Der psychologische Begriff: Ambivalenz

Rotkäppchen zählt seit jeher zu den beliebtesten Märchen der Deutschen, vielleicht weil hier die Welt noch in Ordnung scheint: Das Rotkäppchen ist „süß“ und der Wolf ein „böses Tier“, das schon bald seinem gerechten Schicksal zugeführt wird. Wie im grimmschen Märchen sehnen auch wir uns im Leben manchmal nach unkomplizierten Zuordnungen wie „gut und schlecht“ – und merken doch meistens, dass es so nicht funktioniert. Denn eine zentrale Erfahrung des Erwachsenenlebens ist die der Ambivalenz, also des Nebeneinanders von gegensätzlichen Gefühlen und Gedanken. Selten sind unsere Empfindungen lupenrein, stattdessen fühlen wir uns oft hin- und hergerissen zwischen widerstrebenden Regungen wie Liebe und Abneigung, Angst und Faszination, Nähe und Distanz. Vor allem biografische Schwellenerlebnisse wie Hochzeit, Elternschaft oder der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus sind oft von ambivalenten Gefühlen begleitet, von Freude und Traurigkeit zugleich, von Ängsten und Zuversicht. Und selbst die Gefühle für die Liebsten sind bisweilen geprägt von Widersprüchen: von Vertrautheit und Befremden, von Lust und Langeweile. 

Die Ambivalenz hat also einen festen Platz in unserem Leben, und der Umgang mit widersprüchlichen Gefühlen ist eine zentrale Lebenserfahrung und vor allem eine wichtige Entwicklungsaufgabe für das Erwachsenwerden. Denn die Fähigkeit, Ambivalenzen zu ertragen, bildet den Grundstein einer reifen Identität. Sind wir in der Lage, unsere ambivalenten Gefühle dem Partner gegenüber anzuschauen und darüber ins Gespräch zu kommen, müssen wir uns nicht streiten oder gar trennen. Können wir aushalten, dass es nicht „das Böse“ gibt, sondern vielmehr Böses im Guten und Gutes im Bösen, werden wir wohl kaum der Verlockung erliegen, geschlossene Weltbilder zu entwickeln. Je besser wir widersprüchliche Bestrebungen wahrnehmen und reflektieren können, umso größer wird auch unser innerer Handlungsspielraum. Denn es gibt nie nur die „eine“ Lösung, sondern stets mehrere Handlungsalternativen zur Auswahl.

In den Anfängen der Psychoanalyse galt das Nebeneinander von widersprüchlichen Gefühlen vorrangig als pathologisch. Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler prägte im Jahr 1910 den Begriff der Ambivalenz – zusammengesetzt aus den lateinischen Begriffen ambo (beide) und valentia (Macht) – und beschrieb Ambivalenz als „pathologische Verknüpfung von liebevollen und aggressiven Impulsen, die auf ein und dasselbe Objekt bezogen scheinen“. Zwar wies Bleuler darauf hin, dass ein Gesunder ambivalente Gefühle sehr wohl bewältigen könne, dennoch betrachtete er die Ambivalenzfähigkeit noch nicht als Ressource. Insgesamt blieb der Ambivalenzkonflikt für die frühe klassische Psychoanalyse ein eher unangenehmer Spannungszustand, der potenziell in eine Gefahr fürs Ich mündete. Sigmund Freud hielt den Ambivalenzbegriff zwar für einen „glücklichen, von Bleuler eingeführten Namen“, verband ihn in Totem und Tabu (1913) aber dennoch vor allem mit dem Bild der Zwangsneurose.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts dann konnte die jüdisch-amerikanische Psychoanalytikerin und Wissenschaftlerin Else Frenkel-Brunswik (1908 bis 1958) dem Ambivalenzbegriff interessante neue Seiten abgewinnen. Sie stellte fest, dass viele ihrer Probanden mehrdeutige oder gegensätzliche Gefühle nicht gut ertragen konnten. Dies hielt Frenkel-Brunswik für eine beständige Persönlichkeitsvariable und entwickelte dafür den Begriff der Ambiguitätstoleranz. Für sie stellte die Ambiguitätstoleranz eine emotional-kognitive Ressource dar, eine Art inneren Raum, der Reflektion und gedankliche Flexibilität ermöglicht.

