Den Tod bedenken um des Lebens willen

​Wir Menschen wissen, dass wir, wie es der Dichter Gottfried Benn einmal gesagt hat, das „Gen des Todes“ in uns tragen. Umgehen lässt sich diese Tatsache nicht. Doch wie damit umgehen? Es ist die Kunst des Sterbens, die uns dazu befähigen will und kann

Dass der Mensch in den letzten zwei Jahrhunderten, was seine statistisch errechenbare Lebensdauer betrifft, etliche Jahre dazugewonnen hat, ist eine unwiderlegbare Tatsache. Wir leben heute zwar länger als unsere Vorfahren, doch, aufs Ganze gesehen, erheblich kürzer. Ein widersprüchlicher Befund? Keineswegs, wie Arthur E. Imhof, Professor für Sozialgeschichte und Historische Demografie an der Freien Universität Berlin, ausführt. Früher – so Imhof – lebten die Menschen durchschnittlich 40 Erdenjahre plus x (x = ewige Himmelsjahre). Heute leben die Menschen mindestens so lange, wie es Psalm 90,10 sagt: „Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hochkommt, sind es achtzig.“

Den Blick ganz auf den Himmel, aufs Jenseits gerichtet – so haben die Menschen früher gelebt; den Blick ganz auf die Erde, aufs Diesseits gerichtet – so leben die Menschen heute. Es scheint – geschichtlich betrachtet – wieder einmal so zu sein, dass der Pendelausschlag beim gegenüberliegenden Extrempunkt angelangt ist. War lange Zeit überwiegend die Vertröstung aufs Jenseits gang und gäbe, ist es jetzt die Vertröstung aufs Diesseits.

Früher wussten die Menschen, wie sie auf die Katechismusfrage „Wozu sind wir auf Erden?“ zu antworten hatten: „Um in den Himmel zu kommen!“ Heute, wo sich der Himmel erledigt hat, wissen die Menschen die alte Katechismusfrage so zu beantworten: „Um aus dem Leben das herauszuholen, was herauszuholen ist!“ Dass die Leute heute so reden, ist durchaus „logisch“. Denn da kein Himmel (mehr) ist, ist dieses Leben auf der Erde die „letzte Gelegenheit“ (Marianne Gronemeyer), zu leben und etwas zu erleben.

Die Dinge des Lebens ohne die „letzten Dinge“ – geht die „Logik“ einer solchen Lebensrechnung auf? Oder einmal so gefragt: Was erwarten die Menschen vom Leben, wenn der Gedanke an ein weiteres Leben jenseits des Todes ein mehr und mehr schwindender beziehungsweise ein nach und nach bereits…

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Artikel zum Thema
Leben
Den Zeitpunkt und die Art unseres Todes können wir nicht bestimmen. Aber wir können die Stimmung beeinflussen, in der wir uns eines Tages vom Leben…
Leben
Drei Bücher widmen sich dem tabuisierten Thema der Sterbebegleitung.
Leben
Trauer, Trennung, Karriereende: Rituale erleichtern den Übergang in eine neue Lebensphase. Wieso Bräuche guttun und wie Sie ihr eigenes Ritual finden können.
Psychologie Heute Compact 64: Trauer und Verlust
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Leben
Selbstunsicher, bindungsängstlich, überfordernd: Viele Menschen stecken von Kindheit an in einem Schema fest. Wie entkommt man der Falle?
Beziehung
Zweifel an der eigenen Beziehung sind eine große Belastung – für den Partner und insbesondere den Betroffenen.
Familie
Wie reagieren Kinder und Jugendliche auf Corona? Im Interview spricht eine Expertin über typische Symptome – zum Beispiel Zwänge. ​