„Ohne die Melancholie wäre mein Leben ärmer“

Für seine Novelle "Widerfahrnis" hat der Schriftsteller Bodo Kirchhoff 2016 den Deutschen Buchpreis bekommen. In diesem Buch geht es um Verluste und Versäumnisse, um die aktuelle Flüchtlingsdebatte und die Erkenntnis, dass man ab einem bestimmten Punkt Frieden mit seinem bisherigen Leben machen sollte. In Psychologie Heute spricht Bodo Kirchhoff über die späte Auszeichnung und welche Widerfahrnisse sein eigenes Leben bis heute prägen

„Ohne die Melancholie wäre mein Leben ärmer“

Für seine Novelle "Widerfahrnis" hat der Schriftsteller Bodo Kirchhoff 2016 den Deutschen Buchpreis bekommen. In diesem Buch geht es um Verluste und Versäumnisse, um die aktuelle Flüchtlingsdebatte und die Erkenntnis, dass man ab einem bestimmten Punkt Frieden mit seinem bisherigen Leben machen sollte. In Psychologie Heute spricht Bodo Kirchhoff über die späte Auszeichnung und welche Widerfahrnisse sein eigenes Leben bis heute prägen

Im Oktober 2016 haben Sie für Ihre NovelleWiderfahrnis den Deutschen Buchpreis bekommen. Mit Ihrem Roman Die Liebe in groben Zügen standen Sie 2012 bereits auf der Longlist. Warum hat der Preis so lange auf sich warten lassen?

Man will natürlich immer einem Autor mit einem Preis auch unter die Arme greifen und hat die Vorstellung, dass er der Hilfe bedarf. Das ist das eine. Das andere ist: Man will immer auch eine Entdeckung machen, man will durch einen Preis etwas ans Licht heben, was vorher eher im Dunkel war. Das wäre bei meinen früheren Büchern natürlich möglich gewesen, aber die waren zu anstößig. Ich habe Dinge geschrieben, die dann 20 Jahre später bei Michel Houellebecq auftauchten. Damals aber war es undenkbar, für einen so kalten Blick auf das Zwischenmenschliche auch noch eine Auszeichnung zu erhalten. Später, als sich mein Blick inzwischen verändert hatte, war ich dann schon zu prominent, und man hat meine Bekanntheit mit dem Bankkonto verwechselt und gedacht: Der braucht keinen Preis.

Natürlich freut mich der Preis für Widerfahrnis, es hätte mich aber wahrscheinlich mehr berührt, wenn ich ihn vor vier Jahren für Die Liebe in groben Zügen bekommen hätte.

Aber Widerfahrnis hat meiner Meinung nach diesen Preis mehr als verdient.

Es war eine sehr aufreibende Arbeit, die mich von Fassung zu Fassung mehr gefordert hat. Als sie nach der sechsten Fassung beendet war, hatte ich das Gefühl, das etwas gelungen ist, aber ich wusste nicht, was.

Das Buch durchweht eine Melancholie. Die beiden Protagonisten betrauern gleich mehrere Verluste: Reither hat seinen Kleinverlag aufgelöst, weil es, wie es im Buch heißt, mehr Schreibende als Leser gebe. Und Leonie Palm schloss ihr Hutgeschäft, weil die Gesichter heute zu leer für Hüte seien.

Die Melancholie ist ein Lebensgefühl, das mir nah ist. Ohne die Melancholie wäre mein Leben zweifellos ärmer – und auch das meiner Figuren. Leonie Palm hätte natürlich noch weiter ihre schönen Hüte verkaufen und Reither an seinem kleinen exklusiven Verlag festhalten können, aber das erschien beiden sinnlos. Sie haben resigniert, allerdings nicht passiv, sondern aktiv. Sie haben eine Scheidung vollzogen und es in Kauf genommen, mit der Trauer zu leben. Das ist ja ähnlich wie beim Schreiben, auch von Büchern muss ich mich irgendwann trennen, den Schlusspunkt setzen, und oft muss ich mich auch von Buchprojekten verabschieden, auch wenn sie etwas Aussichtsreiches haben. Ich weiß schon, wie man Bücher schreibt, die sich verkaufen, ich weiß es wirklich ganz gut, aber die Frage ist, ob einem der Arbeitsaufwand die Lebenszeit wert ist. Also schreibe ich lieber Bücher, von denen ein Trost für mich selbst ausgeht. Und dann kann das völlig Unerwartete geschehen, dass sich auch andere davon trösten lassen und man mit einem eher intimen Buch plötzlich Erfolg hat. Dann hat man ein Glückslos gezogen, wie es auch manchmal mit einem anderen Menschen passiert – davon habe ich ja in Widerfahrnis erzählt.

