Von Natur aus dünnhäutig

Manche Menschen sind sehr empfindsam und reizempfänglich. Sie brauchen Zeit, das Wahrgenommene zu verarbeiten, und reagieren selten spontan. Doch ist „Hochsensibilität“ tatsächlich ein biologisch verankertes Persönlichkeitsmerkmal? Ein Gespräch mit Elaine Aron, der Begründerin des umstrittenen Konzepts

Von Natur aus dünnhäutig

Manche Menschen sind sehr empfindsam und reizempfänglich. Sie brauchen Zeit, das Wahrgenommene zu verarbeiten, und reagieren selten spontan. Doch ist „Hochsensibilität“ tatsächlich ein biologisch verankertes Persönlichkeitsmerkmal? Ein Gespräch mit Elaine Aron, der Begründerin des umstrittenen Konzepts

Vor 15 Jahren brach die amerikanische Psychologieprofessorin und Psychotherapeutin Elaine Aron eine Lanze für die Hochsensiblen. Ihr Buch The Highly Sensitive Person über Leid und Begabung der besonders Empfindsamen wurde schnell zum Bestseller. Im Juli 2000 traf Psychologie Heute mit einer Reportage zum Thema bei vielen Lesern einen Nerv. Bald entstanden Selbsthilfegruppen; Arons Buch erschien 2005 auch in deutscher Übersetzung. Aber ist Hochempfindlichkeit als psychologisches Persönlichkeitsmerkmal wirklich nachweisbar? Und welches neue Wissen gibt es darüber, wie Hochsensiblen am besten geholfen ist? Wolfgang Streitbörger traf Elaine Aron an ihrem Wohnort Tiburon in Kalifornien.

PSYCHOLOGIE HEUTE Als ich vor einem Dutzend Jahren in Psychologie Heute erstmals über Hochsensibilität berichtete, hörte ich von Persönlichkeitsforschern unterschiedliche Meinungen. Jerome Kagan verwahrte sich gegen Ihre Behauptung, mit seiner Forschung an der Harvard-Universität über Schüchternheit habe er Hochempfindsamkeit gemessen, ohne es zu wissen. Sein Schüler Marcel Zentner, damals an der Universität Zürich, vermutete bei Ihnen mehr Philosophie als Psychologie. Philip Zimbardo erkannte indes durchaus Übereinstimmungen mit seinen eigenen Forschungen zur Schüchternheit an der Stanford-Universität. Und Jens Asendorpf von der Humboldt-Universität mutmaßte, Sie seien als Betroffene vielleicht persönlich etwas zu sehr ins Thema verwickelt, sagte aber: „Wenn andere Forscher dies aufgreifen, könnte dabei vielleicht Wichtiges entstehen.“ War das der Fall? Und wie betrachten Sie Hochsensibilität heute?

ELAINE ARON Als Psychotherapeutin und in der Tat persönlich Betroffene ist für mich zunächst einmal völlig klar: Was immer es sein mag, viele Menschen erkennen es in sich sofort! Wie ich die Sache heute sehe, handelt es sich um eine Strategie von Menschen und Tieren vieler Arten, um eine angeborene Präferenz, Informationen sorgfältiger als andere ihrer Gattung zu verarbeiten, bevor sie handeln. Diese besondere Informationsverarbeitung wird angetrieben durch erhöhte emotionale Empfänglichkeit für subtile Reize. Diese Definition ist eine wissenschaftliche. Die eher praktische lautet: Hochsensible Menschen werden durch Reize stärker angesprochen. Sie sprechen mit ihren Gefühlen stärker als andere auf Dinge in ihrem Umfeld an. Vor allem aber ziehen sie es vor, die Dinge zu beobachten und nachzudenken, bevor sie zur Tat schreiten. Daraus ergibt sich leider auch, dass Hochsensible durch Überreizung leicht überwältigt werden und besonders stark auf negative Dinge reagieren.

PH Das klingt ja wie ein Leiden. Ist Hochsensibilität eine Krankheit, eine Störung?

ARON Gewiss nicht! Der Sinn fürs Unterschwellige ist sehr nützlich. Hochsensible bewegen sich umsichtiger durchs Leben. Sie sehen die Konsequenzen ihres Handelns im Voraus. Deshalb sollte man Hochsensibilität auch nicht mit Schüchternheit oder Gehemmtheit verwechseln. Hochsensible handeln sehr wohl, dies auch kraftvoll und durchsetzungsstark, aber oftmals mit einer ganz kurzen Verzögerung. Die brauchen sie eben, um die Reize besonders tief und gründlich zu verarbeiten. Nichtbetroffene empfinden das vermeintliche Zaudern und Zögern manchmal als befremdend oder missdeuten es vielleicht sogar als Dummheit.

