„Aus den Stasiakten habe ich gelernt: Menschen lassen sich gezielt führen“

Wie gelang es der DDR-Staatssicherheit, Hunderttausende DDR-Bürger zu Spitzeln zu machen? Der Politologe Helmut Müller-Enbergs hat seit 1992 viele Informelle Mitarbeiter und Führungsoffiziere befragt und auch die Rolle der Psychologie im Dienste der Staatssicherheit durchleuchtet

„Aus den Stasiakten habe ich gelernt: Menschen lassen sich gezielt führen“

Wie gelang es der DDR-Staatssicherheit, Hunderttausende DDR-Bürger zu Spitzeln zu machen? Der Politologe Helmut Müller-Enbergs hat seit 1992 viele Informelle Mitarbeiter und Führungsoffiziere befragt und auch die Rolle der Psychologie im Dienste der Staatssicherheit durchleuchtet

Herr Müller-Enbergs, Sie sind seit bald 25 Jahren als Wissenschaftler bei der Stasiunterlagenbehörde tätig. Nach einem Vierteljahrhundert Forschung wissen Sie: Mindestens 620 00 DDR-Bürger haben in den Jahren 1950 bis 1990 mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet. Wie konnten so viele Menschen zu Spitzeln werden?

Ganz einfach: Es gab eine hohe Zustimmung zum Projekt DDR. Ungefähr 50 bis 67 Prozent der IM, der Informellen Mitarbeiter, arbeiteten aus politischen Motiven mit der Staatssicherheit zusammen. Ein deutlich nachgeordnetes Motiv sind Hoffnungen, dadurch Vorteile zu haben. Das passt natürlich nicht zu der verbreiteten Auffassung, dass man in einer Diktatur unmöglich aus freien Stücken mit den Herrschenden zusammenarbeiten könne. Aber die Forschungen auf Basis der Akten belegen das.

Aus welchen politischen Motiven wurden Freunde oder Kollegen bespitzelt?

Die politischen Motive wandelten sich über die vierzig Jahre DDR hinweg. Für die erste Generation der DDR-Bürger, die vielleicht während des Nationalsozialismus im Widerstand waren, galt es als selbstverständlich, das sozialistische Modell zu verteidigen. Da war die Akzeptanz sehr hoch. Die nächste Generation, die bei Kriegsende im jungen Erwachsenenalter war, wurde durch die vielen Hinweise auf Alt-Nazis motiviert, die in der Bundesrepublik noch Schlüsselpositionen besetzen würden. Es gab zu dieser Zeit die verbreitete Stimmung, dass die DDR das bessere Deutschland sei. Dann kam die Generation, die im Krieg geboren wurde und heute um die 80 Jahre alt ist, die tragende Generation der hauptamtlichen Stasimitarbeiter und IM. Sie profitierte von der DDR, denn die SED-Führung war ja sehr darauf bedacht, Leute aus kleinen Verhältnissen zu fördern. Und über die letzte Generation, die in den1980er Jahren aktiv war, lässt sich sagen: Da war der sozialistische Aufbauschwung zwar längst weg – aber der Kalte Krieg schien richtig heiß zu werden durch die geplanten Raketenstationierungen. Westdeutschland galt als bösartiges imperialistisches Tier, das den Sozialismus plattmachen wollte. Das hat einige motiviert. Übrigens auch linke Studenten im Westen.

Kann man aus Stasiakten glaubwürdig Aufschluss über die Motivationen von IM erhalten?

Das fragte ich mich im Zuge meiner Forschungen auch. Denn mir schien mein psychoanalytisches Wissen nicht auszureichen, um das zu beurteilen. Also kooperierte ich mit dem Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt. Ich wählte zwanzig IM aus, und die Psychoanalytiker legten sie in Frankfurt auf die Couch und befragten sie in mehrstündigen standardisierten Interviews. Sie kannten dabei weder die Geschichte noch die Akten der Probanden. Während umgekehrt ich selbst die Akten, aber kaum die Personen kannte. Dann werteten die Psychoanalytiker die jeweiligen Ergebnisse aus und verglichen sie. Und es stellte sich heraus: Bei Personen, die aus politischer Überzeugung gehandelt hatten, deckten sich die Angaben im Gespräch nahezu vollständig mit den Stasiakten. Jene aber, die ein materielles Motiv hatten, zeigten bei ihren Ausführungen gravierende Abweichungen zur Akte. Für mich war das Fazit daraus: Wenn es eine Überzeugung gab, kann ich in der Regel stark der Akte glauben. Diese Untersuchungen sind bahnbrechend für das Verständnis der Motive und wegweisend für die Analyse und Auswertung von Akten.

