Der psychologische Begriff: Extraversion

„Extravertiert“ und „introvertiert“ sind psychologische Fachbegriffe, die in der Alltagssprache nicht nur besonders häufig verwendet werden, sondern sogar einigermaßen korrekt. Ja, Extravertierte sind gesellige Menschen, während Introvertierte eher zurückgezogen leben. Doch diese soziale Komponente ist nur ein Teil von dem, was die Extraversion ausmacht. (Die Introversion kommt in der modernen Psychologie meist nur als schwach ausgeprägte Extraversion vor.) Extraversion ist viel mehr, als sich die meisten unter dieser Eigenschaft vorstellen.

Zunächst: Es heißt Extraversion, „nicht Extroversion!“, wie ein Lehrbuch aus gutem Grund betont. Die Deutschen schreiben das Wort nämlich auch gerne mit o, weil dieser Vokal halt in introvertiert steht. Der Duden lässt „extrovertiert“ sogar zu, aber Sinn macht das nicht. Umgekehrt geht „intravertiert“ gar nicht, da spielt selbst der Duden nicht mehr mit.

Popularisiert hat das Begriffspaar der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung im Jahr 1921. Ein Extravertierter war für Jung ein Mensch, der sich vor allem für handfeste Dinge interessiert und deshalb in der Welt vorankommt, aber wenig zum Nachdenken neigt. Der Introvertierte ist dagegen über solche Äußerlichkeiten erhaben und widmet sich mehr der inneren Welt seiner Gedanken. 

Heute zählt die Extraversion zu den Big Five. Sie gelten als die fünf zentralen Persönlichkeitseigenschaften des Menschen (und einiger Tiere). Extraversion ist aber nichts völlig Einheitliches. Wie die anderen der Big Five besteht sie aus sogenannten Facetten. Das sind Eigenschaften, die miteinander zusammenhängen und gemeinsam die Extraversion ausmachen. Aber nicht jede ist bei jedem Extravertierten gleich stark ausgeprägt. Die Facetten der Extraversion sind:

Geselligkeit: Extravertierte sind kontaktfreudig, unterhalten sich gern und verbringen viel Zeit mit anderen.

Durchsetzungsfähigkeit: Extravertierte sind energisch, entscheidungsfreudig und auch gerne dominant.

Aktivität: Extravertierte sind lebhaft, bersten vor Energie und haben viele Interessen.

Erlebnishunger: Extravertierte sind abenteuerlustig, lieben Abwechslung sowie Aufregung und gehen Risiken ein.

Herzlichkeit: Extravertierte sind freundlich und zeigen anderen gerne ihre positiven Gefühle für sie.

Frohsinn: Extravertierte sind heiter, gut gelaunt und sehen optimistisch in die Zukunft.

Gerade der letzte Punkt hat viele Forscher fasziniert. In einer aktuellen Studie mit gut 4500 Briten sagte die Extraversion in jungen Jahren ein Stück weit vorher, wie glücklich sie vier Jahrzehnte später sein würden. Auch mit ihren Beziehungen sind Extravertierte zufriedener, wie etliche Studien belegen. 

Warum Glück und Geselligkeit miteinander einhergehen und gemeinsam extravertierte Menschen auszeichnen, darüber streiten sich die Gelehrten. Eine Theorie besagt: Kern der Extraversion ist die Tendenz, sich so zu verhalten, dass andere einem ihre Aufmerksamkeit schenken. So könnten sich viele Kontakte zu anderen Menschen ergeben, die dann die Stimmung heben.

Eine andere Theorie geht noch weiter. Ihr zufolge hat Extraversion erst einmal gar nichts mit einer Vorliebe für andere zu tun. Nach dieser Denkschule können Extravertierte ganz generell Angenehmes besser genießen als Introvertierte. Deshalb gibt ihnen auch die Nähe anderer Menschen mehr, weshalb sie sie eher suchen.

Zumindest die erste Hälfte dieser Theorie ist gut belegt: Extravertierte reagieren stärker auf positive Erfahrungen. Ihr Gehirn zeigt stärkere Aktivität als das von Introvertierten, wenn beide Bilder von Sonnenuntergängen, Eiscreme oder Welpen zu sehen bekommen. Auch außerhalb des Hirnscanners zeigt sich: Extravertierte verdanken ihr erhöhtes Glücksniveau nicht einfach schönen Stunden in Gemeinschaft. Sie sind auch allein glücklicher als Introvertierte.

