Straining: Die versteckte Art des Mobbings

Mobbing am Arbeitsplatz ist zwar fies für die Betroffenen. Doch oft sind die Attacken so offensichtlich, dass sie sich rechtlich dagegen zur Wehr setzen können. Es gibt aber auch subtilere Strategien, um Mitarbeiter zu vergraulen: Man „übersieht“ sie etwa, entzieht ihnen Aufgaben. Experten sprechen von „Straining“: Das Opfer wird gezielt psychischem Stress ausgesetzt

Straining: Die versteckte Art des Mobbings

Mobbing am Arbeitsplatz ist zwar fies für die Betroffenen. Doch oft sind die Attacken so offensichtlich, dass sie sich rechtlich dagegen zur Wehr setzen können. Es gibt aber auch subtilere Strategien, um Mitarbeiter zu vergraulen: Man „übersieht“ sie etwa, entzieht ihnen Aufgaben. Experten sprechen von „Straining“: Das Opfer wird gezielt psychischem Stress ausgesetzt

Alles begann damit, dass Carlo Stern, Mitte 40, Verwaltungschef in einer 15 00-Seelen-Gemeinde in Norditalien, nach der Wahl des neuen Bürgermeisters auf einmal keine Büro-E-Mails mehr im Posteingangsfach fand. Es gingen bei ihm auch keine Einladungen zu Sitzungen mehr ein, und Beschlüsse des Gemeinderats erfuhr er aus der Zeitung. Sterns Mitarbeiter, denen er noch vor wenigen Wochen täglich Anweisungen erteilt hatte, gingen nun an seinem Büro vorbei, direkt zum Bürgermeister. Es dauerte eine Weile, dann hatte Carlo Stern verstanden: Man hatte ihn kaltgestellt.

Erst dachte Stern, alles würde bald wie früher werden, wie vor der Wahl, bloß in Zusammenarbeit mit einer anderen Partei. Zwei Jahre lang wartete er vergeblich. Seine Frustration reagierte er zu Hause ab, an seiner Frau, die sagte: „Kein Wunder, dass du im Büro Probleme hast.“ Als Carlo Stern schließlich den Arbeitspsychologen und Mobbingexperten Harald Ege aufsuchte, war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Er konnte kaum noch essen, schlief schlecht und starrte manchmal stundenlang apathisch an die Wand.

Schikane im Beruf und ihre Folgen – ähnlich wie Stern sie in einer italienischen Kleinstadt erlebt hat– kennen Millionen von Europäern, darunter etwa 1,8 Millionen Deutsche. Die Zahlen stammen aus der „Europäischen Erhebung über die Arbeitsbedingungen“ aus dem Jahr 2010, sie beruhen auf Aussagen von 44 00 Menschen in 34 Ländern und gelten nach Meinung von Fachleuten bis heute beinahe unverändert: 4,6 Prozent der Befragten gaben an, in den vorausgegangenen zwölf Monaten Opfer von feindseligen Handlungen am Arbeitsplatz geworden zu sein.

Mobbing ist das Wort, das die meisten von ihnen für diese Erfahrung finden, seit der deutsch-schwedische Forscher Heinz Leymann 1993 sein Buch Mobbing – Psychoterror am Arbeitsplatz veröffentlichte und den bösartigen Angriffen auf Kollegen am Arbeitsplatz einen Namen gab. Seitdem ist Mobbing international umfangreich erforscht, der Begriff ist Allgemeingut und seit 1996 auch im Duden nachzuschlagen, man findet regalweise Mobbingratgeber.

In vielen Definitionen, die für Mobbing kursieren, sind die folgenden Elemente zentral: Mobbing findet am Arbeitsplatz und über einen längeren Zeitraum statt, das heißt mindestens ein halbes Jahr lang. Es geschieht nicht nur einmal, sondern immer wieder und mit der Absicht, eine ganz bestimmte Person zu treffen. Einmalige Konflikte und jene zwischen gleich starken Parteien fallen dagegen nicht unter Mobbing.

