Rache ist allgegenwärtig

Gewalt erzeugt Gegengewalt, und Vergeltung hat unsere Gesellschaft noch nie weitergebracht. Oder doch?

Am ursprünglichen Ärger und Zorn ändert die Rache meist wenig © Simon Prades

Rache ist allgegenwärtig 

Vergeltung soll das Gefühl für Gerechtigkeit wiederherstellen. Und manchmal erleichtert sie sogar das Verzeihen, sagen Psychologen

In der U-Bahn lässt der eine den anderen nicht durch; der andere tritt ihm dafür absichtlich auf den Fuß: Rache! Die Mieter über Ihnen haben nächtelang so laut Sex, dass es Ihnen den Schlaf raubt. Sie drehen das Radio morgens maximal auf, so dass die beiden auf jeden Fall aufwachen: Rache! Ein Kollege schwärzt den anderen beim Chef an, der andere hetzt die restliche Belegschaft gegen ihn auf: Rache! Wir sind umgeben von Vergeltung. Im Straßenverkehr. Im Fußball. Wenn die Liebe gescheitert ist und man sich betrogen fühlt – das kann zu Rosenkriegen führen, schlimmstenfalls zu Mord und Totschlag. Rache ist allgegenwärtig. „Doch wenn Sie die Leute fragen, ob sie sich schon mal gerächt haben, sind viele fast empört“, erklärt der Psychologe Mario Gollwitzer, Professor an der Universität München. „Offenbar löst das Wort etwas Aversives und Unmoralisches aus. Aber jeder tut es trotzdem gelegentlich.“

Und wenn die Wissenschaft nach Jahren der Forschung eines über das „faszinierende Phänomen“ herausgefunden hat, dann das: Rache ist eine ebenso komplexe wie zwiespältige Angelegenheit, die sich langfristig nur selten auszahlt. Aber sie ist auch nicht so schlecht, wie Psychologen einst dachten. „Heute würde kaum jemand mehr von Rache als einem wilden, inhumanen Trieb sprechen, den man immer und überall zügeln muss“, sagt Gollwitzer. Denn Rache „ist für das menschliche Leben funktional und stark verbunden mit unserem Verlangen nach Gerechtigkeit“ – oder dem, was wir dafür halten.

Wir verstehen die, die sich rächen

Statt die Aggression zu verurteilen, sind wir offenbar in der Lage, „Rache intuitiv nachzuvollziehen“, fasst Gollwitzer das Ergebnis einer seiner jüngsten Studien zusammen. Dabei wurden Probanden mit einer trickreichen Versuchsstrategie zu intuitiven Bewertungen eines realen Vergeltungsaktes „gezwungen“. Es ging um den Fall der Iranerin Ameneh Bahrami, die von einem verschmähten Verehrer mit Säure geblendet wurde. Danach erstritt sie vor Gericht das Recht, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Ameneh Bahrami verzichtete letzten Endes auf dieses Recht, aus verschiedenen Gründen, wie es hieß.

Dieser Versuch von Mario Gollwitzer und seinen Forschungskollegen zeigt nicht nur, dass wir Rache verstehen und nachempfinden können, sondern auch: Wenn wir länger über die Sinnhaftigkeit der Vergeltung nachdenken, kommen uns Zweifel daran.

Die Definition des Phänomens ist jedoch nicht so klar, wie man denken würde. Vergeltungsexperte Mario Gollwitzer fasst den Rachebegriff sehr weit. Für ihn gehören schon die kleinen Racheakte des Alltags dazu. Denn für ihn zählt vor allem eines: Ein Mensch, das „Opfer“, fühlt sich, in welcher Weise auch immer, geschädigt, genervt oder verletzt – und will sicherstellen, dass der Verursacher, der „Täter“, gleichermaßen leidet. Dafür muss man ihm eins auswischen.

