Was eine Stunde wert ist

Der Tag hat nur 24 Stunden und wir müssen Geld verdienen. Wer jedoch Zeit nur ökonomisch bewertet, schmälert den Genuss am eigenen Tun.

Ist Zeit wirklich nur Geld? Natürlich nicht, würden wohl viele antworten, aber in diesem Denken sind westliche Gesellschaften stärker verfangen als man glaubt. Wir tun uns damit nichts Gutes. Denn, wie der Organisationsforscher und Psychologe Sanford E. DeVoe von der US-amerikanischen Anderson School of Management in einem Übersichtsartikel schreibt: Wer bei dem Thema „wie verbringe ich meine Zeit“ nur überlegt, ob diese Art Zeit zu verbringen auch einen finanziellen Nutzen hat, schmälert den Genuss an den eigenen Aktivitäten.

Die Vorstellung, dass Zeit eine Ressource ist, gibt es schon lange. Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der USA, zudem Verleger, Erfinder und Kaufmann, machte den Gedanken „Zeit ist Geld“ in seinem Buch „Ratschläge für junge Kaufleute“ zum wichtigsten Prinzip der damaligen Arbeitswelt. In den heutigen Volkswirtschaften der westlichen Welt ist der Schlüssel für die Bewertung von Zeit und Geld oft ein fiktiver „Stunden- oder Monatssatz“: Wie viel Geld ist eine Stunde wert? Dass viele so denken, liegt nach Auffassung des Forschers schlicht daran, dass wir so viel Zeit mit unserer Erwerbsarbeit verbringen und uns dieses Denken angewöhnt haben. Indem wir Zeit und Geld in Gedanken miteinander verknüpfen, werde Geld zunehmend wichtiger als die Zeit selbst. Es entstehe ein sich selbst verstärkender Kreislauf, der mächtig sei.

Dass dieses Denken den Spaß an einer Aufgabe nimmt, zeigen psychologische Forschungen. Psychologen gaben Versuchsteilnehmern Aufgaben, die ihnen Freude machten. Denjenigen unter den Probanden, die für diese Tätigkeit einen Stundensatz kalkulieren sollten, konnten die Aufgabe nicht genießen, berichtet DeVoe. In anderen Studien zeigte sich, dass wir glücklicher sind, wenn wir Zeit mit Freunden und der Familie verbringen – doch Menschen mit höheren Einkommen verbrachten außerhalb ihrer Arbeit mehr Zeit mit dem beruflichem Networking wegen des möglichen wirtschaftlichen und beruflichen Nutzens. Dies war ihnen wichtiger, obwohl es sie unzufrieden machte. 

Freie und persönliche Zeit müsse vor dieser rein ökonomischen Betrachtungsweise geschützt werden, lautet das Plädoyer des Psychologen DeVoe. Mit allzu instrumentellem Denken nehmen wir uns selbst die Freude an dem, wie wir unsere Zeit verbringen.

Sanford E. DeVoe: The psychological consequence of thinking about time in terms of money. Current Opinions in Psychology 26, 2019. DOI: 10.1016/j.copsyc.2018.12018

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