Doch mit dieser Definition wird man vielen Opfern nicht gerecht. Man übergeht Menschen wie Carlo Stern, dessen Leiden nicht durch wiederholte feindselige Handlungen ausgelöst wurde, wie sie für Mobbing zentral sind, sondern durch einen einmaligen Akt, der langfristig gravierende Folgen hatte. Sterns Chef hatte ihn schlichtweg aus der Weisungskette verbannt und seiner Arbeitsaufgaben beraubt. Er war zum Nichtstun verurteilt und degradiert – eine permanente Stresssituation über Jahre.

Carlo Stern ist nicht der einzige Arbeitnehmer, dem so etwas widerfährt. Harald Ege, der als Vertragsprofessor an der Technischen Universität in Ancona lehrt, sagt, er habe als Gerichtsgutachter in den vergangenen zehn Jahren rund 6000 Fälle in Italien, Deutschland und Österreich bearbeitet, die wie Mobbing aussahen, aber kein Mobbing waren.

„Das, was Menschen als Mobbing bezeichnen, gehört tatsächlich meist zu einer perfideren Form der Schikane“, sagt Ege. Dafür hat der in Bologna lebende Psychologe den Begriff Straining geprägt. Seinen ersten Erfolg mit diesem Konzept verzeichnete er mit einem Gutachten vor dem Arbeitsgericht Bergamo im Juni 2005. Damals wurde dem Opfer von Straining Schadenersatz gewährt. Viele weitere Urteile dieser Art folgten, und im Juli 2013 erkannte auch das oberste italienische Strafgericht in Rom im Urteil Nr. 28603 auf Straining.

Drei von fünf Klientinnen und Klienten, die zu Harald Ege kommen, weil sie glauben, gemobbt worden zu sein, sind nach seiner Definition tatsächlich Opfer von Straining. To strain heißt im Englischen so viel wie „ziehen, belasten, anstrengen, spannen, pressen, beanspruchen“ und beschreibt ziemlich genau, was den Opfern zustößt: Sie werden durch Überforderung, Unterforderung, Isolierung oder Entzug der Arbeitsaufgaben oder -materialien so unter Stress gesetzt, dass sie frustriert, häufig auch krank werden und zu guter Letzt oft kündigen. In seltenen Fällen wählen Menschen als letzten Ausweg sogar den Suizid.

Anhand von sieben Kriterien lässt sich laut Ege ziemlich sicher unterscheiden, ob Mobbing oder Straining vorliegt (siehe Kasten Seite 38). Mit seiner „Parametermethode“ grenzt er in seiner gutachterlichen Praxis Problemsituationen voneinander ab, zu denen auch Stalking, eine gezielte Karriereblockade oder aber Burnout und Stress zählen können. All dies sind Situationen, in denen Menschen leiden, die aber unterschiedliche Voraussetzungen und rechtliche Folgen haben. Die Methode soll Opfern, aber auch Arbeitgebern, Betriebsräten, Anwälten oder Richtern dazu dienen, Mobbing, Straining und andere Konfliktformen voneinander abzugrenzen. Denn auch falsche Vorwürfe, in denen Menschen zum Beispiel aus Rache ihren Arbeitgeber wegen Strainings oder Mobbings angehen wollen, hat Ege mit seiner Methode in der Vergangenheit entlarvt.

Schikane von oben nach unten

Anders als beim Mobbing seien die Täter in den meisten Fällen von Straining Vorgesetzte, die ihre Mitarbeiter bewusst und vorsätzlich aufs Abstellgleis stellen, sie degradieren, isolieren, bestrafen, blockieren – mit gravierenden seelisch-körperlichen Folgen, die in Kauf genommen werden. Die Täterschaft setzt laut Ege bei Straining voraus, dass der oder die Täter die Macht haben, Abläufe und Zuständigkeiten zu verändern, mit dem Ziel, bestimmte Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter loszuwerden, etwa um das Gehalt oder die Abfindung einzusparen. Manchmal geht es auch darum, wie im Fall von Carlo Stern, eigene, linientreue Leute zu platzieren.

