondern auch bei Lehrern und Pädagogen bereits seit den siebziger Jahren einer ungebrochenen Popularität. Die Anhänger können sich auf einem florierenden kommerziellen Markt von Ratgebern, Selbsttests und Trainingsprogrammen bedienen. Diese werden teilweise – sicherlich mit besten Absichten – sogar im Unterricht eingesetzt. Hal Pashler und seine Kollegen halten das angesichts des fehlenden wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweises schlicht für „eine Verschwendung limitierter Bildungsressourcen“.

Von Thomas Saum-Aldehoff Quelle: EurekAlert

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