Der psychologische Begriff: Kognitive Dissonanz

Eine große Flut werde die Stadt und weite Teile der Erde verschlingen, vermeldete eine amerikanische Lokalzeitung im September 1954 die Vorhersage einer örtlichen Hausfrau. Die später als Mrs. Keech bekannt gewordene Frau hatte die Prophezeiung von Außerirdischen mit fliegenden Untertassen erhalten. Die meisten Wissenschaftler würden um solche Propheten einen weiten Bogen machen. Nicht so der Sozialpsychologe Leon Festinger.

Er und einige Kollegen traten der Sekte bei. Sie wollten beobachten, wie die Gläubigen reagieren würden, wenn die Katastrophe ausbleiben sollte. Tatsächlich zeigte sich weder das Raumschiff, das die Sektenmitglieder im letzten Moment retten sollte, noch die große Flut.  Zunächst waren die Gläubigen enttäuscht, doch flugs präsentierte Mrs. Keech eine neue Botschaft: Wegen ihres Glaubens habe Gott die Welt verschont.

Einem unbefangenen Menschen wären erhebliche Zweifel an den Prophezeiungen von Mrs. Keech gekommen. Doch ihre Anhänger sahen sich in ihrem Glauben bestätigt und missionierten eifriger denn je. Diese seltsame Reaktion war eine der ersten Demonstrationen eines psychologischen Phänomens, das Festinger kognitive Dissonanz nannte. Eine kognitive Dissonanz tritt auf, wenn sich Dinge widersprechen, die man glaubt oder die man weiß. Eine kognitive Dissonanz verursacht Unbehagen und schreit nach Abhilfe.

Die Jünger von Mrs. Keech hätten theoretisch dem Glauben an ihre Führerin abschwören und so die Dissonanz beseitigen können, aber damit hätten sie ihre ganze Religion über Bord geworfen. Das Scheitern der Prophezeiung zu leugnen hätte ebenfalls geholfen, aber in diesem Fall war es zu offensichtlich. Nach Festingers Analyse blieb nur das Missionieren. Die Logik dahinter: Wenn mehr und mehr Menschen sich zum eigenen Glauben bekehren, kann er so falsch nicht sein.

Festingers Idee wurde zu einer der bekanntesten Theorien der Psychologie. Sein Begriff wird sogar in öffentlichen Debatten bemüht, wenn auch nicht unbedingt richtig. Das illustrierte unlängst Markus Kerber, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Er meinte in einem Interview, wer angesichts voller Staatskassen für Steuererhöhungen sei, „leidet unter kognitiver Dissonanz“.

Als politisches Schimpfwort ist kognitive Dissonanz ohnehin zu schade. Denn es geht um eine Theorie, die für alles Mögliche verblüffende Erklärungen liefert. Warum finden wir langweilige Diskussionen plötzlich interessant? Warum können milde Strafen besser wirken als schwere? Und warum hat ein führender Psychologe seiner Freundin einen Heiratsantrag gemacht?

Psychologen haben inzwischen oft demonstriert, dass Menschen kognitive Dissonanzen nicht mögen. Missliebige Fakten leugnen sie deshalb einfach. So finden Fleischesser, dass Kühe weniger Geist besitzen als Pferde. Begeisterte Computerspieler bezweifeln Forschungsergebnisse, nach denen Ballerspiele aggressiv machen. In einer Untersuchung konfrontierte Drew Westen von der Emory University in Atlanta überzeugte Parteigänger mit angeblichen Aussagen ihres Kandidaten, die sich widersprachen. Die Parteifans fanden, so sehr widersprächen die Äußerungen sich auch wieder nicht. Was sich dabei im Gehirn der Probanden abspielte, erfasste Westen mit einem Magnetresonanztomografen.

In den normalerweise fürs Nachdenken zuständigen Hirnregionen tat sich nicht viel.

