Wir zwei!

„Sieh dir die Frau an, und du kennst ihren Mann.“ Stimmt dieses spanische Sprichwort, und werden Partner einander über die Jahre immer ähnlicher? Wissenschaftliche Studien zeigen: Sie ähneln sich von Anfang an!

Wir zwei!

„Sieh dir die Frau an, und du kennst ihren Mann.“ Stimmt dieses spanische Sprichwort, und werden Partner einander über die Jahre immer ähnlicher? Wissenschaftliche Studien zeigen: Sie ähneln sich von Anfang an!

Egal ob im Arbeitslager, auf der Flucht oder als Untergrundkämpfer: Robert Zajonc musste im Zweiten Weltkrieg immer wieder erfahren, wie stark der Mensch durch seine soziale Umwelt geprägt wird. Später dann, als Sozialpsychologe der University of Michigan, hat er dies zu seinem hauptsächlichen Studienthema gemacht. So stellte er beispielsweise fest, dass Erstgeborene intelligenter sind als ihre jüngeren Geschwister, weil sie mehr Zuwendung und mehr Aufgaben von ihren Eltern bekommen, und er konnte nachweisen, dass wir Dinge grundsätzlich positiver beurteilen, wenn wir sie kennen. Doch seine Reputation als Sozialpsychologe begründete Zajonc Ende der 1980er Jahre mit seinem „Silver-Wedding-Experiment“.

Darin legte er 110 Testpersonen die Porträts von 24 miteinander verheirateten Männern und Frauen vor, mit der Bitte um ein Urteil zur Ähnlichkeit der abgebildeten Gesichter. Die vielköpfige Jury bekam dabei jeden Ehepartner zweimal zu sehen: einmal auf einem Foto, das im Jahr seiner Hochzeit geschossen worden war, und einmal auf einem Bild, das man 25 Jahre später aufgenommen hatte. Die Urteile dazu fielen eindeutig aus. Die Gesichter der Partner zum Zeitpunkt der silbernen Hochzeit wurden als besonders ähnlich eingestuft, und das umso mehr, je zufriedener sich die abgebildeten Paare im Interview zu ihrer Beziehung geäußert hatten.

Zajonc und sein Forschungsteam suchten nach Ursachen für dieses Phänomen. Die Ernährung schied aus, weil die betreffenden Männer und Frauen zum Teil sehr unterschiedliche Körpermaße ­hatten. Auch die Umgebung konnte es nicht sein, da alle Paare aus dem Mitteleren Westen der USA stammten und sie dann alle – und nicht nur die­jeweiligen Partner untereinander – ähnlich hätten sein ­müssen. Am Ende blieb nur eine plausible Erklärung übrig: dass sich die Lebensgefährten in ihren ­emotionalen Prozessen immer mehr angeglichen ­hatten. „Denn diese äußern sich über Spannungs- und Durchblutungsveränderungen der mimischen Muskulatur, die wesentlich zum Erscheinungsbild des Gesichts beiträgt“, so Zajonc. Die Partner ­würden sich also immer ähnlicher, weil die Mimikry ihrer Emotionen die Mimik ihrer Gesichter präge.

Mittlerweile bezweifeln viele Wissenschaftler, dass die Gefühlswelt wirklich einen entscheidenden Einfluss auf die Physiognomie hat. Genetische Anlagen spielen dabei wohl eine größere Rolle. Und obwohl die Gene zeitlebens dieselben bleiben, könnten gerade sie erklären, warum Ehepartner im Laufe der Jahre immer ähnlicher aussehen. So fanden Wissenschaftler der ungarischen Universität Pécs heraus, dass Männer eher eine Frau mit dem Gesicht ihrer Mutter und Frauen eher einen Mann mit dem Gesicht ihres Vaters heiraten. Sie täten es zwar, wie Studienleiter Tamás Bereczkei betont, unbewusst. Aber sie gingen dabei „relativ exakt“ vor.