Viele von Eges Klienten waren beruflich auf dem Weg nach oben, bevor Straining ihre Karriere stoppte. „Auch selbstbewusste Menschen werden zum Opfer, bei ihnen dauert es nur länger, bis Krankheitssymptome auftreten“, sagt Ege. Häufig trifft die Diskriminierung nach seiner Erfahrung auch Menschen mit Migrationshintergrund, Arbeitnehmer über 50 und Frauen nach der Elternzeit. All diese Gruppen fühlen sich weniger frei, ihren Arbeitsplatz bei den ersten Anzeichen einer Schikane zu kündigen. Sie harren aus, hoffen auf Besserung, nur so lassen sich auch die langen Leidenszeiten erklären. Manche suchen erst nach Jahren, wenn sie in Rente gehen, einen Anwalt auf. Wer dagegen gut ausge­bildet und ungebunden ist und dazu noch in einer Branche tätig ist, die händeringend Fachkräfte sucht, lässt sich Herabwürdigung oder Isolation kaum gefallen.

Katrin Krämer, eine deutsche Klientin von Harald Ege, hatte wegen ihrer guten Leistungen nach nur drei Jahren Mitarbeit in einem 500 Mitarbeiter großen Unternehmen in Nordrhein-Westfalen eine eigene Unterabteilung übernommen. Dann bekam sie ein Baby. Als sie nach der Elternzeit wie abgesprochen wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte, musste sie feststellen, dass ihr Platz als stellvertretende Abteilungsleiterin an eine frühere Kollegin vergeben worden war, die Krämer selbst ausgebildet hatte.

Anfangs dachte Krämer, die Verzögerung habe noch mit der Schwangerschaftsvertretung zu tun, und fragte bei der Personalabteilung nach, wo sie vorübergehend anfangen könne. Man vertröstete sie. Nun wandte Krämer sich an die Direktion, in der man überrascht tat und sie an die Personalleitung verwies. Dort meldete sich Katrin Krämer von da an täglich, etwa drei Wochen lang. Dann endlich versetzte man sie in die Finanzbuchhaltung, einen Bereich, in dem sie sich nicht auskannte. Dort wusste man nichts von ihrer Versetzung und platzierte sie an einen leeren Schreibtisch ohne Telefon, Computer, Bleistift. Sie beschwerte sich, niemand reagierte. Auch in der Direktion war niemand bereit, sie zu empfangen, der Personalleiter ließ sich verleugnen. Sie schickte ein Einschreiben mit der Bitte um Klärung – und bekam keine Antwort.

Ihren Arbeitstag verbrachte Katrin Krämer von nun an in Untätigkeit, denn Bücher, einen privaten PC und Zeitungen durfte sie nicht mitbringen. Sie war isoliert, degradiert und gedemütigt worden. Wie fast alle Opfer von Straining fragte sie sich, warum gerade sie drangsaliert wurde. Alle anderen arbeiteten unbehelligt in ihren angestammten Positionen.

Die psychosomatischen Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Die Symptome waren mannigfaltig: Krämer schlief schlecht, zitterte, wenn sie ins Büro gehen sollte, aß wenig. Ehe- und Sexualprobleme nahmen zu, ihr Ehemann drohte mit Trennung. Schließlich fiel Katrin Krämer wegen einer reaktiven depressiven Angststörung für fünf Wochen aus. Mehrere Versuche, danach in den Arbeitsalltag zurückzukehren, scheiterten. Das Nichtstun machte die Frau immer wieder krank. Schließlich forderte ihr Vorgesetzter sie auf, „zum Wohle aller“ zu kündigen.

Nach elf Monaten suchte Krämer Hilfe bei einem Anwalt, der sie zu Harald Ege schickte: „Ich musste ihr sagen, dass ein Gutachten wegen Mobbings vor Gericht nicht die geringste Chance hätte.“ Dafür war einfach „zu wenig geschehen“. Hingegen waren alle Voraussetzungen für eine Strainingklage gegeben, etwa das absichtliche Herbeiführen „einer erzwungenen fortgesetzten Stresssituation“, sagt Harald Ege. Die Darstellung der Diskriminierung sei leichtgefallen, ebenso die der Isolierung. Krämer konnte geltend machen, dass sie einen Vermögensschaden, einen biologischen, gesundheitlichen und einen existenziellen Schaden, eine verringerte Lebensqualität erlitten hatte. Der Streit mit dem Arbeitgeber endete schließlich im Vergleich.

