An der Schwelle zum Jenseits

5 Szenarien von Nahtoderfahrungen


Da schwebt man also dahin, irgendwo zwischen dem Dies- und dem Jenseits. Das Leben zieht, Szene um Szene, noch einmal wie im Zeitraffer an einem vorbei. Und dann taucht da ein Tunnel auf – oder ist es eine Pforte? Dahinter jedenfalls leuchtet ein gütiges Licht, und man erahnt die Schemen einer Welt, die nicht die irdische ist. Man spürt die Präsenz einer Wesenheit, die alles umfasst, alles vereint. Wie man sich danach sehnt, für alle Ewigkeit von ihr umfangen zu werden! Doch es soll noch nicht sein, denn unvermittelt kommt der Rücksturz ins Jammertal des Lebens …

So in etwa stellt man sich die Erlebnisse von Menschen vor, die – zum Beispiel nach einem Herzinfarkt oder einem schweren Unfall – an der Schwelle des Todes standen. Diesem Schema folgen jedenfalls die Nahtoderfahrungen, die der amerikanische Arzt Raymond Moody im Jahr 1975 in seinem Buch Life after life zusammengetragen hat. Doch wie repräsentativ sind solche Erlebnisse?

Dieser Frage ging eine internationale Forschergruppe um Sam Parnia von der State University of New York nach. Über vier Jahre hinweg hielten sie in 15 Kliniken in den USA, Großbritannien und Österreich Ausschau nach Patienten, die einen Herzstillstand erlitten hatten und reanimiert werden mussten. 101 dieser Frauen und Männer hatten sich nach einer erfolgreichen Wiederbelebung so weit erholt, dass sie ausführlich interviewt werden konnten (und wollten). Was haben sie an der Schwelle des Todes erlebt?

1) Ohne Erinnerung – und ohne Bewusstsein?

46 der 101 Patienten haben nichts erlebt. Jedenfalls konnten sie sich an nichts erinnern. Doch im Umkehrschluss heißt das: 55 Patienten, also mehr als die Hälfte, hatten Erinnerungen an die Minuten, während derer ihr Herz stillstand. Wenn also bewusste Erlebnisse so häufig sind, legt das nach Ansicht der Forscher die Vermutung nahe, dass das Erinnerte „nur die Spitze eines Eisbergs von Erfahrungen“ bildet, dessen Unterwassermasse zwar im Gedächtnis irgendwie vorhanden, aber nicht oder nur bruchstückhaft abrufbar ist. Die dem Tode Nahen – auch die, die sich an nichts erinnern – könnten also „eine größere Bewusstseinsaktivität während des Herzstillstandes haben, als anhand ihrer expliziten Erinnerungen erkennbar ist“, so Parnia und seine Mitforscher.
Gerade in jüngster Zeit seien ja auch bei anderen vermeintlich „bewusstlosen“ Zuständen wie dem Wachkoma Indizien für „mentale Aktivität“ entdeckt worden.

2) Der Nahtod als Horrorfilm

Von den 55 Patienten, die in ihrem Gedächtnis Eindrücke an ihre Zeit als Herztote vorzufinden glaubten, berichteten wiederum 46 von Erlebnissen, die so gar nicht in das Strickmuster der „typischen“ Nahtoderfahrungen nach Art des Eingangsbeispiels passten. Statt also voller Vorfreude durch einen Tunnel zu schweben, erlebten viele dieser 46 Menschen wenig Erbauliches, als sie dem Tode nahe waren. Manche durchstreiften albtraumhafte, wahnähnliche Szenen. Sie fühlten sich zum Beispiel „durch tiefes Wasser geschleift“ oder fanden sich in einer morbiden Zeremonie wieder: „Da waren vier Männer bei mir, und wer von uns log, musste sterben … Ich sah Männer in Särgen, die aufrecht begraben wurden.“ Wie man sich vorstellen kann, empfanden die Frauen und Männer, die solches durchlebten, alles andere als „tiefen Frieden“, nämlich Entsetzen, Horror, Furcht.

