​ „Das Böse muss mühsam an die Oberfläche gebracht werden“ ​

Werden wir in Krisenzeiten egoistischer, gemeiner und aggressiver? Historiker Rutger Bregman im Gespräch.

Zwei Frauen von einer Tafen in Rottenburg tragen Mundschutz und Schutzhandschuhe und helfen freiwillig in dieser Corona-Krisenzeit
Wenn das Beste im Menschen zum Vorschein kommt: Freiwillige in Krisenzeiten. © picture alliance/Pressebildagentur ULMER

Herr Bregman, wenn wir an die Geschichte denken, stehen wir Menschen nicht allzu gut da. Krieg und Gewalt prägten die letzten dreitausend Jahre. Aber Sie sagen, dass die Menschen eigentlich gut sind. Wie kommen Sie darauf?

Ich glaube, dass wir die freundlichste und grausamste Spezies der Evolution zugleich sind. Wir sind sowohl supersoziale Lernmaschinen als auch Gewalttäter, die Verbrechen begehen können, die es im Tierreich niemals geben würde – zum Beispiel Gaskammern bauen. Wenn Sie sich die Geschichte der Evolution aber genauer anschauen, merken Sie schnell: Ohne unsere Freundlichkeit und Fähigkeit zur Kooperation hätten wir als Spezies gar nicht überlebt.

Wieso nicht?

Weil unser Gehirn im Lauf der Evolution geschrumpft ist, wir wurden immer schwächer, verletzlicher und kindlicher. Allein aufgrund unserer physischen Fähigkeiten hätten wir es wohl nie durch die Eiszeit geschafft. Wir sind stark, weil wir im Kern sozial und vernetzt sind, also zusammenhalten. Der Anthropologe Brian Hare spricht deshalb statt von Darwins survival of the fittest vom survival of the friendliest.

Aber zeichnet uns dieses Verhalten tatsächlich in Krisensituationen aus?

Der Mythos, dass die Menschen in ihrem tiefsten Inneren egoistisch, panisch und aggressiv sind, hält sich hartnäckig. Die Geschichte lehrt uns aber das genaue Gegenteil: Gerade inmitten der größten Katastrophen kommt häufig das Beste in uns zum Vorschein. Als der Wirbelsturm Katrina 2005 die Stadt New Orleans traf und fast zerstörte, waren die Zeitungen voll mit Berichten über Vergewaltigungen und Schießereien. Es gab sogar Geschichten über plündernde Gangster und Scharfschützen auf den Dächern.

Später, als das Wasser wieder abgelaufen war, stellte man fest, dass das alles gar nicht stimmte. Die Schüsse des Scharfschützen waren das Ventilgeklapper eines Gastanks gewesen. Es existierten keine Polizeiberichte über Morde oder Vergewaltigungen. Und die Plünderer waren hungrige Leute...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2020: Persönlichkeit: Histrionisch
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