„Alle Menschen denken in Mentalesisch“

Denken Chinesen anders als Deutsche, weil sie eine andere Sprache sprechen? Bestimmt unsere Muttersprache über unsere Art zu denken? Nein, sagt der Kognitionswissenschaftler Steven Pinker, alle Menschen denken in einer weltweit gleichen Sprache, in „Mentalesisch“. Im Interview erklärt er, wie Denken und Sprache zusammenhängen.

Brauchen wir Sprache, um denken zu können?

Nein, ich glaube, Sprache und Denken sind voneinander getrennt. Vermutlich könnte man menschenähnliche Roboter nie ohne jeweils separate Software für Denken und Sprache bauen. Es gibt dafür verschiedene Anhaltspunkte: Taubstumme, die nie eine Zeichensprache gelernt haben, können zum Beispiel sehr gut ihre Lebensgeschichte mimen oder ein Fahrradschloss reparieren, obwohl das einer ziemlich entwickelten Vorstellungsgabe bedarf. Tiere ohne komplexe Sprache wie zum Beispiel Affen haben ein hoch entwickeltes Denken. Selbst Säuglinge, die noch nicht sprechen können, registrieren Objekte, Mengen und Kausalitäten. Die Entwicklungspsychologin Karen Wynn hat dazu sehr interessante Experimente gemacht: Man zeigt einem fünf Monate alten Säugling eine Puppe. Er sieht sie eine Zeitlang an und wendet sich dann gelangweilt ab. Man verdeckt die Puppe mit einem Wandschirm, lässt auffällig eine zweite Puppe hinter dem Wandschirm verschwinden und zieht anschließend die Abdeckung wieder weg. Wenn zwei Puppen hinter dem Wandschirm auftauchen, ist der Säugling eher desinteressiert. Taucht aber wider alle Logik nur eine Puppe auf oder gar drei, starrt er sehr lange auf die Szene. Auch Säuglinge müssen also schon irgendeine Vorstellung von Addition und Subtraktion haben.

Einige Kinder sprechen früher, andere später. Warum?

Das ist so ähnlich wie mit den Wachstumsschüben bei Zähnen und hängt mit individuellen Unterschieden in der Reifung des Gehirns zusammen. Ich denke, es gibt eine Art Uhr für diese Prozesse im Gehirn. Mit fünf bis sechs Monaten fangen die Kinder gewöhnlich an zu brabbeln und lernen, welche Töne mit welchen Muskelbewegungen korrespondieren. Diese Bewegungen sind nicht angeboren, da sie bei jeder Zungen- und Mundform anders ausfallen müssen. Die Kinder adjustieren also erst einmal die Töne, so wie wir mit den Knöpfen eines neuen Stereogeräts herumspielen. Mit zehn oder elf Monaten fangen Kinder auf der ganzen Welt dann an, einzelne Worte zu verstehen und Gegenstände, Wünsche, Ablehnung sowie Auftauchen oder Verschwinden zu bezeichnen. Nach anderthalb Jahren entstehen die ersten Mikro-Sätze: „mehr Milch“ oder „alle draußen“. Schließlich kommt es mit ungefähr zwei Jahren zur Explosion grammatikalischer Komplexität, und mit dreieinhalb Jahren haben Kinder beinahe die ganze Grammatik ihrer mündlichen Sprache im Griff. Niemand weiß bisher genau, warum das so schnell geht.

Bestimmt unsere Muttersprache die Art unseres Denkens?

Ein beliebtes Partygesprächsthema dreht sich um die Frage, ob Menschen mit exotischen Sprachen anders denken als wir und ob die verschiedenen Kulturen unterschiedliche Begriffe von Realität prägen. Sicher war die Idee, dass Sprache das Denken forme, so lange plausibel, als man noch wenig über das Denken erforscht hatte. Inzwischen wissen wir aber mehr: Menschen denken nicht in Englisch oder Chinesisch, sondern vermutlich in einer weltweit gleichen Sprache, die abstrakte Symbole für Begriffe hat und bestimmte Anordnungen von Symbolen für Aussagen darüber, „wer was wem angetan hat“. Dieses „Mentalesisch“ ist vermutlich reicher als Englisch oder Deutsch, da es zum Beispiel für ein Wort wie „Stuhl“ je nach Kontext verschiedene Symbole haben dürfte. Es ist aber auch einfacher als diese Sprachen, da es verschiedene Sätze mit gleicher Bedeutung – zum Beispiel „John sprühte die Wand mit Farbe voll“ oder „Die Wand wurde von John mit Farbe vollgesprüht“ – jeweils als eine Aussage symbolisiert. Kürzlich fragte mich ein Reporter, ob der spezifisch deutsche Begriff „Schadenfreude“ etwas über den Charakter der Deutschen aussage. Ich habe ihm geantwortet, dass man den Begriff erstens auch als Nichtdeutscher sofort verstehe und zweitens Menschen ohne ein Wort für „Schadenfreude“ das Gefühl erwiesenermaßen nicht seltener empfänden.

Ihrer Theorie nach ist die Sprache keine geniale Errungenschaft des Menschen, sondern ein ganz normaler Instinkt wie der Geschlechtstrieb oder der Fluchtinstinkt. Können Sie das genauer erklären?

Die Existenz eines Sprachinstinkts bedeutet, dass es im Gehirn Schaltkreise gibt, die speziell für die Kommunikation mit Worten angelegt sind und die unabhängig von seinem IQ bei jedem Menschen qualitativ gleich arbeiten. Sprache ist ein gesonderter Teil der Ausstattung unserer Gehirne, und jedes Kind hat deshalb die angeborene Fähigkeit, Sprachstrukturen zu erkennen. Es würde nie wie ein Papagei den Schwall an Geräuschen reproduzieren, der ohne Pausen und Absätze aus den Mündern der Erwachsenen quillt. Es erwartet vielmehr, schon bevor es sprechen kann, Worte, Verben und Substantive, Subjekte und Objekte, oder Zusatzsilben für Vergangenheit, Gegenwart, Singular und Plural. Natürlich ist dem Kind dabei nicht Japanisch oder Englisch in den Genen mitgegeben, sondern nur eine universell gültige Struktur von Sprache. Sobald ein Kind aber dann die Regeln der Satzstellung in seiner Sprache weiß, wird es – anders als der Papagei – eine Vielzahl originärer, eigener Gedanken ausdrücken. Ein dreijähriges Kind ist ein Grammatikgenie.

Steven Pinker wurde 1954 im kanadischen Montreal geboren. Mit 25 Jahren promovierte er in Harvard in experimenteller Psychologie, mit 26 wurde er Professor für Cognitive Sciences. Er leitete lange Jahre das renommierte Center for Cognitive Neurosciences am Massachusetts Institute of Technology, bevor er als Professor nach Harvard zurückkehrte. Zuletzt erschien von ihm das Buch Der Stoff, aus dem das Denken ist: Was die Sprache über unsere Natur verrät (S. Fischer, 2014).  

 

Mehr zum Thema „Denken & Sprache“ lesen Sie unter anderem in dem Artikel Verräterische Wörter von Annette Schäfer.

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