„Aus Mangel an Beweisen“

Ein gewonnener Prozess ist für viele Geschädigte die beste Therapie, meint Ege. Doch weil Straining nun einmal eine unauffällige Art der Diskriminierung ist, fällt die Beweisführung, die für Prozesse und außergerichtliche Auseinandersetzungen zentral ist, besonders schwer und ist zugleich besonders wichtig. Anwälte raten ihren Klienten deswegen dazu, Tagebücher zu führen, in denen sie alle Beleidigungen, schikanösen Anweisungen und herablassenden Kommentare mit Datum und Uhrzeit notieren.

Wer vor Gericht aus Mangel an Beweisen scheitert, fühlt sich danach noch schlechter, unverstanden, erniedrigt und im schlimmsten Fall traumatisiert. Als Harald Ege seinen Klienten Carlo Stern bat, ein Aufnahmegerät mitlaufen zu lassen, um Straining vonseiten seiner Chefs zu belegen, kam dieser nach zwei Wochen mit einem leeren Band zurück. „Wir lauschten der Stille“, sagt Ege, „weil einfach niemand mehr zu ihm ins Büro kam, um mit ihm zu sprechen.“ Ein Beweis vor Gericht konnte das natürlich nicht sein.

Doch Rechtsfragen sind ohnehin nur eine Seite der Medaille. Schwerer als finanzielle Einbußen wiegen oft die psychischen Folgen. „Und die werden noch immer sträflich unterschätzt“, sagt Dieter Zapf, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Er glaubt, dass Straining, Mobbing und andere Konflikte ein gesamtgesellschaftliches Thema unserer modernen Arbeitswelt darstellen. Menschen identifizieren sich heute stark mit ihrer Arbeit, sie bildet eine Säule ihres Selbstwerts. Bricht diese Säule zusammen oder wird sie beschädigt, etwa durch Kränkungen, Degradierungen und erzwungene Kündigungen, hat das Folgen für die Identität.

Für jede Problemlage, so Zapf, gebe es flächendeckend Beratungsstellen: für Erziehungsschwierigkeiten, Paar- und Familienprobleme, bei Schulden, bei Sucht, bei Krankheit. Doch mit existenziellen Demütigungen am Arbeitsplatz seien die Menschen weitgehend auf sich gestellt.

Viele benötigen zur Bewältigung aber intensivere therapeutische Hilfe. Der Leitende Psychologe der Berus-Klinik im Saarland, Josef Schwickerath, betont, wie wichtig es für die Opfer von Arbeitsplatzkonflikten ist, Abstand zur krank machenden Situation zu bekommen, um die Verstrickung zu lösen und eine neue Perspektive für ihr Leben zu entwickeln.

Verbitterung und der Verlust von Lebensfreude

Ähnlich denkt der Psychiater Michael Linden von der Berliner Charité. Er glaubt, dass Psychoterror im Job ein Leiden auslösen kann, das im Diagnostikhandbuch ICD-10 „posttraumatische Verbitterungsstörung“ genannt wird. Verbitterung beinhalte das Gefühl, mit dem Rücken an der Wand zu stehen, ein Gefühl des Bloßgestelltseins, des Ausgeliefertseins und der ohnmächtigen Aggression. „Der Zustand geht einher mit einer deutlichen Stimmungsbeeinträchtigung und dem Verlust von Lebensfreude, mit Antriebshemmung, multiplen psychosomatischen Beschwerden einschließlich Schlafstörungen und Appetitverlust, mit Rückzug aus allen Sozialbeziehungen und fatalistischer Abwehr von Hilfsangeboten durch Dritte“, schreibt Linden. Die Patienten fühlten sich hilflos und nicht in der Lage, das Ereignis oder die Ursache der Verbitterung zu bewältigen.

