Mythos Amnesie

Wo bin ich? Wer bin ich? Was mache ich hier? Das sind wohl die drei geläufigsten Fragen, die Helden in Hollywoodfilmen stellen, wenn sie nach einem Unfall aufwachen und sich an nichts erinnern können. Oft zeigen die Filme auch, wie es dazu kam: Der Held erhielt einen Schlag auf den Kopf oder wurde in einen Autounfall verwickelt und verlor das Bewusstsein. Als er nach Minuten, Tagen oder Wochen zu sich kommt, fühlt er sich körperlich ganz gesund – aber sein Gedächtnis ist wie gelöscht.

„Solche Patienten gibt es tatsächlich“, sagt die Neuropsychologin Angelika Thöne-Otto, „in der Regel ist dann aber nicht nur das Gedächtnis geschädigt, sondern das Gehirn hat schwere Verletzungen erlitten, die auch andere geistige Leistungen betreffen können.“ Die Psychotherapeutin hat schon im Studium zum Thema Hirnschädigungen geforscht und arbeitet seit vielen Jahren in der Tagesklinik für kognitive Neurologie der Universität Leipzig. Sie kennt die verschiedenen Formen der Amnesie, wie Experten den teilweisen oder gänzlichen, zeitlich begrenzten oder dauernden Gedächtnisverlust nennen, auch aus dem täglichen Umgang mit den Betroffenen. „Manchmal braucht es noch nicht einmal einen schweren Unfall oder ein Koma. Ich selbst habe eine Patientin behandelt, die die Treppe hinuntergefallen ist und sich danach an nichts mehr erinnern konnte; ein anderer Patient verlor im Rahmen eines epileptischen Anfalls seine komplette Biografie“, so die Expertin.

Fachleute sprechen von retrograder Amnesie, wenn Menschen sich nicht an Ereignisse erinnern können, die vor einem auslösenden Ereignis, oft ist es ein Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma, stattfanden. Wegen des spektakulären Identitätsverlustes der Person kommt sie in Filmen auf häufigsten vor. Möglicherweise ist das der Grund dafür, dass in einer neueren US-Studie 48 Prozent der Befragten glauben: Nach einer Kopfverletzung ist es schwerer, sich an weit zurückliegende Dinge zu erinnern, als neue Sachen zu lernen. Diese verbreitete Sicht ist aber falsch: „Eine retrograde Amnesie, die die komplette Biografie betrifft, ist nur eine Form der Gedächtnisschwäche, die sehr selten vorkommt“, so Thöne-Otto. „Nach einer Hirnverletzung oder einem Schlaganfall kommt es typischerweise zu anterograden Gedächtnisstörungen – also zu Schwierigkeiten, neue Informationen aufzunehmen. Zum Glück sind diese aber selten so schwer, dass gar keine neuen Sachverhalte gelernt werden können“, sagt die Neuropsychologin.

Eine andere Fehlannahme über das Erinnern lautet: Unser Gedächtnis zeichnet alle gespeicherten Inhalte zuverlässig auf – wie ein Videorekorder. Wer nicht unter Amnesie leidet, kann diese später einfach „abspielen“. „Das ist ein Mythos“, sagt Klaus Fiedler, geschäftsführender Direktor der Universität Heidelberg, „das Gedächtnis ist weder ein Videorekorder noch eine Digitalkamera.“ Der Psychologieprofessor ist sicher: „Im Gedächtnis werden nur wenige Markierungen gespeichert.“ Was geschieht also wirklich, wenn wir scheinbar präzise Eingebranntes aus dem Gedächtnis abrufen? „Beim Erinnern dienen die wenigen aufgezeichneten Hinweise uns lediglich als Anhaltspunkte – den größten Teil der Information rekonstruieren wir durch unser Weltwissen.“

Susie Reinhardt

  • Scott O. Lilienfeld u.a.: 50 great myths of popular psychology. Shattering widespread misconceptions about human behaviour. Wiley-Blackwell 2010 (gekürzte deutsche Ausgabe: Warum Mozart Babys nicht schlauer macht: 25 populäre Irrtümer der Psychologie. Primus Verlag 2011 (Shop-Link mit Rezension aus Psychologie Heute)
  • Hans J. Markowitsch, Angelika Thöne-Otto: Gedächtnisstörungen nach Hirnschäden. Hogrefe, Göttingen 2004 (Shop-Link)

 

 

 

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