PH Aus Alltagsbeobachtungen mag dies ja plausibel sein. Wo aber bleibt die wissenschaftliche Untermauerung für die Behauptung, Hochsensibilität sei eine biologische Anlage, die bei 15 bis 20 Prozent aller Menschen vorhanden sein soll? Die wissenschaftliche Psychologie erkennt ein solches unverrückbares Persönlichkeitsmerkmal bisher nicht an.

ARON Vor zwölf Jahren hatten wir dafür viele, aber nur lose miteinander verbundene Indizien. Inzwischen gibt es aus der Grundlagenforschung bessere Belege für meinen Ansatz. An erster Stelle nenne ich einen Landsmann von Ihnen, den Biologen Max Wolf in Berlin. Er forscht über Persönlichkeit bei Tieren und fand heraus, dass eine erhöhte Empfindsamkeit gegenüber der Umwelt in vielen Tierarten bei einer Minderheit der Individuen auftritt (siehe S. 38: Solche und solche – auch bei Tieren). Was Max Wolf ermittelt hat, deckt sich recht genau mit meinen eigenen Beobachtungen.

PH Und wie steht es mit der Forschung beim Menschen?

ARON Auch da kommen wir gut voran. Mein Ehemann Arthur Aron, er ist ebenfalls Psychologieprofessor, betreut an der Universität Stony Brook im Staat New York mehrere Forschungsarbeiten zu diesem Thema. Seine Doktorandinnen stellten unter anderem mit bildgebenden Verfahren fest, dass Hochsensible bei Reizen andere Hirnregionen als die Bevölkerungsmehrheit aktivieren und dass auch die zeitlichen Abläufe im Gehirn anders sind. Hochsensibilität geht also tatsächlich mit Unterschieden in den Hirnstrukturen und -prozessen einher. Erkennbar ist bereits, dass die Amygdala oder andere für Furchtreaktionen zuständige Hirnareale eine untergeordnete Rolle spielen, dass wir es eben nicht mit Angst oder Gehemmtheit zu tun haben, wie Kagan es sehen würde. Und wir wissen jetzt, dass es sich auch nicht um einen negativen Affekt handelt. Damit stehe ich quer zum Establishment in der psychologischen Forschung. Wenn ich Fachaufsätze bei Verlagen einreiche, werden sie im Prüfverfahren in der Begutachtung durch Kollegen regelmäßig verrissen. Und zwar nicht wegen ihrer Qualität, sondern wegen ihres Inhalts, der offenbar nicht sein darf. Allein schon dass ich ein erfolgreiches populäres Buch geschrieben habe, ist manchen Wissenschaftlern Makel genug.

PH Sprechen wir über Ihre Arbeit als Psychotherapeutin: Haben Sie viele Klienten, die Sie für hochsensibel halten?

ARON Das ist in der Tat so. Es hat sich halt herumgesprochen, dass ich für das Thema sensibel bin.

PH Behandeln Sie also Hochsensibilität?

ARON Keineswegs! Da gibt es nichts zu behandeln, denn wir haben es eben gerade nicht mit einer Störung zu tun. Die Menschen kommen in aller Regel zu mir aus demselben Grund wie die Klienten anderer Therapeuten, nämlich weil sie Probleme haben. Zwar meinen sie oft, der Grund für ihr Leiden sei die Hochsensibilität. Dann aber stellt sich fast immer heraus, dass es andere Themen sind, etwa ungelöste Mutter-Tochter-Konflikte, auch Depression oder Angespanntheit. Psychische Probleme drücken sich bei Hochsensiblen nur anders aus; sie reagieren nun einmal auf alles tiefer. Und sie brauchen deshalb eine andere Behandlung.

PH Wie sollte die aussehen?

ARON Es geht zunächst einmal darum, zu begreifen, dass die Hochsensibilität eine Realität ist. Anschließend kann man sein Leben darauf einstellen. Meine Therapien baue ich auf diese Einsicht auf. Ich bestärke meine Klienten darin, ihre Hochsensibilität als etwas ihnen Eigenes anzunehmen, während sie von anderen immer nur hören, mit ihnen sei etwas nicht in Ordnung.

PH Was haben Hochsensible davon, zu glauben, dass sie ein solches Persönlichkeitsmerkmal haben?