Laut Linden wird unser soziales Zusammenleben von Vorstellungen wie der just world hypothesis geleitet. Jeder Mensch geht demnach von der unterschwelligen Vorstellung aus, dass es in dieser Welt im Großen und Ganzen gerecht zugeht und jeder bekommt, was er verdient; wem Unrecht geschieht, der wird schon irgendwie sein Teil Mitschuld daran tragen. Wird diese Überzeugung erschüttert, etwa indem man selbst herabgewürdigt, degradiert oder betrogen wird, so erleben die Betroffenen das als grundlegenden Regelbruch. Sie reagieren erschüttert, mit Aggression und Rachegefühlen, die schließlich in eine Verbitterungsstörung münden können.

Der Schluss liegt nahe, dass Menschen, die stark mit ihrer Arbeit identifiziert sind oder großen Wert auf Ansehen und soziale Akzeptanz legen, ein erhöhtes Risiko tragen, durch Ungerechtigkeitserfahrungen wie Straining einen psychischen Knacks zu erleiden. Wie stark jemand reagiere, hänge von der subjektiven Bedeutung der Ungerechtigkeit ab, sagt Linden, und davon, wie hoch die Gerechtigkeitserwartungen einer Person sind. Auch Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, die in ihrem Umfeld häufig Abwehrreaktionen hervorriefen, hätten ein erhöhtes Risiko, an einer Verbitterungsstörung zu erkranken.

Therapie durch Weisheit – oder im Schwimmbad

Für eine vielversprechende Methode, die Verbitterung allmählich abzuschütteln, hält Linden die „Weisheitstherapie“. Dieser verhaltenstherapeutische Ansatz befähige Menschen dazu, auch komplexe und nicht eindeutig lösbare Lebensprobleme zu verarbeiten oder zu ertragen. Gefördert wird bei diesem Ansatz etwa die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, zur Selbstdistanz und Empathie, aber auch die emotionale Gelassenheit und der Humor – Fähigkeiten, die in der modernen Arbeitswelt Gold wert sein können.

Der Weg aus der Verbitterung sei manchmal mühsam, sagt Harald Ege. Er berät derzeit einen Angestellten, der seinem langjährigen Vorgesetzten so sehr vertraute, dass er ihm eine Blankounterschrift gab und dann feststellen musste, dass er seine eigene Kündigung unterzeichnet hatte. Seitdem hält er an dem Betrug und der tiefen Enttäuschung ebenso fest wie an der Aktentasche unter seinem Arm, in der er alle Notizen und Dokumente zu dem Erlittenen aufbewahrt. Damit der Mann einen Ausweg aus diesem Teufelskreis findet, hat Ege ihm geraten, mindestens drei Wochen zu verreisen. Ein anderer Ort soll ihm dabei helfen, die Perspektive zu wechseln und neue Ideen für sein Leben zu entwickeln. Ob es gelingt, wagt Ege nicht zu sagen.

Erfolge verzeichnet der Psychologe bei manchen Klienten mit einer ungewöhnlichen Methode. Dazu trifft er sich mit ihnen im städtischen Schwimmbad. Das Becken ist 1,20 Meter tief, das genügt für die heilsame Taucherfahrung. Die Klienten lernen hier, eine entscheidende Prüfung zu meistern: Sie begegnen dem feindlichen Element Wasser und der eigenen existenziellen Angst, wenn sie beim Atmen mit Maske und Tauchgerät zunächst in Panik geraten. Mit Eges Hilfe lernen sie, die Fluchtimpulse zu überwinden und sich selbst zu beruhigen. Herzfrequenz und Stresspegel sinken. Diese Erfahrung hilft ihnen auch am Arbeitsplatz: In bedrohlichen Situationen, bei Stress, bei Konflikten können sie gelassener und mutiger agieren.

Die 35-jährige Beatrice Valori, ein Opfer von Straining, ging aus Eges Tauchkurs so gestärkt hervor, dass sie danach ihrem Chef Paroli bieten konnte. Der hatte sie für eine Leitungsfunktion engagiert, dann aber nur für Lagerarbeiten und Kundengespräche abgestellt. Alle Bitten und Forderungen Valoris, den zugesagten Arbeitsplatz endlich einnehmen zu dürfen, hatte er ignoriert. Nach dem Tauchkurs stellte Valori ihren Chef selbstbewusst zur Rede. Wenig später fühlte sie sich stark genug, um zu kündigen und ein eigenes Geschäft für Kinderbekleidung zu gründen. Das Tauchen im Meer ist für Valori inzwischen zu einem bevorzugten Hobby geworden.

