Der psychologische Begriff: Verdrängung

Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind auf der Welt, das durch einfachste Mittel gerettet werden könnte. Und auch wir werden irgendwann sterben, vielleicht schon in Kürze, falls wir Pech haben und von einem Auto oder bösartigen Virus erwischt werden. Manche Dinge sind so fürchterlich, dass wir lieber nicht an sie denken, obwohl sie doch tagtäglich passieren. Wären sie uns aber ständig bewusst, könnten wir mit Sicherheit nicht mehr ruhig schlafen. Wir verdrängen die Schattenseiten und existenziellen Bedrohungen unseres Lebens, schieben die unbequemen Gedanken oder Gefühle ins Unbewusste ab, um einigermaßen unbeschwert durch den Tag zu kommen.

Verdrängung – der Begriff stammt von Sigmund Freud, der die Verdrängung als wichtigen Abwehrmechanismus beschrieb und von zwei verschiedenen Systemen des Unbewussten ausging: „Wir sehen, dass wir zweierlei Unbewusstes haben, das latente, doch bewusstseinsfähige, und das Verdrängte, nicht bewusstseinsfähige“, schrieb der Psychoanalytiker 1923 in seinem Werk Das Ich und das Es. Während die Erinnerungen im latenten Unbewussten lediglich „ruhten“ und bei Bedarf jederzeit wieder zugänglich seien, halte das dynamische Unbewusste mithilfe eines Zensors bedrohliche Wünsche, Fantasien, Erinnerungen und Schuldgefühle unter Verschluss. Freud zufolge entstammen die dort eingekerkerten Denkinhalte jedoch nicht nur gegenwärtigen Erfahrungen, sondern können ihren Ursprung auch in weit zurückreichenden Kindheitserlebnissen haben. Legendär ist der Fall der ersten psychoanalytischen Patientin Anna O., die sich unter anderem weigerte, aus Gläsern zu trinken. Erst unter Hypnose erinnerte sie sich, dass sie früher einmal Hunde aus ihrem Glas habe trinken sehen und dies als so ekelerregend empfunden habe, dass sie die Erinnerung „verdrängt“ habe, schrieben Freud und sein Kollege Josef Breuer im Jahr 1895. Zurück blieb nur das Symptom.

Doch wie funktioniert die Verdrängung ins Unbewusste? Freud zufolge zensiert das dynamische Unbewusste Denkinhalte schon, bevor sie überhaupt in Worte gekleidet werden können. Eine Frau, die verbotenerweise ihren Schwager begehrt, könnte Freud zufolge diesen Impuls derart schnell ins Unbewusste abschieben, dass sie dieses Begehren gar nicht erst bewusst verspürt. Stattdessen komprimiert, verschiebt und verfremdet das dynamische Unbewusste die Denkinhalte soweit, dass sie sich einer schnellen Erschließung entziehen. Gelinge diese Verdrängung nicht vollständig, könne es zu Symptomen in Form von Träumen, Fehlleistungen, Blockaden und Neurosen kommen, schrieb Freud. Auch spätere Lebenssituationen könnten die verdrängten Konflikte wieder aktualisieren, vor allem dann, wenn die verdrängten Gefühle noch aus der Kindheit stammten. Mit diesem Material arbeitet dann die Psychoanalyse, die darauf abzielt, verdrängte Inhalte aus dem Unbewussten ins Bewusstsein aufsteigen zu lassen und dann zu bearbeiten. „Positives vergisst man“, glaubt der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, „doch alles, was die vitale Bindung zwischen Mutter und Kind gefährdet, fällt besonders leicht der Verdrängung anheim.“

