Die Kraft des Verzeihens

​Vergeben fällt nicht leicht. Doch die Mühe lohnt sich: Wer vergibt, lässt die Kränkungen hinter sich – und erlebt eine neue Freiheit.

Es ist schwer, aber es lohnt sich: Verzeihen hilft loszulassen. © Frauke Ditting

Die Kraft des Verzeihens

Dem Exmann vergeben, der einen betrog, oder der Schwester, die einen immer kleingemacht hat? Das fällt nicht leicht. Doch die Mühe lohnt sich. Denn wer vergibt, der lässt die Kränkungen hinter sich. Und erlebt eine neue Freiheit

Ein Familientreffen, wie schön. Für Tanja Randler* das erste Wiedersehen mit ihrer Schwester Laura*, seit diese sieben Jahre zuvor mit ihrem Mann nach Australien gezogen war. Die ersten gemeinsamen Stunden der Schwestern mit ihren Eltern, Cousinen und Tanten in dem alten hessischen Dorf ihrer Jugend waren richtig nett. Bis es um die Kindertage ging.

„Weißt du noch, wie wir dich damals in die Scheune gesperrt haben?“, fragte Laura ihre Schwester lachend. „Du hattest es echt nicht leicht mit mir“, kicherte sie und tätschelte Tanjas Hand. Ihre Mutter lachte. Tanja lächelte. Aber sie hätte heulen können. So, dachte sie, war es immer. Laura war der Liebling, egal was sie anstellte. Und sie hatte diesen Joker stets gnadenlos eingesetzt. Was lange her schien, war plötzlich ganz nah. Verdrängt vielleicht – aber unvergessen. „Du musst schon entschuldigen“, prustete Laura, als sie gleich noch eine weitere Anekdote erzählte. Musste sie das? Tanja merkte: Sie konnte es nicht.

Verzeihung. Entschuldigen Sie bitte. Bei den Kleinigkeiten des Alltags, wenn wir uns den Weg durchs Gedränge bahnen, jemandem unabsichtlich auf den Fuß treten oder ihn anrempeln, gehen uns diese Worte leicht von den Lippen. So beiläufig, dass wir nicht einmal mehr darüber nachdenken, was sie wirklich bedeuten. „Sag Entschuldigung“, soufflieren wir unserem Nachwuchs schon auf dem Spielplatz, wenn er mit der Schaufel nach seinem Kindergartenfreund geschlagen hat. Damit, suggerieren die Floskeln, ist alles wieder gut, alles Unrecht beseitigt, sind die Falten im Beziehungsgefüge glattgebügelt. Auch in Hollywoodfilmen oder Liebesliedern ist der Akt des Verzeihens stets kaum mehr als die Ouvertüre für ein herzerwärmendes Happy End.

Moralisiert und spiritualisiert

Die Psychologie hätte da einiges geraderücken können – tat es aber nicht. Vielleicht weil sich jahrhundertelang eine andere Disziplin – eine höhere Instanz sozusagen – für das Vergeben zuständig erklärte: die Religion. „Vergebung war über Jahrhunderte moralisiert und spiritualisiert“, sagt der Sozialpsychologe Masi Noor von der britischen Keele-Universität, Mitautor des Buches Forgive­ness is Really Strange. „Die Psychologie musste das Verzeihen aus der religiösen Ecke herausnehmen, um konkrete Antworten geben zu können: wie Verzeihen funktioniert, was Menschen dazu befähigt oder was sie daran hindert zum Beispiel. Inzwischen hat man erkannt: Dass wir einander vergeben, ist ein entscheidender Schlüsselfaktor in unserem Verhalten.“

Verzeihung? Eine Angelegenheit zwischen Menschen. Hochkomplex, unglaublich spannend. Vor allem aber: eines der wichtigsten Instrumente der Seelenpflege, das wir haben. Ein Mittel, uns das Leben leichterzumachen und nachweislich gesünder zu bleiben. Und das viel zu lange in seiner Bedeutung unterschätzt wurde.

