Abschied am Beginn des Lebens

Fehlgeburten sind tabuisiert, beeinflussen aber Psyche und Beziehung der Paare nachhaltig – Anette Kersting im Gespräch über eine lange Trauer.

Die Illustration zeigt ein ein trauriges Paar, das ein eingerichtetes Babyzimmer mit schwarzer Farbe überstreicht und das Spielzeug in Kartons packt
Mit dem Kind sterben auch die Vorstellungen und Bilder einer Zeit zu dritt. © Ramona Ring

Frau Professor Kersting, Sie haben viel klinische Erfahrung mit Paaren, denen eine Fehlgeburt widerfahren ist. Was empfinden Sie daran als besonders belastend?

Eltern, die ein Kind in der Schwangerschaft verlieren, verlieren auch eine Zukunft, die sie sich vorgestellt, vielleicht sehnlich gewünscht haben. Wenn man schwanger ist, überlegt man sich: Was möchte ich genauso machen, wie ich es als Kind erlebt habe, was möchte ich anders machen? Wie wird unser erstes Weihnachtsfest zu dritt, zu viert? Es ist für viele sehr schmerzhaft, mit ihrem Baby auch die inneren Bilder loszulassen, die sie sich ausgemalt haben. Diese Bilder entstehen meist schon in dem ersten Drittel der Schwangerschaft, in dem rund 80 Prozent der Fehlgeburten stattfinden.

In den frühen Schwangerschaftsmonaten wird die Beziehung zum Kind tiefenpsychologisch als etwas Fantasievolles, nicht Greifbares beschrieben. Erschwert dieser Aspekt des Unrealen die Verarbeitung?

Ich finde es wichtig, nicht zwischen Realem und Unrealem zu unterscheiden. Bereits mit der Kenntnis über die Schwangerschaft entsteht oft eine emotionale Beziehung. Daher würde ich eher sagen: Gerade weil die Bindung in unserem Erleben real ist, ist der Verlust so schwer – auch in den frühen Schwangerschaftswochen. Die Beziehung gestaltet sich im Lauf der Schwangerschaft natürlich weiter aus.

Das liegt unter anderem an den zunehmend sichtbaren und spürbaren Veränderungen im Körper: Der Bauch wächst, später kommen Bewegungen des Kindes hinzu. Ultraschallbilder zu sehen und Herztöne zu hören verstärkt einer britischen Studie zufolge auch bei den Männern das Bindungsgefühl und im...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2020: Mein wunder Punkt
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