Evolutionsbiologisch ließe sich diese Strategie ­dadurch erklären, dass auf diese Weise bestimmte Erbgutlinien gestärkt werden – und die weitere Angleichung im Laufe des Zusammenlebens käme dann dadurch zustande, dass sich im Gesicht ­altersbedingt das konturverwischende Unterhautfettgewebe zurückbildet und prägende Merkmale wie Nase, Kinn und Ohren stärker in den Vordergrund rücken. Das heißt: Wir wählen anfangs einen Partner, der uns irgendwie an unsere Mutter beziehungsweise unseren Vater erinnert. Aus dieser erahnten Ähnlichkeit wird später dann – durch die schärfende Wirkung des Alterns – eine Gewissheit, die auch von anderen Menschen bemerkt wird.

Emotional auf einer Welle

Trotz dieses genetischen Einflusses bei der Wahl des oder der Liebsten gibt es jedoch kaum Zweifel an der Grundthese Zajoncs, wonach sich die Partner im Laufe der gemeinsamen Jahre emotional aufeinander einpendeln. Denn schon neun Monate alte Babys imitieren die freudigen, traurigen oder verärgerten Gesichtsausdrücke ihrer Eltern. Es ist Teil des „Chamäleoneffekts“, wie die amerikanischen Psychologen Tanya Chartrand und John Bargh die ausgeprägte Neigung des Menschen bezeichnen, das Verhalten seiner Artgenossen nachzuahmen. Dieser Effekt lässt auch beim „Nachahmen“ von Emotionen keineswegs nach, wenn wir älter werden.

So konnte man im Experiment nachweisen, dass wir selbst philosophische Texte extrem fröhlich oder traurig vorlesen, wenn es zuvor jemand anders so gemacht hat. Und: Wir übernehmen dann sogar die betreffende Stimmungslage für unser persönliches Gesamtbefinden. Der emotionale Chamäleoneffekt ist stark, und er ist umso stärker, je größer das Affiliationsmotiv, also der Wunsch nach Nähe und Gemeinschaft ist. Es liegt daher nahe, dass man ihm in einer stabilen Beziehung besonders oft begegnet.

Cameron Anderson von der Universität Berkeley sieht in der „emotionalen Konvergenz“ ein Hauptkennzeichen glücklicher und langlebiger Paarbeziehungen. Der amerikanische Psychologe manövrierte 60 Paare, die im Durchschnitt 22 Monate zusammen waren, in emotional intensive Situationen. Dazu zählte beispielsweise, dass sie über ein ärgerliches oder erfreuliches Ereignis der letzten Tage diskutieren sollten, oder auch, dass sie einen lustigen oder traurigen Film anschauten. Sechs Monate später wurden diese Tests wiederholt, wobei allerdings nur noch 38 Paare zur Verfügung standen, weil die anderen ihre Beziehung bereits beendet hatten. Beim ersten und zweiten Termin wurden die Reaktionen und Interaktionen gefilmt und später von Andersons Team ausgewertet.

Im Ergebnis zeigte sich, dass sich die Paare in dem halben Jahr ihres Zusammenseins deutlich aufeinander eingependelt hatten. „Der Effekt war so stark, dass man sie oft für eine einzige emotionale Person halten konnte“, resümiert Anderson. So war ihre Übereinstimmungsrate beim Beurteilen emotionaler Situationen von 11 auf 25 Prozent gestiegen, und das nur binnen eines halben Jahres. Außerdem zeigte sich, dass jene Paare mit dem größten emotionalen Gleichklang ihre partnerschaftliche Zufriedenheit am höchsten einstuften. Mit anderen Worten: Das Glück einer Beziehung geht Hand in Hand mit der emotionalen Übereinstimmung, die darin herrscht. Wer mit seinem Partner über die gleichen Witze lacht, zu den gleichen Filmen weint und sich für die gleichen Peinlichkeiten schämt, ist auch glücklicher mit ihm.

