Vom Nutzen der Reue

„Sie überlegte hin und her, ob es nicht möglich gewesen wäre, dass sie durch irgendwelche anderen Fügungen des Schicksals einem anderen Mann hätte begegnen können, und versuchte sich vorzustellen, wie diese nicht eingetretenen Umstände, dieses ganz verschiedene Leben, dieser Mann, den sie nicht kannte, hätten aussehen müssen.“ Madame Bovary, die Heldin in Gustave Flauberts großartigem Roman, wird in ihrer Ehe von der Enge ihrer realen Verhältnisse und den Tagen voller Langeweile eingeholt. Sie sehnt sich nach etwas Besserem, etwas Schönerem, etwas, das ihr hätte zuteil werden können … wenn, ja wenn das Schicksal sich nur anders verflochten hätte.

Das schmerzende, bohrende Gefühl, dass man hätte anders handeln, eine andere Chance nutzen, es hätte kommen sehen sollen, resultiert aus einem psychologischen Mechanismus, den man als „kontrafaktisches Denken“ bezeichnet. Die ganze Palette dieser Denkprozesse bleibt unserer bewussten Wahrnehmung weitgehend verborgen. Doch ihre Auswirkungen, die Gefühle von Zweifel und Reue, dringen mit voller Kraft ins Bewusstsein, und wir fürchten sie alle.

Gleichwohl tut es uns gut, wenn wir etwas bedauern. Es ist wichtig für ein psychisch gesundes Leben, da uns diese Gefühle klipp und klar signalisieren, wann wir eine Strategie ändern, einen Handlungsgang modifizieren oder über den Tellerrand hinaussehen müssen. Was Flauberts Roman so unterhaltsam macht, ist die unerschrockene Kühnheit, mit der Madame Bovary ihr tiefes Bedauern zu wandeln versucht, um eine neue, erfüllendere Romanze zu finden. Sich diese Gefühle zunutze zu machen heißt, sich der natürlichen Kreativität zu bedienen, die ein ganz normaler Teil unserer Gehirnfunktion ist.

Ohne dass wir es merken, flüstert uns eine Art mentaler Trainer aus dem Hinterstübchen in unserem Kopf permanent ein, welche Handlungen uns näher an unser gestecktes Ziel gebracht hätten. Kontrafaktisch bedeutet wörtlich: konträr zu den Fakten, der Realität nicht entsprechend. Wenn wir kontrafaktisch denken, dann denken wir, was hätte sein oder was hätte passieren können, wenn sich irgendeine winzige Kleinigkeit, eine Handlung oder ein Ergebnis in der Vergangenheit anders gestaltet hätte. Jede unserer Entscheidungen – von Aktieninvestitionen bis zum Autokauf –, wird beeinflusst von kontrafaktischen Gedanken, das heißt von früheren, verworfenen Alternativen. Jede getroffene Entscheidung löst kontrafaktische Denkvorgänge aus – nun denken wir über die Alternativen nach, die wir stattdessen hätten wählen können.

Man könnte nun meinen, kontrafaktisches Denken entspringe der bloßen Fantasie, sinnloser Nabelschau. Nach neueren Forschungen sieht das allerdings anders aus. „Was wäre gewesen, wenn …?“ – so zu denken ist gut für uns. Kontrafaktisches Denken, zusammen mit seiner emotionalen Komponente, dem Bereuen oder dem Zweifeln, spielt eine wesentliche Rolle für das Lernen, für den Erkenntnisgewinn und die persönliche Weiterentwicklung. Wenn wir kontrafaktisch denken, erkennen wir Möglichkeiten. Wenn wir an etwas zweifeln oder etwas bedauern, hoffen wir umso mehr auf die Zukunft. Zwar verursacht das zunächst negative Gefühle, aber auf lange Sicht ist das Bedauern äußerst wichtig, um zufrieden leben zu können. Die eigenen Zweifel zu verstehen und sie für die Zukunft zu nutzen kann sehr bereichernd sein.

Vielleicht kennen Sie das Sprichwort „Wir bereuen nicht die Dinge, die wir tun, sondern nur die Dinge, die wir nicht getan haben“. Psychologische Forschungsteams haben diese Volksweisheit auf den Prüfstand gestellt und herausgefunden, dass sie weitgehend zutrifft. Diese neuen Befunde zeigen auch, was unser psychisches Immunsystem tut, um die Gefühle der Reue zu verarbeiten und uns vor emotionalem Schaden zu schützen.

Die Sozialpsychologen Tom Gilovich und Vicki Medvec von der Cornell-Universität zeigten anhand von entwicklungspsychologischen Studien, dass die zeitliche Distanz zu einer Gelegenheit eine entscheidende Rolle für Gefühle der Reue und Zweifel spielt. Sie entscheidet darüber, in welchem Maße wir eine ausgeführte oder eine unterlassene Handlung bereuen. Kurzfristig (etwa auf die vergangene Woche bezogen) werden insbesondere ausgeführte Handlungen mehr bereut. Doch langfristig (über Monate und Jahre hinweg) plagen uns vor allem die Zweifel über unterlassene Handlungen. Diese Gefühle gären vielmehr wie eine vernachlässigte Infektion langsam vor sich hin und entwachsen jeglichem Bezugsrahmen, zu dem sie ursprünglich gehörten. Wenn wir auf unser Leben insgesamt zurückblicken, dann werden wir am meisten von Dingen geplagt, die unversucht geblieben sind – nicht ausgelebten Romanzen, vertanen Karrierechancen, vernachlässigten Freundschaften.

Wie lassen sich die nagenden Gefühle von Reue und Zweifel vermindern oder für das Leben fruchtbar machen? Ein Ratschlag: Erzählen Sie Ihre Geschichte! Barry Cadish betrieb jahrelang eine Website, die Menschen aus aller Welt ein Forum bot, auf dem sie Erlebnisse erzählen konnten, die sie heftigst bedauerten. Die Plattform wurde rege genutzt, Abertausende teilten sich mit.

Es tut gut, wenn man einer anderen Person erzählt, welche zurückliegenden Ereignisse einem auf der Seele lasten. Zu diesem Schluss kam James Pennebaker von der Universität von Texas in Austin. Er fand heraus, dass eine messbare Verbesserung der psychischen und physischen Gesundheit einsetzt, wenn man einer anderen Person seine Probleme erzählt oder sich nur 15 Minuten am Tag Zeit nimmt, um sie aufzuschreiben. Wenn man die emotionalen Einzelheiten schildert, sich seinen Gefühlen stellt, nimmt man dem Bereuen seinen Stachel. 

Neal Roese

Neal Roese, Jahrgang 1965, ist Sozialpsychologe und arbeitet als Professor für Marketing an der Kellogg School of Management der Northwestern University. Er ist einer der führenden Forscher auf dem Gebiet des kontrafaktischen Denkens. Der vorliegende Text ist ein bearbeiteter Auszug aus seinem Buch Ach, hätt’ ich doch! Wie man Zweifel in Chancen verwandelt, das 2007 im Eichborn-Verlag erschien (nur noch antiquarisch erhältlich). 

Mehr zu den Themen „Reue und kontrafaktisches Denken“ lesen Sie in diesem Artikel: Ach, hätte ich doch von Neal Roese 

… und in unserem Blog: Hätte, hätte, Fahrradkette von Heiko Ernst 



 

 

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