Warum es hilft, „mal drüber zu reden“

06. Juli 2007
 

Wenn man traurig ist oder eine Wut im Bauch hat, ist es gut, darüber zu reden oder sich via Brief oder Tagebuch den Frust von der Seele zu schreiben. Die meisten Menschen werden bestätigen: Diese Therapie hilft. Sobald man eine ungute Emotion in Worte fasst, schwächt sie sich ab, und alles scheint nur noch halb so schlimm. Aber warum ist das so, und was geht dabei im Gehirn vor sich?

Diesen Fragen gingen jetzt Psychologen vom Brain Mapping Center der Universität von Kalifornien in Los Angeles nach. Dabei machte das Team um Matthew Lieberman eine erstaunliche Beobachtung: Bereits in dem Moment, in dem die Person eine negative Emotion mit einem Begriff verknüpft, also etwa Angst schlicht als „Angst“ benennt, schwächt sich ihre emotionale Reaktion deutlich ab. Um aus einer schlechten Stimmung herauszufinden, muss man also nicht unbedingt über ihre Ursachen reflektieren – es genügt, sie ganz einfach zu benennen.

Lieberman und seine Kollegen zeigten 18 Frauen und 12 Männern Bilder von menschlichen Gesichtern, die unterschiedliche Gefühle ausdrückten. Unter den Mienen standen jeweils zwei Wörter zur Auswahl, von denen die Probanden das korrekte auswählen mussten. Die beiden Begriffe bezeichneten entweder eine Emotion, also etwa „wütend“ contra „ängstlich“. Oder es wurden schlicht zwei Namen dargeboten, etwa „Harry“ und „Sally“, und die Teilnehmer mussten dem Gesicht den Namen mit dem passenden Geschlecht zuordnen.

Während der Prozedur zeichnete ein Magnetresonanztomograf auf, was im Gehirn der Probanden vor sich ging. Deutlich war erkennbar, dass die ängstlichen und wütenden Gesichter die Amygdala aktivierten. Dieser mandelförmige Kern ist eine wichtige emotionale Schaltstelle des Gehirns, die vor allem bei Gefahrensignalen aktiv wird und im Körper Alarm schlägt. Präsentierten die Forscher unter den Gesichterbildern Namen wie „Harry“ und „Sally“, so zeigte sich die Amygdala unbeeindruckt und blieb im Alarmmodus. Umso wirkungsvoller waren die Gefühlswörter: Sobald die Versuchsperson den ängstlichen Gesichtsausdruck mit dem Wort „Angst“ belegte, ebbte die Erregung der Amygdala ab.

Die Forscher beobachteten, dass die Beruhigung der Amygdala mit der gleichzeitigen Aktivierung einer ganz anderen Hirnregion verknüpft war: dem rechten „ventrolateralen präfrontalen Kortex“, knapp über und hinter dem Auge. Diese Region scheint unter anderem damit betraut zu sein, emotionale Erfahrungen in Worte zu fassen und Verhaltensimpulse zu unterdrücken. Hier wurde offensichtlich der emotionale Gesichtsausdruck benannt und gleichzeitig die Amygdala ruhiggestellt.

Der Psychoimmunologe David Creswell, der sich Liebermans Experiment mit einer eigenen Studie anschloss, machte dabei eine weitere bemerkenswerte Entdeckung. Creswell legte Liebermans Probanden einen Fragebogen vor, mit dem sich abschätzen ließ, wie „achtsam“ die einzelnen Teilnehmer waren, also inwieweit sie in der Lage waren, ihre eigenen emotionalen Reaktionen ohne Wertung genau zu registrieren, als wären sie ein neutraler Beobachter ihrer selbst. Es stellte sich heraus: Je mehr Achtsamkeit ein Teilnehmer mitbrachte, desto stärker wurde beim Benennen der Emotion die Gefühlskontrollregion im rechten Stirnhirn aktiviert und desto deutlicher beruhigte sich die Amygdala.

Die Forscher aus Kalifornien vermuten daher, dass man die Kontrolle seiner Emotionen trainieren kann, indem man stetig gelassen das eigene Gefühlsleben beobachtet und stumm in Worten beschreibt. Möglicherweise werde genau diese Fertigkeit in einer erfolgreichen Psychotherapie geschult.

Quelle: University of California

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