Das Drehbuch der Liebe

Es wird immer behauptet, dass Frauen und Männer all ihre romantischen Fantasien über die Liebe ablegen müssen, wenn sie eine ernsthafte Beziehung aufnehmen. Dann gehe es um die Fakten, dann müsse man die Realitäten des anderen erkennen. Ich dagegen behaupte: Die Lovestory ist alles, was wir haben. Wir sind in Liebesdingen nie wirklich objektiv, uns wird kaum bewusst, wie wir unsere persönlichen Liebesgeschichten schreiben und – unter Umständen mit wechselnden Partnern – fortschreiben.

Diese Geschichten unterscheiden sich gewaltig. Spricht man beispielsweise mit einem Paar, das auseinandergeht, so stellt man oft fest: Die Geschichten über die gemeinsame Zeit sind so unterschiedlich, dass kaum zu glauben ist, beide redeten über dieselbe Beziehung. Wir können die „Realitäten“ nur durch das Raster unserer eigenen Story erkennen. Selbst in Beziehungen, die von beiden Partnern als gut und glücklich bezeichnet werden, sind zwei völlig unterschiedliche Storys zu hören, wenn man die Partner unabhängig voneinander befragt. Ich habe oft erlebt, wie überrascht sie dann waren, wenn sie die „Version“ des anderen hörten.

Ich denke, es ist von Vorteil, seine persönliche Lovestory zu kennen. Und eine gute Eheberatung müsste sich zum Ziel setzen: Lassen Sie uns herausfinden, welches Ihre Story ist. Dann ist auch das Umschreiben oder Verändern einer Geschichte möglich – wenn beispielsweise jemand eine hollywoodeske Vorstellung von immerwährender Leidenschaft in einer Beziehung pflegt, kann diese notwendig zum Scheitern führende Geschichte beeinflusst und realistischer gemacht werden. Oder: Eine Story beinhaltet, dass jede Beziehung irgendwann an ihren Endpunkt gelangt, und entsprechend versucht der Betreffende, bis dahin so viel wie möglich aus der Partnerschaft „herauszuholen“. Da hilft es, die Irrationalität dieses Storyverlaufes zu erkennen.

Üblicherweise erhält man in der Eheberatung und Paartherapie oder auch aus Lebenshilfebüchern Listen von Dingen, die man tun oder lassen sollte, um die Beziehung zu retten. Aber das greift zu kurz, denn solche Empfehlungen und Vorgaben zielen auf Verhalten ab und nicht auf die Geschichte, die dieses Verhalten erst hervorbringt. Es werden nur Symptome, aber nicht die Ursachen angegangen.

Diese Geschichten entstehen sehr früh, schon in der Kindheit. Und in der Regel wissen wir später gar nicht, was uns da leitet. Wir haben vielleicht eine Liste im Kopf, was wir alles von einem Partner und von einer Beziehung erwarten und wünschen. Aber dann treffen wir jemanden, der diese Erwartungen überhaupt nicht erfüllt – und verlieben uns.

So erging es mir. Meine erste Ehe entsprach ganz der „Wunschliste“. Ich dachte, ich wüsste genau, wonach ich suchte. Doch die Ehe scheiterte. In meiner zweiten Ehe bin ich nun sehr glücklich, obwohl meine Frau in keiner Weise dieser rationalen Liste entsprach.

Das Problem beim Verlieben und Wiederverlieben ist häufig: Wenn jemand in einer Beziehung gescheitert ist, „lernt“ er sehr wohl daraus, und bei der nächsten Partnerschaft achtet er darauf, dass der oder die Neue sich in möglichst vielen Merkmalen vom früheren Partner unterscheidet. Aber diese Suche konzentriert sich meistens auf oberflächliche Merkmale. Da sich jedoch die Story nicht geändert hat, endet die Suche wieder bei einem Partner, der dem früheren sehr viel ähnlicher ist, als es scheint. Und selbst wenn der Partner anders ist, neigen wir doch dazu, die Beziehung so zu gestalten, dass er unserer alten Story entspricht.

Es ist fast wie bei einer Diät: Wir verändern aufgrund vernünftiger Überlegungen unsere Nahrungsaufnahme, aber nach einer Weile ist das alte Gewicht wieder da – weil wir das tiefere, zugrundeliegende Ernährungsmuster nicht verändert haben.

Um das Muster unserer Lovestory zu verändern, brauchen wir den Partner. Erst in der Begegnung mit einem anderen lernen wir uns selbst am besten kennen. Das gelingt kaum in Einsamkeit und Isolation. Wenn jemand auf meine Story reagiert, kann mir überhaupt erst bewusst werden, dass ich eine solche Story habe. So ist mir erst in meiner zweiten Ehe klargeworden, dass ich jenseits aller bewussten Motive nach jemandem gesucht habe, der meiner Story entsprach.

Eine gute Beziehung kann, genau wie eine gute Therapie, unbewusste Motive aufdecken und Selbsterkenntnis fördern. Voraussetzung ist allerdings die Bereitschaft, über sich selbst und die Beziehung nachzudenken und auch unangenehme Erkenntnisse nicht abzublocken.

Robert Sternberg

  • Robert J. Sternberg, Jahrgang 1949, lehrt heute als Psychologieprofessor an der Cornell University und als Honorarprofessor an der Universität Heidelberg. Sternberg, einst Präsident der American Psychological Association, ist einer der renommiertesten und vielseitigsten psychologischen Forscher. Er befasste sich unter anderem mit so unterschiedlichen Themen wie Intelligenz, Liebe und Weisheit.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Psychologie Heute-Buch Im Labyrinth der Seele: 100 Streifzüge durch die Psychologie (Beltz, Weinheim).

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