Die Staatssicherheit war ein mächtiger Gegner. Kooperierten viele nicht auch aus Angst?

Angst spielte natürlich eine Rolle. Eine in den 1960er Jahren bemerkenswert seriös durchgeführte Studie der Staatssicherheit gelangte zu dem Ergebnis, dass über die Hälfte der IM der geheimdienstlichen Kooperation zustimmte, weil sie Angst hatten. Bei diesem Ergebnis wundert es nicht, dass die Studie danach in der Schublade verschwand.

Wie rekrutierte die Staatssicherheit ihre Informanten?

Die Stasi selbst schätzte, dass weniger als drei Prozent der IM von ihr bewusst zur Kooperation genötigt wurden, etwa weil Straftaten vorlagen. Ansonsten entwickelten Führungsoffiziere einen Blick für geeignete Kandidaten. Sie agierten mit einer Mischung aus Erfahrungspsychologie und Bauernschläue. So achteten sie beispielsweise darauf, ob Störungen in der kindlichen Entwicklung ihrer Zielperson vorhanden waren. Vor allem in den 1950er oder 1960er Jahren war die Staatssicherheit auch in Waisenhäusern unterwegs. Da tauchte dann ein geschulter operativer Mitarbeiter auf, der geschickt versuchte, das Vertrauen der Minderjährigen zu gewinnen. Die Führungsoffiziere hatten ein Gespür dafür, was geht und was nicht. Aus der Reaktion auf bestimmte Reizwörter leitete der Führungsoffizier eine Prognose ab, ob er einen potenziellen Kandidaten dominieren und führen konnte. Daraus entstanden nicht selten vaterähnliche Beziehungen, in denen sich die Rekrutierten fallenlassen konnten und auch gehalten wurden.

Im Jahr 1965 entstand an der Juristischen Hochschule Potsdam – der Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit – ein Lehrstuhl für „Operative Psychologie“. Ungefähr 10 00 Offiziere besuchten dort Seminare in Psychologie und konnten sogar promovieren. Wie wichtig war dieses Fach für die Arbeit der Führungsoffiziere?

Spätestens in den 1960er Jahren wusste die Staatssicherheit, dass ihr Image schlecht war, denn Spitzel und Denunzianten waren in der DDR höchst unbeliebt. Folglich war es eine Frage der Psychologie, wie es trotzdem gelingen könne, Menschen dazu zu bringen, über andere zu berichten. Und dazu war die Operative Psychologie als Ausbildung nützlich – um zu lernen, wie man Kandidaten erkennt, wie man an sie andockt, wie man sie langsam an das Ministerium heranführt. Je nach Tätigkeitsfeld erhielten die Offiziere eine dreijährige, einjährige, sechsmonatige oder dreimonatige Ausbildung, wozu stets Fragen der Operativen Psychologie gehörten.

Wie sah die Lehre in der Praxis aus?

An der Juristischen Hochschule Potsdam lehrten erfahrene marxistisch-leninistische Psychologen, die im Prinzip ähnliche Inhalte unterrichteten wie an anderen DDR-Hochschulen auch, nur eben im Dienste der Staatssicherheit. Themen waren etwa Gesprächsführung, Persönlichkeitspsychologie, Motivationspsychologie oder Führung. Letztlich musste jeder Offizier aus dem erlernten Wissen aber seine eigene Taktik entwickeln. Es konnte keine einheitliche Formel der psychologischen Geheimdienstarbeit geben, denn wäre diese bekannt geworden, hätte jeder Bürger gewusst, wie die Stasi vorging. In der Operativen Psychologie wurden also nur so viele Impulse gegeben, dass sich jeder daraus seine eigene Philosophie der Menschenverführung bauen konnte.

Die Stasi praktizierte also Learning by Doing?

