Wie Frauen sich kleinreden

Frauen benutzen häufig einen indirekten, selbstkritischen Stil und behandeln Dinge in einer Art, die es dem Gesprächspartner erlaubt, sein Gesicht zu wahren – und das wird von Männern leicht missverstanden. Zum Beispiel sagt eine Frau zu einem Untergebenen, der unvorbereitet zu einer Besprechung kommt: „Tut mir leid, ich habe Sie nicht daran erinnert, dass dieser Punkt heute auf der Tagesordnung steht.“ Sie erwartet, dass er antwortet: „Ich hätte es wissen müssen. Sie haben mich informiert.“ Aber stattdessen schweigt er wahrscheinlich und denkt: „Wenn sie die Schuld übernehmen will, lass sie!“

Bescheidenheit kann am Arbeitsplatz nach hinten losgehen, denn sie untergräbt häufig die Autorität der Frau. Fast jede Frau hatte schon einmal das Erlebnis, dass sie in einer Besprechung etwas gesagt hat und dies ignoriert wurde. Dann sagt ein Mann das gleiche, und jeder hält das für eine großartige Idee. Manchmal leiten Frauen eine Bemerkung ein mit Worten wie „Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal darüber nachgedacht haben …“. Gleichgültig, was sie dann sagt, es wird nicht beachtet werden.

Weiter habe ich festgestellt: Wenn ein Mann und eine Frau bei einer Besprechung in etwa die gleiche Redezeit beanspruchen, entsteht der Eindruck, dass die Frau zu viel geredet hat. All das beweist, dass Gespräche und Diskussionen am Arbeitsplatz immer noch nach den Regeln der Männer ablaufen.

Diese Regeln sind die Fortsetzung dessen, was sich bereits zwischen Jungen und Mädchen abspielt. Untersuchungen zeigen, dass ein Mädchen, das sich in einer Gruppe von Jungen aufhält, von diesen ignoriert wird. Gibt es aber innerhalb einer Mädchengruppe nur einen Jungen, dann neigen die Mädchen dazu, diesen als Führer zu akzeptieren. Weiter belegen Studien, dass bereits kleine Jungen ihre Gruppen sehr viel hierarchischer organisieren, als Mädchen dies tun. Die Jungen haben nicht alle den gleichen Status. Sie sind sich immer dessen bewusst, dass die Art, wie sie sprechen, ihren Stellenwert in der Gruppe erhöhen oder senken kann. Sie vermeiden es, Schuld zu übernehmen und ignoriert zu werden, und sie geben vor, alles zu wissen.

Mädchen hingegen lernen sehr früh, dass es sich nicht schickt, mit Leistungen zu prahlen oder darüber zu sprechen oder sonst in irgendeiner Weise aufzufallen. Wenn in Mädchengruppen sich ein Mädchen in den Mittelpunkt stellt und zeigt, dass es mehr weiß, dann erlebt es oft eine negative Reaktion. Und wenn ein Mädchen die Kühnheit besitzt, anderen Mädchen zu sagen, was zu tun ist, dann wird es als herrschsüchtig bezeichnet.

Das spiegelt sich später im Berufsleben. Es ist typisch für eine Managerin, dass sie ihre Autorität herunterspielt, um alle auf gleicher Ebene zu halten. Möglicherweise sagt sie zu ihren Mitarbeiterinnen: „Sagen Sie mir, was Sie darüber denken.“ Sie will damit jedem die Chance geben, gehört zu werden – und negative Reaktionen vermeiden, wie sie viele Menschen zeigen, wenn eine Frau sich wie ein Chef verhält – sogar dann, wenn sie tatsächlich der Chef ist. Doch Männer denken dann möglicherweise: „Nun, sie weiß nicht, was zu tun ist, deshalb will sie uns entscheiden lassen.“

Mir schilderte einmal die Präsidentin einer Universität folgende Szene: In Anwesenheit eines männlichen Kollegen bat sie ihre Sekretärin: „Könnten Sie mir einen Gefallen tun und dies für mich schreiben?“ Der Kollege meinte: „Vergessen Sie nicht, dass Sie die Präsidentin sind!“ Der Kommunikationsstil dieser Universitätspräsidentin war erfolgreich, denn die Aufgabe wurde wie gewünscht erledigt; der männliche Kollege bewertete ihren Stil gleichwohl als negativ.

Weibliche Kommunikationsstile scheinen äußerst effektiv zu sein, wenn es darum geht, dass Arbeit erledigt wird. Doch sie sind sehr ineffektiv, wenn es um Anerkennung geht. Womit nicht gesagt ist, dass es nicht auch Männer gibt, die sich unwohl fühlen, wenn sie mit ihrer Leistung prahlen müssen. Auch diese Männer erwarten, dass eine gute Arbeit anerkannt wird, ohne dass man viel Aufhebens darum macht. Doch dann müssen sie geschockt miterleben, wie ein anderer die Anerkennung erhält, nur weil er durch die Räume rennt und dem Chef erzählt, was „wir“ geschafft haben – oftmals hat dieser Mensch gar nichts mit der Leistung zu tun. Das frustriert jeden. Aber es sind häufiger Frauen, die mit ihren Leistungen nicht hausieren gehen.

Ich sage nicht, dass man seinen individuellen Gesprächsstil aufgeben sollte. Doch manchmal sollten sich Frauen zu einem Verhalten zwingen, das sie vielleicht nicht als „natürlich“ empfinden. Sie müssen einen Kompromiss finden zwischen einem Gesprächsstil, wie er von Frauen erwartet wird, und einem Gesprächsstil, wie er am Arbeitsplatz erwartet wird – und dort ist eben der männliche Stil vertrauter. 

Vor allem sollten Frauen aufhören, sich ständig zu entschuldigen, wenn sie es nicht so meinen. Das ist ein typisches Ritual von Frauen, um anderen zu helfen, ihr Gesicht zu wahren. Wenn sie keine Schuld trifft, dann sollten sie auch nicht die Verantwortung übernehmen. Sie sollten sich lieber auf die Zunge beißen!

Deborah Tannen

  • Deborah Tannen, 1945 in New York geboren, ist Professorin für Linguistik an der Georgetown-Universität. Sie erforschte vor allem den Alltagsgebrauch von Sprache und die Unterschiede in der Sprache von Frauen und Männern. Bekannt wurde sie mit ihrer Arbeit durch den Weltbestseller Du kannst mich einfach nicht verstehen (1986, deutsche Neuausgabe 2004). Tannen schrieb auch Gedichte, Kurzgeschichten und Theaterstücke.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Psychologie Heute-Buch Im Labyrinth der Seele: 100 Streifzüge durch die Psychologie (Beltz, Weinheim).

Mehr über Frauen in Führungspositionen lesen Sie im Artikel Frauen: Kein Verhältnis zur Macht? > zum Artikel

 

 

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