ARON Einen großen Sprung nach vorn in ihrem Selbstbewusstsein, aber auch eine deutlich verbesserte Fähigkeit, ihr Leben zu organisieren. Wer einmal grundsätzlich verstanden hat, wie und wo die eigene Hochsensibilität ins Spiel kommt, muss sich nicht mehr an jeder Einzelfrage abarbeiten. Hochsensible sind in einer guten Therapie, wenn sie dort lernen, was sie am besten können. Zum Beispiel auch, welche Art von Arbeit sie brauchen. Für die meisten Hochsensiblen ist es wichtig, dass sie im Beruf Sinnvolles leisten.

PH Sind Hochsensible im Beruf weniger belastbar als andere, „Sensibelchen“ eben? Gehen sie aus Konflikten als die Verlierer hervor?

ARON Das zu glauben wäre ein großer Irrtum. Wer mit Samthandschuhen angefasst werden will und dafür seine Hochsensibilität ins Feld führt, hat nichts verstanden. Hochsensibilität ist keine billige Entschuldigung für irgendetwas. Sie kann eine Last sein oder eine Chance, meistens ist sie beides. Hochsensible fühlen sich vielleicht in einer Konfliktsituation leichter als andere von ihrem Empfinden übermannt. Aber sie nehmen auch besonders gut unterschwellige Informationen auf, und das setzen sie durchaus zu ihrem Vorteil ein. Auch Hochsensible können kämpfen. Wenn sie aber die Wahl haben zwischen Bindung und Rang, neigen sie eher zur Bindung. Werden sie also am Arbeitsplatz gemobbt, suchen sie seltener die Konfrontation, sondern eher Verbündete, um sich so durchzusetzen. Nicht nur im Beruf, auch in Liebesdingen sind sie eigen.

PH Wie das?

ARON Hochsensible suchen ihre Partner eher vorsichtig aus, gehen tiefere Beziehungen nur mit allen absehbaren Konsequenzen im Blick ein. Das bremst sie vielleicht etwas, aber sie erleben seltener Enttäuschungen. Sie empfinden Zuwendung und Sexualität intensiver, tiefer und geheimnisvoller, ebenso aber auch Zurückweisung und andere negative Erfahrungen. Sie suchen nur selten den besonderen Kick beim Sex. Es muss wirklich nicht der Fremde in der Flugzeugtoilette sein. Und es ist eher typisch für sie, wenn sie im Liebesspiel sagen: „Halt, nicht so schnell!“, nur um nach der kurzen Pause alles noch intensiver zu genießen.

PH Was sollten Therapeuten im Umgang mit solchen Menschen beachten?

ARON Sie müssen damit umgehen, dass diese Klienten oftmals besonders heftig Gefühle erleben, im Guten wie im Schlechten. Der Therapeut muss sehr genau auf das Erregungsniveau achten. Hochsensiblen, wie allen anderen Menschen auch, geht es am besten in einem Fenster zwischen Mindest- und Höchstanregung auf äußere Reize. Dieses Fenster liegt bei ihnen aber deutlich niedriger als beim Durchschnitt. Da kann es schnell passieren, dass sich die emotionalen Schleusen öffnen, wenn der Therapeut es noch gar nicht erwartet. Für Therapeuten ist auch wichtig zu verstehen, dass sie mit diesen Klienten viel subtiler als üblich kommunizieren sollten. Einem Hochsensiblen die Frage „Warum haben Sie das getan?“ zu stellen ist meistens völlig überflüssig. Es reicht, die Augenbraue zu heben.

PH Wo sehen Sie sich heute stehen, mehr als 15 Jahre, nachdem Sie mit dem Thema Hochsensibilität an die Öffentlichkeit gegangen sind?

ARON Mein Werk ist fast vollbracht. Viele Menschen haben Hochsensibilität verstehen gelernt, andere beginnen damit gerade. Grundlagenforscher finden viel Neues heraus, was meine Arbeit stützt. Das alles zu sehen empfinde ich als sehr beglückend. Notwendig ist, dass Hochsensibilität endlich nicht mehr als Persönlichkeitsstörung fehlgedeutet wird. Es handelt sich um ein Merkmal einer sehr großen Minderheit, ohne die keine Gesellschaft auskommen kann.

