Der psychologische Begriff: Die selbsterfüllende Prophezeiung

Im März 1979 warnten kalifornische Zeitungen ihre Leser vor einer drohenden Benzinverknappung. Die dramatischen Berichte schienen durchaus berechtigt zu sein, denn im Iran hatten die Ayatollahs den Schah gestürzt. Die Ölproduktion des Landes brach ein. Auf der ganzen Welt wurde panisch Öl eingekauft. Auch die kalifornischen Autofahrer stellten sich in langen Warteschlangen an die Tankstellen, um ihre Tanks zu füllen. Der Ansturm führte dazu, dass die Benzinvorräte tatsächlich zur Neige gingen. Aber es war ein falscher Alarm. Denn kurze Zeit später stellte sich heraus, dass die Ölgesellschaften ihre Zuteilungen für Kalifornien nur zu einem geringen Teil vermindert hatten.

Die Knappheit wäre also nicht eingetreten, hätten die Medien das Ereignis nicht vorausgesagt – ein Paradebeispiel einer selbsterfüllenden Prophezeiung (self-fulfilling prophecy). Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick machte den Begriff populär, unter anderem in seinen Büchern Anleitung zum Unglücklichsein und Die erfundene Wirklichkeit. Watzlawick definierte das Phänomen etwas kompliziert mit den folgenden Worten: „eine Annahme oder Voraussage, die rein aus der Tatsache heraus, dass sie gemacht wurde, das angenommene, erwartete oder vorhergesagte Ereignis zur Wirklichkeit werden lässt und so ihre eigene ‚Richtigkeit‘ bestätigt“. Geprägt hat den Ausdruck jedoch der amerikanische Soziologe Robert K. Merton. In dem 1948 erschienenen Text The self-fulfilling prophecy weist er nach, wie Menschen mit bestimmten Erwartungen und Handlungen Einfluss auf die Umwelt nehmen und sie damit in die erwartete Richtung verändern.

Selbsterfüllende Prophezeiungen treten in vielen Varianten auf, für die man schöne Bezeichnungen gefunden hat. So beruht der Matthäuseffekt auf der schon der Bibel bekannten Beobachtung, dass denjenigen mehr gegeben wird, die einen guten Ruf und eine hohe soziale Position haben. Ein immer aktuelles Beispiel: Bekannte wissenschaftliche Autoren werden oft zitiert, was dazu führt, dass sie noch bekannter werden.

Ein berühmtes Experiment der amerikanischen Psychologen Robert Rosenthal und Lenore Jacobson aus dem Jahre 1965 untersuchte die Erwartungen von Lehrern an ihre Schüler. Die Wissenschaftler täuschten die Lehrer, indem sie vorgaben, bestimmte Schüler hätten bei einem Intelligenztest sehr gut abgeschnitten und würden kurz vor einem Entwicklungsschub stehen. In Wirklichkeit hatten Rosenthal und Jacobson die Namen willkürlich ausgewählt. Nach einem Jahr ergab ein Intelligenztest, dass die Testwerte der angeblich schlauen Schüler insgesamt höher waren als die anderer Schüler einer Kontrollgruppe. Dies galt allerdings in erster Linie für die Kinder der unteren Klassenstufen und für die mexikanischen Schüler. Die Noten hatten sich jedoch kaum verbessert. Doch die Lehrkräfte beurteilten am Ende der Untersuchung die zufällig ausgewählten Schüler deutlich positiver als deren Klassenkameraden – sowohl hinsichtlich des Sozialverhaltens, der äußeren Erscheinung, aber auch der schulischen Leistungen. Das Experiment wurde dann Pygmalioneffekt getauft und ist seither einige Male in Studien überprüft worden.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte untersuchten Wissenschaftler noch andere Lebensbereiche, in denen unsere Vorstellungen über die Zukunft ein bestimmtes Ereignis hervorrufen können. So zeigten 2010 australische Forscher, dass alte Menschen, die in Angst vor Stürzen leben, tatsächlich öfter hinfallen. Segensreich erwies sich dagegen der optimistische Glaube an die eigene Herzgesundheit für amerikanische Männer, obwohl sich die ärztlichen Befunde nicht immer mit der eigenen Einschätzung deckten. Für ihre Studie befragten der Mediziner Robert Gramling und seine Kollegen von der amerikanischen Universität Rochester 2800 Männer. Die Optimisten unter ihnen hatten im Vergleich zu jenen Teilnehmern, die sich um ihr Wohlergehen sorgten, ein deutlich vermindertes Risiko, in den folgenden 15 Jahren an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben. Ebenfalls um eine Spielart der selbsterfüllenden Prophezeiung handelt es sich beim Placeboeffekt, wenn Patienten auf Scheinmedikamente positiv reagieren. Daher sind gute klinische Studien „doppelblind“. Weder die Studienleiter noch die Probanden wissen, wer das echte Medikament und wer ein Placebo bekommt. Die Regelung soll verhindern, dass die Erwartungen der Teilnehmer das Studienergebnis beeinflussen.

Selbsterfüllende Prophezeiungen lassen sich nicht nur in größeren sozialen Zusammenhängen beobachten. Auch in der direkten Kommunikation mit anderen Menschen kommt es häufig vor, dass sich jemand genau so verhält, wie wir es befürchtet oder erhofft hatten. Wer zum Beispiel überzeugt ist, langweilig und uninteressant zu sein, verhält sich wahrscheinlich seiner Umwelt gegenüber eher misstrauisch und ängstlich. Eine solche Haltung verschreckt aber leicht andere Menschen, die dann einen Kontakt lieber meiden. Und schon sind die Ängste wieder einmal bestätigt worden.

Die Erwartungen auf ein in der Zukunft eintretendes Ereignis können also unter Umständen sehr einschneidende Veränderungen auslösen. Damit kommt ein spannender philosophischer Aspekt ins Spiel: Wieweit konstruieren wir selbst unsere Wirklichkeit, wenn die Zukunft die Gegenwart bestimmt? Allerdings: Eine erfundene Wirklichkeit tritt nur dann ein, wenn wir daran glauben. Ansonsten kann, wie Paul Watzlawick schreibt, eine Prophezeiung, von der wir wissen, dass sie nur eine Prophezeiung ist, nicht mehr selbsterfüllend sein. Daher ist es gerade für einen therapeutischen Prozess eminent wichtig, die meist unbewussten und negativen Einstellungen zu erkennen, die zu einem unglücklichen Leben beitragen. Denn je bewusster Verhalten, Gefühle, Gedanken und Wirkung werden, desto größer ist auch die Chance, sein Leben wieder selbst aktiv zu gestalten.

Angelika Sylvia Friedl

Aus: Psychologie Heute, Ausgabe 12/2014

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