Der Wandel in der Psychoanalyse

21. August 2009
 

Annette Schäfer berichtet vom Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung in Chicago: Wie verändert sich die psychoanalytische Praxis? Was macht die moderne Psychoanalyse heute aus?

Gemeinhin stellt man sich einen Psychoanalytiker als einen seriös dreinblickenden Menschen vor, der auf einer Couch liegenden Patienten lauscht und ihre Träume und Fantasien sorgfältig interpretiert. Die Filmbranche allerdings hat mit diesem Klischeebild längst aufgeräumt. Im Kino werden die Enkel Freuds gerne als lächerliche, gefährliche oder bemitleidenswerte Gestalten dargestellt. Man denke nur an Hannibal Lecter, den zähnefletschenden Psychopathen aus Das Schweigen der Lämmer, oder Dr. Fritz Fassbender aus dem Woody-Allen-Film Was gibt’s Neues, Pussy?, der weibliche Patienten durch den Behandlungsraum zu jagen pflegt.

Das jüngste Beispiel ist Dr. Henry Carter aus dem im Sommer 2009 angelaufenen Film Shrink. Der von Kevin Spacey gespielte Seelenklempner rasiert sich nicht, pflegt in seinen Kleidern zu schlafen und ist die meiste Zeit von Hasch benebelt. Der leere Blick, mit dem er seine Patienten beobachtet, ist keine therapeutische Technik, nicht Ausdruck professioneller Neutralität, sondern echte Gleichgültigkeit, die den Promitherapeuten nach dem Tod seiner Frau befallen hat. So scheinen die Patienten auch wenig von seinen halbherzigen Interpretationsversuchen zu profitieren. Doch in einer Stadt wie Los Angeles fällt die Eigenartigkeit des Psychiaters kaum auf. Für seine Klienten ist er ein exzentrisches Genie, das seine eigene emotionale Verwirrung und innere Leere als radikale Technik nutzt, um ihre Neurosen zu heilen.

Niemand wird unterstellen, dass ein Kinofilm wie Shrink ein realistisches Bild der heutigen psychoanalytischen Praxis zeichnet. Ohne Zweifel haben sich Techniken und Vorgehensweisen seit Freuds Tagen enorm verändert. Doch was geht in den Praxen von Psychoanalytikern wirklich vor? Wie unterscheidet sich eine Behandlung heute von einer Behandlung von vor 20, 50 oder gar 100 Jahren? Gibt es überhaupt noch die psychoanalytische Therapie? Dies sind Fragen, die sich auch Analytiker selbst stellen. Die Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV), der Weltverband der Profession mit 12.000 Mitgliedern in aller Welt, hat deshalb ihren diesjährigen Kongress unter das Thema „Konvergenzen und Divergenzen in der psychoanalytischen Praxis“ gestellt. Rund 2000 Fachvertreter fanden sich dazu Ende Juli 2009 in Chicago ein.

KOMMUNIKATIONSPROBLEME

Erstaunlicherweise scheint der Austausch über die psychoanalytische Arbeit gar nicht so leicht zu sein. In den Eröffnungsvorträgen war zunächst viel von Kommunikationsproblemen und anderen Hürden die Rede. Juan Pablo Jiménez, Psychoanalytiker und Psychiatrieprofessor an der University of Chile, betonte die Schwierigkeiten, auf zuverlässige Weise Zugang zu dem zu gewinnen, was Psychoanalytiker in der Intimität der therapeutischen Beziehung tatsächlich tun. Seiner Erfahrung nach sprechen viele Analytiker lieber über theoretische als über praktische Fragen und stellen ihre Praxis gerne in idealisierter Weise dar, sodass sie in vorgegebene Kategorien, bevorzugte Theorien oder das Denken des jeweiligen Modeautors passen.

Der amerikanische Analytiker und Psychiater Warren Poland zeichnete ein noch kritischeres Bild der psychoanalytischen Gesprächskultur: „Als Kliniker bemühen wir uns ein Leben lang, unseren Patienten zuzuhören. Umso schockierender ist es, wie schlecht wir einander zuhören.“ Zum Teil verbergen sich dahinter laut Poland menschliche Schwächen, die in allen professionellen und akademischen Zirkeln zu beobachten sind: Rivalität, Eitelkeit, Profilierungsstreben. Darüber hinaus werde der Austausch zwischen Analytikern aber durch den ungewöhnlichen Charakter der Tätigkeit erschwert. Allzu leicht vergäßen Analytiker, die Asymmetrie der analytischen Partnerschaft im Behandlungszimmer zurückzulassen, und zögen sich in der Diskussion mit Kollegen auf „jenes Gefühl der Überlegenheit zurück, das sich mit der deutenden Position verbinden kann“.

DIE „BALKANISIERUNG“ DER PSYCHOANALYSE

Dazu komme die notorische Zersplitterung in zahlreiche Schulen, die schon in den Kindertagen der Psychoanalyse eingesetzt und bis heute nicht nachgelassen habe. Diese zeige, wie lebendig die Fachrichtung weiterhin ist, bringe aber auch Schwierigkeiten in Form von Missverständnissen und Feindseligkeiten mit sich, wie Poland betonte: „Glücklicherweise erlebt das analytische Denken trotz unserer Schwierigkeiten eine Blütezeit; neue Ideen machen von sich reden, die psychoanalytischen Zeitschriften gedeihen. Doch obschon eine gewisse gegenseitige Befruchtung stattfindet, ist nicht zu verkennen, dass die Vielfalt eine ‚Balkanisierung‘ mit sich bringt, eine Aufspaltung in immer kleinere und sogar feindliche Sekten.“

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