Reither hat in dieser Lotterie gewonnen. Er lässt einen anderen Menschen, Leonie Palm, in seine Wohnung und in sein Leben. Allerdings zunächst ziemlich zögerlich.

Die ersten Kapitel dieses Buches waren handwerklich eine große Herausforderung. Nicht Reither, sondern ich, der Autor, wollte diese Frau am Anfang gar nicht in sein Leben lassen. Es war ein buchstäbliches Herantasten, bis sie schließlich die erste Zigarette zusammen rauchen. Das Rauchen war im Übrigen sehr wichtig in meiner Jugend. Das hat einem viel Geschwätz erspart. Und so geht es auch Reither und Leonie Palm. Ihre Sympathie füreinander nimmt zu, ohne dass sie es gleich merken. Noch ehe sie aufbrechen zu ihrer Reise sind sie eigentlich schon ein Pärchen.

Es hat in der Tat etwas Schüchtern-Pubertäres.

Und genau deshalb funktioniert es wahrscheinlich. Ich beschreibe im Buch ja vieles, was man als junger Mensch macht: Die beiden rauchen viel, sie fahren nachts mit dem Auto einfach drauflos, sie schlafen im Auto. Das sind Dinge, über die man, wenn man jung ist, in eine Beziehung stolpert.

Und sie hören Songs von Paul Anka, nicht von einer CD, sondern von einer Musikkassette, die Leonie Palm erst mühsam reparieren muss.

Paul Anka war, wie das Rauchen, die Musik, um sich näherzukommen, es gab dafür kaum eine bessere.

Kommt da eine Sehnsucht zum Ausdruck nach einer Zeit, als die Welt noch in Ordnung war?

Die Welt war nie in Ordnung. Die Zeit, von der wir sprechen, ist die Zeit nach den größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Aber es gab Inseln. Die gibt es heute auch, nur sehen die völlig anders aus. Der große Unterschied ist der: Es gab die Verbindung von Literatur und Musik im Dienste einer Rebellion gegen die Generation davor, einer echten Rebellion. Das fällt heute völlig weg, unsere Kinder müssen nicht gegen uns rebellieren, sie wohnen noch gerne zu Hause. Das war bei uns ganz anders.

Wie war das bei Ihnen? Sie haben rebelliert?

Ich war zehn Jahre im Internat, ich zwar zwei Jahre beim Militär, ich habe gemerkt, dass ich für solche Gemeinschaften ungeeignet bin. Natürlich hat man da seine Kameraden oder Freunde, aber letzten Endes wollte ich nach all diesen Kasernierungen nur noch für mich sein – und nie wieder von jemandem etwas gesagt bekommen, sondern das machen, was ich machen wollte.

Sie haben dann Heilpädagogik studiert.

Das war das Studium, wo man am freiesten war. Man konnte über Psychologie, Philosophie, Soziologie alles machen, was man wollte. Ich habe mich vor allem mit Psychoanalyse beschäftigt und alles querbeet gelesen, was es dazu gab. Das ist heute ein unvorstellbarer Zustand.

Ihre Doktorarbeit schrieben Sie über den französischen Psychoanalytiker Lacan. Sie wollten aus dem Studium aber nie einen Beruf machen?

Wahrscheinlich habe ich gedacht, wenn ich mit dem Schreiben scheitere, könnte ich vielleicht noch Therapeut werden. Damals war das eine große Sache, im therapeutischen Bereich zu arbeiten. Ich habe auch schon mit Jugendlichen gearbeitet, aber schnell gemerkt: Es interessiert mich nicht genug. Während die da saßen und was von mir erwarteten, machte ich mir Notizen zu einem Theaterstück. Ich habe aber enorm viel mitbekommen, ich habe viel gelesen und gelernt nachzudenken, auch über mich.

Haben Sie jemals selbst eine Psychoanalyse gemacht?

