Einer wird schon helfen?

Wenn viele Personen Zeuge einer brenzligen Lage werden, handelt oft niemand. Das belegen nicht nur Polizeiberichte über Verbrechen oder Unfälle in der Öffentlichkeit, bei denen viele zusehen. Auch Forschungen zeigen, dass wir in der Menge nicht so sicher sind, wie vermutet.

Die Psychologen John Darley und Bibb Latane führten dazu schon in den 1960er Jahren eine Reihe von Experimenten durch. Beispielsweise baten sie Versuchspersonen zum Fragebogenausfüllen und setzten diese dazu entweder einzeln oder zu dritt in einen Raum. Die Wissenschaftler leiteten nach einigen Minuten (ungefährlichen) Rauch durch die Lüftung in das Zimmer und protokollierten, wie die Freiwilligen reagierten: Von denen, die sich alleine im Zimmer aufhielten, rannten 75 Prozent auf den Flur und berichteten vom Qualm. Saßen sie in Gesellschaft, gaben nur 38 Prozent schnellen Alarm. Manche blieben sogar bis zu sechs Minuten im Rauch sitzen – obwohl sie wegen des Qualms kaum mehr den Fragebogen erkennen konnten.

„Mehr Anwesende bedeutet nicht automatisch, dass mehr Personen in einer Notsituation eingreifen“, bestätigt Hans-Werner Bierhoff von der Ruhr-Universität Bochum. Aber warum nicht? „Zunächst einmal liegt es an der ‚Diffusion der Verantwortung‘“, so Bierhoff. „Wenn jeder helfen könnte, warum soll dann gerade ich eingreifen?“, beschreibt der Psychologieprofessor den Gedankengang, der uns am Helfen hindert.

Der Experte nennt noch weitere Gründe, die Anwesende vom Eingreifen in einer Notsituation abhalten können: „Viele finden es irritierend, wenn andere zuschauen. Je mehr Menschen zugegen sind, desto mehr beschäftigen sich potentielle Helfer damit, dass sie sich durch ihre Ungeschicklichkeit blamieren könnten.“ Hinzu kommt, dass passive Zuschauer ein Vorbild dafür abgeben, sich ebenfalls passiv zu verhalten.

Neueste Erkenntnisse betreffen vor allem die Rolle der Persönlichkeit: „Tatsächlich helfen Menschen in Notsituationen eher, die über eine prosoziale Persönlichkeit verfügen. Dazu zählen Verantwortungsbewusstsein und Eigeninitiative, aber auch Mitgefühl und die Überzeugung, dass durch das eigene Handeln etwas Wünschenswertes bewirkt werden kann“, erklärt der Sozialpsychologe.

Nach einem Überfall oder Unfall alleine hilflos auf der Straße zu liegen und niemand springt einem bei – das sind Horrorszenarien, die niemand von uns erleben möchte. Aber wenn es doch einmal passiert und Anwesende passiv bleiben, was können wir tun? „Mit aller Deutlichkeit auf die Notlage aufmerksam machen“, rät Bierhoff, „das Wichtigste ist, laut nach Hilfe rufen.“

Susie Reinhardt

Hans-Werner Bierhoff: Psychologie prosozialen Verhaltens. Warum wir anderen helfen. Kohlhammer Urban, 2. überarbeitete Auflage, Stuttgart 2010, Shop-Link)

 

 

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