Das Gehirn ist anders, als wir denken

„Hirnjogging macht uns schlau“, „Hirnforscher können unsere Gedanken lesen“, „Das Gehirn von Männern und Frauen ist unterschiedlich verdrahtet“: Hirnmythen wie diese sind weit verbreitet

Das Gehirn ist anders, als wir denken

„Hirnjogging macht uns schlau“, „Hirnforscher können unsere Gedanken lesen“, „Das Gehirn von Männern und Frauen ist unterschiedlich verdrahtet“: Hirnmythen wie diese sind weit verbreitet

Das Gehirn nutzt nur einen Bruchteil seiner Ressourcen. Es verfügt über eine „logische“ und eine „kreative“ Hälfte und unterscheidet sich zwischen Männern und Frauen erheblich. Das Gehirn, von dem hier die Rede ist, ist ein ganz besonderes Gehirn. Besonders deshalb, weil es in der Realität schlichtweg nicht existiert. Und doch führt es in den Köpfen vieler Menschen ein ganz eigenes Dasein.

Die Gründe, warum solche Mythen rund um das Gehirn entstehen, sind ganz unterschiedlich. Manche wissenschaftlichen Entdeckungen werden wie bei der Stillen Post auf dem Weg vom Forschungslabor über die Medien zu Otto Normalverbraucher verfälscht. Andere Neuromärchen waren einst tatsächlich der Stand der Forschung. Heute jedoch sind diese Erkenntnisse überholt und setzen in den Archiven der Universitäten Staub an. Trotzdem haben sie in der Bevölkerung ein munteres Eigenleben entwickelt.

Und nicht zuletzt haben ganze Industrien, Ratgeberautoren und selbsternannte Experten ein Interesse daran, solche Legenden zu nähren und für ihre Zwecke einzusetzen – etwa um vermeintlich wirksame Hirntrainingstechniken an den Mann und an die Frau zu bringen. Um sich nicht für dumm verkaufen zu lassen, hilft es, sich einige der häufigsten Mythen vor Augen zu führen.

1. Das Gehirn ist nur zu zehn Prozent aktiv

Einfach nicht totzukriegen ist der jahrzehntealte Mythos, dass wir nicht das ganze Potenzial unserer grauen Zellen nutzen. In der Realität hingegen ist das Gehirn alles andere als ein Ressourcenverschwender. Bildgebende Verfahren haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass unsere Denkzentrale in ihrer Gesamtheit aktiv ist. Je nach Aufgabe sind die einzelnen Hirnregionen lediglich unterschiedlich stark beschäftigt. Auch wenn wir gerade einmal nichts tun, bleibt das Gehirn nicht untätig. Ein sogenanntes Ruhenetzwerk fährt seine Aktivität in solchen Situationen hoch (siehe Titelthema Heft 5/2015: Nichtstun). Und selbst im Schlaf ruht unser Gehirn nicht. Es verarbeitet Eindrücke, die wir am Tag zuvor erlebt haben, und sortiert sie in das Gedächtnis ein.

Wird ein Gehirnteil tatsächlich nicht benutzt, übernehmen die betreffenden Hirnzellen Aufgaben von benachbarten Hirnregionen. Zum Beispiel wird bei von Geburt an Blinden die Sehregion beim Ertasten von Blindenschrift aktiv, da sie ohne den Input der Augen ansonsten arbeitslos wäre. Das Gehirn ist extrem formbar und kann sich je nach Anforderung verändern.

Dass das Gehirn weite Bereiche ungenutzt lassen würde, ergibt auch aus evolutionärer Sicht wenig Sinn. Das Gehirn ist ein großer Energiefresser. Sein Verbrauch schlägt mit rund 20 Prozent unseres Energiebedarfs zu Buche. Die Evolution neigt eigentlich dazu, wenig Effizientes auszumustern. Es ist daher ziemlich unwahrscheinlich, dass sich ein so kostspieliges Organ mit so viel ungenutzter Kapazität überhaupt entwickelt hätte.

2. Die linke Hirnhälfte ist die logische Seite, die rechte die kreative

Diesem Mythos zufolge sind wir eher analytisch oder kreativ veranlagt, je nachdem welche Hirnhälfte wir stärker nutzen. Spiele – etwa Left Brain Right Brain von Nintendo –, Apps und auch selbsternannte Gurus vermarkten diese Legende und versprechen wahlweise, die Kommunikation zwischen den Hirnhälften zu verbessern oder die jeweils schwächere Hirnhälfte auf Trab zu bringen.