Nein, ich hatte mal eine Zeit in meinem Leben, in der es mir nicht gutging und ich es mit einer Einzeltherapie versuchte, die bereits in der ersten Stunde zu Ende war. Ich habe mich sofort mit dem Therapeuten über die Theorie gestritten. Das ging nicht gut. Aber ich habe viel gelernt durch Freundinnen. Viele davon waren damals in einer Analyse. Ich musste einmal von Sardinien in einer Tag-und-Nacht-Tour nach Deutschland fahren, weil die damalige Freundin eine Analysestunde bei Tilmann Moser hatte.

Das war wie so ein Crashkurs, in dem ich viel über weibliches Empfinden und Denken lernte, aber auf durchaus schmerzliche Weise auch viel über mich. Der immensen Freiheit, die ich in diesem Land als Schriftsteller habe, steht eine Verpflichtung zur Offenheit, zur Selbstanzeige gegenüber. Ich muss zuallererst mit dem Finger auf mich selbst zeigen, ehe ich ihn auf andere richte. Das ist etwas, was ich sehr früh dort gelernt habe.

Kommen wir zu dem Titel Ihres Buches: Widerfahrnis. Sie erläutern diesen Begriff in Ihrem Buch so: „Es ist die Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz, aber auch die Hand, die einen einfach an die Hand nimmt.“ Wenn ich lese, was Sie selbst über Ihre frühen Jahre erzählen, habe ich den Eindruck: Sie haben als Kind eher die Faust gespürt denn die liebevolle Hand?

Beides. Ich bin mit zehn ins Internat gekommen, meine Eltern hatten sich getrennt, das wusste ich aber nicht. Es hieß nur, jeder müsse woanders arbeiten. Jedenfalls kam ich ins Internat und war dort sehr ausgeliefert. Dort hat mich dann dieser schöne Winnetou-Kantor an die Hand genommen.

Mehr als das. 2010 beschrieben Sie in einem Beitrag für den Spiegel, „was damals im Internat wirklich geschah“. Sie waren elf, als Sie von dem Heimleiter und Schulkantor sexuell missbraucht wurden, den Sie wegen seiner langen Haare Winnetou nannten.

Ja, er war mein Religionslehrer. Aber eben nicht nur das. Es war ein viel zu frühes Begehrtwerden. Ich kannte das aber schon aus früheren Phasen in meinem Leben mit meiner Mutter, die mir auch zu viel abverlangt hat. Das war alles ziemlich problematisch.

Solche Erfahrungen können einen Menschen traumatisieren.

Sagen wir besser: nachhaltig, vielleicht sogar lebenslang verstören. Und wenn ich nicht auf einem gemischten Internat gewesen wäre, hätte es auch so weit kommen können. Ich habe relativ rasch zu den Mädchen gefunden. Aber es hat mich später nochmal eingeholt, als ich beim Militär war. Da war ich sehr isoliert, völlig auf mich geworfen. Ich war oberflächlich, nach außen hin eingebettet in ein klares System, und weil diese Einbettung so klar ist, konnte ich mich nach innen völlig fallenlassen. Ich habe diesen Zustand gesucht – und das war eigentlich eine Form der Verwahrlosung. Diese Verwahrlosung ging dann noch ein Stück weiter, als ich hier in Frankfurt war. Das hat sich nur sehr langsam aufgelöst.

Sie müssen dennoch einen guten Weg gefunden haben, um mit all diesen Widerfahrnissen, die so früh auf Sie einwirkten, fertigzuwerden?

Fertig wird man mit so etwas nie, aber es wurde mir erleichtert, damit zu leben. Ich konnte immer wieder Menschen für mich einnehmen. Es gibt im Leben zwei positive Existenzrisiken: dass man liebt und dass man geliebt wird. Und dass man begehrt wird und selbst begehrt. Vor allem gegen Letzteres ist man ziemlich machtlos. Ich habe das aber immer als etwas Positives gesehen und mich nicht moralisch dagegen gestemmt. Es gab zwar eine Verwirrung, weil es sowohl von Männer- wie auch von Frauenseite dieses Begehrtwerden gab, gleichzeitig aber war das ein Weg, mit den frühen Erfahrungen umzugehen.

„Es kommt darauf an, die eigene Existenz aufzubrechen und jemand in sein Leben zu lassen.“ Das schreiben Sie in Ihrem Buch in Bezug auf Reither. Trifft das auch auf Sie zu?

