Wie geht Veränderung?

Das Leben ist etwas so Wertvolles und Kostbares, dass es sich wirklich lohnt, eingefahrene Gleise zu verlassen. Leider machen viele Menschen nicht das aus ihrem Leben, was eigentlich möglich wäre, weil ihnen der Mut fehlt oder sie resigniert oder deprimiert sind. Wenn ein Mensch zum Beispiel oft „ja, aber“ sagt, dann liegt die Vermutung nahe, dass er oder sie ein sogenanntes „Ja-aber-Spiel“ spielt, wie es in der Transaktionsanalyse heißt. Der Mensch fühlt sich dann zu schwach für Veränderungen und schiebt scheinbar objektive Gründe vor. Ein anderes beliebtes Spiel ist das Partnerspiel „Wenn du nicht wärst …“. Auch wer so argumentiert, hat Angst vor Veränderungen. Zum Beispiel sagt eine Frau, die fürchtet, sich in der Berufswelt nicht behaupten zu können: „Wenn du nicht wärst, hätte ich schon längst einen Beruf, aber du willst ja nicht, dass deine Frau arbeitet!“

Ein relativ festgelegtes Leben mit starren Regeln und wenig Spielraum für Neues und Kreatives muss kein schlechtes Leben sein. Für viele ist es ein völlig normales Leben, sie würden es gar nicht anders wollen. Ein „gutes“ Skript ist eines, das zwar ein nicht so abenteuerliches, aber überschaubares, auf Sicherheit gründendes Leben ermöglicht, während ein „schlechtes“ Skript in eine schwere Erkrankung, in Einsamkeit, in Delinquenz, in eine Psychose oder einen frühen ungewöhnlichen Tod führt, also ein tragisches Lebensende ansteuert. Doch jede Art von Skript bedeutet eine mehr oder weniger bewusste Festlegung auf einen bestimmten Lebenszuschnitt, während ein weitgehend skriptfreies Leben immer wieder neue Entscheidungen, das Leben so oder so zu gestalten, ermöglicht – es hat nichts Zwingendes.

Wenn wir zum Beispiel in Routine erstarrt sind, wenn jeder Tag gleich verläuft, verlieren wir unsere Lebenslust und Freude. Das Leben bekommt etwas Bedrückendes, weil man weiß: Jeder Tag verläuft gleich, das Leben hat keine Überraschungen mehr parat. Gerade wenn man sich immer häufiger und schneller müde fühlt und sich jeden Abend fragt: „Was war heute eigentlich?“, sollte man sein Lebensskript in Frage stellen. 

Oft ist der Wunsch nach Veränderung zwar da, aber er ist noch nicht stark genug. Zu Veränderungen gehört – leider – ein gewisser Leidensdruck. Und es gehört auch die Erkenntnis dazu, dass ich es mir wert bin, das Beste aus meinem Leben zu machen.

Oft bricht erst einmal eine große Angst auf, wenn man etwas verändern will. Manche Menschen verzichten dann lieber auf ihre eigenen Vorstellungen, weil sie es nicht ertragen können, ein gewisses Maß an Einsamkeit zu erleben. Denn wenn man seiner Berufung, seiner Vision folgt, dann ist das oft mit Einsamkeit verbunden. Nicht alle Menschen im persönlichen Umfeld reagieren begeistert, wenn man plötzlich seinen eigenen Weg geht. Wenn jemand vor Veränderungen zurückschreckt, frage ich deshalb oft: „Wer hat denn etwas davon, wenn alles so bleibt, wie es ist?“ Und dann stellt sich zum Beispiel heraus: Es ist die Mutter, die es nicht ertragen kann, dass es der Tochter gut geht; oder die Tochter, die es nicht ertragen kann, dass es ihr besser geht als der Mutter, weil die Mutter doch ein so schweres Leben gehabt hat und immer klagt: „Mir hat das Leben nichts geschenkt!“ Für die erwachsene Tochter ist es dann sehr schwer, ein Leben zu führen, das den eigenen Wünschen entspricht. Da kommt ganz schnell das schlechte Gewissen und die Mahnung: „Das darfst du nicht!“

Man muss zuerst die alten Mechanismen kennenlernen. Wie ist es in der Familie zugegangen? Welche Botschaften haben die Eltern gegeben? Es ist wichtig, das kleine Mädchen, den kleinen Jungen von früher zu finden, denn die Frage „Was will ich?“, das ist die Frage des freien Kindes, wie es in der Transaktionsanalyse genannt wird. Dieses Kind ist das ursprüngliche Sein, es verkörpert Kreativität, Spontaneität, Intuition. An dieses freie Kind, den freien Teil in einem selbst heranzukommen, das ist das Wichtigste. Denn dieses freie Kind hatte einst eine Vision für das eigene Leben. Eine Vision, die oft früh verschüttet wurde, weil das Kind sich an die Wünsche der Eltern anpassen musste.

Veränderung heißt: zurückkehren zum Ursprung; der Mensch werden, als der ich eigentlich gedacht bin. Rabbi Sussja erklärt seinen Schülern: „Eines Tages wird Gott mich nicht fragen: ‚Warum bist du nicht Mose gewesen?‘ Er wird mich fragen: ‚Warum bist du nicht Rabbi Sussja gewesen?‘“ Das, wozu man geboren ist, wiederzufinden, das ist die Veränderung.

Ang Lee Seifert  

  • Ang Lee Seifert, geboren 1938, ist als Transaktionsanalytikerin in eigener Praxis tätig. Sie hält Vorträge und ist unter anderem in der psychotherapeutischen Weiterbildung und beim Training von Führungskräften aktiv. Zuletzt ist von ihr das Buch Die beste aller Zeiten ist jetzt! Vom bewussten Umgang mit einer begrenzten Ressource erschienen (Verlag Hans Huber, 2013), das sie gemeinsam mit ihrem Mann Theodor Seifert verfasst hat. 

Mehr zum Thema Transaktionsanalyse lesen Sie in diesem Interview mit Ang Lee Seifert:

Sich verändern heißt: Zurückkehren zum Ursprung. Wie Sie es schaffen, nach Ihren Vorstellungen und Visionen zu leben
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Mehr zum Thema Veränderung finden Sie in Heft 10/2014 mit dem Titelthema Mut zur Veränderung – So gelingt Ihnen ein neuer Anfang:
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