3) Natur und Familie

Andere der Probanden mit „untypischen“ Nahtoderlebnissen hatten mehr Glück: Sie halluzinierten friedlichere Bilder. Manche der Szenen spielten in der Natur: Da waren „überall Pflanzen“, „ich sah Löwen und Tiger“, „die Sonne schien“. Mehrere Befragte erblickten zum vermeintlichen Abschied noch einmal ihre Familie, „Sohn, Tochter, Schwiegersohn und Ehefrau“. Auch von einem Déjà-vu-Erlebnis wurde berichtet: „Mir war, als wüsste ich im Voraus, was die Menschen als Nächstes tun würden“; dieses seltsame Gefühl habe noch nach dem Erwachen für drei Tage angehalten.

4) Der Klassiker: Tunnel und Licht

Das Forscherteam legte allen Befragten eine standardisierte Liste von 16 Fragen vor, die auf das „klassische“ Schema von Nahtoderlebnissen abzielten, etwa: „Schienen Sie eine andere, überirdische Welt zu betreten?“ Wie sich herausstellte, fielen nur neun der 101 Nahtodkandidaten halbwegs in dieses Raster. Was Menschen nahe dem Tod erleben, folgt also nur selten dem überlieferten Drehbuch. Aber manchmal eben doch: „Ich bewegte mich durch einen Tunnel einem sehr starken Licht entgegen, das meine Augen nicht blendete oder schmerzte. Ich kam in eine sehr schöne kristallene Stadt, durch deren Mitte ein Fluss mit kristallklarem Wasser führte. Zahlreiche wundervolle Menschen ohne Gesichter wuschen sich in dem Wasser. Da war ein himmlischer Gesang, und ich war zu Tränen bewegt.“

5) Reale Erinnerungen

In einigen der Patientenerzählungen tauchen Begebenheiten auf, die offensichtlich auf realen Erinnerungen beruhen, etwa wie „ein Zahn mit herauskam, als der Beatmungstubus wieder aus meinem Mund genommen wurde“. Meist waren das wohl Szenen, die der Patient beim Wiedererwachen nach der erfolgreichen Reanimation wahrnahm. Doch zwei Berichte geben den Forschern zu denken. Diese beiden Patienten schildern das Geschehen, das sich während ihres Herzstillstands abspielte. Einer dieser Berichte war laut den Forschern „verifizierbar“, der Patient habe sich also an Dinge erinnert, die sich tatsächlich so zugetragen hätten: „Ich war dort oben und schaute auf mich herab und auf die Schwester und einen kahlköpfigen Mann. Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber sah seine schwarze Haut. Er trug einen blauen Kittel und einen blauen Hut.“ Der Patient war nicht wenig überrascht, als eben jener Mann am Tag nach seinem Erwachen bei der Visite in sein Zimmer trat. Laut Forschungsleiter Sam Parnia umfassten die Erinnerungen dieses Patienten einen Zeitraum von etwa drei Minuten, in denen sein Herz stillstand. Das aber sei medizinisch ein Rätsel, denn nach allem, was man wisse, setzen die höheren Gehirntätigkeiten spätestens 20 bis 30 Sekunden nach Eintreten des Herzstillstandes aus. Der Patient hätte also gar nicht bei Bewusstsein sein dürfen.

Thomas Saum-Aldehoff

Aus: Psychologie Heute, Ausgabe 3/2015

Literatur:
Sam Parnia u. a.: AWARE – Awareness during resuscitation. A prospective study. Resuscitation, online vorab 2014, DOI: 10.1016/j.resuscitation.2014.09.004

Weitere frei lesbare Artikel zu spannenden psychologischen Themen finden Sie in unserer Onlinerubrik News

Hier geht es zum aktuellen Heft.  

 

 

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Hans-Konrad Biesalski: Unsere Ernährungs-biografie

Wer sie kennt, lebt gesünder
256 Seiten, gebunden, Knaus Verlag, 2017

19,99 €inkl. 7% MwSt.