Wie wir uns unser Leben knipsen

Die Entwicklung der Fotografie hat jedem Menschen die Möglichkeit verschafft, den Augenblick erstarren zu lassen, das Gedächtnis zu erweitern, den erlebten Augenblick über den eigenen Tod hinaus zu bewahren und anderen Menschen das zu zeigen, was man wahrnimmt. Diese Möglichkeit, die eigene visuelle Erfahrung zu fixieren und zu externalisieren, drängt dem Psychologen die Frage auf: Was wählen die Menschen aus der Fülle der Möglichkeiten aus, um es festzuhalten?

Für das Auge der Kamera ist alles gleich: Sterne, Berge, Müll, ein Laib Brot. Was die Menschen aber in der überwältigenden Mehrzahl fotografisch festhalten, sind Bilder von ihnen selbst und von ihren Lieben. Die Menschen sind von einem unstillbaren Verlangen erfasst, sich starre Bilder von Personen und Situationen zu machen, auf die sie später immer wieder zurückgreifen können. Und für die meisten ist es wichtig, dass sie sich ein solches Abbild eines Menschen oder einer Situation selbst schaffen. Die Bildpostkarten, die man von einer berühmten Sehenswürdigkeit kaufen kann, sind beileibe kein Ersatz für das Bild, das man dort selbst geschossen hat, auch wenn die eigene Aufnahme von schlechterer Qualität ist. Echte Befriedigung verschafft nur, wenn man sich des Objektes durch eigenes Tun „bildlich“ bemächtigt hat.

Fotografiert wird in einer Vielfalt von Situationen. Egal, welches Objekt man hat, der Prozess des Fotografierens beinhaltet auch immer eine Art von Qualitätsveränderung der ursprünglichen Situation. Zuerst einmal wird das passive Aufnehmen und Genießen einer besonderen Situation aufgegeben und eingetauscht gegen das aktive fotografische Einfangen dieser Situation. Jemand betrachtet eine wunderschöne Landschaft. In dem Moment, in dem er die Kamera ansetzt, ist das tiefe Empfinden der Umgebung vielleicht schon nicht mehr möglich. Er muss seine Aufmerksamkeit zwischen der Schönheit der Landschaft und der Technik der Kamera teilen. Er tauscht den vollen Wert gegenwärtigen Erlebens für ein präziseres künftiges Erinnern ein.

Die Möglichkeiten der Fotografie haben menschliche Aktivitäten wie das Reisen qualitativ verändert. Reiseziele werden nicht nur nach ihrer Schönheit und ihrem Erlebniswert ausgewählt, sondern auch danach, ob sie sich als Kulisse für Fotos eignen. Für eine Gruppe kamerabehangener Touristen stellt die Ankunft am Eiffelturm in Paris eine gewaltige fotografische Herausforderung dar. Der Ort selbst tritt im Bewusstsein dieser Reisenden in den Hintergrund, sein Potenzial als Objekt für die Kamera in den Vordergrund. Der endgültige Wert eines Urlaubs wird erst festgelegt, wenn die Ferienfotos entwickelt sind.

Fotos können eine Menge über den Menschen aussagen, der sie gemacht hat. Der Mensch fotografiert gewöhnlich nur die Dinge, die ihn unmittelbar interessieren. Wenn wir uns die Bilder anschauen, die ein Mensch während seines Lebens aufgenommen hat , dann können wir aus ihnen ersehen, was diesem Menschen wichtig war und was nicht. Seine bleibenden emotionalen Anliegen lassen sich auf diese Weise vermutlich ähnlich gut ausmachen wie durch andere Verfahren.

Mein Kollege Stuart Albert schlägt vor, dass sich die Psychologie einmal Familienfotoalben unter diesem Blickwinkel anschaut. Die meisten Fotos darin zeigen Kinder, besonders in den ersten Lebensjahren. Diese Bilder dokumentieren schnellen Wechsel und schnelles Wachsen im Leben eines Menschen. In ihren Fotoalben schaffen sich die Familien eine Märchenwelt. Nur die glücklichen Momente werden festgehalten: Geburt, Hochzeit, Ferien. Es entsteht eine Pseudo-Familiengeschichte, die nur aus Momenten der Freude und Lebensbejahung besteht und in der die schmerzhaften Ereignisse systematisch unterdrückt worden sind. In den meisten heutigen Familien haben die Fotoalben den Platz der Familienbibel als Familienchronik übernommen.

Stanley Milgram


Diesen Text schrieb der bekannte Psychologe Stanley Milgram bereits im Jahr 1977. Angesichts der aktuellen Bilderflut in den sozialen Medien scheint er jedoch aktueller denn je. Milgram, 1933 in New York geboren, lehrte Psychologie an den Universitäten von Yale und Harvard sowie an der City University von New York. Die berühmteste seiner zahlreichen sozialpsychologischen Studien ist das 1974 beschriebene „Milgram-Experiment“ zur kritiklosen Hörigkeit gegenüber Autoritäten: Er demonstrierte, dass Versuchspersonen einem Unschuldigen sogar vermeintlich tödliche Elektroschocks verabreichten, sobald ein Wissenschaftler in weißem Kittel dies anordnete. Milgram starb im Dezember 1984. 

Der Text ist ein Auszug aus dem Psychologie Heute-Buch Faszination Psychologie – Glanzlichter aus drei Jahrzehnten (Beltz Verlag, Weinheim, Shop-Link)

 

 

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