Ein bisschen ungleich ist in Ordnung

Wirtschaftliche Ungleichheit wird akzeptiert, sagt der Kognitionswissenschaftler Mark Sheskin im Interview. Aber nur, solange sie als fair gilt.

Die Illustration zeigt zwei Männer, die im Schatten des Euro-Symbols laufen und wirtschaftliche Ungleichheit aktzeptieren, solange sie fair ist
Ist eine finanzielle Diskrepanz in Ordnung, wenn sie fair ist? Kann sie überhaupt fair sein? © Christina Baeriswyl

Herr Sheskin, sehnen sich die Menschen in ihrem tiefsten Inneren nach wirtschaftlicher Gleichheit?

Kurz gesagt: Nein! Im realen Leben da draußen sehnen sich die Menschen nicht danach, dass Geld und Güter in einer Gesellschaft gleich verteilt sein sollten. Sie wollen ein Quantum Ungleichheit.

Wie kommen Sie darauf? Sucht man in einschlägigen Datenbanken nach „Abneigung gegen Ungleichheit“, finden sich 10000 wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema. Und da liest man oft, dass wir einen universellen Wunsch nach gleicher Bezahlung haben.

Stimmt, diese Studien gibt es. Wenn man Leute ins Labor holt und sie darum bittet, bestimmte Ressourcen zwischen ihnen wildfremden Menschen aufzuteilen, bekommt jeder die gleiche Menge. Wenn Probandinnen und Probanden eine in Laborstudien hergestellte Situation der Ungleichheit erkennen, bügeln sie sie sofort aus, wenn man ihnen die Chance dazu gibt. Die Tendenz zur Gleichheit ist so stark, dass die Befragten es sogar bevorzugen, dass die Ressourcen gleich aufgeteilt werden und jeder weniger bekommt gegenüber einer ungleichen Aufteilung, in der jeder grundsätzlich mehr bekommen würde. Menschen werden in Laborstudien sogar wütend auf andere, die von ungleicher Verteilung der Ressourcen profitieren. Und sogar Kleinkinder zeigen ähnliche Neigungen im Laborexperiment.

Bedeutet das nicht doch, dass sich der Mensch grundsätzlich nach Gleichheit sehnt?

Wenn man den anderen Teil der wissenschaftlichen Untersuchungen ignoriert, dann schon. Wir – meine Kollegin Christina Starmans, mein Kollege Paul Bloom und ich – wollten es allerdings genauer wissen und haben…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2021: Sich wieder nah sein
Psychologie Heute Compact 66: Meine Wohnung und ich
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