Gehirn und Gefühl

Wir haben uns angewöhnt, das Selbst als ein Produkt des Bewusstseins zu sehen. Das Selbst ist jedoch mehr als das, was unser Geist zu Gesicht bekommt. Wir haben ein bewusstes Selbst, und wir haben sehr viele unbewusste Aspekte unseres Selbst. Das bewusste Selbst ist also nur ein kleiner Teil der ganzen Person.

Sigmund Freuds dynamisches Unbewusstes war aus zwei Komponenten aufgebaut: dem Vorbewussten und dem Unterbewussten. Das Unterbewusste war vor allem ein verschlossenes Warenlager von ehemals bewussten angstvollen Gedanken, die aus dem Bewusstsein geschafft worden waren, um das Ich zu schützen. Die Auffassung der modernen Kognitionswissenschaften vom Unbewussten ähnelt eher Freuds Vorbewusstem. Dies ist eine Ebene der Informationsverarbeitung, die zu den Bewusstseinsinhalten beiträgt, aber dem Bewusstsein nicht notwendigerweise zugänglich ist.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte in der wissenschaftlichen Psychologie die Introspektion vor, die Analyse der bewussten Erlebnisinhalte. Dann kam der Behaviorismus und verbannte das Mentale. Schließlich brachten die Kognitionswissenschaften den Geist in die Psychologie zurück – aber sie brachten ihn nicht ganz zurück, sondern beschäftigten sich vor allem mit jenen vorbewussten kognitiven Operationen, die zum bewussten Erleben beitragen.

Fairerweise muss man sagen, dass die Kognitionswissenschaft sich in ihren Anfängen nicht als Wissenschaft der Psyche, sondern der Informationsverarbeitung verstand – sie entwickelte sich aus der Computerwissenschaft. Sie hatte in dieser Zeit überhaupt keine Ambition, die gesamte Psyche zu erklären. Ulric Neisser machte 1967 in seinem Buch Cognitive Psychology klar, dass die kognitive Psychologie große Bereiche wie Emotionen, Motivation oder Freuds dynamisches Unbewusstes nicht umfasst, sondern sich auf Prozesse wie Wahrnehmung, Gedächtnis oder Aufmerksamkeit beschränkt. Erst der Erfolg dieses Ansatzes führte zu einer enthusiastischen Überschätzung.

Die ersten Versuche, Kognitionen und Emotionen zusammenzubringen, bestanden aus beschrifteten Schachteln, die die kognitive Architektur abbilden sollten – und eine dieser Schachteln stellte eben die Emotionen dar. Emotionen wurden kurzerhand zu Kognitionen umdefiniert, man sah in ihnen eine Art von Gedanken über Situationen. Tatsächlich sind Emotionen jedoch viel umfassender als Gedanken; bestimmte Gedanken können die Konsequenz aus einem emotionalen Zustand sein – aber wenn wir die emotionale Reaktion selbst verstehen wollen, müssen wir viel tiefer graben und basale Mechanismen untersuchen.

Nehmen Sie einen Zustand wie Furcht – oder weniger mentalistisch ausgedrückt: die biologische Schutzreaktion. Jedes Lebewesen muss in der Lage sein, sich gegen Gefahren zu schützen – sonst würde es den nächsten Abend nicht erleben. Das gilt für Lebewesen mit großem Kortex ebenso wie für solche, die keinen Kortex oder überhaupt kein Nervensystem haben. Wenn Sie ein Bakterium in einer Petrischale halten und etwas Säure hineinträufeln, dann wird es sich davon wegbewegen. Sogar Einzeller sind also fähig, eine Gefahr zu erkennen und zu „flüchten“ – ganz ohne Bewusstsein.

Ich versuche, Emotionen zu studieren, ohne mich dabei an unseren bewussten Gefühlen festzuhaken. Oft laden sich Emotionsforscher gleich zu Beginn die Bürde des Leib-Seele-Problems auf. Sie gehen vom bewussten Erleben aus und versuchen zu verstehen, was Gefühle sind, um dann – von oben nach unten – zu erklären, wie diese Gefühle zustande kommen. Ich versuche hingegen, von unten nach oben vorzugehen, also einen Schritt zurückzutreten von den großen Emotionsentwürfen und zunächst die Grundlagen zu studieren, zum Beispiel wie das Gehirn den emotionalen Bedeutungsgehalt eines wahrgenommenen Reizes entschlüsselt und welche Prozesse dies in Gang setzt – dazu betreiben wir eine Menge Forschung, etwa Versuche mit Ratten. Emotionale Reaktionen wie das Antizipieren von Gefahren sind etwas sehr Fundamentales im Prozess des Lebens, das ich zu verstehen versuche.

Die eigenen Gefühle zu beeinflussen ist deshalb so schwierig, weil das Entscheidungszentrum unseres Gehirns kaum mit der Amygdala verbunden ist, die emotionale Reaktionen wie Furcht steuert. Umgekehrt aber ist die Amygdala stark mit dem Entscheidungszentrum verbunden. Mit anderen Worten: Die Amygdala kann unsere Gedanken weitaus stärker beeinflussen als unsere Gedanken die Amygdala. Darum ist es so schwer, aus einem emotionalen Zustand wieder herauszukommen.

Dafür gibt es einen wichtigen evolutionären Grund: Wenn man zum Beispiel von einem Raubtier angegriffen wird, ist es wenig sinnvoll, die Aufmerksamkeit nach Belieben schweifen zu lassen. Sobald das Emotionssystem eingeschaltet wird, monopolisiert es das Gehirn und fokussiert die Aufmerksamkeit. Dazu ist es geschaffen – auch wenn das im modernen Leben manchmal hinderlich sein mag.

Joseph LeDoux

Joseph LeDoux, Jahrgang 1949, ist Psychologe und Professor am Center for Neural Science der New York University. Er gilt als führender Experte bei der neurowissenschaftlichen Erforschung von Angstreaktionen. In seinem Buch Das Netz der Gefühle (1998) schildert LeDoux, wie das Gehirn emotionale Reaktionen hervorbringt. Im Buch Das Netz der Persönlichkeit (2003) erweitert er die Perspektive auf sämtliche Netzwerke des Gehirns und beschreibt unser Selbst als Produkt ihrer synaptischen Verschaltung.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Psychologie Heute-Buch Im Labyrinth der Seele – 100 Streifzüge durch die Psychologie (Beltz Verlag, Weinheim)

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