Viele Menschen betrachten die Geste der Verzeihung noch immer als Geschenk desjenigen, der verletzt wurde, an denjenigen, der ihm übel mitgespielt hatte: Das Opfer springt sozusagen über seinen Schatten, um den Täter freizusprechen. Ein Verständnis, bei dem vor allem der Täter profitiert. Neuere Forschungen zeigen, dass dies ein großes Missverständnis ist, denn es geht zunächst nicht um den Täter, sondern um die Person, die verzeiht: „Zu verzeihen ist eine Kunst die zu größerer Freiheit führt und uns das Leben aktiv gestalten lässt. Man tritt damit aus der Opferrolle heraus“, erklärt die Zürcher Psycho­therapeutin Verena Kast.

Mehrfaches Leiden

Eine enorme Anstrengung und mehr als nur ein einzelner Schritt: Wer betrogen, verletzt, verleumdet oder beleidigt wird, leidet schließlich gleich vielfach, listet der amerikanische Psychologieprofessor Robert D. Enright von der Universität Wisconsin auf: durch die Ungerechtigkeit selbst, die negativen Gefühle wie Wut, Frustration oder Traurigkeit, durch die Scham anderen gegenüber. Weitere Nebenwirkungen: Alles zusammen erschöpft einen Menschen, zwingt ihn oft noch lange, ständig darüber nachzudenken, sich als vom Schicksal benachteiligt zu sehen und womöglich in seiner gesamten Grundeinstellung dem Leben gegenüber pessimistischer zu werden.

Emotional bugsiert uns diese Mehrfachbelastung erst einmal in eine Sackgasse – und die zwei Wege, die üblicherweise ­eingeschlagen werden, um wieder herauszukommen, machen nicht glücklich. Der erste: Rache üben. Das verschafft zwar einen kurzen Kick der Befriedigung, bringt aber langfristig wenig, beweisen gleich mehrere Studien, unter anderem die des Psychologen Kevin Carlsmith von der Colgate-Universität in Hamilton: Dabei waren diejenigen, die in einem Experiment die Möglichkeit der Vergeltung für eine Ungerechtigkeit hatten, am Ende unzufriedener als die Vergleichsgruppe ohne Revanche. „Wenn Menschen im Alltag ständig darüber nachdenken, wie sie sich für das erlittene Unrecht rächen könnten, kostet das viel Zeit und Energie“, erklärt der Persönlichkeits- und Entwicklungspsychologe Mathias Allemand, Professor für differenzielle Gesundheitsforschung des Alters an der Universität Zürich.

Ein zweiter Weg ins Unglück: Verdrängen. Das erlittene Unrecht weit hinter sich lassen, indem man vor seinen Gefühlen davonläuft. Für die Pinnebergerin Anke Hiddfeld schien dies die einzige Methode zu sein, innerlich mit den Misshandlungen durch den immer wieder alkoholisierten Vater in ihrer Kindheit abzuschließen: das Geschehen mit sich selbst auszumachen und den Kontakt zu den Eltern abzubrechen. Bis sie merkte: Die Wunden wollten sich einfach nicht schließen.

Verdrängtes erschwert Beziehungen

„Wenn wir Verletzungen verdrängen, können sie uns immer wieder ins Gedächtnis kommen und Beziehungen erschweren“, weiß Psychotherapeutin Verena Kast. „Gelingt es uns, sie abzuspalten, haben wir auch einen Bereich unserer Psyche mit den damit verbundenen Gefühlen nicht zur Verfügung.“ Anke Hiddfeld spürte diese emotionale Last gar am eigenen Leib – ihr Körper reagierte mit Bauch- und Rückenschmerzen.

Bis sie einen anderen, bis dahin undenkbaren Weg einschlug: In einem Buch (Du sollst Vater und Mutter ehren?) schilderte sie ihre Geschichte, stellte sich ihren Gefühlen – und konfrontierte schließlich auch die Eltern mit der Vergangenheit. Der Vater bat seine Tochter um Verzeihung, und Anke Hiddfeld gewährte sie ihm. „Ich habe nicht vergessen, aber ich habe ihm vergeben“, sagt sie heute. „Weil ich verstanden habe, dass auch meine Eltern mit ihrer eigenen Geschichte nicht anders sein konnten, als sie waren. Das zu begreifen und sagen zu können: Ich vergebe euch – das ist ein befreiendes Gefühl.“

Sie ließ damit den Groll los, Angst und Trauer. Und spürte, dass diese negativen Emotionen jahrelang eine lebenslustige Frau gefangen gehalten hatten. Inzwischen lebt Anke Hiddfeld mit ihrem Mann glücklich auf Gran Canaria. Früher wäre es eine Flucht gewesen. Jetzt war es eine selbstbestimmte Entscheidung.

