Unsere erschöpften Kinder

Eine 50-Stunden-Woche ist keine Seltenheit: Der Leistungsdruck, der heute auf Kindern und Jugendlichen lastet, ist enorm. Der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort sieht in seiner Praxis immer häufiger junge Menschen, auf die die Diagnose Burnout zutrifft

Unsere erschöpften Kinder

Eine 50-Stunden-Woche ist keine Seltenheit: Der Leistungsdruck, der heute auf Kindern und Jugendlichen lastet, ist enorm. Der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort sieht in seiner Praxis immer häufiger junge Menschen, auf die die Diagnose Burnout zutrifft

Herr Professor Schulte-Markwort, Sie vertreten in Ihrem Buch Burnout-Kids die These, dass Burnout bei Kindern und Jugendlichen zunimmt. Werden Kinder damit nicht früh und unnötig pathologisiert?

Als ich den Titel für mein Buch auswählte, habe ich tatsächlich einen Moment gezögert. Er klingt reißerisch. Dennoch habe ich mich dafür entschieden, es so klar zu benennen, denn ich wollte eine Diskussion anstoßen. Darüber hinaus sehe ich in meiner Sprechstunde tatsächlich immer häufiger Erschöpfungsdepressionen bei Kindern und Jugendlichen, und dieses Krankheitsbild wird ja umgangssprachlich als Burnout bezeichnet. Seit etwa fünf Jahren häuft sich diese Diagnose – betroffen sind etwa zwei bis drei Prozent der Kinder und Jugendlichen.

Was rechtfertigt Ihrer Ansicht nach die Diagnose? Woran leiden die Kinder?

In die Ambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf kommen junge Menschen, die sich erschöpft fühlen, die depressiv sind, die verzweifelt sind, weil sie das Gefühl haben, das Arbeitspensum nicht mehr zu schaffen. Die meisten können sich nicht mehr konzentrieren. Wenn sie lernen wollen, kommen sie nicht mehr voran, geraten dann noch mehr in Sorge. Einige haben eine vollständige Erschöpfungsdepression: Sie schlafen nicht mehr, grübeln, kommen nicht zur Ruhe. Ich habe früher gelegentlich Kinder in ähnlicher Verfassung gesehen, doch damals waren das meistens sehr perfektionistische oder sensitive Kinder. Mittlerweile habe ich das Gefühl, der Druck kommt von außen: Eine 50-Stunden-Woche ist für einen 15-Jährigen einfach nicht zu bewältigen. Jugendliche, die diesen Anforderungen nicht gerecht werden, sind nicht schwach oder besonders vulnerabel.

Sie wählen also den Begriff Burnout, weil es die Außenbedingungen sind, die Kinder in die Erschöpfung treiben?

Burnout entsteht ja dadurch, dass es eine Diskrepanz zwischen den Bewältigungsmöglichkeiten und den Anforderungen gibt. Natürlich haben wir alle unterschiedlich gute Fähigkeiten,...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2016: Ich und glücklich?
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