Wenn Großprojekte eskalieren

Warum ziehen große Infrastrukturprojekte wie Stuttgart 21 oder BER heute so massive Bürgerproteste auf sich?

Wenn das Vertrauen in die Politik erschüttert ist: Eskalation bei einem Stuttgart-21-Protest. © Reuters

Wenn Großprojekte eskalieren

Ob Stuttgart 21 oder BER: Große Infrastrukturprojekte sind immer wieder strittig, und Bürger protestieren dagegen. Was sind die Gründe für die Proteste? Und wann laufen sie aus dem Ruder? Politikwissenschaftler Nils Bandelow hat es untersucht

Professor Bandelow, was haben Sie dagegen, dass Menschen ihre Meinung zu Großprojekten kundtun und auch mal dagegen demonstrieren?

Dagegen habe ich gar nichts. Protestbewegungen sind für mich eine wichtige Form, sich an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Solange es von beiden Seiten friedlich abläuft und auch die Polizei keine Gewalt gegen friedliche Demonstranten ausübt, solange können Proteste dazu beitragen, das politische System insgesamt zu stabilisieren. Unser Zugang als Wissenschaftler ist nicht der zu sagen, wir wollen keinen Protest. Wir wollen auch nicht, dass etwas Bestimmtes gebaut wird oder nicht. Uns interessiert bei unseren Forschungen zu den Protesten allein die Frage: Wann eskaliert so ein Konflikt?

Was verstehen Sie unter Eskalation?

Eskalation bedeutet, dass sich die Mittel der Austragung eines Konflikts verschärfen. Das kann bis zum Extremfall gehen, dass es zu Gewalt gegen Menschen kommt. Einer unserer Ausgangspunkte ist das Stufenmodell von Friedrich Glasl (siehe Heft 5/2018). Das Modell geht von drei großen Phasen aus, die jeweils drei Stufen beinhalten. Somit ergeben sich neun Eskalationsstufen. In der ersten Phase mit Stufen wie „Verhärtung“ und „Polarisation und Debatte“ prallen zunächst Meinungen aufeinander, es kommt zum Streit. Hier sind noch konstruktive Lösungen möglich, was später nicht mehr der Fall ist. Stufen der dritten Phase lauten etwa „Begrenzte Vernichtungsschläge“ oder „Gemeinsam in den Abgrund“. Es geht dann gar nicht mehr darum, eine bestimmte Sache durchzusetzen, es geht nur noch darum, der anderen Seite zu schaden.

Wie kamen Sie dazu, die Eskalation von Konflikten zu untersuchen?

Angestoßen wurde das durch einen Konflikt in Niedersachsen. Die Planung dessen, was ursprünglich als Y-Trasse gedacht war, eine neue Schienenverbindung, geriet immer wieder ins Stocken durch Protestbewegungen. Vonseiten der...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2018: Diese Wohnung tut mir gut!
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