Im Wesentlichen war das so. Doch die erfahrenen Führungsoffiziere nahmen die jungen auch an die Hand. Sie durften ihnen bei der Kontaktaufnahme, Gesprächsführung, Rekrutierung und bei Treffen folgen. Auch diesbezüglich ist es wichtig, den Erfahrungshintergrund der Führungsoffiziere aus unterschiedlichen Generationen zu reflektieren, denn jeder machte es anders. Ausgewiesene Profis unter den Führungsoffizieren konstruierten bewusst Konstellationen für Bürger, in denen sie scheinbar keine andere Wahl hatten, als der Kooperation beizupflichten. Manchmal sollten die Bürger sogar glauben, dass sie selbst die Entscheidung getroffen hatten, den Genossen von der Staatssicherheit zu helfen. Tatsächlich war das lediglich eine Simulation, die jedoch einiges Know-how voraussetzte.

Die Staatssicherheit recherchierte also genau, mit welchen Motiven sich ein Mensch „fangen“ ließ?

So war es häufig. Die Stasi hatte dabei oft einen denkbar langen Atem. Ein Beispiel: Die Staatssicherheit wollte einen Tierarzt als IM gewinnen. Er sollte schriftliche Berichte über bestimmte Bauern verfassen. Der Tierarzt weigerte sich zunächst, überhaupt mit der Stasi zu sprechen. Eine Detailanalyse zeigte, dass ihn bestimmte Sorgen im Umgang mit den Tieren umtrieben. An diesem Punkt setzte die Stasi den Hebel an. Über Jahre hinweg berichtete der Arzt ausschließlich über solche Probleme, ohne je über konkrete Personen zu sprechen. Die Kooperation währte mehrere Jahrzehnte. Erst am Ende, als längst ein vertrautes und vertrauliches Verhältnis entwickelt worden war, lieferte er erste handschriftliche Berichte über Personen. Diese Herangehensweise ist ein Hinweis darauf, dass die Stasi nicht kurzfristige operative Erfolge erzielen wollte, sondern Quellen langsam aufbaute. Durch die Stasiakten habe ich gelernt, dass es – anders, als ich bislang dachte – doch möglich ist, Menschen gezielt zu führen. Wenn der passende Schlüssel gefunden ist, lassen sich Menschen dazu bringen, etwas zu tun, was sie nie tun wollten. Selbst etwas, vor dem Angst oder Scham besteht.

Die Staatssicherheit arbeitete dabei auch mit einer geheimpolizeilichen Arbeitstechnik, der Zersetzung, die auch im Fachbereich Operative Psychologie gelehrt wurde.

Die Richtlinie 1/76, von Minister Erich Mielke in Kraft gesetzt, war die staatliche Rezeptur und Verfahrensbeschreibung zur Zersetzung von Bürgern (siehe den Kasten rechts). Es ist ein unglaubliches Dokument, das einem Gänsehaut bereitet. Mit den Zersetzungsmethoden der Staatssicherheit wurden Menschen gewollt psychisch krank gemacht, Misserfolge wurden bewusst herbeigeführt, Familien entzweit, Freunde oder Kollegen entfremdet. Dass Informationen über Menschen gesammelt werden, ist in unserer Zeit nichts Besonderes mehr, aber dass der Staat heimlich Einfluss auf Lebenswege nimmt, um sie zu isolieren und zu vereinzeln, ist perfide.

Können Sie Beispiele dafür geben?

In einem Dokument des Ministeriums für Staatssicherheit wird die Zersetzung eines politischen Gegners so beschrieben: „Der Plan sah vor, während der Arbeits- bzw. Schulzeit in die Wohnung einzudringen und Wertsachen in der persönlichen Habe der Eltern zu finden, deren Abhandenkommen auffällig war. Diese sollten dann an geeigneter Stelle im Kinderzimmer so versteckt werden, dass sie für die Eltern auffindbar waren und das Kind in den Verdacht brachten, seine Eltern bestohlen zu haben. Der operative Vorgang hatte die Entfremdung der Eltern von ihrem Kind zum Ziel.“ Das ist niederträchtig. Und die Betroffenen ahnten selten etwas. Der Lyriker Günter Ullmann beispielsweise war so erschüttert über das Wissen der Stasi über seine Person, dass er sich alle Zähne ziehen ließ. Er glaubte, die Stasi habe seine Zähne zu Abhörzwecken manipuliert. Tatsächlich wusste die Stasi von seinem besten Freund, Ibrahim Böhme, dem Oppositionellen und zeitweiligen Vorsitzenden der in der DDR gegründeten Sozialdemokratischen Partei, was ihn bewegte.