„Verzeihen hilft, geschehenes Unrecht zu verarbeiten, loszulassen und in den eigenen Lebenslauf zu integrieren“, erklärt Mathias Allemand. Das heißt: zu akzeptieren, dass Verletzungen zum Leben gehören. Wir tun einander ständig weh, oft schon wenn wir die Erwartungen eines anderen nicht erfüllen. Und natürlich geht es darum, ein Gleichgewicht, eine Ordnung wiederherzustellen, offene Rechnungen zu begleichen. Aber eben nicht zwangsläufig innerhalb einer Beziehung, sondern in der eigenen Seele. Vergebung ist nicht immer ein Friedensangebot an den Menschen, der uns unrecht getan hat – dieses Angebot richtet sich zunächst an uns selbst.

Offene Wunden in allen Lebensbereichen

Inzwischen gibt es sogar eine Vergebensforschung. Und immer mehr Erkenntnisse um das neu entdeckte Heilmittel der Seele. Psychologen unterscheiden dabei das entscheidungsbasierte und emotionsbasierte Vergeben: Emotionsbasiertes Vergeben fußt auf dem ­Entschluss, dass man sich von Grübeln, Wut, Trauer und Rachegelüsten nicht mehr das Leben bestimmen lassen möchte. „Beim entscheidungsbasierten Vergeben wiederum geht es um das Bedürfnis nach Rationalität, also zu verstehen, warum man verletzt wurde“, erklärt die Soziologin Sonja Fücker, zur Zeit Promovendin an der Freien Universität Berlin.

Offene seelische Wunden gibt es dabei in allen Lebensbereichen: Schweizer Studien zeigen, dass jüngere Menschen meistens mit Lügen, Seitensprüngen und dem Verlassenwerden hadern, ältere Menschen hingegen eher mit Mobbing oder dem Gefühl, am Arbeitsplatz übergangen zu werden. Eine Thementrennung zeigt sich auch zwischen den Geschlechtern: Männer erleben Verletzungen eher im Arbeitsleben, Frauen häufiger in Beziehungen.

Verzeihen beginnt oft mit einer Entscheidung, aber immer ist es ein Prozess. Everett Worthington, ein vor einem Jahr emeritierter Psychologieprofessor der Commonwealth-Universität von Virginia, entwickelte mit seinem REACH-Modell eine Art Sieben-Stunden-Vergebungsworkshop, den man kostenlos im Internet herunterladen kann. Dabei lernt man, sich den Schmerz bewusstzumachen, ohne sich als Opfer zu bemitleiden oder den Verursacher als Täter zu hassen. Man übt, sich in den anderen einzufühlen – und ihm auf dieser Grundlage schließlich zu vergeben. Die wichtigsten Fragen an sich selbst lauten: Was schuldet mir der andere noch? Was genau schmerzt mich eigentlich so? Und: Was müsste ich vom anderen bekommen, um wirklich loslassen zu können? Die Antworten, die man sich selbst gibt, setzen den eigentlichen Klärungsprozess erst in Gang.

Verzeihen als Selbstheilung

Das Ziel ist, einen Strich unter das Geschehene zu ziehen – für sich selbst. Verzeihung ist eine Art Selbstheilung. Es finden „intensive innere Selbstgespräche in einem Menschen statt“, erklärte der inzwischen verstorbene Psychologieprofessor und Psychotherapeut Reinhard Tausch. „Es ist eine mentale, gedankliche Bewältigung eines Ereignisses, das zunächst Enttäuschung, Wut, Ärger, Verletzung und seelische Schmerzen auslöste. Es ist nicht notwendig, einem anderen mitzuteilen, dass wir ihm vergeben oder verzeihen.“ Man spürt dem Ereignis in sich nach, forscht nach Auswirkungen, beschäftigt sich mit den geschlagenen Wunden am Ich – und fragt sich dabei auch, wie wichtig einem der andere eigentlich ist. Hilfreich können solche Selbstgespräche selbst dann sein, wenn der andere nicht mehr am Leben, nicht greifbar oder einfach aus den Augen, aber leider nicht aus dem Sinn ist.