Umgekehrt ist es nicht so, dass Introvertierte Gesellschaft nicht genießen können. Wenn sie sich denn mal unter Leute begeben, sind sie glücklicher, als wenn sie allein zu Hause sitzen. Das stellte sich heraus, als William Fleeson von der Wake Forest University Studenten alle paar Stunden festhalten ließ, was sie gerade taten und wie sie sich fühlten.

Fleeson ging noch weiter. Vor einer kleinen Diskussionsrunde wurden manche Probanden angewiesen, sich beim Diskutieren extravertiert zu verhalten, andere sollten sich bis zur Lethargie introvertiert geben. Selbst diese erzwungene Extraversion hob die Stimmung. Dabei spielte es überhaupt keine Rolle, ob die Leute von Natur aus extravertiert oder introvertiert waren. 

Die extravertierte Lebensweise hat also etwas für sich. Sie verlängert sogar das Erdendasein, wenn man einer Langzeituntersuchung mit gut 2000 Senioren aus Chicago glauben darf. Die stark Extravertierten hatten ein 21 Prozent niedrigeres Risiko, innerhalb von sechs Jahren zu sterben, als die stark Introvertierten. Das kam teilweise daher, dass die Extravertierten sich körperlich, geistig und sozial mehr betätigten.

Andererseits birgt es auch Risiken, extravertiert zu sein – eben weil Extravertierte eher Risiken eingehen. So bringen sie zwar genauso viele Wunschkinder auf die Welt, aber etwa zehn Prozent mehr ungewollte Kinder.

Auch im Beruf ist Extraversion nicht immer so hilfreich, wie die Forscher lange annahmen. Vor allem erfolgreiche Verkäufer wurden als geradezu prototypische Extravertierte betrachtet. Es leuchtet ja auch spontan ein, dass dieser kommunikationsfreudige Menschenschlag jedem alles andrehen können soll. Doch wirklich belegen ließ sich diese Vermutung nie. Adam Grant von der University of Pennsylvania analysierte daher vor kurzem die Verkaufszahlen von 340 Beschäftigten eines Callcenters. Sie riefen pausenlos Leute an, um ihnen etwas aufzuschwätzen.

Den höchsten Umsatz erzielten Mitarbeiter, die weder besonders extravertiert noch besonders introvertiert waren, sondern in der Mitte lagen. Sie trugen der Firma 24 Prozent mehr ein als die Introvertierten und sogar 32 Prozent mehr als die Extravertierten. Wie kann das sein? Grant vermutet: Diese „Ambivertierten“ bringen einerseits genug Energie und Enthusiasmus auf, um das Interesse des Angerufenen zu wecken. Doch sie machen nicht den Fehler stark Extravertierter, den potenziellen Kunden totzuquatschen und derart selbstbewusst aufzutreten, dass der auf stur schaltet.

Extravertierte galten auch lange als ideale Manager. Aber in den zugrunde liegenden Untersuchungen wurden die Führungsqualitäten der Chefs subjektiv beurteilt. Grant dagegen besorgte sich bei einer Kette von US-Pizzerien die Verkaufszahlen von 57 Filialen, in denen ebenso viele Chefs wirkten. Die charismatischen, zum Aktionismus neigenden Extravertierten erwiesen sich nur als besser, wenn sie es mit einer trägen Belegschaft zu tun hatten. Dann fuhren sie einen deutlich höheren Gewinn ein als die introvertierten Chefs. Doch wenn die Untergebenen selbst Einsatz zeigten und Ideen einbrachten, wurden sie von ihren energiegeladenen Bossen ausgebremst. Dann erwirtschafteten die zurückhaltenden introvertierten Oberbäcker gut 20 Prozent mehr.

Jochen Paulus

Mehr zum Thema „Introversion und Extraversion“ lesen Sie unter anderem in diesen beiden Artikeln: 

 Extraversion: Talent zum Glücklichsein von Thomas Saum-Aldehoff
 Die Stillen im Lande von Anna Roming

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