Die niederländische Forscherin Maartje Elshout bevorzugt einen eng gefassten Begriff der Rache. Die Psychologin hat Rachefantasien und Vergeltungsakte von ganz normalen Menschen analysiert und immer wieder Probanden ins Labor gebeten, um die daraus gewonnenen Erkenntnisse experimentell zu sezieren.

Große Rache ist geplant

Echte, große Rache ist demnach „persönlich“, fasst Elshout die Kernbotschaft ihrer Ergebnisse zusammen. Will heißen: Es geht nicht nur darum, dass sich das Opfer vom Täter geschädigt, sondern sich auch beleidigt und gedemütigt fühlt, so dass sein Selbstwert leidet und es seine Identität bedroht sieht. „Die mit Rachefantasien einhergehenden Emotionen sind deshalb sehr intensiv und aggressiv“, meint die Holländerin: Es seien vor allem Erniedrigung, Neid und Zorn. Hinzu kommt nach Ansicht der Psychologin, dass echte Rache oft entsprechend exzessiv mit Grübeln verbunden und sorgfältig geplant wird. So formt sich ein Prototyp der Rache im engeren Sinn, der sich auch in klassischen und modernen Rachegeschichten in Literatur und Film widerspiegelt. Zorn ist demnach nur eine Triebfeder für eine Rachehandlung. Anders als bei rein zorngetriebener Aggression richtet sich die Rachehandlung zusätzlich darauf, Selbstwert und Identität des Täters zu demolieren. Ausschließlich auf Wut und Ärger basierend wäre zum Beispiel der Stinkefinger, nachdem einem jemand die Vorfahrt genommen hat. Oder wenn Eltern ihr Kind maßregeln, nachdem es etwas geklaut hat. Niemand würde in solchen Fällen von Rache sprechen, Maartje Elshout allerdings davon, dass zornbefeuerte Antworten vor allem darauf zielen, das Verhalten des Täters zu ändern.

„Meine Forschung sagt, dass Rache von beiden Motiven gleichzeitig angespornt wird“, erklärt dagegen salomonisch Mario Gollwitzer: „Rache ist eine Mischung aus Selbstwertbefriedigung und dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit.“ Prinzipiell laufen viele Racheversuche in seinem Labor nach ähnlichem Muster ab wie bei den meisten experimentellen Psychologen, die von einem weitgefassten Rachebegriff ausgehen. Die Forscher stellen möglichst realistische Szenarien her, in denen die einen Probanden von anderen Versuchspersonen unfair behandelt werden. Die „Opfer“ bekommen dann die Chance, sich zu rächen. Am Ende fragen die Forscher nach, wie sich die Rächer fühlten, was sie dachten und was sie getrieben hat. Auf Basis solcher Versuche erklärt Gollwitzer, dass sich eine Racheaktion in der Realität oft nicht positiv in der Stimmung niederschlägt.

Anders sehen das David Chester und Nathan DeWall von der University of Kentucky. Die Aussicht, den eigenen angeschlagenen Emotionshaushalt zu frisieren, scheint manche Menschen, die sich nicht gewollt fühlen, regelrecht in die Rache zu treiben. Die Wissenschaftler ließen ihre Probanden Texte schreiben, die dann von anderen entweder sehr kritisch oder extrem positiv bewertet wurden. Die Stimmung der Teilnehmer wurde vor und nach einem Vergeltungsakt gegen die Kritiker gemessen. Die Kritisierten fühlten demnach einen stechenden Schmerz der Zurückweisung. Die Vergeltungsaggression aber verbesserte ihre Stimmung auf Höhen, wie sie auch die gelobten Probanden empfanden.

In einem zweiten Versuch bekamen die Probanden eine Pille, von der sie dachten, sie friere ihre Stimmung ein, das heißt: Von dem Moment an, in dem die Arznei zu wirken beginnt, verändert sich die Stimmung nicht mehr. In Wahrheit handelte es sich nur ein Placebo. Der Effekt war allerdings immens. Anders als die Probanden einer Kontrollgruppe ohne Pille, die sich intensiv rächten, verzichteten die Teilnehmer der Placebogruppe auf  Vergeltung. Sie dachten, sie würden das befriedigende Gefühl später nicht spüren können, und entwickelten auch keine Vorfreude darauf.