Eine einfache Erkenntnis erleichtert häufig den Prozess des Verzeihens, erklärt die Bremer Psychotherapeutin Angelika Rohwetter: „Die Einsicht, am Geschehenen beteiligt gewesen zu sein. Es geht nicht darum, das Geschehene zu verharmlosen, den entstandenen Schmerz zu leugnen oder eine Schuld von einem Täter auf das Opfer zu schieben. Es geht darum, auf diese Weise die eigene Handlungsfähigkeit wiederzuentdecken.“ In alltäglichen mitmenschlichen Konflikten (nicht bei Gewalterfahrungen oder schweren Verletzungen!) kann die Frage nach dem Eigenanteil entlasten – weil sie zeigt, dass man den Lauf der Dinge eben doch, vielleicht unbewusst und ungewollt, mit beeinflusst hat. Auch die Einsicht in die Schattenanteile der eigenen Persönlichkeit kann Nachsicht mit dem anderen fördern: Hat er aus Neid, Schwäche, Wut gehandelt? Diese Gefühle findet man manchmal ja auch in den eigenen Tiefen.

Das Gehirn leistet beim Verzeihen Schwerstarbeit, zeigen Aufnahmen im Magnetresonanztomografen: Beteiligt am Prozess des Verzeihens sind vor allem der dorsolaterale präfrontale Cortex im Stirnhirn, der untere Scheitellappen und der Precuneus, ein Teil des oberen Scheitellappens. Alle drei werden aktiv, wenn es um Empathie geht, darum, Gefühle zu regulieren und Geschehnisse neu einzuordnen. Frauen tun sich offenbar schwerer als Männer, ergab eine italienische Studie an Versuchspersonen, die aufgefordert wurden, an eine Verletzung in der Vergangenheit zu denken. Die Aufzeichnungen der Gehirnaktivität zeigten, dass dabei letztlich der anteriore cinguläre Cortex (ACC), der bei Schmerzen aller Art reagiert, bei Frauen auf Hochtouren lief.

Neue Wege entdecken

Die Mühe allerdings lohnt sich. Wer verzeiht, entdeckt für sich oft völlig neue Wege. Weil nicht mehr die negativen Gefühle die Richtung bestimmen, sondern man das Steuer wieder selbst in der Hand hält. Man übernimmt Verantwortung für sein Wohlbefinden, fühlt sich mächtig statt ohnmächtig. Und ist ganz nebenbei sogar besser gerüstet für künftige Kränkungen.

Studien über Cybermobbing beweisen: Man wird sogar weniger leicht zum Opfer. Und lebt obendrein noch gesünder: „Verzeihen wirkt beruhigend auf Seele und Körper“, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Kurt Sindermann, ehemaliger Direktor des Psychiatrischen Krankenhauses im österreichischen Therapiezentrum Ybbs. „Es mindert den Stress, sich in einem ungelösten oder scheinbar unlösbaren Konflikt zu befinden.“ Dieser Stress wiederum bewirkt eine ständige Ausschüttung von Kortisol, die das ­Immunsystem schwächt und anfälliger für Tumor- und Stoffwechselkrankheiten macht. Eine Studie der Duke-Universität in Durham bestätigt dem Verzeihen sogar lindernde Wirkung bei chronischen Rückenschmerzen und Depressionen.

Dass die Möglichkeit zu verzeihen nicht auf Ohnmacht basiert, sondern Macht verleiht, fühlt man freilich am stärksten, wenn der andere um Verzeihung bittet. Schon die Einsicht des Menschen, der uns verletzt hat, ist Balsam für unsere Wunde. Weil wir ihm Vergebung gewähren oder versagen können, sitzen wir gefühlt am längeren Hebel. Und noch etwas verbessert die Chance auf Seelenheilung: Wir haben die Möglichkeit zu einem echten Dialog. Es tut oft gut, zu wissen, warum der andere fies, gemein, verlogen oder hinterlistig gehandelt hat. Das erlaubt auch, sich in den Schuldigen hineinzuversetzen.

