Delegation: Lebe meinen Traum!

„Mein Sohn übernimmt mal das Geschäft!“ Fast alle Eltern hegen Wünsche für die Zukunft ihrer Kinder. Doch wenn sie dabei ihre Bedürfnisse dem Kind überstülpen, kann dieses kein eigenständiges Leben führen.

Die begabte Balletttänzerin Erica ist ehrgeizig: Primaballerina möchte sie werden, am besten an einem großen Tanztheater. Dann macht ihr eine Schwangerschaft einen Strich durch die Rechnung; und es ist aus mit der Karriere. Doch schon bald beginnt Töchterchen Nina zu tanzen, immer besser wird sie, den Ehrgeiz der Mutter genau erspürend. Und siehe da: Als junge Frau wird Nina Ensemblemitglied im New York City Ballet, eine riesige Auszeichnung für eine ambitionierte Tänzerin. Doch als sie im Wettkampf um die Primaballerina-Position zum ersten Mal mit ihren eigenen unterdrückten Bedürfnissen und Trieben in Kontakt kommt, droht ihre Psyche zu zerbrechen – und die ihrer Mutter auch.

Der Film Black Swan des Regisseurs Darren Aronofsky erzählt von einer destruktiven Mutter-Tochter-Beziehung und davon, was passieren kann, wenn das Kind zum Vollstrecker der elterlichen Träume wird. Nina soll das erreichen, was Erica gern geleistet hätte, „Delegation“ nennen Experten diese bewusste oder unbewusste Weitergabe eines unerfüllten Wunsches oder Lebenstraumes an die eigenen Kinder. Das Problem: Die Bürde ist für den Nachwuchs oft zu schwer. Bisweilen verfolgen die betroffenen Kinder bis ins Erwachsenenalter Lebenspläne, die mit ihnen selbst nichts zu tun haben – und werden in manchen Fällen, so wie Nina in Black Swan, darüber schwer krank.

In der Psychotherapie ist der Begriff „Delegation“ heute fest etabliert, dabei ist er noch gar nicht so alt. Sigmund Freud kannte das Konzept der Delegation noch nicht, erst in den 1960er Jahren stellte der renommierte deutsche Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter in seiner Untersuchung Elterlicher Konflikt und kindliche Rolle die These der elterlichen Rollenzuschreibungen auf und erklärte, dass elterliche Fantasien über das Kind nicht nur positive Erwartungsvorstellungen enthielten (darüber, wie das Kind sich entwickeln solle), sondern auch negative Gedanken (wie das Kind eben nicht sein solle). Seien die Eltern konfliktbelastet, so Richter, könnten die Kinder mithilfe dieser Rollenzuschreibungen in die Bewältigung des elterlichen Konflikts eingebunden werden, beispielsweise indem sie in die Rolle des Ersatzpartners gedrängt würden oder einen Aspekt des elterlichen Selbst zugewiesen bekämen. „Die Rolle des Kindes“, schreibt Richter, „bestimmt sich aus der Bedeutung, die ihm im Rahmen des elterlichen Versuches zufällt, ihren eigenen Konflikt zu bewältigen.“

Das Kind gehört nicht mehr sich, sondern den Eltern

In den 1970er Jahren dann ging der deutsche Psychoanalytiker und Familientherapeut Helm Stierlin einen Schritt weiter und stellte die Theorie auf, dass Kinder von ihren Eltern unbewusst zu „Delegierten“ gemacht werden können: Gelinge es den Eltern nicht, unerreichte Lebensträume bewusst zu verabschieden, könnten sie diese als Aufträge an ihre Kinder weitergeben. Etwa nach dem Motto: „Lebe das Leben, das mir verboten wurde.“ Oft würden die Kinder dabei zu Ehrgeiz und Leistung angeregt, sollten großartige Akademiker, Künstler oder Sportler werden. Klassisch ist etwa der Fall der Hausfrau und Mutter, die selbst nicht Ärztin werden konnte und stattdessen ihre Kinder zum Medizinstudium treibt, damit diese an ihrer Stelle das Gewünschte erreichen. „Der Delegierte, der engagiert wird, um stellvertretend für Befriedigung zu sorgen, muss eine Ersatzfunktion erfüllen“, schreibt Helm Stierlin. „Er muss den Eltern die Erfahrungen verschaffen, die sie versäumten, als sie selbst noch Jugendliche waren.“