Doch warum greifen manche Menschen auf rigide Spaltungen in „Gut“ und „Böse“ zurück – und andere wiederum nicht? Schon früh, in der Familie, erlernen Kinder das Denken in Ambivalenzen durch die Beziehungserfahrungen zu den Eltern. Die Psychoanalytikerin Melanie Klein entwickelte in den 1930er Jahren die Objektbeziehungstheorie, der zufolge schon kleinste Kinder auf komplexe psychische Abwehrmechanismen wie die Spaltung zurückgreifen, um innere Spannungen wie Unwohlsein oder Hunger zu regulieren. Während der Säugling in den ersten vier Lebensmonaten die Mutter noch überwiegend als Brust wahrnimmt, die mal „gut“ und versorgend und mal „böse“ und versagend ist, gelingt Melanie Klein zufolge dem Kind im Laufe des ersten Lebensjahres eine immer bessere Differenzierung: Nach und nach kann das Baby die Mutter – beziehungsweise die Bindungsperson – als Individuum mit eigenem Willen wahrnehmen, das dem Kind aber nicht immer zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zur Verfügung steht. Diese schockierende Erkenntnis beschert dem Kleinkind schmerzliche Verschmelzungs- und Vernichtungswünsche, die es in der liebevollen Beziehung zu den Eltern aber zu bewältigen lernt. Irgendwann verinnerlicht das Kind also, dass alle Menschen positive und negative Anteile in sich tragen und die Autonomie eines jeden Menschen nicht zwangsweise eine Bedrohung für das eigene Selbst darstellen muss. Es lernt, sich mit seinen Gefühlen zu identifizieren und gleichzeitig über sie nachdenken zu können, entwickelt also quasi eine Metaebene des Nachdenkens über seine Gefühle.

Auch bei Melanie Klein ist die Ambivalenztoleranz also eine Entwicklungsaufgabe, die dank ausreichend guter elterlicher Zuwendung gelingt. Sicher könnte man argumentieren, dass sich die Ambivalenztoleranz bei den meisten Menschen außerdem mit zunehmender Lebenserfahrung weiter ausdifferenziert: Während junge Menschen im Sinne ihrer Autonomieentwicklung häufig extremere Positionen einnehmen, relativiert die fortschreitende Lebenserfahrung viele Sichtweisen und bringt zusätzliche Perspektiven. Dennoch haben Forscher wie Otto Kernberg, Peter Fonagy und Mary Target in den letzten Jahren gut belegen können, dass Menschen mit traumatischen Erfahrungen in den ersten Lebensjahren die beobachtende Metafähigkeit des Nachdenkens über Gefühle bisweilen nicht gut haben ausbilden können. Bei Erfahrungen von emotionaler Widersprüchlichkeit zeigen vor allem Borderlinepatienten unter Belastungen bisweilen die frühe Abwehrform der Spaltung in „Gut und „Böse“ – der Psychoanalytiker Otto Kernberg spricht dabei von „Schwarz-Weiß-Denken“. Und auch Menschen mit zwanghaften Persönlichkeitsanteilen und Zügen emotionaler Rigidität haben oft große Schwierigkeiten, mit Ambivalenzen umzugehen.

Obwohl es eine psychische Errungenschaft ist, die Welt und auch die Mitmenschen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und die dabei entstehenden widersprüchlichen Gefühle aushalten und reflektieren zu können, fühlt es sich oft nicht so an. Viele Menschen empfinden Ambivalenzen vielmehr als bedrückend und sehnen eine schnelle Lösung herbei: Sie sollen „weg“, um den Zustand der Eindeutigkeit wieder herzustellen. Doch wir können den inneren Dialog über unsere widerstrebenden Gefühle auch als Ressource begreifen. Wer in der Lage ist, sich selbst angstfrei zuzuhören und das innere Pro und Contra zuzulassen und vorsichtig abzuwägen, trifft anschließend authentischere Entscheidungen – und erreicht vielleicht sogar eine Sicherheit in der Unsicherheit. 

Anne-Ev Ustorf

 

 

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Termine

In unserem Terminkalender finden Sie Kongresse und Veranstaltungen zu psychologischen Themen.
Zu den Terminen.

Neu im Shop

Jennifer Senior: Himmel und Hölle.

Heutige Eltern machen ihre Kinder zum Mittelpunkt ihres Lebens. Kann das gutgehen?
Kein & Aber Verlag, Zürich 2014, 352 Seiten

22,90 €inkl. 7% MwSt.