Mit Elaine Aron sprach Wolfgang Streitbörger

Literatur

  • Elaine N. Aron: Sind Sie hochsensibel? Mvg, Heidelberg 2005
  • Elaine N. Aron: Hochsensibilität in der Liebe. Wie Ihre Empfindsamkeit die Partnerschaft bereichern kann. Mvg, München 2006
  • Elaine N. Aron: Das hochsensible Kind. Wie Sie auf die besonderen Schwächen und Bedürfnisse Ihres Kindes eingehen. Mvg, München 2008
  • Elaine N. Aron: Psychotherapy and the Highly Sensitive Person. Routledge, New York und London 2010
  • Jutta Nebel: Wenn du zu viel fühlst. Wie Hochsensible den Alltag meistern. Schirner, Darmstadt 2008
  • Georg Parlow: Zart besaitet. Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochempfindliche Menschen. Festland, Wien 2003
  • Rolf Sellin: Wenn die Haut zu dünn ist. Hochsensibilität – vom Manko zum Plus. Kösel, München 2011

Solche und solche – auch bei Tieren

Elaine Aron macht den Evolutions- und Verhaltensbiologen Max Wolf vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin zum Kronzeugen ihrer Behauptung, es gebe eine biologische Grundlegung für Hochsensibilität bei Menschen. Wolf ist unter anderem Experte für Fische. Er selbst forscht nicht im Feld, dafür aber umso mehr als Theoretiker. Aus empirischen Arbeiten anderer Wissenschaftler über Tiere in mehr als 200 Arten – von der Ameise über Ratte und Schwein bis zum Affen – hat er gemeinsam mit Franz J. Weissing von der Universität Groningen und weiteren Forschern eine Theorie über adaptive Persönlichkeitsunterschiede bei Tierpopulationen abgeleitet. Wolf gehört zur Vorhut der Biologen, die mittlerweile auch Tieren eine Persönlichkeit zugestehen. Für Hunde- und Katzenbesitzer mag dies ein alter Hut sein. Nicht aber für Wissenschaftler, die ihre Aussagen mit Daten belegen müssen: „Wir wissen erst jetzt, dass es innerhalb einer Population augenscheinlich identischer Individuen deutliche Unterschiede im Verhalten gibt, die auch auf längere Zeit stabil sind“, sagt Wolf.

Verhaltensbiologen haben festgestellt, dass in vielen Tierpopulationen eine Minderheit stärker auf Umweltreize reagiert und somit Informationen aufnimmt, die den meisten Artgenossen verborgen bleiben. Das englische Fachwort dafür lautet responsiveness. Das umsichtige Verhalten bringt im Zusammenleben mit den Risikofreudigen und Aggressiven mitunter Vorteile, lässt es die Tiere doch besonders sorgfältig auf Neues in ihrer Umwelt reagieren. Dafür zahlen sie aber einen Preis. Reize können sie nur langsamer als andere verarbeiten, eben weil sie es umfangreicher und gründlicher tun, und sie wenden dafür Extraenergie auf. Die responsiveness ist bei den Individuen einer Spezies keineswegs zufällig verteilt, sondern ballt sich an den Extremen: Es gibt sehr reizsensible und sehr unsensible Vertreter, mit einer nur schmalen Grauzone dazwischen.

Wolf veranschaulicht dies mit einem Mäuseexperiment: In einem Labyrinth sind Zeichen auf die Gänge gemalt, die auf Veränderungen in der Umwelt hinweisen. In normalen Zeiten stürzt die große Mehrheit ohne Umschweife aufs leicht auffindbare Futter und hat schon gefressen, wenn die Minderheit noch Informationen verarbeitet. Verändern die Forscher aber die Position der Nahrung, sind es die aufmerksameren Tiere, die sich dann an den Zeichen orientieren und zum Futter finden. Die anderen stürmen weiterhin über die Bilder hinweg, ohne sie auch nur im Ansatz wahrzunehmen – und haben dann ein Problem. Es handelt sich um zwei Grundprogramme des Verhaltens, die nach Wolfs Einschätzung durch Selektion entstanden sind. Ihr Vorhandensein hat den Vorteil, dass die Art als Ganzes unter unterschiedlichen Umweltbedingungen überlebt. Mal sind die Draufgänger im Vorteil, mal die Umsichtigen. Entscheidend ist, dass es in der Population einen gesunden Mix an Verhaltenstypen gibt.

Max Wolf hat Elaine Aron noch nie getroffen, kennt aber ihre Arbeit. Er sieht durchaus Verbindungen zwischen ihrer und seiner Theorie und hat auch nichts dagegen, dass Aron sich auf ihn beruft: „Das passt doch ziemlich gut zusammen!“

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