Die Herrschaft hatten für Gefühle zuständige Gebiete übernommen. Oft treten kognitive Dissonanzen nach Entscheidungen auf. Womöglich war die Entscheidung ja falsch. Um solchen Zweifeln zu begegnen, schätzen wir das höher, was wir haben. In einem klassischen Experiment gab sich ein Forscher als Warentester aus und bat Frauen, Toaster zu bewerten. Als Dank schenkte er ihnen ein Gerät. Als sie es wenig später nochmals beurteilen sollten, fanden sie es deutlich attraktiver als vordem.

Für ganz besonders wertvoll halten wir, was wir nur unter großen Mühen erlangt haben. In einer berühmten Studie von Eliot Aronson aus dem Jahr 1959 mussten Studentinnen zunächst einen „Peinlichkeitstest“ absolvieren. Es galt,

obszöne Wörter laut vorzulesen, was jungen Damen damals nicht leichtfiel. Doch nur so konnten sie offizielle Mitglieder einer Sex-Diskussionsrunde werden. Die erwies sich allerdings als gähnend langweilig. Doch den Gedanken, dafür die hochnotpeinliche Aufnahmeprozedur mitgemacht zu haben, ertrugen die Probandinnen nicht. Sie stuften die unterirdische Debatte als interessant ein. Vergleichspersonen, die keine obszönen Vokabeln intoniert hatten, taten dies nicht.

Nur wenn wir unser Verhalten vor uns selbst rechtfertigen können, schaffen wir es, kognitive Dissonanzen zu vermeiden. Das hat verblüffende Konsequenzen. Aronson verbot Kindern, mit attraktiven Sachen zu spielen, woran die sich auch brav hielten. Hinterher wurden die Kinder gefragt, wie toll sie die verbotenen Attraktionen fanden. War ihnen eine milde Strafe angedroht worden, stuften die Kinder die Spielzeuge als nicht sehr attraktiv ein. Sie brauchten einen Grund, warum sie nicht mit ihnen gespielt hatten, obwohl nichts Ernstes drohte. Mussten sie dagegen mit einer harten Strafe rechnen, benötigten sie keinen weiteren Grund. Darum verlangte es sie nach wie vor nach den verbotenen Spielzeugen. Moral: Milde Strafen sind besser, denn dann rechtfertigen Kinder das erwünschte Verhalten für sich selbst. Drohten dagegen ein Donnerwetter, wissen sie genau, dass sie nur aus Angst vor Strafe parieren.

Kognitive Dissonanzen lassen sich nicht nur in der Erziehung, sondern auch in der Gesundheitsprävention nutzen. Forscher ließen Studierende vor einer Videokamera Plädoyers für die Verwendung von Kondomen halten. Die Filme sollten später angeblich Schülern vorgeführt werden. Gemeinerweise erinnerten die Wissenschaftler die Studenten aber daran, dass sie es mit Kondomen selbst nicht so genau nahmen – sie mussten aufschreiben, wann sie die Gummis vergessen hatten. Die so erzeugte Dissonanz sorgte dafür, dass die Studierenden noch Monate später mehr Kondome kauften.

Je gewichtiger eine Entscheidung, desto größere Dissonanz kann sie logischerweise hervorbringen. Besonderes Gewicht haben Entscheidungen, die sich nicht rückgängig machen lassen. Um Dissonanzen zu vermeiden, fühlen Menschen sich mit solchen Entscheidungen daher glücklicher. So finden Versuchspersonen eine geschenkte Fotografie schöner, wenn sie sie nicht umtauschen können. Das bewies der Harvard-Psychologe Daniel Gilbert. Gilbert folgerte, dass es seinem Privatleben gut tun müsste, wenn er seine Partnerin   nicht mehr wechseln könnte und hielt um die Hand seiner Freundin an. „Jetzt sind wir verheiratet“, erläuterte er dem Fachblatt Monitor on Psychology, „und tatsächlich liebe ich meine Frau mehr als ich meine Freundin geliebt habe, obwohl es sich um die gleiche Frau handelt.“

Jochen Paulus

Aus „Themen & Trends“ in Psychologie Heute, Ausgabe 11/2014

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