Während die Psychoanalyse die Verdrängungslehre fest verinnerlicht hat, ist sie  wissenschaftlich allerdings schwer zu belegen. Viele Jahrzehnte galt sie als spekulativ und experimentell nicht messbar. Doch im letzten Jahrzehnt brachten die Neurowissenschaften Licht ins Dunkel: Im Jahr 2012 wiesen Forscher der Universitäten Regensburg und Konstanz nach, dass Menschen Dinge ganz gezielt aus ihrem Gedächtnis löschen können. Ein Forscherteam unter Leitung der kognitiven Psychologen Karl-Heinz Bäuml und Simon Hanslmayr forderte verschiedene Versuchspersonen auf, zuvor eingeprägte Informationen zu vergessen und mit aktuelleren zu überschreiben. Tatsächlich gelang das den Probanden. Per Kernspintomografie und EEG zeichneten die Forscher dann auf, was währenddessen im Gehirn geschah – und fanden dabei heraus, dass das Gehirn mithilfe spezieller Steuerungsprozesse im Hippocampus (zuständig für den Erwerb neuer Gedächtnisinhalte) und präfrontalen Kortex (zuständig für die Integration von Gedächtnisinhalten) unerwünschte Gedanken durch Übung willentlich unterdrücken kann. Das Vergessen ist also nicht nur ein passiver Prozess, bei dem unwichtige Erinnerungsinhalte verblassen und verschwinden, sondern bisweilen auch ein aktiver Prozess, der psychische Arbeit erfordert. „Man kann seine Erinnerungen nicht kontrollieren, aber wahrscheinlich manipulieren wir ganz bewusst, woran wir denken wollen oder was wir lieber vergessen“, glaubt auch Martin Conway, Professor für Kognitive Psychologie an der City University London.

Die willentliche Unterdrückung gezielter Inhalte belegt allerdings noch nicht das freudsche Konzept der Verdrängung. Denn Freud zufolge findet die Verdrängung unbewusst statt – und zwar ausschließlich bei konfliktbesetzten Denkinhalten. Der Neurowissenschaftler Nikolai Axmacher von der Universität Bonn dachte sich deshalb ein Testverfahren aus, bei dem Probanden zu konfliktbezogenen Sätzen wie „Ich schäme mich darüber, wie ich bin“ assoziieren mussten. Eine Stunde nach dem Experiment zeigten Gedächtnistests, dass die Probanden diejenigen Wörter, die ihnen besonderen Stress bereitet hatten, schon wieder vergessen hatten. Im Kernspintomografen erschien dabei jedoch ein anderes Muster als bei Bäuml und Hanslmayr: Hier waren der Hippocampus und der anteriore cinguläre Cortex (zuständig für die Konfliktverarbeitung) aktiv. „Bei unserem Experiment scheint das Vergessen also nicht durch eine willentliche Kontrolle erfolgt zu sein, sondern im Zusammenhang zu stehen mit der Aktivierung von Konflikten“, schlussfolgerte Axmacher. Womöglich waren die schambesetzten Begriffe also tatsächlich unbewusst „verdrängt“ worden. 

Fazit: Menschen sind zu beidem in der Lage, sowohl zum unbewussten Verdrängen aufgrund innerer Konflikte als auch zum bewussten Verdrängen aufgrund der Entscheidung, an etwas nicht mehr denken zu wollen. Klar ist aber auch, dass das Verdrängen in erster Linie eine wichtige und gesunde Eigenschaft unseres Gehirns ist. Zwar kann die Verdrängung schmerzlicher Inhalte psychosomatische oder neurotische Symptome produzieren, viel schlimmer als zu verdrängen ist aber, dazu nicht in der Lage zu sein. Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen etwa vergessen ihre fürchterlichen Erinnerungen nicht mehr, sondern müssen sie immer wieder durchleben, zum Beispiel in Form von Flashbacks. Auch Schizophrene zeigen oft sogenannte „inhibitorische Defizite“, also eine schwache Verdrängungsfähigkeit, die wiederum zu Reizüberflutung und seelischem Stress führt. Mit den existenziellen Bedrohungen unseres Lebens können wir also besser umgehen, wenn unsere Verdrängungskraft nicht allzu durchlässig ist. Eigentlich keine neue Erkenntnis. In seinem Werk Das Gedächtnis und seine Störungen schrieb der französische Psychologe und Philosoph Théodule Ribot bereits 1882: „Vergesslichkeit ist keine Krankheit des Gedächtnisses, sondern eine Voraussetzung für seine Gesundheit.“

Anne Ev-Ustorf

Mehr über Sigmund Freud und sein Werk lesen Sie in diesen beiden Artikeln: 

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