Sie forschen nun seit 25 Jahren über die Staatssicherheit und haben in dieser Zeit viele Gutachten geschrieben, zum Beispiel über Politiker wie Gregor Gysi. Wie kommt ein Westfale überhaupt dazu, Stasiexperte zu werden?

Das war Zufall, vielleicht Glück. Ich bekam in Westfalen keine Stelle als studentische Hilfskraft, um mein Studium zu finanzieren, und bewarb mich 1986 auf eine freie Stelle an der FU Berlin. Ich war der einzige Bewerber, damals interessierte sich kaum einer für die DDR. Ohne Bewerbungsgespräch bekam ich den Job. Und dann fiel drei Jahre später die Mauer.

Sie waren also zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Genau. Mit dem Mauerfall zog ich zum Spittelmarkt, hinter das Zentralkomitee der SED, zu der 79-jährigen Schriftstellerin Elfriede Brüning und erlebte mit ihr gemeinsam die Herbstrevolution. Ich bin dann von Ereignis zu Ereignis gegangen und habe Menschen interviewt. Die Diktatur war ja noch warm.

Sie haben aber auch aktiv an den politischen Geschehnissen teilgenommen, als einziges Westmitglied der DDR-Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“. Warum sind Sie nicht in der Politik gelandet?

Zur unterdrückten Szene hatte ich vorher schon Kontakt gehabt, weil ich oft als Kurier gedient hatte für Oppositionelle. Im Januar 1990 trat ich dann der Bürgerbewegung bei und zog nach den Landtagswahlen als Pressesprecher von Bündnis 90 in den Landtag Brandenburg ein, als Sprecher der Regierungsfraktion von Matthias Platzeck, Marianne Birthler, Günter Nooke und noch einigen anderen. Allerdings erlebte ich immer wieder, wie Abgeordnete als IM enttarnt wurden. Einige gaben es zu, andere nicht. Dann hieß es plötzlich, Ministerpräsident Manfred Stolpe sei von 1969 an IM „Sekretär“ gewesen, als er Leiter des Sekretariats des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR war und später sogar als Konsistorialpräsident stellvertretender Vorsitzender dieses Bundes. Da wurde nicht irgendwer beschuldigt. Aber: Er betrachtete sich nicht als IM. Ein Untersuchungsausschuss, für den ich dann arbeitete, ging dieser Frage nach. Nach dem Aktenstudium war mein Eindruck eindeutig: Stolpe war als IM für die Stasi tätig. Für mich stellte sich dann die Frage: anpassen oder gehen? Ich stieg aus.

Aber es tat sich gleich eine andere Tür auf: Joachim Gauck als Chef der Stasiunterlagenbehörde holte Sie 1992 als Forscher ins Haus.

Er fragte mich, ob mich nicht die Stasiunterlagenbehörde interessieren würde. Mir fiel dann das Thema IM zu – ein riskantes und in vieler Augen schmuddeliges Forschungsfeld, an dem sich junge Wissenschaftler ihre Karrieren ruinieren konnten, wenn sie nicht sauber arbeiteten.

Sie haben immer dafür plädiert, mit den Tätern zu sprechen, um die DDR verstehen zu können. Das hat Ihnen oft Ärger eingebracht. Obwohl Sie es dienstlich nicht dürfen, interviewen Sie in Ihrer Freizeit immer wieder ehemalige Stasigrößen. Wie kommen Sie an die heran?

Im Regelfall werde ich angesprochen. Vor sechs Monaten etwa rief ein 88-jähriger Herr an, der schon 1951 in Diensten der DDR-Spionage stand. Er suchte das Gespräch. Ich fuhr also zu ihm nach Chemnitz. Er war kein sympathischer Mensch, er schadete Menschen ganz bewusst. Dennoch saßen wir stundenlang über seinen Akten. Am Ende fühlte er sich erleichtert: „Ich habe mich dem gestellt, jetzt kann ich gehen.“

Haben Sie also eine Entlastungsfunktion für die Täter?