Ein Körnchen Wahrheit steckt in diesem Mythos. Es gibt eine gewisse Aufgabenteilung, sie bezieht sich aber auf ganz andere Fertigkeiten. So ist die linke Hirnhemisphäre im Allgemeinen auf sprachliche Leistungen spezialisiert. Räumliches Denken, Zahlenverständnis oder das Erkennen von Gesichtern sind eher rechts angesiedelt.

Jedoch ist die Trennung ganz so strikt nicht. So verfügt auch unsere rechte Seite über gewisse sprachliche „Talente“ und kann die Sprachmelodie, die Intonation und Betonung von gesprochener Sprache erfassen. Es gibt zudem auch keine neurowissenschaftlichen Belege dafür, dass bei Menschen tatsächlich die linke oder die rechte Hirnhälfte dominiert.

3. Das Gehirn von Männern und Frauen ist unterschiedlich verdrahtet

Um es gleich vorwegzusagen: Ja, es gibt Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen. Beispielsweise sind die Gehirne von Männern in der Regel größer als die von Frauen, auch wenn man beim Vergleich ihre unterschiedliche Körpergröße berücksichtigt. Doch zweierlei sollte man im Hinterkopf behalten, egal ob in einem größeren oder kleineren: Erstens handelt es sich um statistische Durchschnittswerte, und diese haben mit einem individuellen Gehirn oft wenig zu tun. Eine bestimmte Frau kann also durchaus über ein größeres Gehirn verfügen als ein bestimmter Mann. Und zweitens ist das größere Hirnvolumen der Männer nicht gleichbedeutend mit höherer Intelligenz.

Besonders problematisch ist es, wenn echte oder bloß vermeintliche biologische Unterschiede der Geschlechter mit Verhaltensunterschieden verknüpft werden: Heraus kommen dabei dann Neuromärchen wie jenes, dass bei Frauen die beiden Hirnhälften besser miteinander kommunizieren und sie deshalb – anders als Männer – mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen können. Dem fehle aber jede wissenschaftliche Grundlage, schreibt der Hirnforscher Christian Jarrett in seinem Buch Great Myths of the Brain. So fällt etwa der Balken, ein Geflecht aus Nervenfasern, das die beiden Hirnhälften miteinander verbindet, bei Frauen nicht größer aus als bei Männern. Zu diesem Ergebnis kam der Neurowissenschaftler Mikkel Wallentin von der Universität Aarhus 2009 in einer Übersichtsarbeit. Der Kommunikationskanal zwischen linkem und rechtem Hirn ist bei Frauen keineswegs besser ausgebaut.

4. Spiegelneurone machen uns erst empathisch

Alles begann in den 1990er Jahren. Damals stießen italienische Forscher um den Neurowissenschaftler Giacomo Rizzolatti von der Universität Parma auf ein seltsames Verhalten von Nervenzellen der Großhirnrinde eines Makakenäffchens. Die für Bewegungen wichtigen Neurone feuerten nicht nur, als das Tier nach Früchten griff, sondern auch, als es einen der Forscher bei der gleichen Bewegung beobachtete. Anscheinend spiegelten einige Hirnzellen des Äffchens das Gesehene.

Möglicherweise seien die nun Spiegelneurone genannten Nervenzellen entscheidend dafür, die Absicht hinter Bewegungen zu verstehen, vermuteten Rizzolatti und seine Kollegen. Und sie spekulierten munter weiter: Vielleicht könnten Spiegelneurone auch dem Menschen helfen, fremde Bewegungen innerlich nachzuspielen und als Handlungen mit einer Absicht einzuordnen.

Spiegelneurone stiegen in den folgenden Jahren zu regelrechten Medienstars auf: Zahllose Zeitungsberichte und populäre Bücher stellten diese Nervenzellen als die entscheidende Grundlage dafür dar, dass wir uns in andere Menschen hineinversetzen können.

Doch die Sache hat den einen oder anderen Haken: Die Existenz von Spiegelneuronen beim Menschen ist bis heute umstritten. Und auch die empathischen Fähigkeiten der Spiegelneurone scheinen ein Mythos zu sein, warnt der Neurowissenschaftler Christian Jarrett. Schließlich verstehen wir auch die Absicht von Bewegungen und Handlungen, die wir selbst nicht ausführen und innerlich simulieren können, wie etwa den Flug eines Vogels.