Ein Hochgefühl, aber ein kurzes

Unter Normalbedingungen, so die Forscher, nutzten zurückgestoßene „Opfer“ die Aggression der Vergeltung gezielt als Stimmungsdoping. Das passt zu Befunden aus den Neurowissenschaften: Der Hirnscanner zeigt bei Racheakten eine starke neuronale Erregung in jenen Bereichen, die auch bei Drogenkonsum oder Sex ein gutes Gefühl verschaffen. Leider aber „handelt es sich nur um ein kurzfristiges Hochgefühl“, fasst Chester die Ergebnisse einer weiteren Untersuchung zusammen. Später wird es durchsetzt von vielen negativen Emotionen: Schuld, Scham, Bedauern und Zweifeln am Sinn der Vergeltung.

Das zeigt den problematischen Charakter der Rache. Zum einen ist Gollwitzer zufolge Vergeltung nur dann zumindest kurzfristig süß, „wenn man weiß, dass sie beim Täter ankommt“. Genugtuung empfindet man als Rächer nur, wenn man dem Täter eine Lektion erteilt und ihm verdeutlicht hat: „Mit mir darfst du so etwas nicht machen, merk dir das!“ Zum zweiten müssen die ursprünglichen Täter ihre Reue ausdrücken und den Racheakt verstehen. Nur unter diesen Voraussetzungen fühlen sich Rächende besser als die Studienteilnehmer, die auf Rache verzichteten. Solche Umstände kommen im Alltag aber „sehr selten“ vor, wie der Psychologe unterstreicht.

Auch Fade Eadeh von der Washington University in St. Louis betont die Janusköpfigkeit des Phänomens. In drei Experimenten ließ der Psychologe seine etwa 200 Probanden kleine Geschichten lesen, die zum Beispiel beschrieben, wie gerecht die Tötung von Terroristenführer Osama bin Laden durch US-Soldaten gewesen sei. Es handelte sich um einen Racheakt der USA gegen den Terroristenführer. Die Teilnehmer sollten angeben, wie stark sich ihre Stimmungen und Emotionen beim Lesen der Geschichte veränderten. Emotionen beziehen sich gewöhnlich auf einen klaren und bestimmten Auslöser und sind intensiv, aber auch flüchtig. Stimmungen kommen eher nach und nach, sind nicht so intensiv, bleiben aber länger. Offenbar versetzte die Rachegeschichte die Leute in eine schlechte Stimmung, löste aber gleichzeitig gute Gefühle aus. „Wir lieben Rache, weil wir jemanden bestrafen, der uns verletzt hat, und wir mögen sie gar nicht, weil sie uns an die ursprüngliche Verletzung erinnert“, sagt Eadeh. Und die Erinnerung bleibt recht lange, ergänzt der Psychologe.

Rache reguliert unser Verhalten

Letzten Endes, sagt auch Gollwitzer, ändert die Rache am ursprünglichen Ärger, Zorn und Frust meist nur wenig. Trotzdem hält sie sich beharrlich in der menschlichen Verhaltenswelt. Warum? Der renommierte US-Verhaltensforscher Dan Ariely meint, Vergeltung helfe dabei, eine vertrauensvollere und weniger chaotische Gesellschaft zu schaffen und gutes Verhalten zu regulieren. In diesem Sinne fungiere jeder Mensch „als ein kleiner Polizist“, erklärt Ariely.