Die Chance, dass der Täter auf sein Opfer zukommt, ist sehr viel größer, wenn beide sich eigentlich nahestanden, zeigt eine Studie des Psychologen ­Blake Riek vom nordamerikanischen Calvin College in Grand Rapids. Was genauso wenig überrascht wie die Tatsache, dass es von der Intensität der Gewissensbisse abhängt, ob der Täter um Verzeihung bittet.

Betrug als Déjà-vu

Und am Ende ist alles wieder gut? Es kommt darauf an, was man darunter versteht, zeigt das Beispiel der Freundinnen Paula Schauer* und Kathrin Bandlos*. Beide fanden irgendwann in ihren jeweiligen Ehen heraus, dass ihre Partner sie mit anderen Frauen hintergingen. Paula stellte ihren Mann zur Rede und überzeugte ihn, den Vertrauensbruch gemeinsam in einer Paartherapie zu bearbeiten. „Ich begriff dabei, wie es zu dem Betrug kommen konnte“, erzählt die Bergisch-Gladbacherin. „Ich fand es nach wie vor schlimm, aber ich konnte ihm irgendwann verzeihen. Heute gehen wir sehr viel offener als früher miteinander um.“

Kathrin konfrontierte ihren Jens mit den SMS an seine Geliebte, die sie auf seinem Handy gefunden hatte. Aber sie spürte sehr schnell: Ihr Vertrauen war dahin. Nicht für eine Zeit, sondern für immer. „Mein Vater hatte jahrelang meine Mutter betrogen“, sagt sie. „Der Betrug war wie ein Déjà-vu aus meiner Kindheit. Und das Schlimmste, was Jens mir antun konnte. Ich verzieh ihm, weil ich reinen Tisch machen und abschließen wollte.“ Das tat sie – auch mit der Ehe selbst. Sie trennte sich von ihrem Mann.

Betrug, Lügen, Lieblosigkeiten sind eine Sache – aber wie stark ist die Wundheilungskraft der Vergebung wirklich? Kann man alles verzeihen? Laut einer Studie des Psychologen Jarred Younger vom US-amerikanischen College of Arts and Sciences halten 60 Prozent der jüngeren und 43 Prozent der älteren Befragten Mord, Kindesmissbrauch und Vergewaltigung für unentschuldbar. Nur ein Viertel der Jüngeren, immerhin ein Drittel der Älteren jedoch war überzeugt, dass jede Tat irgendwann vergeben werden könne. Missbrauchte Frauen, die ihren Peinigern vergeben hatten, gaben in einer Befragung durch die Universität von South Alabama an, inzwischen glücklich zu leben. Alle sagten, es habe ihnen geholfen, das dunkle Kapitel ad acta zu legen.

Mördern vergeben?

Wer es tatsächlich schafft, Mördern, Vergewaltigern, Schwerverbrechern zu vergeben, hat unter Umständen nicht nur mit sich selbst zu kämpfen – sondern auch mit anderen. Das erlebte Eva Mozes Kor. Die heute 84-Jährige überlebte die grausamen Giftversuche des NS-Arztes Josef Mengele im Konzentrationslager Auschwitz während der NS-Zeit. Mitte der 90er Jahre reiste sie nach Deutschland, klingelte an der Tür von Mengeles KZ-Kollegen Hans Münch, stellte ihn zur Rede – und verzieh ihm anschließend in einem Brief.

Anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz ging sie sogar noch weiter und verkündete: „In meinem eigenen Namen vergebe ich allen Nazis.“ Während des Lüneburger Auschwitzprozesses 2015 umarmte sie schließlich demonstrativ den Angeklagten Oskar Gröning. Viele andere Holocaustüberlebende reagierten empört: Wie konnte Eva Kor verzeihen, was für immer ungesühnt bleiben würde? Kor hatte eine Antwort: „Ein Opfer hat das Recht, frei zu sein. Und man kann nicht frei sein von dem, was einem angetan wurde, wenn man diese tägliche Last aus Schmerz und Wut nicht abschüttelt.“

Für ihr Buch Forgiveness is Really Strange sammelten Maria Cantacuzino und Masi Noor in aller Welt Geschichten von Menschen, die Ungeheuerliches verziehen hatten – und sich und der Welt damit ein bisschen Frieden geschenkt hatten. Darunter ein Vater, dessen Tochter beim Bombenattentat von Oklahoma ums Leben kam, eine israelische Mutter, ­deren Kind von Palästinensern ermordet wurde, ein Pfarrer, der beide Hände bei einem Terrorakt verlor.

