Esser, widersteht den Signalen!

Laut Umfragen haben 55 Prozent der Frauen und 29 Prozent der Männer in den vorangegangenen zwölf Monaten versucht abzunehmen. Doch man hat auch ermittelt: Die meisten dieser Versuche sind allenfalls kurzfristig erfolgreich, und schon bald hat man das alte Gewicht wieder drauf.

Besonders sogenannten „gezügelten Essern“ scheint das Abnehmen schwerzufallen. Das sind Menschen, die chronisch auf ihre Kalorienzufuhr achten und ihr Gewicht zu reduzieren versuchen – meist vergeblich. Nach traditioneller Lehrmeinung orientieren diese Menschen ihr Essverhalten an Diätregeln, nach denen sie die maximale tägliche Kalorienzufuhr begrenzen. Da sie ständig versuchten, ihren Konsum einzuschränken und Hungergefühle zu vernachlässigen, hätten sie es verlernt, die Hunger- und Sättigungssignale ihres Körpers zu erkennen.

Nach unserer Auffassung ist diese Lehrmeinung jedoch irrig. Der Grundirrtum liegt darin, dass Menschen nicht bloß deshalb essen, weil sie ihren Hunger stillen wollen. Die gezügelten Esser sind genauso gut imstande, körperliche Hunger- und Sättigungssignale zu erkennen wie normale Esser, aber sie essen trotzdem zu viel: ganz einfach, weil es ihnen schmeckt.

Wir haben der traditionellen Lehrmeinung eine eigene Theorie entgegengestellt. Sie besagt, dass „gezügelte Esser“ eigentlich „hedonistische Esser“ sind: Sie können Signalen, die gutes Essen versprechen, schlechter widerstehen – und kämpfen dagegen an, indem sie ihre Nahrungsaufnahme rational zu steuern versuchen. Sie befinden sich also in einem Konflikt zwischen dem Motiv, ihr Gewicht zu reduzieren, und dem Bedürfnis nach schmackhaftem Essen. Normalerweise gelingt es ihnen, dieses Bedürfnis zu unterdrücken – aber wenn sie abgelenkt oder die Essensanreize zu stark sind, kann das kippen.

Zum Beispiel setzte man Versuchspersonen in einen Raum mit einem Pizzaofen, von dem wunderbare Gerüche ausgingen. Anschließend hatten sie unter dem Vorwand eines „Geschmacksratings“ Gelegenheit, sich nach Belieben an Pizzastücken zu bedienen. Es zeigte sich, dass der Pizzaduft normale Esser kalt ließ – sie aßen nicht mehr als sonst. „Gezügelte“ Esser hingegen langten deutlich kräftiger zu, sobald es gut nach Pizza roch. Ein weiteres Beispiel: Wir setzten Versuchspersonen subliminal – also so kurz, dass sie bewusst nichts erkennen konnten – Worten aus, die Essen suggerierten, zum Beispiel „Schokolade“. Bei Probanden vom Typ des gezügelten Essers führte das dazu, dass das Essensbedürfnis in den Vordergrund drängte und sie Gedanken ans Abnehmenwollen unterdrückten. Dies zeigte sich in einer anschließenden Worterkennungsaufgabe: Anders als normale Esser brauchten gezügelte Esser nach dem verdeckten Essensreiz länger als vor dem Experiment, um mit einer Diät assoziierte Wörter zu erkennen – sie blendeten ihre Diätvorsätze aus.

Menschen dieses Typs können gegen ihre Essattacken angehen, indem sie versuchen, das Diätmotiv im Vordergrund zu halten. Wir konnten in unseren Experimenten mit subliminaler Wahrnehmung zeigen, dass man durch unterschwellige Signale statt der Esslust auch den Willen zum Widerstehen stärken kann: Präsentiert man hedonistischen Essern unterschwellig Diätwörter, wird dadurch das Motiv der Gewichtskontrolle gestärkt und das Essensmotiv unterdrückt. Ich vermute daher, dass es im Alltag bei der Kontrolle der Esslust helfen könnte, wenn man sich selbst an das Diätmotiv erinnert. Man könnte etwa an strategischen Orten wie dem Kühlschrank abschreckende Fotos anbringen – zum Beispiel von einem Bauch, der über die Hose quillt.

Diäten sind in jüngster Zeit ins Gerede geraten. Sie stehen bei manchen Experten im Verdacht, eher zu Essstörungen zu führen als zu einem gesunden Essverhalten. Das geht so weit, dass manchmal sogar pauschal von dem Versuch abgeraten wird, abnehmen zu wollen. Ich halte das für nicht stichhaltig. Neuere Untersuchungen zeigen, dass verantwortlich durchgeführte Diäten die Wahrscheinlichkeit von Essstörungen eher verringern als erhöhen. Da es für extrem Übergewichtige jedoch äußerst schwierig ist, ihr Normalgewicht zu erreichen, würde ich raten, den Anfängen zu wehren und auch bei geringer Gewichtszunahme sofort zu korrigieren. Dies gelingt am besten, wenn man nicht nur weniger isst, sondern sich auch mehr bewegt.

Einige Menschen schaffen es durchaus, auch längerfristig ihr Gewicht zu reduzieren. Sogar unter den hedonistischen Essern mit ihrer Schwäche für kulinarische Signale konnten wir einen Subtyp von Menschen ermitteln, denen das disziplinierte Essen erstaunlich gut gelingt. Offenbar haben diese Leute den Kontrollgedanken der Gewichtskontrolle so verinnerlicht und automatisiert, dass bei ihnen die Versuchung durch Nahrungsreize nicht mehr das Essmotiv stimuliert, sondern im Gegenteil das Diätmotiv stärkt. Unterschwellig dargebotene Essensbegriffe führen bei ihnen dazu, dass sie anschließend Diätwörter schneller erkennen!

In einer anderen Studie konnten wir zeigen: Wenn sich diese Menschen vornehmen, zwei Wochen lang auf bestimmte Nahrungsmittel zu verzichten, dann halten sie sich fast hundertprozentig daran. Wir wollen nun in weiteren Studien herauszufinden versuchen, welche Strategien sie dazu befähigen. Vielleicht kann man von ihnen lernen.

 

Wolfgang Stroebe

Wolfgang Stroebe, 1941 in Pforzheim geboren, lehrte an verschiedenen Universitäten in Deutschland, Großbritannien und den USA. Er ist emeritierter Professor für Sozialpsychologie der Universitäten Utrecht und Groningen .

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Psychologie Heute-Buch Im Labyrinth der Seele: 100 Streifzüge durch die Psychologie (Beltz, Weinheim). 

Mehr zum Thema Essen, Ernährung und Diät lesen Sie in unserem Psychologie Heute- Compact Futter für die Seele.

 

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Ethan Watters: Crazy like us

Wie Amerika den Rest der Welt verrückt macht. Aus dem Amerikanischen von Thorsten Padberg. Dgvt, Tübingen 2016, 237 Seiten

19,99 €inkl. 7% MwSt.