Nicht immer muss ein delegierter Auftrag ein Kind überfordern. Viele Kinder können sich, wenn die Eltern dies zulassen, von den Wünschen oder Vorstellungen der Eltern abgrenzen. Bisweilen mag ein delegierter Auftrag auch in einer glücklichen Berufswahl resultieren – die Unterstützung der Eltern ist dann zumindest sicher. Je weniger bewusst die elterlichen Delegationen aber ablaufen, umso bindender wirken sie. Denn das Kind erspürt die Wünsche der Eltern schnell und bringt in der Regel große Anstrengungsbereitschaft auf, um die Liebe und Anerkennung der Eltern zu sichern. Können die Eltern das nicht reflektieren, laufe das Kind Gefahr, zur „Verlängerung ihres Selbst“ zu werden, erklärt Stierlin. Das Kind darf dann kein eigenständiges Leben mehr führen, sondern wird zum Objekt der Bedürfnisbefriedigung der Eltern. Es gehört also nicht mehr sich, sondern den Eltern.

Kinder beeltern die Eltern

Eine besonders krasse Form der Delegation stellt die Parentifizierung dar, eine Umkehr der Generationenhierarchie, bei der die Eltern ihrem Kind die „Elternrolle“ zuweisen. Das ist häufig der Fall bei Kindern psychisch kranker oder extrem bedürftiger Elternteile. Das Kind muss sich dann um Aufgaben und Konflikte kümmern, die eigentlich auf Elternebene zu klären wären, wie emotionale Probleme der Eltern, Ehekonflikte oder Geschwistererziehung. Nicht selten wird das Kind dabei in Loyalitätskonflikte verstrickt. Kaum verwunderlich, dass Parentifizierung die Entwicklung eines Kindes stark beeinträchtigen kann: Die Autonomie und Individuationsentwicklung des Kindes wird gestört, die kindliche Lebendigkeit und Sorglosigkeit gehen verloren. Die Folge sind nicht selten Depressionen, somatische Beschwerden oder Essstörungen. Die mit der Parentifizierung verbundenen Entwicklungsstörungen in der Kindheit haben zum Teil Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter wie psychische Störungen oder Bindungsängste.

Klar ist also: Eltern dürfen natürlich Wünsche für die Entwicklung ihres Kind hegen, schließlich beginnt die Entwicklung eines Kindes in der Fantasie der Eltern. Diese elterlichen Vorstellungen müssen das Kind nicht belasten, im Gegenteil, sie können auch einen wichtigen Ansporn darstellen. Geht es den Eltern aber darum, ihre eigenen unerfüllten Lebensträume oder Bedürfnisse auf dem Rücken ihrer Kinder zu verwirklichen, ohne dem Kind dabei das Recht auf ein eigenes und kindgerechtes Leben zuzugestehen, laufen sie Gefahr, ihrem Sprössling in seiner Entwicklung zu schaden. Die Kinder führen dann ein fremdes Leben und müssen Anteile ihrer Persönlichkeit unterdrücken, die sich womöglich erst in schweren Krisen Bahn brechen. Wie Nina, die Balletttänzerin aus Black Swan. Als sie nach einer überwältigenden Performance als Schwarzer Schwan blutend auf der Bühne liegt, murmelt sie: „Perfekt. Ich war perfekt.“ Doch der Preis für ihre Leistung ist der Absturz in die Psychose.

Anne-Ev Ustorf 

Aus: Psychologie Heute, Ausgabe 5/2015 

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