Das Rätsel des Aberglaubens

Seit der Homo sapiens ein Gehirn entwickelt hat, das groß genug ist, um sich die Zukunft vorzustellen, malt er sich diese Zukunft als eine bessere aus. Die meisten Mythen der Menschheit sind Erlösungs-, Erneuerungs- oder Wiedergeburtsmythen. Selbst die Katastrophenszenarien all der Millenniumsvisionen waren immer nur eine Durchgangsstation zu besseren Zeiten – nach der Katastrophe, nach dem Weltuntergang kommt das Bessere. Das betrifft nicht nur religiöse Mythen, sondern auch säkulare. Der Marxismus beispielsweise hat ja das letzte Gefecht und danach dann das Reich der Freiheit ausgemalt. Und am anderen Ende des politischen Spektrums beschwören die ultraliberalen Markttheoretiker erst die Zerstörung des Staates – und danach Wohlstand für alle. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren die vielen esoterischen Moden und okkulten Praktiken. Wenn jemand beispielsweise Heilung durch Kristalle oder Bachblüten oder auch Homöopathie sucht, dann ist diese Hoffnung am Werk, die Hoffnung auf eine magische Hilfe.

Eine weitere Erklärung für Aberglauben – neben der Hoffnung auf Rettung oder Sinn oder Heilung – ist, dass wir Menschen Muster suchende Tiere sind. Unsere Gehirne sind darauf programmiert, Regelmäßigkeit und Muster in der Natur zu suchen und zu erkennen. Manche Muster „erkennen“ wir aber auch, weil wir wollen, dass sie wahr sind, oder weil wir Zufälle nicht als Zufälle akzeptieren, sondern nach Gründen suchen, die „dahinterstecken“, und dann entstehen solche Konzepte wie etwa Synchronizität oder Magie. Wir finden immer Muster, egal ob sie da sind oder nicht, und wir verleihen diesen Mustern einen Sinn. So funktioniert unser Gehirn nun einmal.

Ein Beispiel: In der Stadt Clearwater in Florida wird ein Bildnis der Jungfrau Maria verehrt. Vor einem gläsernen Bürohaus steht eine große Palme, und der Wassernebel der Rasenbewässerung hat, im Verbund mit den Ölen des Baumes, ein schillerndes „Bild“ der Jungfrau an die Glaswand „gemalt“. Seitdem kommen Leute in Rollstühlen und auf Krücken dorthin und suchen Heilung. – Nicht nur das Finden eines Musters ist wichtig, sondern auch die Geschichten, die dazu erfunden werden und die das Muster erklären sollen. Im Fall der Madonna ist, wenig verwunderlich, eine spirituelle Geschichte entstanden, die viele Hoffende sofort anspricht.

Natürlich beruht auch Wissenschaft auf Mustern und Geschichten. Doch Wissenschaft bietet uns ein System, das uns ermöglicht, zwischen wahren und falschen Mustern zu unterscheiden. Sie hat ihre Methoden entwickelt, etwa das Experiment, um Behauptungen und Beobachtungen kritisch zu überprüfen. Jemand hat Krebs, und er hat diesen Algenextrakt probiert, und ein alternativer Heiler hat seine Kristalle über der Geschwulst bewegt – und der Krebs verschwand. Woher wollen wir wissen, was geholfen hat? Dass es nicht eine Spontanheilung war? Oder dass es die Gebete des Betreffenden waren, die ihm geholfen haben? Die Wissenschaft testet den Algenextrakt bei 100 Versuchspersonen, vergleicht sie mit einer Kontrollgruppe, prüft statistisch die Unterschiede und so weiter. Sie testet die Wirkung der Kristalle, der Gebete, und sie zieht die Fälle in Betracht, in denen all dies nicht geholfen hat. Das ist der einzige Weg, um die Wahrheit herauszufinden.

Ich glaube zwar nicht, dass die Menschheit, aufs Ganze gesehen, heute so abergläubisch ist wie etwa vor 500 Jahren. Aber wenn wir den heutigen Stand mit den Erwartungen vergleichen, die vor 100 Jahren gehegt wurden, dann haben wir uns tatsächlich zurückentwickelt. Trotz Säkularisierung und Verwissenschaftlichung ist die Menschheit heute religiöser, abergläubischer, pseudowissenschaftlicher als zu Beginn des naturwissenschaftlichen Zeitalters vermutet oder erhofft wurde.

Das hat sicher mit der Entfremdung von den Wissenschaften zu tun: Sie sind meist schwierig zu verstehen, man muss sich intensiv damit beschäftigen, braucht Bildung und Ausbildung. Denken ist anstrengend, und die Welt wird immer komplizierter. Die Pseudowissenschaften bieten Abkürzungen an, offerieren leichtverständliche Erklärungen. Immerhin zollen auch die Pseudowissenschaften der Wissenschaft ihren Tribut, indem sie sich nämlich um einen wissenschaftlichen Anstrich bemühen. Sie benutzen die Symbole und Insignien der Wissenschaften: weiße Kittel, Apparate, Statistiken und so weiter. Wenn man auf Esoterikmessen geht, dann findet man an fast allen Ständen das Bemühen um wissenschaftlichen Anschein: Da stehen komplizierte Apparate, Grafiken und Kurven sollen Seriosität vermitteln.

Der Aberglaube wird wohl immer unser Begleiter bleiben, denn wir Menschen sind prinzipiell leichtgläubig und leicht in die Irre zu führen. Es ist einfach zu anstrengend, immer kritisch zu denken. Wie in einem Schiffsrumpf gibt es im Denken des Menschen luftdicht voneinander abgeschottete Kammern, die sehr Unterschiedliches, auch Widersprüchliches enthalten können. Ich kenne skeptische und kritische Wissenschaftler, die vehement gegen Pseudowissenschaft kämpfen, dabei gläubige Katholiken sind und an solche Dinge wie die Verwandlung von Brot in Fleisch oder die Jungfrauengeburt glauben. Ich nenne das Phänomen die „logische Abschottung“. 

Mit steigendem Bildungsgrad nimmt die Anfälligkeit für Absurdes zwar etwas ab – aber bei weitem nicht so sehr, wie man vermuten könnte. Auch bei der Religiosität korrespondiert der Bildungsgrad nicht unbedingt mit Ungläubigkeit: 40 Prozent der Naturwissenschaftler in den USA glauben an Gott und an ein Leben nach dem Tode. Und ein hoher Prozentsatz von Menschen mit sehr hohem IQ glaubt an außersinnliche Wahrnehmung.

Michael Shermer

  • Michael Shermer, 1954 im kalifornischen Glendale geboren, ist promovierter Wissenschaftshistoriker, Herausgeber der Zeitschrift Skeptic und Direktor der Skeptics Society, einer Vereinigung von Wissenschaftlern, die sich der Entlarvung von Scharlatanerie und Pseudowissenschaft verschrieben hat. Sein neustes Buch heißt Skeptic: Viewing the World with a Rational Eye (Henry Holt & Company, 2016).

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Psychologie Heute-Buch Im Labyrinth der Seele: 100 Streifzüge durch die Psychologie (Beltz, Weinheim).

Mehr zum Thema Aberglaube lesen Sie in unserem Artikel Ein bisschen Aberglaube schadet nicht – im Gegenteil!

 

 

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