Außerdem sind die vermeintlichen Spiegelneurone beim Menschen selbst dann aktiv, wenn hinter Bewegungen überhaupt keine Absichten stecken, weil sie etwa von seelenlosen Robotern ausgeführt werden. Das konnte der Neurowissenschaftler Christian Keysers vom University Medical Center Groningen feststellen. Spiegelneurone sind also wohl eher dafür wichtig, äußerliche Bewegungen als solche nachzuvollziehen. Vermutet man hinter den Bewegungen Absichten und versucht man, sich in die handelnde Person hineinzuversetzen, kommen dann aber offensichtlich andere Hirnregionen ins Spiel.

5. Hirnjogging macht uns schlau

Kreuzworträtsel, Sudokus und zahlreiche kommerzielle Gehirnjoggingprogramme versprechen, unsere geistige Fitness zu steigern. Doch Forscher haben für uns eine ernüchternde Botschaft. Viele Untersuchungen zeigen, dass man durch mentales Training nur bei den geübten oder bei ähnlichen Aufgaben profitiert, aber nicht bei vollkommen anderen. Wenn wir regelmäßig über Kreuzworträtseln brüten, werden wir zwar darin besser. Unser Verständnis für Zahlen macht damit aber keine Fortschritte.

Auch eine kleine Sensation innerhalb der Wissenschaft entpuppte sich im Nachhinein eher als heiße Luft. Es ging um das gezielte Training des Arbeitsgedächtnisses, mit dessen Hilfe wir Informationen wie eine Telefonnummer kurzfristig speichern können. Einigen Studien zufolge sollte sich dieses Training auch positiv auf den IQ auswirken.

Doch später folgte die Ernüchterung: Untersuchungen mit strengeren Methoden förderten enttäuschende Ergebnisse zutage. Zwar brachten Probanden ihr Arbeitsgedächtnis auf Trab. Doch in Sachen Intelligenz machte sich das Training nicht positiv bemerkbar.

Alles andere wäre auch eine echte Überraschung. Die meisten Psychologen gehen davon aus, dass wir unsere fluide Intelligenz, unsere geistige Flexibilität, im Erwachsenenalter nicht mehr steigern können. Die gute Nachricht aber ist: Die kristalline Intelligenz, unsere im Laufe des Lebens angesammelten Wissensvorräte und Kompetenzen, nehmen bis ins hohe Alter zu. Wer sich mental zusätzlich ertüchtigen möchte, sollte bedenken: Vor allem Abwechslung ist Trumpf. Jeden Tag nur Sudoku zu spielen ist definitiv zu einseitig.

6. Hirnforscher können unsere Gedanken lesen

Es klang sensationell, was man in den vergangenen Jahren erfahren durfte: „Gedanken lesen im Kopf des anderen“, hieß es im Focus, und Die Welt schrieb: „Das gläserne Gehirn lässt Gedanken lesen.“ Hirnforscher können Gedanken lesen! Anlass waren Studien wie diese von 2013: Forschern von der Carnegie Mellon University war es gelungen, die Emotionen ihrer Probanden zu identifizieren, und zwar allein anhand von Hirnmustern.

Doch handelte es sich dabei wirklich um Gedankenlesen? Allenfalls in einem ganz indirekten Sinne. Zunächst einmal können bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie keinen unserer Gedanken direkt sichtbar machen. Sie registrieren lediglich Hirnaktivierungen. Um von Hirnmustern auf Seelisches wie Gefühle zu „schließen“, muss eine Computersoftware zunächst einmal viel üben.

Auch in der erwähnten Studie lernte ein Computerprogramm in Trainingsdurchläufen, die Emotionen, die die Probanden auf Wunsch der Forscher innerlich durchlebten, mit bestimmten Hirnmustern zu verknüpfen. Erst in einem zweiten Schritt konnte das Computerprogramm von den Hirnaktivierungen auf die entsprechenden Emotionen der Versuchspersonen „zurückschließen“.

Eine Herausforderung für das „Gedankenlesen“ wird dabei wohl auch in Zukunft sein, einem psychischen Phänomen ein eindeutiges Hirnmuster zuzuordnen. Zwar geht beispielsweise Angst oft mit einer stärkeren Tätigkeit des Mandelkerns einher. Doch umgekehrt bedeutet eine Aktivierung des Mandelkerns nicht immer Angst. Denn als Teil des „Gefühlszentrums“ regt sich diese Hirnregion auch bei anderen Emotionen.

7. Psychische Erkrankungen beruhen auf einem chemischen Ungleichgewicht im Gehirn

Es ist eine einfache Botschaft für komplexe Erkrankungen: Für Depressionen und andere psychische Leiden wie Angststörungen sei ein Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn verantwortlich. Medikamente wie Antidepressiva könnten dieses Ungleichgewicht wieder beheben. Dies ist eine Botschaft, die Pharmafirmen Menschen vor allem in den USA erfolgreich eintrichtern konnten, wo Direktwerbung – etwa in Zeitungen und Zeitschriften – erlaubt ist.