Sein Kollege Michael McCullough von der University of Miami proklamiert: Rache bringe im Sinne der darwinschen Evolutionstheorie einen Überlebensvorteil und resultiere in einem kulturellen Nutzen, ungeachtet oft hoher individueller Kosten. Anthropologische Studien unter eingeborenen Stämmen in Venezuela stützen die These: Gehören zu einer Gruppe weithin als rachlüstern bekannte Menschen, „dann passiert insgesamt weniger“, sagt Mario Gollwitzer. Sprich: Diese Menschen, die als rachsüchtig bekannt sind, werden seltener attackiert.

Gegen derlei Theorien sprechen allerdings die vielfach ritualisierten Formen von Blutrache – etwa im nördlichen Albanien. Nach festgelegten Regeln reagieren dort manche Familien mit Morden, wenn sie Handlungen anderer Familien als kränkend, respektlos und entehrend empfinden. „Es ist klar, dass so etwas nicht zu einer Befriedung verfeindeter Parteien beiträgt“, sagt Gollwitzer, dessen Team das Phänomen in einer Arbeit beleuchtet hat. Danach lehnen viele Leute die gewaltsame Rache einerseits ab, weil sie sehen, wie viele Unbeteiligte leiden. Andererseits sind sie gefangen in ihren traditionellen sozialen Normen. Neue Gesetze und ein Eingreifen der Polizei lehnen sie ab.

Die Gerechtigkeitslücke verkleinern

Jüngst musste auch der langgediente Rachefachmann Gollwitzer staunen – über die Ergebnisse einer seiner neuen Studien. Selbst das scheinbare Gegenteil von Vergeltung – die Vergebung – kann durch Rachegelüste motiviert sein. Bei dem in Fachkreisen „hohle Vergebung“ genannten Phänomen handelt es sich „unter Umständen nur oberflächlich betrachtet um konstruktives Verhalten“. Hinter der Nettigkeit signalisiert der Vergebende anderen Menschen wie Kollegen oder Freunden: „Ich bin moralisch hochwertig, und der, der mich verletzt hat, ist moralisch minderwertig, und ihr, alle anderen, wisst das jetzt.“ So wischt man dem ursprünglichen Täter eins aus.

Vielleicht sind Vergebungsprozeduren noch schwieriger als gedacht. Nur zu sagen, „ich vergebe dir“, reicht nicht (siehe auch: Psychologie Heute, Ausgabe 9/2018, Titelthema Verzeihen). Es könnte sogar sein, „dass für die Lösung eines Konfliktes ein wenig Rache nötig ist“, glaubt der Münchner Psychologe. Dass man als Opfer nach einer Verletzung wirklich loslassen kann, „klappt vielleicht nur, wenn ich die Gerechtigkeitslücke ein wenig verkleinert habe“, so Gollwitzer, „und diese Rache muss wohldosiert sein.“

Wer sich rächen will

„Wenn das Bedürfnis immer wieder kommt, ohne dass man es steuern kann. Wenn sich jemand in Rachefantasien hineinsteigert. Und wenn die Fantasien immer wieder Grübeln auslösen, dann wird es pathologisch“, sagt Mario Gollwitzer über Menschen mit starken Rachebedürfnissen. Es überrascht kaum, dass es Studien zufolge einige Menschen mehr zur Rache zieht als andere, zum Beispiel solche, die viel auf ihre Reputation geben. Am schlimmsten aber sind Narzissten, dicht gefolgt von stark neurotischen Typen. Männer rächen sich öfter als Frauen, Jüngere öfter als Ältere und religiöse Fanatiker öfter als Liberale.

Maartje Elshout und ihre Kollegen haben die Umstände beleuchtet, unter denen Rache im Alltag zu beobachten ist. Ihre Ergebnisse: Unter jungen männlichen Freunden und Bekannten passiert Rache besonders häufig. Sozialer Ausschluss begünstigt ebenfalls das Bedürfnis nach Vergeltung. Und die Lebensumstände müssen es einem überhaupt erlauben, real Rache zu nehmen. Günstige Gelegenheiten, so die Psychologen, spielen eine große Rolle.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2018: Der Ex-Faktor
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