Die Probleme der Schönen

Warum schöne Menschen es nicht unbedingt leichter haben 

In vielerlei Hinsicht werden gutaussehende Menschen von anderen positiver beurteilt als weniger attraktive Zeitgenossen. Man hält sie für bessere Gesprächspartner, spricht ihnen mehr Humor, Liebenswürdigkeit, Leistungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen zu, wie Studien belegen. Der Vorteil zeigt sich schon in jungen Jahren. So gelten hübsche Kinder als intelligenter, aufmerksamer, reifer, verträglicher und besser angepasst als optisch durchschnittliche Spielkameraden. Mehr noch: Anmutige Menschen, egal ob jung oder alt, werden von anderen auch besser behandelt. Attraktive Erwachsene stehen eher im Zentrum der Aufmerksamkeit, werden häufiger für Beförderungen vorgeschlagen und erzielen höhere Gehälter. Schön anzuschauende Mädchen und Jungen bekommen bessere Noten, werden seltener bestraft und häufiger als Spielpartner eingeladen (1).

Nicht nur im Westen, auch in Kulturen wie Hongkong, Pakistan und Saudi-Arabien lässt sich dieser „Was schön ist, ist gut“-Effekt beobachten (2,3). Und er hat weitreichende Folgen. So fanden zwei Forscher von der Universität Wisconsin heraus, dass Unternehmen mit attraktiven Chefs an der Börse höhere Renditen erzielen. Die Wissenschaftler analysierten die Gesichter von 677 Vorstandsvorsitzenden amerikanischer Firmen und bestimmten deren Symmetrie, ein wichtiges Merkmal von Schönheit. Das Ergebnis: Je regelmäßiger und harmonischer das Gesicht eines Chefs oder einer Chefin, desto positiver hatten die Aktienkurse auf die Nominierung sowie auf Auftritte der schönen Firmenchefs im Fernsehen reagiert (4).

Bei genauerem Hinschauen allerdings ist Schönheit weniger vorteilhaft, als es auf den ersten Blick erscheint. Beispiel Jobbewerbungen: Optisch attraktive Kandidaten werden durchaus positiver eingeschätzt als weniger gut aussehende Bewerber – aber nur wenn der Bewerter dem anderen Geschlecht angehört. Trifft dagegen eine Aspirantin auf eine Personalchefin oder wird ein männlicher Bewerber von einem Geschlechtsgenossen bewertet, kann Schönheit ein Handicap sein. In zwei deutsch-amerikanischen Untersuchungen begutachteten rund 3000 studentische Probanden Bewerbungsunterlagen von fiktiven Job-Aspiranten. Wenn Bewerter und Bewerber dem gleichen Geschlecht angehörten, wurden gutaussehende Kandidaten trotz gleicher Qualifikation seltener für Jobs in Betracht gezogen. Der Grund für die negative Reaktion: Schöne Bewerber des gleichen Geschlechts, vermuten die Wissenschaftler, bedrohen das Selbstwertgefühl der Bewerter (5,6).

Vorbehalte sind weit verbreitet 

Dass Vorbehalte gegenüber schönen Geschlechtsgenossen verbreitet sind, bestätigt eine weitere deutsche Studie. Münchner Wissenschaftler legten Probanden die Geschichte eines (fiktiven) männlichen beziehungsweise weiblichen Erfolgsmenschen vor: exzellenter MBA-Abschluss, Anerkennung in der ersten Managementposition, beliebtes Mitglied im Sportverein. Die beiliegenden Fotos zeigten entweder einen sehr schönen oder weniger gutaussehenden Menschen. Weibliche Teilnehmer schrieben den Erfolg von attraktiven Erfolgsfrauen vornehmlich Glück und weniger deren Fähigkeiten zu, eine herabwürdigende Einschätzung, die sie bei unattraktiven Frauen nicht äußerten. Ein entsprechendes Muster zeigte sich bei der Beurteilung des fiktiven Erfolgsmannes durch männliche Teilnehmer. Die Tendenz, schöne Geschlechtsgenossen schlechtzumachen, könnte evolutionspsychologisch vorteilhaft sein, spekulieren die Wissenschaftler, um sich im Kampf um Paarungspartner nicht durch attraktive Konkurrenten eingeschüchtert zu fühlen (7).