Die zum Teil erfolgreiche Wirkung von Antidepressiva scheint den Pharmafirmen zunächst recht zu geben. Schließlich setzen Antidepressiva genau an den Botenstoffen an. Sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer etwa erhöhen die Verfügbarkeit von Serotonin an den Kontaktstellen der Nervenzellen.

Doch von Anfang an gab es Ungereimtheiten. Die Antidepressiva erhöhen zwar schon innerhalb kurzer Zeit den Serotoninspiegel. Doch warum wirken sie dann meist erst nach Wochen? Außerdem waren beispielsweise Versuche, den Serotoninspiegel künstlich abzusenken und dadurch depressive Zustände im Labor zu simulieren, nicht von Erfolg gekrönt.

Es gebe keinen Zweifel daran, dass die Neurochemie eine wichtige Rolle bei Depression spielt, schreibt der Neurowissenschaftler Christian Jarrett in seinem Buch über Neuromythen. Aber das bedeute nicht, dass mentale Störungen in solch einem einfachen Sinne durch ein chemisches Ungleichgewicht verursacht würden, wie es dieser Vorstellung nach erscheint. In Wahrheit wisse niemand, was denn genau die richtige Menge an Serotonin und anderen Botenstoffen im Gehirn sei.

8. Die ersten drei Lebensjahre sind für die Hirnentwicklung entscheidend

In den vergangenen Jahren hat sich eine Vorstellung in den Köpfen von Eltern, Erziehern und Lehrern festgesetzt: Die Hirnentwicklung findet demnach im Wesentlichen in den ersten drei Lebensjahren statt. In dieser sensiblen Phase falle den Kleinen das Lernen am leichtesten, was sich in einem rasanten Zuwachs von Nervenverbindungen niederschlage. Danach seien unsere grauen Zellen im Großen und Ganzen fest verdrahtet.

Diese Idee hat durchaus einen wahren Kern. Nach der Geburt werden Nervenverbindungen im Überfluss angelegt. Doch entgegen dem Mythos der alles entscheidenden ersten drei Lebensjahre entwickeln sich einzelne Hirnregionen in einem unterschiedlichen Tempo. In Teilen des Stirnlappens beispielsweise zieht sich die Reifung bis ins junge Erwachsenenalter hin. Mit ihm entwickeln sich die entsprechenden geistigen Fertigkeiten wie das Planen von Handlungen und die Kontrolle von Impulsen noch bis in die Adoleszenz hinein.

Außerdem existieren zwar tatsächlich kritische Zeitfenster der Entwicklung. Doch diese beziehen sich eigentlich auf vernachlässigte Kinder, die etwa in Heimen aufgewachsen sind und wenig Anregung in ihrem jungen Leben erhalten haben. Sie können, wenn sie noch in frühen Jahren zu Pflegeeltern kommen, in ihrer ursprünglich zurückgebliebenen geistigen und emotionalen Entwicklung aufholen. Das bedeutet aber gerade nicht zwangsläufig, dass zusätzliche geistige Anregungen normal entwickelten Kindern einen ähnlichen Schub verpassen können. Das schreibt der Psychologe Paul Howard-Jones von der University of Bristol in einer Übersichtsarbeit zu Hirnmythen in der Pädagogik. Nach Howard-Jones hat die Vorstellung der drei wichtigen ersten Jahre Eltern fälschlich dazu gebracht, ein wahres Rennen gegen die Zeit zu starten, um ihren Kleinen noch rechtzeitig genügend geistige Stimulation zu bieten.

9. Jugendliche handeln wegen ihres unreifen Gehirns impulsiv

Früher hieß es „Die Hormone sind schuld“, wenn Pubertierende ungeschützt Sex hatten oder ohne Führerschein zu einer Spritztour mit dem Auto der Eltern aufbrachen. Heute greifen Hirnforscher und Entwicklungspsychologen gerne auf eine ergänzende Erklärung zurück. Demnach dominieren bei Heranwachsenden die „impulsiven“ gegenüber „besonnenen“ Hirnregionen. Das schreibt etwa die niederländische Entwicklungspsychologin Eveline Crone in ihrem populären Buch Das pubertierende Gehirn.

