Gestern, heute, morgen

Alle unsere Entscheidungen sind in höchstem Maße von unserer individuellen Zeitperspektive beeinflusst, die wir im Laufe unseres Lebens erlernt haben. Sie entscheidet darüber, ob wir unser Hauptaugenmerk auf die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft richten. Sie bestimmt, wie ein Mensch sein Leben betrachtet und gestaltet. Sie gibt den Rahmen vor, wie Erfahrungen verschlüsselt, abgespeichert und erinnert werden. Zudem hat sie einen entscheidenden Einfluss auf unsere Wahrnehmungen und Emotionen, unsere Erwartungen und Ziele. Die meisten Menschen entwickeln eine dominierende Zeitperspektive. Sie orientieren sich also überwiegend entweder an der Zukunft, der Gegenwart oder der Vergangenheit. Das schlägt sich in bestimmten, deutlich unterscheidbaren Lebens- und Arbeitsstilen nieder.

Zukunftsorientierte Menschen lassen sich von Szenarien ihres künftigen Lebens leiten. Sie sind zielstrebig und deshalb auch meist beruflich oder akademisch erfolgreich. Sie ernähren sich gesund, betreiben regelmäßig Sport und nutzen ärztliche Vorsorgeuntersuchungen. Andererseits sind sie oft genussunfähig in der Gegenwart. Das Leben in den meisten modernen Tempogesellschaften ist von hoher Zukunftsorientierung geprägt, und das bedeutet auch: Das individuelle Fortkommen ist ein hoher Wert, während etwa Hilfsbereitschaft anderen gegenüber ein seltenes Phänomen geworden ist. Experimente zeigen, dass Menschen unter Zeit- und Leistungsdruck deutlich weniger altruistisch sind.

Menschen mit überwiegender Gegenwartsorientierung lassen sich in ihrem Verhalten stärker von den Umweltreizen und -angeboten leiten, denen sie gerade ausgesetzt sind. Sie sind weniger ehrgeizig und strebsam, stattdessen genussorientierter als die Zukunftstypen. Sie essen und trinken gerne (und impulsiver), sie verbringen viel Zeit mit Spiel und Unterhaltung, sehen mehr fern. Sie sind weniger „gesundheitsorientiert“, treiben weniger Sport und vernachlässigen Arztbesuche und Vorsorgeuntersuchungen. Andererseits sind sie sozialer und hilfsbereiter als die Zukunftsorientierten.

Menschen mit einer vorherrschenden Vergangenheitsorientierung durchleben immer wieder Szenen ihres bisherigen Lebens. Das kann zu ambivalenten Resultaten führen: Man kann entweder in positiven Erinnerungen schwelgen, gerne auf schöne Erlebnisse mit der Familie, immer wieder auf Erfolge und glückliche Momente zurückblicken – und Selbstbewusstsein aus diesen Erinnerungen schöpfen. Oder die Gedanken kreisen unablässig um seelische Verletzungen, Niederlagen und leidvolle Erfahrungen, was zu lähmenden Depressionen, Schuld- oder Rachegefühlen führen kann. Diese unterschiedlichen Sichtweisen auf die eigene Vergangenheit bilden einen persönlichen Bezugsrahmen, der die Alltagsentscheidungen in hohem Maße beeinflusst.

Die jeweilige Zeitperspektive verzerrt unsere Wahrnehmung. Sie macht uns blind für bestimmte Dinge, errichtet Gedankenbarrieren, lässt uns alles aus einem ganz bestimmten Blickwinkel sehen. Eine starre Zeitperspektive macht es daher schwierig, aus der Vergangenheit zu lernen, die Gegenwart zu genießen oder die Zukunft zu planen. Eine flexible Zeitperspektive hingegen erweitert unsere Wahrnehmung, indem sie uns einen Sichtwechsel ermöglicht und wir uns besser einer Situation anpassen können. Je nach den Erfordernissen der Situation ist eine bestimmte Zeitperspektive günstiger als die anderen, die nun in den Hintergrund treten sollten. Wenn wir beispielsweise eine Arbeit zu erledigen haben, ist die Zukunftsorientierung am sinnvollsten. In unserer Freizeit hilft uns eine hedonistische Gegenwartsorientierung dabei, diese zu genießen. An Feiertagen ist vielleicht die positive Vergangenheitsorientierung am besten geeignet, um gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen.

Eine positive Sicht auf die eigene Vergangenheit zu haben gibt uns Wurzeln. Eine akzeptable oder sogar glückliche Vergangenheit verleiht uns ein Gefühl für die Kohärenz der eigenen Person und für die Kontinuität des Lebens. Die positive Vergangenheitsperspektive gibt inneren Halt und ermöglicht es, sich mit Familie, Kultur und dem „größeren Ganzen“ verbunden zu fühlen.

Die Zukunftsorientierung versorgt uns mit der nötigen Hoffnung, mit Optimismus und Lebensenergie, um nach glücklichen Szenarien in der Zukunft zu streben. Sie verleiht uns Flügel, mit deren Hilfe wir Herausforderungen erfolgreich meistern können. Mithilfe einer positiven Zukunftsperspektive können wir es wagen, von sicheren und bekannten Wegen abzuweichen und etwas Neues auszuprobieren.

Eine gemäßigt hedonistische Gegenwartsorientierung sorgt für ausreichende Energie und Lebensfreude im Alltag. Diese Energie lässt uns auf andere Menschen zugehen, neue Orte erkunden und uns auch selbst immer wieder neu entdecken. Maßvoller Hedonismus öffnet die Sinne und lässt uns Freundschaften und die Natur wertschätzen.

Wenn Sie Ihre starre und verzerrte Zeitperspektive durch eine flexible und ausgeglichene Zeitperspektive ersetzen, wird dies Ihre Lebensqualität bedeutend erhöhen. Arbeiten Sie hart, wenn es etwas zu tun gibt, aber genießen Sie Ihre Zeit, wenn Sie frei haben. Übernehmen Sie mehr Kontrolle über Ihr Leben – und genießen Sie es!

Philip G. Zimbardo

Philip G. Zimbardo, 1933 in New York geboren, ist emeritierter Psychologieprofessor an der kalifornischen Universität Stanford. Berühmt wurde er als Initiator des Stanford Prison Experiment. Zimbardo schrieb über 50 Bücher, darunter das weltweit erfolgreichste Lehrbuch zur Psychologie. 2008 erschien auf Englisch sein Buch The Time Paradox (mit Koautor John Boyd).

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Psychologie Heute-Buch Im Labyrinth der Seele: 100 Streifzüge durch die Psychologie (Beltz, Weinheim).

Mehr zum Thema Zeit lesen Sie in dem Artikel Augenblick mal! Psychologie und Philosophie der Gegenwart

 

 

 

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