Cybermobbing: Die Rolle der Zuschauer

23. Januar 2012
 

Mobbing, Beleidigungen und Ausgrenzungen unter Schülern sind nichts Neues. Doch das, was früher auf dem Schulhof oder in der Clique geschah, spielt sich heute vor aller Augen ab: Herabsetzende Kommentare auf Facebook, entwürdigende Videos auf YouTube, nächtlicher Terror übers Handy – Jugendliche wissen, dass Aggression im Medienzeitalter anders aussieht als noch vor wenigen Jahren. Über Internet und Smartphone werden peinliche oder manipulierte Fotos veröffentlicht, Beleidigungen und falsche Behauptungen gepostet.

Die Täter bleiben dabei weitgehend anonym oder verwenden eine falsche Identität. Die Opfer fühlen sich hilflos. Mehr als 30 Prozent der Jugendlichen in Deutschland berichten, dass sie schon einmal Opfer von Cybermobbing waren, so das Ergebnis einer Forsa-Studie aus dem vergangenen Jahr. 16 Prozent der Opfer wurden im Internet oder übers Handy direkt bedroht oder beleidigt – genauso viele litten bereits unter Verleumdungen. Die Internet-Identität jedes Zehnten wurde missbraucht, und rund sieben Prozent wurden Opfer von sozialer Ausgrenzung.

Die Folgen dieser Attacken sind vielfältig. Die meisten Betroffenen sind verärgert, viele fühlen sich verletzt oder empfinden Verzweiflung und Hilflosigkeit. Cybermobbing kann dramatische Folgen haben – bis hin zum Suizid.

Häufig wird über die Täter gesprochen, doch wird dabei eines übersehen: Viele Attacken im Internet sind erst dann richtig verletzend, wenn es dafür ein Publikum gibt. Aber wie verhalten sich die zunächst unbeteiligten Zuschauer, die sogenannten „Bystander“, die miterleben, dass eine andere Person gedemütigt, beleidigt oder verunglimpft wird? Stellen sie sich auf die Seite der Täter, oder versuchen sie, das Opfer zu verteidigen? Oder kümmern sie sich gar nicht darum und surfen einfach weiter?

In einer qualitativen Studie untersuchte ein Team am Fachgebiet Pädagogische Psychologie der Technischen Universität Berlin, wie sich jugendliche Zeugen von Cybermobbing verhalten und fragte nach den Gründen. In Gesprächsgruppen mit 30 Berliner Jugendlichen zeigte sich, dass die 14- bis 17-Jährigen sehr unterschiedliche Gelegenheiten von Cybermobbing beobachteten und entsprechend unterschiedlich reagierten: Mal fanden sie lustig, was da vor sich ging, mal versuchten sie ihren Freunden gegen Online-Attacken zu helfen. Häufig aber verhielten sie sich passiv und warteten erst einmal ab.

Doch dieses Verhalten ist nicht unbedingt auf Desinteresse zurückzuführen – oft wiesen die Jugendlichen darauf hin, dass sie sich selbst hilflos und unsicher fühlten und nicht wussten, an wen sie sich wenden sollten. Teils spielte auch die Befürchtung eine Rolle, selbst zum Opfer des nächsten Angriffs zu werden. Manche dieser Vorfälle ignorierten die Bystander aber auch ganz bewusst, weil sie dem Täter nicht auch noch Aufmerksamkeit schenken wollten. „Nicht jedes Schweigen ist auch eine Zustimmung“, so der Leiter der Studie, Jan Pfetsch.

Greifen die Jugendlichen hingegen aktiv gegen Cybermobbing ein, so wählen sie viele verschiedene Wege. Besonders ihren Freunden bieten die Jugendlichen Trost und Unterstützung an: Hassgruppen werden beim Internetbetreiber gemeldet, die Jugendlichen suchen nach der Identität der Täter. Falls diese bekannt sind, werden die Täter übers Internet oder im realen Leben von ihnen direkt aufgefordert, die Attacken zu unterlassen. Diese Jugendlichen sind oft durch das Mitgefühl mit dem Opfer motiviert und setzen sich deshalb aktiv gegen Cybermobbing zur Wehr.

Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse nach Einschätzung der Forscher, dass die „Bystander“ eine wichtige Funktion für den Verlauf von Cybermobbing haben. Jugendliche hätten die Wahl, sich zu entscheiden: Wollen sie ein Teil der Lösung oder ein Teil des Problems von Cybermobbing werden.

Cybermobbing ist eines der Schwerpunktthemen auf der bevorstehenden Bildungsmesse didacta vom 14. bis 18. Februar in Hannover. Projekte wie die EU-Initiative klicksafe oder der Verein Internet-ABC der Landesmedienanstalten sorgen mit Unterrichtsmaterialien, Elternratgebern und Workshops für Aufklärung zu diesem Thema. Das Bundesfamilienministerium hat eine Seite im Internet eingerichtet (www.bmfsfj.de/cybermobbing). Im Rahmen des von der Europäischen Union geförderten Projektes Cyber-Training wurde ein speziell für Trainer entwickeltes Manual als E-Book zur Verfügung gestellt, das Kurse für Eltern, Lehrkräfte und Jugendliche zum Thema Cybermobbing anbietet (www.adam-europe.eu/prj/4306/project_4306_de.pdf).

Quellen: idw, didacta
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