Die Frau, mit der ich heute noch verheiratet bin, habe ich mit 28 kennengelernt. Das ist eine sehr, sehr lange Beziehung, die natürlich ihre Höhen und Tiefen hatte. Wir haben nie zusammen gewohnt, aber mit jedem Jahr wurde das Gefühl stärker, das ist jetzt der andere, der zu deinem Leben gehört. Und mit der Zeit merkt man: Es ist gut so. Und mit den Kindern – erst mit dem Sohn, dann der Tochter – bekam das Leben seine definitive Ausrichtung.

Man lebt ja lange im Leben in der Illusion: Das kann alles noch mal anders werden. Aber irgendwann ist das vorbei. Wenn man das dann akzeptieren kann, dann ist es gut. Wenn man aber hadert und immer weiter glaubt, es müsse alles anders werden, wird man blind für das Naheliegende und versäumt das Mögliche.

In Ihrem Buch thematisieren Sie auch die Flüchtlingskrise, die spätestens im Jahr 2015 für ganz Europa zur großen Herausforderung wurde. Reither und Palm treffen auf ein schweigsames Flüchtlingsmädchen, am Ende kommt noch eine afrikanische Flüchtlingsfamilie ins Spiel. Manche Rezensenten lesen deshalb Ihr Buch auch als einen Kommentar zur Flüchtlingskrise. Ist es das?

Die Flüchtlingsbewegung war 2015 ein Ereignis, das in sehr kurzer Zeit kulminierte. Die Öffnung der Grenze, die vielen Ertrunkenen. Und fast sofort gab es die Kommentare, die Sprache dazu. Diese Sprache ist jedoch äußerst dürftig, sie entwickelt sich auf der diskursiven Ebene in Gesprächsrunden im Fernsehen, sie ist eine Begriffssprache, die aber im Prinzip nicht besser ist als die Sprache der Straße. Was fehlt, ist eine erzählende, differenzierte Sprache, die sich Zeit nimmt. In diese Lücke ist mein Buch gestoßen. Es reduziert das Phänomen auf eine kleine Situation und macht gleichzeitig verständlich, zu welchen Projektionen und zu welcher Überforderung der Einbruch des Fremden führt. Man bekommt etwas nicht in den Griff, indem man es einfach benennt, sondern indem man es erzählt. Im Übrigen ähnelt das dem psychoanalytischen Vorgehen. Es geht um nichts anderes, als in Ruhe mit Zeit die verschütteten Stücke seines Lebens zu erzählen. Das ist zeitaufwendig und mühselig und nicht besonders spektakulär.

Hoffen Sie, mit diesem Buch auch Menschen zu erreichen, die nicht zu den typischen Lesern gehören?

Natürlich haben wir es überwiegend mit immer mehr Menschen zu tun, die nicht mehr lesen. Das ist ein Grundproblem. Beim Lesen muss man die Zeit des Romans mitmachen, dann erst kann einem das Buch etwas sagen. Es ist ein anderer Begriff von Zeit, den das Lesen erzwingt, und genau diesen Begriff von Zeit wollen viele heute überhaupt nicht mehr mitmachen. Sondern sie wollen in derselben Sekunde das Foto, die Antwort, eine Rückmeldung haben. Das führt aber dazu, dass der Schrott unendlich wird.

Schauen wir in die Zukunft: Auf Ihrem Stehpult liegt bereits das Manuskript für Ihr nächstes Buch. Wovon handelt es?

Es geht um den „Roman einer Sexualität“, so der momentane Untertitel. Es geht um die Frühgeschichte meiner Sexualität. Ich habe dieses Buch nach dem Tod meiner Mutter vor zwei Jahren begonnen. Ich wollte immer mal erzählen, wie ich in Sexualität eingefädelt wurde. Und wie das bis heute prägend ist. Es ist ein prägendes Stück Biografie. Und es ist ein sehr schwieriger Stoff. Ich lasse mir damit Zeit.

Eingefädelt werden in Sexualität. Was heißt das?

Eingefädelt in eine bestimmte Art der Sexualität, heißt: Wie man sich selbst sieht, wie man selbst auf andere zugeht, was man will, was man nicht will, die Sprache dazu, die Bilder dazu. Das sind alles Dinge, die nicht vom Himmel fallen. Wie das sich in eine Persönlichkeit einfädelt und am Ende eine Art seltsames Gerüst ist, das ist schwer zu erklären, es ist schwer, dafür eine Sprache zu finden. Normalerweise ist es ja so, dass die Sexualität die Sprache denunziert und die Sprache die Sexualität. Ich habe in all meinen Büchern versucht, Sexualität und Sprache zu versöhnen. Das aber ist sehr schwer.