Das trifft es wohl nicht. Ich bin Wissenschaftler, der verstehen will. Das geht doch nur, wenn nicht nur die Akte, sondern auch der Mensch zum Sprechen gebracht wird. Das In-die-Augen-Sehen hat sich bewährt, weil es hilft, zu verstehen und Urteile sorgfältiger abzuwägen.

Wie fühlt sich das für Sie an?

Ich höre zu, und das geht nur mit einer gewissen Empathie. Ich nehme ja nicht die Rolle des Richters ein. Nur wenn das Gespräch zu Ende ist, dann wird es kompliziert. Wenn ich nämlich spüre, da war Aggression und Lust auf Denunziation, dann muss ich das wieder loswerden. Ich gehe dann in die Sauna und schwitze es aus.

Literatur

  • Christian Booß, Helmut Müller-Enbergs: Die indiskrete Gesellschaft. Studien zum Denunziationskomplex und zu inoffiziellen Mitarbeitern. Verlag für Polizeiwissenschaft 2014
  • Helmut Müller-Enbergs u. .: Wer war wer in der DDR? Ch. Links 2010
  • Ingrid Kerz-Rühling, Tomas Plänkers: Verräter oder Verführte? Eine psychoanalytische Untersuchung Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Ch. Links 2004

Die Richtlinie 1/76

Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, erließ im Januar 1976 die geheime Richtlinie 1/76 zur „Entwicklung und Bearbeitung Operativer Vorgänge, die Zersetzung betreffend“, die in den 1970er und 1980er Jahren gegen oppositionelle Gruppen und Einzelpersonen angewandt wurde. Hier ein Auszug:

Bewährte Formen der Zersetzung sind:

- systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges auf der Grundlage miteinander verbundener wahrer, überprüfbarer und diskreditierender sowie unwahrer, glaubhafter, nicht widerlegbarer und damit ebenfalls diskreditierender Angaben;

- systematische Organisierung beruflicher und gesellschaftlicher Misserfolge zur Untergrabung des Selbstvertrauens einzelner Personen;

- zielstrebige Untergrabung von Überzeugungen im Zusammenhang mit bestimmten Idealen, Vorbildern usw. und die Erzeugung von Zweifeln an der persönlichen Perspektive;

- Erzeugen von Misstrauen und gegenseitigen Verdächtigungen innerhalb von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen.

Bei der Durchführung von Zersetzungsmaßnahmen sind vorrangig zuverlässige, bewährte, für die Lösung dieser Aufgaben geeignete IM einzusetzen.

Bewährte Mittel und Methoden der Zersetzung sind:

- das Heranführen bzw. der Einsatz von IM, legendiert als Kuriere der Zentrale, Vertrauenspersonen des Leiters der Gruppe, übergeordnete Personen, Beauftragte von zuständigen Stellen aus dem Operationsgebiet, andere Verbindungspersonen usw.;

- die Verwendung anonymer oder pseudonymer Briefe, Telegramme, Telefonanrufe usw.; kompromittierender Fotos, z.B. von stattgefundenen oder vorgetäuschten Begegnungen;

- die gezielte Verbreitung von Gerüchten über bestimmte Personen einer Gruppe, Gruppierung oder Organisation;

- die Vorladung von Personen zu staatlichen Dienststellen oder gesellschaftlichen Organisationen mit glaubhafter oder unglaubhafter Begründung.

Diese Mittel und Methoden sind entsprechend den konkreten Bedingungen des jeweiligen Operativen Vorganges schöpferisch und differenziert anzuwenden, auszubauen und weiterzuentwickeln.“

Seit 1992 ist der Politologe Helmut Müller-Enbergs in der Forschungsabteilung der Stasiunterlagenbehörde angestellt und beschäftigt sich mit der DDR-Staatssicherheit und Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) sowie der Nachrichtendienstpsychologie. Dabei fertigte er viele Gutachten über Politiker an und enttarnte den Westberliner Polizisten Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, als Stasiagenten und SED-Genossen. Als Honorarprofessor lehrt Müller-Enbergs seit 2008 Spionagegeschichte an der dänischen Syddansk Universitet und zeitweise an der schwedischen Hochschule Högskolan på Gotland.

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