Die Brille der buckligen Verwandtschaft

Dieses Mal reflektiert Mariana Leky die Rollenbilder ihrer Familie – nun da die „unglückliche Tante Traudl“ gestorben ist.

Die Illustration zeigt eine Frau mit einer Riesenbrille auf der Nase, in den Brillengläsern sitzen alle Verwandten
Der extrem kluge Onkel, die außerordentlich witzige Tante – Rollenbilder sind in Familien konstant, so auch bei Mariana Leky © Elke Ehninger

Es ist immer erhellend, wenn jemand von außen einen Blick auf hartgesottene Familienlegenden wirft. Letztes Jahr habe ich meinen Freund Kai mit zu einem Familienfest genommen. Kai ist jemand von sehr weit außen, nämlich aus Sydney. Auf dem Weg zum Fest erzählte ich ihm, wer in meiner erweiterten Ursprungsfamilie als was gilt: Onkel Udo als extrem klug, Tante Lucy als außerordentlich witzig, und Onkel Ulrich gilt als maßlos schön. 

Kai unterhielt sich blendend mit meiner Verwandtschaft, und hinterher sagte er: „Ehrlich gesagt: So klug fand ich Onkel Udo gar nicht, eher seine Frau“, er sagte: „Tante Lucy versemmelt ziemlich oft Pointen“, und dann fragte er auch noch: „Wo genau ist Onkel Ulrich eigentlich maßlos schön? Er ist sehr nett – aber schön, also, ich weiß ja nicht.“ All das war nicht von der Hand zu weisen, und mir fiel mal wieder auf, dass mir bereits in der Kindheit die Brille angepasst wurde, durch die ich meine Familie sehe, so, wie sie angeblich ist und angeblich immer sein wird.

Nun ist meine Großtante Traudl gestorben. Ich kannte Traudl kaum und kann mich nicht erinnern, mich je ausführlich mit ihr unterhalten zu haben. Sie hat nie viel gesagt auf Großfamilienzusammenkünften, sie hörte zu, was die anderen erzählten. Ich erinnere mich an einen Satz, den sie ab und zu in die Unterhaltungen warf; immer wenn jemand eine Prognose zu irgendwas abgab, sagte Tante Traudl: „Man weiß nie.“

Die unglückliche Traudl

Sie sagte das, wenn Onkel Ulrich prognostizierte, dass sein Sohn nie und nimmer das Abitur schaffen würde. Wenn es hieß, dass Onkel Hanno sich auf gar keinen Fall von seinem Schlaganfall erholen werde. Als Onkel Bernd mutmaßte, dass Tante Anna nach dem Tod...

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2020: An Krisen wachsen
print

News

Gesundheit
Können psychoaktive Substanzen die Behandlung von psychischen Krankheiten unterstützen – wie und welche genau?
Gesundheit
Ein größerer Einblick in die eigene Krankheit muss sich nicht nur positiv auf den Verlauf auswirken.
Gesundheit
Neue Studien haben untersucht, ob sich Rauchen auf die geistige Gesundheit auswirkt.