Ausgesprochen schönen Menschen traut man zudem weniger Hilfsbereitschaft zu als Leuten, die nur mittelmäßig attraktiv sind. In einer amerikanischen Experimentalstudie zeigten sich die Teilnehmer überzeugt: Wer großartig aussieht, spendet weniger und engagiert sich seltener in gemeinnützigen Organisationen als Leute mit durchschnittlich ansehnlichen Gesichtern (8). Könnte darin ein Körnchen Wahrheit liegen? Es sieht fast so aus. Israelische Forscher fanden heraus, dass attraktive Frauen Ich-orientierten Werten wie Macht, Leistung und Genuss einen höheren Stellenwert einräumen als Toleranz und Akzeptanz gegenüber anderen (9).

Schönen Menschen lassen wir weniger durchgehen

Wenn sich schöne Leute egoistisch verhalten, folgt die Bestrafung prompt. So wird ihnen unfaires Verhalten übler genommen als weniger attraktiven Zeitgenossen, wie eine chinesische Studie zeigt. Teilnehmer beobachteten ein fiktives „ Diktatorspiel“, bei dem Spieler einen Geldbetrag zugewiesen bekamen und ihn nach Belieben mit einem anderen Spieler teilen oder aber ganz für sich allein behalten konnten. Die Probanden waren eher bereit, einen gutaussehenden „Diktator“ zu bestrafen, der sich unfair verhielt, als einen unattraktiven. Allerdings galt dies wiederum nur, wenn der „Diktator“ dem gleichen Geschlecht angehörte wie die „Bestrafer“ (10).

Was tun, wenn einen die Natur mit einem schönen Gesicht ausgestattet hat und man deshalb unter Konkurrenzgefühlen und Ängsten weniger attraktiver Menschen zu leiden hat? Man könnte versuchen, sich „unters Volk zu mischen“. Nach einer kalifornischen Studie erscheinen Menschen in einer Gruppe tendenziell attraktiver als allein. Die Erklärung für diesen „Cheerleader-Effekt“: Das visuelle System nimmt eine Gruppe von Gesichtern nicht als Einzelstücke, sondern als Ensemble wahr und bildet eine Art Durchschnittsgesicht. Herausstechende Merkmale wie eine schiefe Nase oder engstehende Augen fallen dann nicht mehr so ins Gewicht (11). Weniger attraktive Mitglieder profitieren also davon, mit den Besseraussehenden zusammen gesehen zu werden – und reagieren ihnen gegenüber vielleicht milder.

Annette Schäfer

  • Aus: Psychologie Heute, Ausgabe 11/2015
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Quellenangaben:
1 Langlois, J. u.a.: Maxims or myths of beauty? A meta-analytic and theoretical review. In: Psychological Bulletin, Vol.126.3, 2000, S.390-423.

2 Subhani, M. u.a.: Physical attractiveness or referrals: which matters the most? In: European Journal of Scientific Research, Vol. 87.1,2012, S.22-26.

3 Chiu, R./ Babcock, R.: The relative importance of facial attractiveness and gender in Hong Kong selection decisions. In: International Journal of Human Resource Management, Vol.13.1, 2002, S.141-155.

4 Halford, J./ Hsu, S.: Beauty is wealth: CEO appearance and shareholder value. Social Science Research Network, 19.12.2014, abgerufen: 31.07.2015, http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.2357756.

5 Agthe, M. u.a.: Does being attractive always help? Positive and negative effects of attractiveness on social decision making. In: Personality and Social Psychology Bulletin, Vol.37.8, 2011, S.1042-1054.

6 Agthe M.: Don’t hate me because I’m beautiful: anti-attractiveness bias in organizational evaluation and decision making. In: Journal of Experimental Social Psychology, Vol.46, 2010, S.1151-1154.

7 Försterling, F. u.a.: Ability, luck, and looks: an evolutionary look at achievement ascription and the sexual attribution bias. In: Journal of Personality and Social Psychology, Vol.92.5, 2007, S.775-788.

8 Sacco, D. u.a.: Facial attractiveness and helping behavior beliefs. In: Social Psychology, Vol.45.2, 2014, S.74-85.

9 Segal-Caspi, L. u.a.: Don’t judge a book by its cover, revisited: perceived and reported traits and values of attractive women. In: Psychological Science, Vol.23.10, 2012, S.1112-1116.

10 Li, J./ Zhou, X.: Sex, attractiveness, and third-party punishment in fairness consideration. In: PLOS one, Vol.9.4, 2014, S.1-6.

11 Walker, D./ Vul, E.: Hierarchical encoding makes individuals in a group seem more attractive. In: Psychological Science, Vol.25.1, 2014, S.230-235.

 

 

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