Sicherheit oder Abenteuer?

Männer und Frauen unterscheiden sich in ihren Motivationen und Lebenszielen, in ihren Geschmäckern und Vorlieben. Wie sind diese Unterschiede entstanden?

Ich möchte die Aufmerksamkeit auf eine meist völlig übersehene Tatsache lenken. Wie viel Prozent unserer Vorfahren waren Frauen? Das ist keine Trickfrage, die Antwort lautet nicht: 50 Prozent. Sicher, etwa die Hälfte aller Menschen, die jemals gelebt haben, waren Frauen. Aber wie hoch ist der Prozentsatz der Menschen, die jemals gelebt haben und von denen es heute noch Nachkommen gibt?

Vor etwa zwei Jahren haben Forschungsarbeiten mithilfe der DNA-Analyse festgestellt: Die heutige Menschheit stammt von doppelt so vielen Frauen wie Männern ab. Dies ist die am meisten unterschätzte Tatsache über die Geschlechter. Damit dieser Unterschied entstand, müssen im Laufe der gesamten Menschheitsgeschichte etwa 80 Prozent der Frauen, aber nur 40 Prozent der Männer Nachkommen produziert haben.

Jedes Kind hat einen biologischen Vater und eine Mutter, und wenn die Herkunftszahlen von 80:40 Prozent stimmen, dann hatten einige Männer sehr viele Kinder, während ein größerer Teil ohne Nachkommen blieb. Manche Väter waren also besonders aktiv – sie hatten mehr als die durchschnittliche Menge an Kindern, einige Männer setzten Dutzende, manchmal sogar Hunderte von Kindern in die Welt. Wenn wir also den biologischen Wettbewerb betrachten, stoßen wir auf diese Tatsache: Männer sind an einem Ende der Skala extrem erfolgreich in der Fortpflanzung, am anderen Ende jedoch gibt es sehr viel mehr Verlierer unter den Männern als unter den Frauen.

In Geschichte und Vorgeschichte waren die Chancen, Nachkommen zu haben, für Frauen immer besser als für Männer. Umgekehrt drängt sich die Frage auf, ob sich jemals 100 Frauen zusammengetan haben, um ein Schiff zu bauen und zu fernen, unbekannten Gestaden zu segeln. Männer haben das immer wieder riskiert. Sich in solche Abenteuer zu stürzen wäre aus der Sicht eines Organismus, der sich fortpflanzen will, schlicht dumm. Die Wahrscheinlichkeit, zu ertrinken, an einer Krankheit zugrunde zu gehen oder von fremden Kriegern erschlagen zu werden, ist einfach zu groß. Für Frauen war es immer die optimale Strategie, sich auf sicherem Terrain zu bewegen und mit möglichst allen Menschen gut Freund zu sein. Dann ist nämlich die Wahrscheinlichkeit am größten, auf Männer zu stoßen, die sich mit ihnen paaren und fortpflanzen möchten. Wir alle stammen von Frauen ab, die auf Nummer sicher gingen.

Für Männer war es immer sinnvoller, auch mal etwas zu riskieren

Diese riesigen Unterschiede im Fortpflanzungserfolg haben sehr wahrscheinlich zu Unterschieden im geschlechtstypischen Verhalten beigetragen: Frauen waren am erfolgreichsten, wenn sie Risiken minimierten, Männer waren am erfolgreichsten, wenn sie etwas riskierten. Ehrgeiz und Wettbewerbslust haben also mehr zum männlichen Erfolg beigetragen (gemessen an der Fortpflanzung). Selbst die Lust am Sex wurde durch dieses Muster geprägt. Weil es für die meisten Männer nur wenige Chancen gab, sich zu reproduzieren, mussten sie „allzeit bereit“ sein und jede Gelegenheit wahrnehmen. Es war für sie nicht sinnvoll zu sagen: „Heute nicht, ich habe Kopfschmerzen!“

Es gibt zwei Arten, „sozial“ zu sein. In der Sozialpsychologie neigen wir dazu, nur die engen, intimen Beziehungen zu beachten, und tatsächlich mögen Frauen in diesen „besser“ sein als Männer. Aber sozial kann man auch in einem größeren Rahmen sein, in weiteren Netzwerken mit flacheren Beziehungen. In diesem Bereich sind Männer vielleicht sogar sozialer als Frauen. Diese beiden Aspekte von „sozial“ gleichen der Frage, ob man lieber ein paar wenige enge Freunde haben möchte oder lieber möglichst viele Leute kennen will.

Männer definieren sich über Eigenschaften und Fähigkeiten, in denen sie Besonderes leisten und sich von anderen unterscheiden. Das weibliche Selbstkonzept dagegen betont die Eigenschaften, in denen eine Frau mit anderen übereinstimmt. Männer wollen sich abheben, weil es eine wichtige Voraussetzung ist, zu reüssieren und etwas Wesentliches in eine größere Gruppe einzubringen. Wenn du der Einzige in einer Gruppe bist, der eine Antilope mit dem Pfeil erlegen, eine Quelle finden, mit den Göttern sprechen oder einen Elfmeter todsicher verwandeln kann, dann braucht die Gruppe dich. Große Gruppen schüren bei ihren Mitgliedern das Bedürfnis, sich irgendwie hervorzutun, um den Wert für die Gruppe zu beweisen.

Das ist anders in einer Zweierbeziehung. Ein Ehemann wird seine Frau oder sein Kind auch dann lieben, wenn sie nicht Trompete spielen können. Es ist für Frauen nicht wichtig, sich ständig zu profilieren.

Roy F. Baumeister

Roy F. Baumeister, Jahrgang 1953, ist Professor für Sozialpsychologie an der  University of Queensland in Australien. Er ist einer der renommiertesten und produktivsten Sozialpsychologen unserer Zeit und Autor zahlreicher sozialpsychologischer Fachbücher. Der hier abgedruckte Artikel basiert auf einem Vortrag, den Baumeister auf dem Kongress des Amerikanischen Psychologenverbandes APA im August 2007 in San Francisco gehalten hat, unter dem Titel: Is there anything good about men?

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Psychologie Heute-Buch Im Labyrinth der Seele: 100 Streifzüge durch die Psychologie (Beltz, Weinheim).

Mehr über Roy Baumeister lesen Sie in dem Artikel Das Porträt – Roy Baumeister: Wie tickt der Mensch? in unserer April-Ausgabe 2017

  

 

 

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