Konnten Sie dieses Buchprojekt erst beginnen, als Ihre Mutter tot war?

Wie schon erwähnt, gab es zwischen meiner Mutter und mir in der frühen Kindheit eine Art der Intimität, die später nie zur Sprache kam. Ich war nicht der kleine Sohn, ich war der kleine „Galan“. Ich habe zum Beispiel schon als Sechsjähriger irgendwelchen Damen in Kitzbühel Handküsse geben müssen. Und dann dieser Stolz: „Du und ich, wie schön wir sind“, wir waren eben nicht nur Mutter und Kind, wir waren auch ein Paar. Für mich ist das unvergessen. Dafür eine angemessene Sprache zu finden, die keine Begriffssprache ist, das ist eine große Herausforderung. Es würde mir sicher leichter fallen, etwas Fiktives darüber zu schreiben.

Sie sagten vorhin, Ihre frühen sexuellen Erfahrungen prägen Sie bis heute?

Ich habe mir durch das Schreiben eine Situation geschaffen, in der ich damit umgehen kann. Aber ich bin davon beherrscht, das muss ich klar sehen. Angenommen, ich hätte einen Unfall und würde querschnittsgelähmt im Bett liegen, dann wäre ich ein absolutes Opfer meiner Fantasie, dann könnte ich mich nicht mehr dazu verhalten. Und ich glaube, das wäre sehr schlimm.

„Auch böse Erinnerungen haben ihren Sinn, sie schärfen den Blick für das Gute in der Gegenwart“, schreiben Sie in Widerfahrnis. Haben Sie das für Ihr Leben auch so erlebt?

Ich schreibe dieses Buch, um meine gegenwärtige Situation zu verbessern. An der Vergangenheit kann ich sowieso nichts mehr korrigieren. Ich bin niemand, der im Zorn oder bitter zurückschaut. Ich bin sehr gegenwartsorientiert.

Wird Ihr „Roman einer Sexualität“, dem Sie den Titel „Unkind“ geben, Sie verändern?

Das glaube ich nicht. Es wird mich vielleicht etwas freier machen, ich muss es dann nicht mehr schreiben.

Das heißt, es war immer da, es musste geschrieben werden?

Es musste einfach mal gesagt werden, so kann man das ausdrücken.

Was hat sich nach dem Tod Ihrer Mutter für Sie geändert?

Es gab eine lange Zeit, da habe ich an meiner Mutter herumerzogen, nicht, dass ich irgendetwas angesprochen hätte, es war immer ein absurder Clinch. So wie ich mit meinem Vater politisch gestritten habe damals, habe ich mit meiner Mutter über andere Dinge gestritten. Sie drehte fast durch, wenn ich nicht rasiert war, also habe ich mich erst recht nicht rasiert, das aber noch mit 60. Ich habe mich auch noch im hohen Alter gegen sie gewehrt. Man sollte glauben, dann ist man darüber hinaus. Ist man aber nicht. Das hat ja was Komisches. Erst in der allerletzten Phase habe ich begriffen, dass sie nichts weiter braucht, als dass ich ihre Hand halte, dass es nichts mehr zu diskutieren gibt.

Hat Ihre Mutter Ihre Werke gelesen?

Meine Mutter war Schauspielerin und eine große Leserin. Sie hat meine Bücher immer gelesen, zuletzt Die Liebe in groben Zügen. Weil das so ein umfangreiches Buch war, habe ich es für sie in der Mitte geteilt, damit sie es halten konnte. Widerfahrnis hat sie nicht mehr gelesen, und ich bedauere es, dass sie den Deutschen Buchpreis nicht mehr erlebt hat. Das hätte sie als Glück mit ins Grab genommen.

Bodo Kirchhoff, geboren 1948, lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee, wo er gemeinsam mit seiner Frau Schreibkurse gibt. Zuletzt erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt seine von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeierten Romane Verlangen und Melancholie (2014) sowie Die Liebe in groben Zügen (2012). Seine Novelle Widerfahrnis (1. September 2016) erhielt den Deutschen Buchpreis.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2017: Schwäche zeigen!
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