Gleichberechtigt geht es jedoch nicht zu, wenn Paare sich emotional aufeinander einschwingen. Denn Anderson hatte vor seinen Tests die Persönlichkeitsmerkmale seiner Probanden abgeklopft, so dass er deren Extravertiertheit und Dominanzstreben mit ihrem emotionalen Verhalten vergleichen konnte. „Es zeigte sich, dass die Person mit der größten Macht auch mehr die Emotionen des Partners formte als umgekehrt“, so der Psychologe. Was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass vor allem die Frau durch den Mann geprägt wird. „Wir fanden keine geschlechtlichen Unterschiede“, so Anderson. Die stärkste emotionale Konvergenz fand er vielmehr, als er seine Tests mit gleichgeschlechtlichen Wohngemeinschaften wiederholte.

Auslese macht ähnlich

Allerdings sollte man den wechselseitigen Einfluss der Partner nicht überschätzen. Denn selbst wenn sie emotional nach einer Weile ähnlich ticken, ist damit nicht gesagt, dass sie sich auch in ihrem ganzen Naturell annähern. Die Gesamtpersönlichkeit scheint im Großen und Ganzen konstant zu bleiben.

Forscher der Michigan State University haben knapp 1300 Paare, die zwischen zwei und 39 Jahre zusammenlebten, einem umfangreichen Persönlichkeitstest mit knapp 200 Fragen unterzogen und dabei viele Parallelen zwischen ihren Verhaltensmustern entdeckt. So waren sie einander in ihrer Geselligkeit sowie ihrer Intro- oder Extravertiertheit ähnlich, und auch was ihr Kontrollbedürfnis und ihre Risikobereitschaft anging, funkten sie auf einer Welle. Doch die Quote dieser Gemeinsamkeiten war weitgehend unabhängig davon, ob die Paare kurz oder lang verheiratet waren.

Dies spricht dafür, dass sich Eheleute schon ­ähnlich sind, wenn sie zusammenkommen, und vermutlich haben sie wegen eben dieser Ähnlichkeiten überhaupt zueinander gefunden. Doch im späteren Verlauf ihrer Beziehung werden dann die Überschneidungen keinesfalls größer. „Dass die Persönlichkeiten in einer Beziehung so viel gemeinsam haben, liegt weniger an ihrer gegenseitigen Sozialisation“, so das Resümee von Studienleiterin Mikhila Humbad, „als an der Auslese bei der Partnerwahl.“ Oder anders ausgedrückt: Es ist weniger das jahrelange Zusammenleben als das Prinzip „Gleich und Gleich gesellt sich gern“, das in einer Beziehung für ähnliche Charaktere sorgt.

Nur in einem Punkt entdeckten Humbad und ihr Team, dass sich die Persönlichkeiten der Partner aufeinander zubewegten: in der Aggression. Doch dies sei ja, wie Humbad betont, kein Wunder: „Wenn eine Person gewalttätig ist, wird der Partner früher oder später in ähnlicher Weise darauf antworten.“ Aggressionen haben einen stark reaktiven Charakter und hängen wesentlich davon ab, welche Frustrationen man erlebt hat. Wenn also ein Paar in eine finanzielle Misere oder eine andere demütigende Lebenssituation gerät, werden die Partner allein schon deshalb eine ähnlich gesteigerte Gewaltbereitschaft entwickeln, weil sie beide gleichermaßen gestresst, gereizt und voller Sorgen sind.

Ansonsten aber bleiben die beiden ihrer individuellen Persönlichkeit weitgehend treu. Oder sie festigen und konturieren diese sogar. Laut der Theorie vom „Michelangelo-Phänomen“ arbeitet eine enge Beziehung im Laufe der Jahre die Konturen unserer „wahren“ Persönlichkeit heraus: Sie macht uns überhaupt erst zu dem, der wir sein wollen.

