Der psychologische Begriff: Regression – die Rückkehr zu kindlichen Verhaltensweisen

Der Einstieg in diesen Text fällt der Autorin nicht leicht. Soll sie mit einem Beispiel anfangen? Oder doch lieber mit Freuds Modell der Abwehrmechanismen? Das Thema ist kompliziert, sie fühlt sich überfordert. Also geht sie zum Küchenschrank und holt sich eine Packung Schokoladenkekse. Nach drei Keksen geht es besser, und sie schafft zumindest ein paar Zeilen.

Psychoanalytiker sprechen von Regression, wenn Menschen in belastenden Situationen unbewusst in frühere Entwicklungsphasen zurückfallen, um dadurch Entlastung zu finden oder sich von unerträglicher innerer Spannung zu befreien. Nicht immer ist das gleich pathologisch: Erwachsene regredieren in Frustsituationen, indem sie nach einer Enttäuschung zum tröstenden Weinglas oder zur Schokoladentafel greifen und sich somit in die orale Versorgung zurückziehen; Kinder beginnen nach der Einschulung oft wieder am  Daumen zu lutschen und suchen damit Schutz in einer früheren Reifephase. Sogar die Partner werden oft zum Ziel regressiver Versorgungswünsche, etwa wenn der kränkelnde Ehemann von seiner gestressten Frau selbstgekochte Hühnersuppe und mehr Streicheleinheiten einfordert. Auch Pflegerinnen und Pfleger kennen sich bestens aus damit: Gerade in Krankenhäusern werden Patienten oft wieder zu Kindern und fordern vom Personal nicht nur Pflege, sondern auch „mütterliche Vollversorgung“ in Form von Aufmerksamkeit und Zuwendung – längst ist die Regression deshalb Thema in der Krankenpflegerausbildung.

Für Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse, zählt die Regression zu den psychischen Abwehrmechanismen und dient in erster Linie der Stabilisierung des psychischen Gleichgewichts: Bedrohliche Gefühle der Angst oder Minderwertigkeit sollen nicht ins Bewusstsein gelangen, sondern durch eine infantile Ersatzhandlung abgewehrt werden. Freud ging davon aus, dass Erwachsene auf diejenige Entwicklungsphase regredieren, die unvollständig oder gestört verlief, quasi mit dem Ziel, nachträglich doch noch einmal „satt“ zu werden. Seiner Triebtheorie zufolge durchläuft jeder Mensch in der Kindheit drei psychosexuelle Reifungsstufen: die orale, die anale und die ödipale Phase. Ist ein Kind nicht in der Lage, eine dieser Phasen befriedigend abzuschließen – beispielsweise weil die Mutter in der analen Phase die Sauberkeitserziehung ihres Kindes übermäßig kontrolliert –, kann es laut Freud in die frühere Phase regredieren, etwa aus der analen in die orale Phase. Diese Neigung zur Regression bleibt über die Kindheit hinaus erhalten: Wer also nicht ausreichend gestillt oder umsorgt wurde, kann als Erwachsener mitunter in die orale Phase regredieren, tröstet sich also mit Essen und Trinken oder sucht nach viel Geborgenheit.

Regression dient der seelischen Stabilisierung

Doch es gibt auch Kritik am freudschen Konzept der Regression. Denn die moderne Säuglings- und Bindungsforschung hat längst gezeigt, dass Menschen nicht nur psychosexuelle Reifestufen durchlaufen, sondern auch Entwicklungsstufen der Gefühls- und Denkwelt. Über die Jahre lernt ein kleines Kind etwa, zwischen dem Selbst und den anderen zu unterscheiden, zwischen der eigenen Denkwelt und der Denkwelt der anderen, zwischen der Realität und der Fantasie. Auch in diese Vorstufen kann ein Mensch im Sinne einer „strukturellen Regression“ regredieren – wie der Nachbar, der aus Ärger über sein defektes Auto dem Fahrzeug einen Tritt versetzt und somit kurzfristig in einen frühkindlichen psychischen Entwicklungszustand gleitet, in dem unbelebte Objekte als belebt empfunden werden und Innen- und Außenwelt noch nicht ganz getrennt sind.

Regression ist also ein alltäglicher innerpsychischer Vorgang zur seelischen Stabilisierung. Doch wann ist sie pathologisch? Krankhaft ist die Regression vor allem dann, wenn ein Mensch durch die Nichtbewältigung einer Reifephase auf einer Entwicklungsstufe stehenbleibt und damit in ihr „fixiert“ bleibt. Wie die Ehefrau, die in der oralen Phase steckengeblieben ist und von ihrem Partner materielle Rundumversorgung einfordert, statt finanzielle Mitverantwortung für die Familie zu übernehmen. Oder der Ehemann, der dauerhaft mütterliche Versorgung von seiner Frau einfordert und damit die Beziehung gefährdet. Auch in krisenhaften Situationen können Menschen in eine Art negative Regression hineinrutschen, etwa in frühkindliche Gefühle von Einsamkeit und Hilflosigkeit, von Ohnmacht und Wertlosigkeit, von Trauer und Aggression, von Depression und Angst. Das erneute Durchleben dieser leidvollen Gefühlszustände kann dann als Versuch gewertet werden, zu einem früheren unbewältigten Entwicklungsstadium der eigenen Kindheit zurückzukehren, um den ungelösten Konflikt nachträglich aufzulösen.

Doch die Regression dient nicht nur der Abwehr unangenehmer Gefühlszustände oder sogar der Verhinderung notwendiger seelischer Entwicklungsschritte. Sie ist auch eine positive Eigenschaft, die helfen kann, Entspannung zu finden, zu lieben, zu träumen oder kreativ und fantasievoll zu denken. Künstler, Schriftsteller oder Komponisten müssen in kindliche Zustände der Fantasie abtauchen können, um offen für innere Bilder und spontane Assoziationen zu sein.

Regression hat zu Unrecht einen schlechten Ruf

Auch für ein gutes Beziehungsleben ist die Fähigkeit zur Regression wichtig, schließlich sollten wir uns vom Partner mal bemuttern oder bevatern lassen können, wenn es uns schlecht geht. Natürlich profitiert auch die Sexualität davon: Beim Sex greifen wir unbewusst auf frühe körperliche Erfahrungen der Symbiose mit unseren Bindungspersonen zurück, wir regredieren in ein „Körper-Ich“, das Wurzeln in unseren ersten Lebensjahren hat. Die Regression hat also einen schlechteren Ruf, als ihr gebührt: Sie ist nicht nur ein wichtiger Abwehrmechanismus, sondern bisweilen auch eine überaus angenehme und produktive Ressource.

Anne-Ev Ustorf

Aus: Psychologie Heute, Ausgabe 1/2015 
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