Tatsache ist: In der Zeit der Adoleszenz zwischen 10 und 22 Jahren wird das Gehirn völlig umgebaut. Dabei ist vor allem das für die Kontrolle von Impulsen wichtige Stirnhirn ein Nachzügler. Zudem scheint das Belohnungssystem im Gehirn von Jugendlichen besonders aktiv zu sein, was sie unter Umständen anfällig für den Kick des Moments macht.

Diese Erkenntnisse sind zweifellos interessant. Doch der vermeintlich ursächliche Zusammenhang zwischen der Hirnentwicklung und dem impulsiven, risikoreichen Verhalten von Jugendlichen ist bislang keineswegs eindeutig belegt. Und zudem hat sich in den Medien und in Ratgeberbüchern eine verführerisch eingängige, aber auch folgenschwere Metapher eingebürgert. Das Teenagergehirn wird dabei gerne mit einem Auto verglichen. Dieses Auto verfügt über ein ordentliches Gaspedal (ein überaktives Belohnungssystem), aber nur über eine schwache Bremse (ein noch nicht ausgereiftes Kontrollsystem).

So intuitiv einleuchtend diese Metapher auch sein mag: Sie habe auch einen heiklen Aspekt, so Paul Howard-Jones. Die Metapher lege nämlich nahe, dass es wenig sinnvoll sei, die Kompetenz des Fahrers zu steigern, wenn die schwachen Bremsen nicht repariert werden können. Impulsives und risikoreiches Verhalten sei nach dieser Logik der Normalzustand des Teenagerdaseins. Das erzeuge ein Dilemma, wie etwa Lehrer reagieren sollen, wenn Jugendliche im Unterricht stören.

10. Lernstörungen sind fest im Gehirn verankert

Ein Mythos ist besonders unter Lehrern durchaus weit verbreitet: Demnach lassen sich Lernstörungen, die sich auch im Gehirn widerspiegeln, durch Erziehung nicht beeinflussen. Eine Studie des Psychologen Simon Gibbs von der Newcastle University vermittelte 2015 eine Ahnung davon, welche falschen Vorstellungen das Label „Legasthenie“ bei Lehrern auslösen kann. Lasen Grundschullehrer auf einem Fragebogen von „Kindern mit Legasthenie“, glaubten sie viel eher, es handele sich um eine biologisch fest verankerte, dauerhafte Lese- und Rechtschreibschwäche, bei der sie den Kleinen nicht helfen könnten. War dagegen die Rede von „Schwierigkeiten beim Lesen“ waren Lehrer viel zuversichtlicher und hielten die Schwäche eher für vorläufig.

Dabei zeichnen neuere neurowissenschaftliche Untersuchungen durchaus ein anderes Bild von Lernstörungen. Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne solche Schwierigkeiten äußern sich zwar im Gehirn. Doch die neuronalen Auffälligkeiten von betroffenen Kindern lassen sich durch Training beeinflussen. Das zeigte eine Studie der Neurobiologin Karin Kucian vom Universitäts-Kinderspital in Zürich. In ihrer Untersuchung profitierten Kinder mit Dyskalkulie stärker von einem fünfwöchigen Computertraining zum Zahlenverständnis als Kinder ohne die spezifische Rechenschwäche. Zudem verringerte sich nach dem Training vor allem bei den betroffenen Kindern die Aktivität in Arealen, die Zahlen verarbeiten. Offensichtlich, so Kucian, habe das Training manche für die Aufgabe nötigen Prozesse automatisiert.

Lernstörungen sind also beileibe kein unabänderliches Schicksal. Hirnmythen wie dieser sollten aus unseren Köpfen verschwinden.

Literatur

  • Christian Jarrett: Great myths of the brain. Wiley-Blackwell, Chicester 2014
  • Paul Howard-Jones: Neuroscience and education: myths and messages. Nature Reviews Neuroscience, 15/12, 2014, 817–824. DOI: 10.1038/nrn3817
  • Karim S. Kassam u. .: Identifying emotions on the basis of neural activation. PLOS ONE, 8/6, 2013. DOI: 10.1371/journal.pone. 0066032
  • Karin Kucian u. .: Mental number line training in children with developmental dyscalculia. Neuroimage, 57/3, 2011, 782–795. DOI: 10.1016/j.neuroimage.2011.01.070
  • Charles A. Nelson u. .: Cognitive recovery in socially deprived young children: the Bucharest early intervention project. Science, 318/5858, 2007, 1937–1940. DOI: 10.1126/science.1143921
  • Mikkel Wallentin: Putative sex differences in verbal abilities and language cortex: A critical review. Brain and Language, 108/3, 2009, 175–183. DOI: 10.1016/j.bandl.2008.07.001

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