Flow – alles fließt

Manche Menschen – oft sind es Künstler und Wissenschaftler – besitzen eine beneidenswerte Fähigkeit: Sie versinken völlig in ihr Tun, arbeiten wie besessen an ihren Werken, um sich nach deren Fertigstellung wieder unbeschwert neuen Aufgaben zuzuwenden. Warum sie zu einer solchen Leistung in der Lage sind, wollte Ende der 1960er Jahre der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi wissen. Die Frage war der Ausgangspunkt für das große Forschungsthema, das ihn seitdem nicht mehr losgelassen hat: Was macht ein Leben lebenswert, und unter welchen Bedingungen fühlen sich Menschen glücklich? Der Wissenschaftler der Universität von Chicago und sein Team interviewten Hunderte Menschen unterschiedlichster Berufe wie Chirurgen, Bergsteiger, Schachspieler und Rocktänzer, um herauszufinden, was sie bei ihrer Tätigkeit empfanden. Gemeinsam war ihnen allen, dass sie ihren Beruf oder ihr Hobby liebten. Über ihre Gefühle sprachen die Befragten immer mit ähnlichen Worten wie „es geht wie von selbst“ oder „alles fließt einfach und glatt“. Das war die Geburtsstunde eines der populärsten Begriffe der modernen Psychologie: Flow.

Die Ergebnisse seiner Forschungen veröffentlichte Csikszentmihalyi 1975 in Beyond Boredom and Anxiety (Dt.: Das Flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile) und wurde damit zum Wegbereiter der positiven Psychologie. Seinen Beobachtungen zufolge sind sechs Bedingungen erforderlich, damit sich eine  Flowerfahrung einstellen kann: Man fühlt sich nicht getrennt von dem, was man tut; eine fokussierte Konzentration; Verlust der Selbstaufmerksamkeit; das Gefühl, Kontrolle über seine Tätigkeit zu haben; unmittelbares und eindeutiges Feedback über das Handeln; eine autotelische Persönlichkeit, also jemand, der das Tun an sich als belohnend erfahren kann. Die letztgenannte Komponente erklärt auch, warum Künstler nach einer beendeten Arbeit wieder neue Dinge ins Auge fassen können. Äußere Ziele oder Belohnungen stehen für sie nicht an erster Stelle.

Die Zeit scheint still zu stehen

Die üblicherweise benutzte Methode, um Flow zu untersuchen, nennt sich ESM (experience sampling method). Die Studienteilnehmer erhalten für einige Tage einen Signalgeber, der sie mehrmals täglich auffordert, einen Fragebogen zu ihrer momentanen Tätigkeit und zu ihrer Befindlichkeit auszufüllen. Der Nachteil des Verfahrens: Die Probanden müssen sehr motiviert sein, damit sie die Fragebögen auch gewissenhaft ausfüllen. Als einen weiteren Bestandteil der Flowerfahrung identifizierte man ein verändertes Zeitempfinden, weil die Zeit währenddessen still zu stehen scheint. Wichtig sind außerdem klar formulierte Ziele, die es ermöglichen, den Verlauf einer Aufgabe zu steuern. Tiefes Versunkensein in einer glatt laufenden Tätigkeit setzt ein aktives Tun voraus. Daher erlebt man wohl keinen Flow beim stillen Genießen eines Sonnenuntergangs. Die betreffende Person muss außerdem bestimmte Fähigkeiten besitzen, um ihre Aufgabe zu erledigen. Die Tätigkeit sollte leicht herausfordernd sein, das heißt, ein guter und erfahrener Kletterer gerät an einer Wand für Anfänger nicht in einen Flowzustand, sondern wird sich schnell langweilen. Wenn die Aufgabe dagegen die Fähigkeiten einer Person zu stark überfordert, reagiert sie mit Unruhe und vielleicht sogar mit Angst. Ursprünglich glaubte Csikszentmihalyi, dass nur Experten eines Fachs Flow erleben können, also dann, wenn hohe Anforderungen und hohes Können zusammentreffen. Tatsächlich geraten Menschen mit höherem Kompetenzniveau wohl leichter in den Zustand. Nur wer seine Geige einigermaßen beherrscht, kann sich tief in sein Spielen versenken. Aber mit etwas Übung kann man Flow auch mit dem Computerspiel Tetris und dem Spiel Wer wird Millionär? erfahren, wie zum Beispiel die deutschen Psychologen Johannes Keller und Anne Keller in ihren Experimenten zeigten. Eine ganze Reihe von Studien hat in den vergangenen Jahrzehnten zudem nachgewiesen, dass Flow in Arbeitssituationen häufiger auftritt als in der Freizeit.

Flow verursacht nicht zwangsläufig Glücksgefühle

Trotzdem sagten die befragten Studienteilnehmer während der Arbeit häufiger als in der Freizeit, sie würden jetzt lieber etwas anderes tun. Das Phänomen wird als Paradoxon der Arbeit bezeichnet und bedeutet, dass Flow und Glücksgefühle nicht unbedingt gleichzeitig auftreten, worauf Csikszentmihalyi aber auch schon hingewiesen hatte. So ergab zum Beispiel eine Studie bei Felskletterern, dass sie zwar in den Flowzustand gerieten, sich aber während des Aufstiegs nervös und angespannt fühlten, nicht verwunderlich angesichts der Lebensgefahr. Glücklich und zufrieden fühlten sich die untersuchten Personen erst nach dem Ende ihrer Expedition. Flow hat also nicht nur positive Aspekte. Abhängig von der Art der Tätigkeit reagieren Probanden mit Stress und niedriger Herzratenvariabilität. So wiesen viele Studien eine erhöhte Ausschüttung des Stresshormons Kortisol im Speichel von Teilnehmern nach und eine verminderte Fähigkeit des Herzens, den zeitlichen Abstand von einem Herzschlag zum nächsten laufend anzupassen – ein sicheres Anzeichen für psychische und physische

Belastung. Flow kann außerdem zu suchtähnlichem Verhalten führen, wobei Menschen sich und andere gefährden können, sei es durch Auto- und Motorradfahren mit extremer Geschwindigkeit, freies Felsklettern ohne Absicherung oder exzessives Videospielen.

Aus frühen Zeiten berühmt ist eine weitere bedenkliche Form von Flow – der Furor, ein rauschähnlicher Zustand, in den zum Beispiel Krieger der Wikinger geraten sein sollen. Kritisiert wurde auch das Bestreben einiger Psychologen, Flow als eine Art Heilsweg für Glückserfahrungen zu etablieren. Csikszentmihalyi selbst machte den Anfang mit seinem Buch Flow: The Psychology of Optimal Experience (Dt.: Flow. Das Geheimnis des Glücks).

Die Forschung und Diskussion über Flow ist jedenfalls auch vier Jahrzehnte nach seiner Entdeckung im vollen Gang: Kein Wunder, die Möglichkeit, „mit sich und seinem Tun eins zu sein“ verliert nicht an Faszination.

Anne-Ev Ustorf 

Aus: Psychologie Heute, Ausgabe 6/2015
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