Unser alltäglicher Sexfrust

Sexuelle Unlust ist in Partnerschaften weit verbreitet: Die Hälfte der jungen Männer und Frauen berichtet bereits nach etwa einem Jahr Beziehung, die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs sei für mindestens einen Partner „zu selten“ – nach sechsjähriger Beziehung meinten das dann bereits knapp 70 Prozent beider Geschlechter. Meist ist der Sex nur einem Partner „zu selten“ – häufiger dem Mann. Doch bei beiden Geschlechtern nimmt die Verbreitung (gelegentlicher) sexueller Lustlosigkeit mit zunehmender Beziehungsdauer zu: Nach einem Jahr Beziehung sind davon ein Drittel der Männer und knapp 60 Prozent der Frauen betroffen, nach sechs Jahren etwa 40 Prozent der Männer und 80 Prozent der Frauen.

Geringes sexuelles Interesse wird neuerdings als funktionelle Sexualstörung gedeutet – nämlich als „Mangel oder Verlust von sexuellem Verlangen“ (ICD-10) beziehungsweise „Störung sexueller Appetenz“ (DSM-IV). In den USA wird das Problem hypoactive sexual desire genannt und wie ein Markenname abgekürzt: HSD. Frauen beschreiben sich am häufigsten mit Anfang 30 als lustlos, Männer mit Mitte oder Ende 40.

Gerade so, wie sich in vielen Ehen die Partner unglücklicherweise im Umgang mit der Zahnpastatube unterscheiden, haben sie in vielen Ehen auch ein unterschiedliches sexuelles Verlangen. Der eine will einmal im Monat Sex, der andere zweimal in der Woche; das kann schon ein echtes Problem darstellen. Dabei brauchen auch überhaupt keine Hemmungen, keine Blockaden, nichts Neurotisches, nichts Ungewöhnliches im Spiel zu sein. Es kann sich einfach nur um eine Frage der Vorliebe handeln.

Manche Partner begeben sich dabei allerdings in solch polarisierte Positionen, dass ein ernstes Problem entsteht. Konflikte über die Häufigkeit sexueller Aktivität sind in Partnerschaften weit verbreitet. Gemäß kulturellen Normen sind häufig Männer die sexuell Drängelnden und Frauen die Verweigernden. Aber die Rollenverteilung kann auch umgekehrt sein. Bedeutsamer als die Existenz von diskrepanten sexuellen Wünschen ist die Art, wie Paare mit etwaigen Diskrepanzen umgehen: Können sie ihre Unterschiede (einigermaßen) akzeptieren und mit Humor tragen – oder löst die Diskrepanz schwere Gekränktheit, emotionalen Druck bis hin zu körperlicher Gewalt und eskalierende Polarisierungen aus? Nicht selten entstehen Flucht-und-Verfolgungs-Tänze, in denen einer immer will, der andere nie und das ganze Leben von diesem Konflikt vergiftet wird. Frauen sind öfter emotionale Verfolger, Männer häufiger sexuelle Verfolger, die Lage kann aber ebenso auch umgekehrt sein.

Im Sinne einer biologisch geprägten Habituationsthese kann man Lustlosigkeit als – biologisch normale – Folge von zu viel sexueller Wiederholung mit demselben Partner verstehen. Die Lösung: immer mal wieder ein neuer Partner oder eine neue Partnerin – oder zumindest mit dem alten Partner ungewöhnlicher Sex an ungewöhnlichen Orten mit neuen Accessoires.

Die Bindungstheorie dagegen geht davon aus, dass Menschen lebenslang immer wieder neu ein Gleichgewicht finden müssen zwischen zwei grundlegenden Strebungen: der nach Bindung – also danach, emotionale Sicherheit und Geborgenheit in Beziehungen zu finden – und der nach Exploration (die Welt entdecken: spielen, lernen, arbeiten, reisen und eben auch die Lust zu sexuellen Abenteuern). Das ist nie konfliktfrei. Und je nach Alter, Geschlecht und Lebensphase kann es durchaus adaptiv sein, für einen kürzeren oder längeren Zeitraum den Erhalt und die Pflege von Bindungen in den Vordergrund zu rücken und die eigenen Explorationsneigungen wie auch die sexuelle Lust zurückzustellen, etwa für junge Eltern oder für ältere Paare mit einem erkrankten Partner.

Der amerikanische Paar- und Sexualtherapeut David Schnarch schließlich weist darauf hin, dass die weit verbreitete Überbetonung von Bindung und emotionaler Sicherheit in Partnerschaften sexuelle Probleme erzeugt. Er betont, dass es in Dauerbeziehungen naturgemäß zwei Zyklen gibt: Den Komfort-/Sicherheitszyklus und den Wachstumszyklus, der in die existenzielle Beziehungskrise führt („Feuerprobe“). Beide Zyklen sind notwendig für Beziehungen. Doch Paare versuchen oft, ihre Beziehung in einem permanenten Sicherheitszyklus zu halten, um so Angst und Unsicherheit zu vermeiden. Der Preis dafür sind sexuelle Langeweile und emotionale Verflachung. Emotional stark verschmolzene Paare mit hoher Angst vermeiden Differenzierung um fast jeden Preis. Sie geraten so in besonders tiefe und existenzielle Krisen mit hohem Trennungsrisiko. Doch nur in einer Krise besteht die Chance zu Änderung und Weiterentwicklung. Laut Schnarch sind Verschmelzungsfantasien der Ursprung der meisten Partnerschafts- und Sexualprobleme – nicht etwa fehlende Nähe oder mangelnde Kommunikation!

Folgt man Schnarch, so ist sexuelle Langeweile in Dauerbeziehungen ein Hinweis darauf, dass beide Partner zu sehr emotional verschmolzen sind, sodass es keiner mehr wagt, neue sexuelle Impulse zu zeigen, da man fürchtet, dass der andere das nicht positiv aufnimmt, und man so abhängig ist, dass man eine solche Abfuhr kaum ertragen könnte. Lebendige Sexualität und Intimität ist insofern nur dann möglich, wenn beide Partner emotional autonom und differenziert sind, den Mut haben, sich und ihre sexuellen und nichtsexuellen Eigenheiten und Wünsche zu zeigen, sowie in der Lage sind, eine „Abfuhr“ durch ihren Partner oder ihre Partnerin zu verkraften.

Kirsten von Sydow

Kirsten von Sydow ist promovierte und habilitierte Psychologin. Sie forschte und lehrte an verschiedenen Universitäten unter anderem zu Partnerschafts- und sexuellen Problemen, zur Bindungstheorie und zur Psychotherapieforschung. Sie arbeitet als psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Psychologie Heute-Buch Im Labyrinth der Seele: 100 Streifzüge durch die Psychologie (Beltz, Weinheim).

Mehr über Sexualität lesen Sie in den Artikeln Das Begehren der Frau: ein Mysterium? und Durch die Fixierung auf den Penis schränken Männer ihre sexuelle Erlebnisfähigkeit ein 

 

 

 

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