Carlo Stern, der nach der Kommunalwahl in der Verwaltung aufs berufliche Abstellgleis manövriert worden war, musste sich noch zwei Jahre gedulden, bevor es eine berufliche Wende gab. Harald Ege riet ihm, private Interessen zu beleben, um unabhängiger von der Arbeit, von Chef und Kollegen zu werden. Stern begann, wieder Fußball zu spielen, und ging wie früher mit Freunden ins Kino. Erst musste er sich zwingen, dann erwachten seine Lebensgeister, und auch das Verhältnis zu seiner Frau entspannte sich. Nach Ablauf der Legislaturperiode dann das Happy End: Die Partei seines Chefs wurde abgewählt, ein neuer Bürgermeister übernahm die Zügel, und Carlo Stern erhielt sein früheres berufliches Standing zurück.

Die Namen der Betroffenen wurden in diesem Beitrag geändert.

Literatur

  • Harald Ege: Straining: Eine subtile Art von Mobbing. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014
  • Michael Linden: Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung. In: Affektive Störungen. Klinik-Therapie-Perspektiven. Schattauer, Stuttgart 2013, S. 67–78
  • Josef Schwickerath: Mobbing erfolgreich bewältigen. In vier Schritten aus der Mobbingfalle. Beltz, Weinheim 2014

Mobbing? Straining? Stalking?

7 Kriterien, um offene und verdeckte Schikane am Arbeitsplatz zu erkennen und abzugrenzen

1 Der erste von Harald Eges Parametern, um die verschiedenen Formen beruflicher Schikane voneinander zu unterscheiden, ist der Ort der Handlung. Bei Straining und Mobbing ist das immer der Arbeitsplatz, nur bei Stalking kann auch die Privatwohnung betroffen sein.

Auch die Häufigkeit der Tat unterscheidet sich: Mobber agieren häufig, manchmal täglich. Strainer handeln oft nur einmal mit einer durchschlagenden Maßnahme, deren Folgen den Getroffenen jedoch langfristig schädigen.

Das dritte Kriterium ist die Dauer des Konflikts. Straining wie Mobbing beruhen auf Arbeitskonflikten, deren Folgen lange anhalten, mindestens ein halbes Jahr. Das unterscheidet sie von akuten Konflikten wie einem Streit oder einer als verletzend empfundenen Kritik.

4 Das vierte Kriterium betrifft die Art der Handlung: Beim Straining sind dies oft versteckte Diskriminierungen, etwa das „Vergessenwerden“ bei Weiterbildungsmaßnahmen, Beförderungen und Lohnerhöhungen, während alle anderen Kollegen davon profitieren. Ein deutliches Anzeichen für Straining ist die Änderung von Arbeitsaufgaben. Beim Mobbing hingegen sind die Attacken meist lauter, direkter und vielseitiger.

Fünftens befinden sich die Opfer bei Straining wie Mobbing immer in einer Position der Unterlegenheit. Anders als bei Konflikten zwischen gleichgestellten Konkurrenten sind die Opfer nie mit dem Angreifer auf Augenhöhe, umso weniger, je weiter der Konflikt fortschreitet.

Im sechsten Parameter werden Phasen benannt: Beim Mobbing eskaliert der Konflikt von Phase zu Phase immer stärker. Diese Dynamik ist bei Straining weit weniger ausgeprägt – aber ebenso zermürbend, sagt Ege.

7 Das letzte Kriterium ist die Absicht des Aggressors. Strainer wie Mobber verfolgen ein langfristiges strategisches Ziel: Beide wollen das Opfer loswerden. Mobber wollen darüber hinaus aber auch kurzfristig schikanieren. Sie kritisieren, unterstellen, verleumden, um die Position des Opfers sukzessive zu schwächen und auszuhöhlen.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2015: Gemeinsam glücklich
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