Im Ehehafen finden wir zu uns selbst

Der eigentümliche Name des Phänomens wurde 1999 durch den US-amerikanischen Psychologen Stephen Michael Drigotas eingeführt: Der Künstler Michel-angelo (1475–1564) soll seinerzeit gesagt haben, die Bildhauerei bestehe im Grunde darin, einem Stein die in ihm schlummernden Formen zu entlocken. Die spätere Skulptur sei also weniger das Produkt eines kreativen Aktes als vielmehr das Resultat einer behutsamen Enthüllungsarbeit. Der Künstler wäre demnach ein hämmernder und polierender Geburtshelfer, der aus dem Material herausholt, was – wenn auch unsichtbar – bereits in ihm ist. Und genauso verhalte es sich, erklärt Drigotas, mit einer gut funktionierenden Ehe: „Sie ist nicht nur eine Verbindung und eine Beziehung, sondern auch dazu da, eine unterstützende Umwelt für persönliches Wachstum bereitzustellen.“ Sie meißelt und hämmert also das aus uns heraus, was wir zwar selbst von uns erwarten, doch aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht für uns umgesetzt haben.

Beispiele für den Michelangelo-Effekt wird jeder in seinem Bekanntenkreis und möglicherweise sogar in seiner eigenen Beziehung finden können. Wie etwa den mäßig motivierten Hochschullehrer, der erst durch die anpackende Art seiner Partnerin dazu gebracht wird, seinen Job an den Nagel zu hängen, um sich – wie er es sich schon immer erträumte – als freier Autor zu versuchen. Oder die junge Frau, die nach jahrelanger Funkstille wieder den Kontakt zu ihren „Problemeltern“ aufnimmt, weil sie durch ihren sanft-diplomatischen Partner den entscheidenden Impuls dazu bekommen hat. Und wird nicht in dem volkstümlichen Ausdruck der „besseren Hälfte“ die Selbstoptimierung durch den Partner zumindest angedeutet?

Zudem existieren mittlerweile wissenschaftliche Daten zum Michelangelo-Effekt. So filmte und analysierte man an der Northwestern University in Illinois, wie Paare über ein Ziel diskutierten, das mit dem vorher abgefragten Ideal-Selbst eines der beiden Partner zu tun hatte. Ein Interview vier Monate später ergab dann: Wer in dem aufgezeichneten Gespräch eine starke Unterstützung durch den Partner erfahren hatte, kam seinem anvisierten Ziel und damit dem Idealbild seiner Persönlichkeit wesentlich näher. „Mit einem unterstützenden John an ihrer Seite erreicht Mary offenbar besser, was sie sich für ihre persönliche Entwicklung vorstellt hat“, resümiert Studienleiter Eli Finkel. Was nicht nur Auswirkungen auf Lebenszufriedenheit und psychische Gesundheit habe: „Es erhöht auch die Zufriedenheit mit der Beziehung – und damit verbessern sich wiederum die Aussichten für ihre Dauer.“

Goethe lag also nicht falsch, als er die Ehe als „eine Gelegenheit zum Reifwerden“ bezeichnete. Motivationspsychologe Finkel gibt jedoch zu bedenken, dass dieser Reifeprozess nicht zwangsläufig sozialverträgliche Früchte hervorbringen muss: „Prinzipiell kann eine enge Beziehung auch die schlechtesten Eigenschaften der Partner zur Entfaltung bringen.“ Wer sein Ideal-Selbst eher in Schaumschlägerei, religiösem Fanatismus oder rücksichtsloser Karriere beheimatet sieht, wird dann eben durch den idealen Partner genau diese Eigenschaften weiterentwickeln. Und so wie andere „Michelangelo-Paare“ wird dann womöglich auch dieses eine lange und glückliche Beziehung haben.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2015: Zum Glück allein
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