Der psychologische Begriff: Verstärkung

Burrhus Frederic Skinner war der berühmteste Psychologe des vergangenen Jahrhunderts, aber in den Augen seiner vielen Gegner auch einer der berüchtigtsten. In einer Diskussionsrunde traf er einmal auf den renommierten Psychoanalytiker Erich Fromm. Skinner war überzeugt: Ob Menschen etwas tun oder nicht, hängt davon ab, wofür sie in der Vergangenheit belohnt oder, wie es bei Skinner heißt, „verstärkt“ wurden. Wer für eine unangenehme Arbeit also belobigt oder gar bezahlt wird, macht sie weiter. Sonst lässt er es. Fromm widersprach ausführlich und behielt dabei Skinner im Blick.

Skinner beschloss, seine Theorie zu beweisen – mit Fromm als ahnungsloser Versuchsperson. Er wollte Fromm dazu bringen, mit der linken Hand durch die Luft zu schlagen. Wenn Fromm nun die Hand etwas hob, sah Skinner ihn aufmerksam an. Bewegte Fromm die Hand wieder nach unten, nickte Skinner und lächelte. Dabei war ihm völlig egal, was Fromm gerade sagte. Nach fünf Minuten hieb Fromm so schwungvoll durch die Luft, dass ihm die Armbanduhr übers Gelenk rutschte.

Ob die von Skinner überlieferte Anekdote sich genau so abgespielt hat, ist nicht zu überprüfen. Aber sie illustriert die Macht der Psychotechnik, die Skinner „operante Konditionierung“ nannte.

Natürlich hat Skinner das Prinzip von Belohnung und Strafe nicht erfunden. Es ist so alt wie die Menschheit. Jede Mutter praktiziert es, wenn sie ihr Kind lobt, sobald es sich wunschgemäß verhält. Chefs nutzen es spätestens, seit der erste Gutsbesitzer seinem Knecht ein paar Münzen für getane Arbeit gab. Doch die Psychologen haben die Gesetze der Verstärkung systematisch erforscht und ihre Anwendung perfektioniert – mit Skinner als Pionier.

Die Theorie der Verstärkung klingt äußerst schlicht, geradezu banal. Der Soziologe Stanislav Andreski fühlte sich bei der Lektüre Skinners denn auch „so, als ob man einem Trunkenbold zuhörte, der immer und immer wieder seine zwei Lieblingswörter stammelt, welche in Skinners Fall ‚Verstärkung‘ und ‚Kontingenz‘ sind“. Kontingenz bedeutet dabei einfach, dass die Verstärkung nicht irgendwann erfolgen soll, sondern immer dann, wenn das gewünschte Verhalten gezeigt wird.

Gestützt auf dieses Prinzip, lässt sich viel erreichen. Kindern mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) fällt es schwer, sich selbst zu kontrollieren. Systematische Belohnungen, Verstärker genannt, helfen. Ist ein Junge beispielsweise höchstens fünf Minuten nach dem Wecken auf den Beinen, gibt es einen Aufkleber. Für ordentliches Waschen und Anziehen folgen die nächsten. Am Nachmittag bekommt er einen für jede zehn Minuten, in denen er die Schwester nicht bei den Hausaufgaben stört. Die Aufkleber kann er später gegen eine Belohnung einlösen, etwa eine Gutenachtgeschichte.

Nach der gleichen Logik lassen sich in der Psychiatrie ganze Stationen organisieren. Für eine Studie richteten amerikanische Forscher um James LePage ein besonderes Verstärkungssystem ein. Ein Wochenplan listete auf, was jeder Patient tun sollte: seine Medikamente pünktlich schlucken, das Zimmer putzen oder an einer Therapiegruppe teilnehmen. All diese Verhaltensweisen wurden mit Stempeln im Wochenplan belohnt. Für die Stempel konnten die Patienten etwa Kinokarten, Snacks und zusätzlichen Ausgang kaufen. Wer allerdings grob gegen die Stationsregeln verstieß, beispielsweise jemand anderes schlug, büßte alle seine Stempel ein. So wurde die Zahl der Verletzungen um ein Drittel gesenkt.

Bei der Magersucht gehört ein freiwilliges, aber drakonisches Verstärkungsprogramm zur Standardtherapie. Ist eine Patientin lebensgefährlich untergewichtig, sollte sie dringend zunehmen, was sie aber nicht wirklich will. Daher muss sie ohne Verstärker auskommen, bis sie Gewicht zugelegt hat: Sie muss allein in ihrem Zimmer essen, in dem es keinen Fernseher oder sonstige Zerstreuungen gibt. Erst wenn sie zunimmt, darf sie Radio hören und mit den anderen Patientinnen speisen. Doch sobald sie wieder abnimmt, verliert sie diese Verstärker wieder.

In einer neueren Studie fand Marinus van IJzendoorn heraus, dass Babys nach einiger Zeit weniger brüllen, wenn sie ignoriert werden. IJzendoorn vermutet: Sofern das Baby wirklich Kummer leidet, empfiehlt sich beruhigendes Eingreifen, sonst schreit es immer weiter. Wenn es dagegen nichts Ernsthaftes hat, hilft Ignorieren eher. Dann lernt es, sich selbst zu beruhigen.

Solche Programme werden inzwischen auch von Kliniken eingesetzt, die eigentlich eine ganz andere Therapiephilosophie vertreten. Aber verständnisvolle Gespräche allein sorgen meist nicht für die lebenswichtige Gewichtszunahme. Das Verstärkungsprogramm versagt längst nicht so oft. Was aber passiert, wenn ein Verstärkungsprogramm endet? Dann hat der Patient im günstigsten Fall das richtige Verhalten verinnerlicht. Und er ist in der Lage, sich selbst zu verstärken. Er klopft sich regelmäßig selbst auf die Schulter, wenn er sich so verhalten hat, wie er will. 

Aber natürlich lässt sich nicht jedes menschliche Verhalten allein mit Verstärkern und ihrem Entzug in den Griff bekommen. Und untergraben Verstärker nicht die natürliche Motivation? In einer klassischen Studie aus dem Jahr 1971 sollten Studenten dreidimensionale Puzzles lösen. Sie fanden das so interessant, dass sie oft sogar in den Versuchspausen weitertüftelten. Doch als der Forscher Edward Deci sie dafür bezahlte, schwand ihre Begeisterung, sowie es kein Geld mehr gab. Womöglich dachten die Versuchspersonen: Wenn ich dafür bezahlt werde, ist meine Motivation offenbar doch nicht so hoch.

Wenn die Motivation allerdings von Anfang an kaum da ist, braucht man sich um diesen Effekt keine großen Gedanken zu machen. Beispielsweise wurden im Gesundheitsbereich erfolgreich Belohnungen dafür verteilt, dass Studenten mehr Sport trieben, Übergewichtige abnahmen, Raucher ihr Laster aufgaben und Abhängige keine verbotenen Drogen mehr nahmen. Die Motivation wurde nicht untergraben. Wie lange der Erfolg allerdings anhalten wird, ist oft die Frage.

Fromm hatte schon recht: Menschen reagieren nicht immer einfach auf Verstärker. Aber ziemlich oft.

Jochen Paulus


Mehr über Verstärkung und ihre Anwendung in der Verhaltenstherapie lesen Sie in diesem Artikel:
Verhaltenstherapie: Der kurze Weg zur Problemlösung (Link)

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