Darf ich?

Wer sich ab und zu mal was gönnt, lebt gesünder

Genuss ist heutzutage verpönt. Kuchen? Zu viel Zucker und Fett. Faulenzen auf dem Sofa? Wer nicht fünfmal die Woche Sport macht, schadet seinem Herzen. Sich ausgiebig auf Facebook tummeln? Oberflächliche Zeitverschwendung. Das Problem: Bei so viel (Selbst-)Reglementierung bleibt die Lebensfreude auf der Strecke. Viele Menschen können sich nichts mehr gönnen, ohne sich schlecht zu fühlen. Eine gefährliche Dynamik, sagen Psychologen und Ärzte, denn die „schädlichen Genüsse“ haben durchaus auch positive Nebenwirkungen.

Beispiel ungesunde Lebensmittel. Welche dazu zählen, ist eine erstaunlich schwierige Frage. Die Antworten von Ernährungswissenschaftlern sind keineswegs einstimmig und verändern sich zudem im Zeitablauf. In den 1980er Jahren etwa riet man Menschen zu einer möglichst fettarmen Ernährung. Seitdem haben zahlreiche Studien gezeigt, dass Fette viele positive Wirkungen haben: Olivenöl scheint vor Alzheimer zu schützen (1), Rapsöl verbessert Cholesterinspiegel und Insulinsensitivität (2), und die in Butter enthaltene konjugierte Linolsäure soll das Brustkrebsrisiko senken (3). Auch der schlechte Ruf von Schokolade, Kaffee und selbst Zucker ist zumindest teilweise unberechtigt (4, 5, 6). Wer sich jeglichen Genuss vermeintlich schädlicher Nahrungsmittel versagt, kasteit sich höchstwahrscheinlich umsonst – und schadet vielleicht sogar seiner Gesundheit.

Auch wer gerne mit Nachbarn oder Kollegen tratscht, braucht nicht unbedingt ein schlechtes Gewissen zu haben. Klatsch muss kein unsoziales Verhalten sein, sondern kann ganz im Gegenteil anderen nützen. In einer Studie von Forschern der Universität Kalifornien konnte eine Mehrzahl von Teilnehmern nicht widerstehen, über einen (vermeintlichen) Probanden zu klatschen, der sich anderen gegenüber egoistisch und ausbeutend verhalten hatte. Dies half ihnen nicht nur, Gefühle von Ärger und Irritation über den anderen abzubauen. Sie verfolgten damit auch das Ziel, andere Teilnehmer davor zu bewahren, ebenfalls zum Opfer zu werden, und verbesserten so die Kooperation innerhalb der Gruppe (7).

Andere Sünden haben bei näherer Betrachtung ebenfalls positive Seiten, solange man es nicht übertreibt. Seine gesamte Freizeit vor der Glotze zu hängen tut niemandem gut, aber das ein oder andere Lieblingsprogramm zu haben kann Einsamkeit mildern, ein Gefühl von Zugehörigkeit

erzeugen, das Selbstvertrauen stärken und die Stimmung ankurbeln (8). Wer nach Tätigkeiten, die viel Willenskraft abverlangen, in eine vertraute Fernsehwelt eintaucht, kann damit außerdem sein Gefühl der Selbstkontrolle stärken (9).

Hin und wieder einer Versuchung nachzugeben baut Stress ab und lädt die Batterien wieder auf

Auch das in letzter Zeit so viel geschmähte Facebook sollte man nicht als reines Teufelszeug betrachten. Nur fünf Minuten auf sein eigenes Facebook-Profil zu schauen kann dem Selbstbewusstsein gehörig Auftrieb geben, wie eine Studie von Forschern der Universität Wisconsin zeigt (10). Paare, die sich in sozialen Netzwerken kennenlernen, haben eine gute Chance, eine glückliche Ehe zu führen (11), und Senioren, die den Umgang mit Facebook lernen, können dadurch ihre Fähigkeit, Informationen schnell zu verarbeiten, deutlich verbessern (12).

Eine genussfeindliche Haltung verursacht auch grundsätzliche Probleme. Gewissensbisse beim Sündigen verstärken das Verlangen nach dem „verbotenen“ Gut, wie eine Serie von Untersuchungen der Marketingprofessorin Kelly Goldsmith von der Northwestern University und Kollegen zeigt. Probanden, die von den Wissenschaftlern dazu gebracht wurden, beim Essen von Schokolade oder beim Anklicken von sexy Fotos auf einer Partnerwebsite Schuldgefühle zu verspüren, genossen diese Aktivitäten mehr als Teilnehmer, denen man kein schlechtes Gewissen gemacht hatte. Der Mechanismus dahinter: Weil Schuldgefühle und Genuss oft gleichzeitig auftreten, bildet sich eine kognitive Verbindung zwischen den beiden Konzepten. Der Gedanke „Ich sollte das nicht tun“ ruft dann automatisch auch die Assoziation „Aber es macht Spaß, ist lustvoll“ hervor – und dadurch wird es schwieriger, der Verlockung zu widerstehen (13).

Wer Genuss als Sünde sieht, traut sich zudem weniger Selbstkontrolle zu – eine Einschätzung, die sich prompt erfüllt. In einer neuseeländischen Studie wurden Teilnehmer gefragt, ob sie Schokoladenkuchen mit „Feiern“ oder mit „Schuldgefühl“ assoziierten. Jene, die die Süßigkeit mit Schuld in Verbindung brachten, zweifelten eher daran, dass sie es schaffen würden, auf eine ausgewogene Ernährung zu achten und sich von Junkfood fernzuhalten, als jene, die an eine harmlose Geburtstagsparty dachten. Die Zweifel trogen nicht. Wenn jemand in der Schuldgefühlgruppe abnehmen wollte, war er weniger erfolgreich, seinen Diätplan einzuhalten, als jemand, der positive Assoziationen hatte (14).

Sich ab und zu harmlosen Versuchungen hinzugeben, ist eine gute Methode, Stress abzubauen und aufgebrauchte psychische Ressourcen aufzuladen. Fatalerweise neigen gerade Leute, die unter Erschöpfung leiden, dazu, sich bei „unvernünftigen“ Vergnügungen schuldig zu fühlen, wie eine Studie von Forschern der Universitäten Mainz und Amsterdam zeigt. Die Konsequenz: Obwohl gerade diese Ausgelaugten die Entspannung brauchen könnten, ziehen sie wegen ihrer Schuldgefühle den wenigsten Nutzen daraus (15). Wer es sich also nach einem anstrengenden Tag auf der Couch gemütlich macht, um einen Krimi oder eine Kochshow anzuschauen, und sich dabei seine Lieblingsschokolade oder ein Glas Wein gönnt, der sollte es mit Lust und ohne schlechtes Gewissen tun – denn nur so laden sich die Batterien wieder auf.

Annette Schäfer

Aus: Psychologie Heute, Ausgabe 8/2015

Für Interessierte: Die im Text aufgeführten Zahlen 1–15 verweisen auf die zitierten Studien. Die Quellenangaben dazu finden Sie im Internet unter www.psychologie-heute.de/literatur

Weitere frei lesbare Artikel zu spannenden psychologischen Themen finden Sie in unserer Onlinerubrik News 

Hier geht es zum aktuellen Heft.  

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Fragen Sie weder Arzt noch Apotheker

Von Ragnhild Schweitzer und Jan Schweitzeri
Warum Abwarten oft die beste Medizin ist. Kiepenheuer & Witsch, 2017, 272 Seiten

14,99 €inkl. 7% MwSt.