Was glauben die Ungläubigen?

Menschen wollen glauben. Der Wunsch nach Sinn und Rückhalt in der Religion scheint eine Eigenart unserer Gattung zu sein. Dennoch hat es zu allen Zeiten auch religiöse Zweifler gegeben, deren Zahl – zumindest in Europa – heute stetig steigt. Doch sind diese „Ungläubigen“ wirklich frei von Religiosität?

In Molières Komödie Don Juan fragt ein Diener seinen Herrn, woran dieser glaubt, und bekommt als Antwort: „Ich glaube, dass zwei und zwei vier ist und vier und vier acht.“ Darauf erwidert der Diener: „Wie ich sehe, ist Eure Religion also die Arithmetik.“ Die Moral von der Geschichte: An irgendetwas muss man glauben, wenn schon nicht an einen persönlichen Gott, dann beispielsweise an die Gültigkeit mathematischer Gesetze.

Religiöser Glaube ist aus allen Kulturen der Gegenwart und der überlieferten Geschichte bekannt und zählt daher zu den anthropologischen Universalien. Es ist keine Übertreibung, den Menschen – unter anderem – auch als Homo religiosus zu charakterisieren, eine Spezies von Gläubigen. Neueren Studien zufolge sind mehr als 80 Prozent aller heutigen Menschen religiös in einem weiten Sinn des Wortes.

Wie aber verhält es sich mit den restlichen etwas weniger als 20 Prozent? Immerhin sind das mehr als eine Milliarde Menschen; Ungläubige also, die die Bindung an Gott verloren oder nie an ein „höheres Wesen“ geglaubt haben. Glauben die an nichts? Oder gibt es Formen „religiöser“ Überzeugungen, die mit den in den tradierten Religionen überlieferten Glaubensinhalten kaum etwas zu tun haben oder sich davon doch maßgeblich unterscheiden?

Albert Einstein bekundete einmal, dass er an keinen persönlichen Gott glaube, aber von „kosmischer Religiosität“ ergriffen sei, einer „grenzenlosen Bewunderung der Weltstruktur, soweit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann“. Steht Einsteins Haltung stellvertretend für die weltanschauliche...

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