Der psychologische Begriff: Frustrationstoleranz

Ein ruhiger Nachmittag im Hort. Lucas und seine Kumpel Marvin und Leo spielen „Mensch ärgere Dich nicht“. Zum dritten Mal schon wirft Marvin die Figur von Lucas aus dem Spiel. Da hält es Lucas nicht mehr aus. „Ich mache nicht mehr mit!“, schreit er und gibt dem Brett einen so heftigen Stoß, dass es zu Boden fällt. Marvin und Leo schauen sich bestürzt an. „Keine Frustrationstoleranz“, raunt die Horterzieherin stirnrunzelnd zu ihrer Kollegin.

Im Wortschatz von Eltern und Pädagogen ist die Phrase „keine Frustrationstoleranz“ heute fest verankert. Sie kommt zum Einsatz, wenn Kinder nach Niederlagen wütend an die Decke gehen oder schon bei kleinen Herausforderungen wie einem kniffligen Geduldsspiel resigniert aufgeben. Im letzten Jahrzehnt erlebte der Begriff in Deutschland sogar eine Art Renaissance: Prominente Experten wie der dänische Familientherapeut Jesper Juul und der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff beklagten in ihren Büchern, dass viele Kinder unserer Wohlstandsgesellschaft über zu wenig Frustrationstoleranz verfügten und auf Niederlagen mit Wut und Verweigerung statt erhöhter Anstrengungsbereitschaft reagierten. Dahinter, so die Experten, stecke häufig eine übermäßige Verwöhnung durch die Eltern, die ihren Sprösslingen Erfahrungen des Misserfolgs nicht mehr zumuten wollten. Stattdessen blieben die Kinder in ihren Größenfantasien stecken, womöglich ein Leben lang.

Doch was bedeutet „Frustrationstoleranz“ eigentlich? Der Begriff entstammt den Anfängen der Psychoanalyse und geht auf Saul Rosenzweig zurück, einen amerikanischen Psychoanalytiker. Bereits im Jahr 1938 definierte Rosenzweig die Frustrationstoleranz als individuelle Fähigkeit des Menschen, eine frustrierende Situation über längere Zeit auszuhalten, ohne dabei die objektiven Faktoren der Situation zu verzerren oder sie im Sinne einer neurotischen Konfliktverarbeitung zu bewältigen. Dabei weist Rosenzweigs Begriff der Frustrationstoleranz starke Parallelen zum freudschen Konzept der Ich-Stärke auf, demzufolge nur ein Mensch mit einem starken „Ich“ überhaupt in der Lage ist, Bedürfnisaufschub und Impulskontrolle auszuhalten. Einig waren sich Rosenzweig und Freud vor allem in einem Punkt: Die Ausbildung einer guten Frustrationstoleranz ist eine immens wichtige psychosoziale Entwicklungsaufgabe. Denn nur wer bereits im Laufe der Kindheit lernt, Niederlagen wegzustecken und Frust auszuhalten, kann sich auch später im Leben nach Rückschlägen leichter wieder aufrappeln. Während Menschen mit hoher Frustrationstoleranz nämlich geduldig auf ihre Ziele hinarbeiten und sich auch von kleinen Hindernissen nicht irritieren lassen, geben Menschen mit geringer Frustrationstoleranz bei Niederlagen wie einer erfolglosen Bewerbung schneller auf oder können in schwierigen Situationen weniger gut durchhalten. Und erreichen deshalb im Leben oft weniger, als sie könnten.

Diese wichtige Persönlichkeitseigenschaft wird schon früh angelegt. Bereits die Frustrationstoleranz eines vierjährigen Kindes hat Voraussagekraft für spätere Lern- und Karriereerfolge – das konnte der Psychologieprofessor Walter Mischel in den 1970er Jahren mit einem unterhaltsamen Experiment an der Stanford-Universität belegen. Mischel bat vierjährige Kinder in einen Raum und legte ihnen ein Marshmallow vor. Er erklärte ihnen, dass er den Raum gleich verlassen müsse und bat sie, die Süßigkeit bis zu seiner Rückkehr nicht zu essen. Gelinge ihnen das, bekämen sie nach seiner Rückkehr zur Belohnung ein zweites Marshmallow. Mischel blieb zwanzig Minuten fort, eine sehr lange Zeit für ein hungriges vierjähriges Kind. Viele Testkinder konnten der Versuchung nicht widerstehen und verdrückten bereits nach wenigen Minuten die Süßigkeit. Andere Kinder schafften es, sie nicht anzurühren. Als ihr Verlangen zu quälend wurde, lenkten sie sich ab, indem sie sich krümmten oder wanden, Lieder sangen oder sich schlichtweg die Augen zuhielten. Nach Mischels Rückkehr bekamen sie verdienterweise ihr zweites Marshmallow. Bemerkenswert an diesem Test war vor allem, dass er besser als jeder IQ-Test den späteren Schulerfolg der Kinder voraussagen konnte. Vierzehn Jahre später schnitten diejenigen Kinder, die das Marshmallow nicht angerührt hatten, im College deutlich besser ab als diejenigen Kinder, die die Süßigkeit schnell verspeist hatten. Denn auch als Schüler hatten sie sich mehr anstrengen und ihre Bedürfnisse besser aufschieben können – im Wissen, dass es irgendwann später eine Belohnung in Form von Anerkennung und guten Noten gäbe. Noch als Erwachsene waren die Durchhalter doppelt so häufig beruflich erfolgreich: Ihre in früher Kindheit angeeignete hohe Frustrationstoleranz hatte ihnen einen klaren Vorteil verschafft.

Wie genau erwerben Menschen eine hohe Frustrationstoleranz? Wichtig ist dabei vor allem eine sichere frühe Bindungsbeziehung zwischen Eltern und Kind. Wächst ein Kind mit liebevollen und feinfühligen Eltern auf, entwickelt es Stück für Stück die Fähigkeit, mit den eigenen Gefühlszuständen umgehen zu können. Indem die Eltern ihr Baby bei Ärger trösten oder bei Aufregung beruhigen, regulieren sie unbewusst die Gefühle ihres Kindes und bringen ihm somit bei, es selbst zu tun. Über die Jahre gelingt es dem Kind dann immer besser, Spannungen auszuhalten oder sich in aufregenden Situationen selbst zu beruhigen. „Selbstregulation“ nennen Experten das.

Doch nicht nur die Fähigkeit zur Selbstregulation ist wichtig, um später einigermaßen gut mit Frustrationen umgehen zu können. Auch auf die Übung kommt es an. Um eine ausreichend gute Frustrationstoleranz auszubilden, braucht ein Kind die Möglichkeit, Erfahrungen des Misserfolgs und Konflikts zu machen. Lassen Eltern diese Situationen im Erziehungsalltag nicht zu, indem sie ihre Söhne und Töchter vor Misserfolgen zu beschützen versuchen oder darin bestärken, trotz allem stets die Größten zu sein, erlernen die Kinder weder den Wert von Anstrengungsbereitschaft noch die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub. Konkurrenz zu ertragen, sich bewähren und motivieren zu müssen, ob in der Schule oder später im Beruf, wird ihnen im Leben also schwerer fallen als ihren konstruktiv frusterfahrenen Altersgenossen. Ein Drama für die Kinder, gerade in unseren Zeiten, in denen es im Schul- und Arbeitsleben immer mehr auf Wettbewerb und Durchsetzungsvermögen ankommt. Wer für sein Kind das Beste will, der lässt es also ab und zu im „Mensch ärgere Dich nicht“ verlieren.

Anne-Ev Ustorf

 

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