Sie alle beteuern, das Verzeihen habe ihnen geholfen weiterzuleben. Trotzdem ist Maria Cantacuzino überzeugt: „Wenn du Menschen zum Vergeben ermutigen willst, ist es nicht hilfreich, darauf herumzureiten, wie sehr Nichtverzeihen das Herz vergiftet. Vergebung ist definitiv nicht immer die beste Antwort auf Verletzung. Wer etwa einem missbrauchenden Partner verzeiht, verlängert den Missbrauch nur.“ Die Entscheidung trifft jeder für sich. Und keinem anderen steht das Recht zu, darüber zu urteilen.

Nicht zu früh versöhnlich zeigen

Verena Kast etwa warnt vor dem „Pseudoverzeihen“. Wer sich zu früh und gegen seine eigenen Gefühle versöhnlich zeigt, legt den inneren Groll damit nicht ab, setzt sich nicht mit seinen eigenen Anteilen an einem Konflikt auseinander oder mit seinen Schattenanteilen. Wut oder Kränkung torpedieren sogar den eigenen guten Willen, konnte Soziologe Christian von Scheve 2012 in einer Untersuchung durch ein Team der Freien Universität und der Charité Berlin feststellen. Das kränkende Ereignis bleibt dann dickköpfig auf der Seele hocken, Entlastung gibt es nicht. Manchmal ist die Zeit vor allem bei Opfern echter Traumatisierungen auch einfach noch nicht reif, mahnt Diplompsychologin und Psychotherapeutin Angelika Rohwetter – die Betroffenen hätten das Gefühl, sich selbst zu verraten, wenn sie dem Täter vergeben würden.

Weitere Ausschlusskriterien laut Verena Kast: wenn der andere sich selbst seine Schuld nicht vergeben kann, wenn er schlichtweg fordert, dass man ihm verzeihe – oder wenn er weder seinen Anteil noch den Schmerz seines Gegenübers anerkennt. Der Klassiker: ein wahlweise aggressives oder auch gelangweiltes „Ja, gut, entschuldige! Bist du jetzt zufrieden?“. Auch ein genervtes „Ich habe mich doch schon entschuldigt!“ ist eher dazu angetan, die Fronten zu verhärten. Zumal es die Machtverhältnisse völlig verdreht: Man kann sich nun einmal nicht selbst entschuldigen, nur darum bitten.

Ebenfalls verkehrt: In einer Partnerschaft oder Freundschaft immer von neuem die gleichen, sich wiederholenden Verletzungen zu entschuldigen. „Dadurch wird Verzeihen zum masochistischen Akt“, warnt Masi Noor. „Es ändert weder den Täter noch die Umstände.“ Noor weist auf die Ergebnisse bisheriger Forschungen hin, nach denen bei der Entscheidung, ob man verzeihen sollte, zwei Kriterien eine zentrale Rolle spielen: „Ist uns die Beziehung wirklich wichtig? Und wie groß ist das Risiko, dass uns der gleiche Mensch wieder verletzen wird?“

Eine Frage der Veranlagung

Verzeihen fällt manchen leichter, anderen schwerer. Das ist offenbar auch eine Frage unserer Anlagen: Forscher zeigten, dass Menschen, bei denen die für Empathie zuständigen Gehirnregionen stärker ausgesprägt sind, beim Vorlesen einer Beispielgeschichte rund um Schuld und Sühne schneller bereit waren, dem Protagonisten zu verzeihen. Ob die Zellen schon vorher da waren oder ob sie durch häufiges Vergeben zahlenmäßig so stark vertreten waren, konnten die Wissenschaftler allerdings nicht mit Sicherheit sagen.

Auch unsere Persönlichkeit beeinflusst unsere Fähigkeit zu vergeben: Ein gutes Selbstwertgefühl zum Beispiel hilft durchaus. Wer zu seinen eigenen Schwächen steht, kann sie auch in anderen entschuldigen. Und manchmal ist Nachsicht einfach eine Altersfrage, glaubt Mathias Allemand. Senioren, zeigten seine Studien, sind eher bereit zu verzeihen als Jugendliche. Den Psychologen überraschte das zunächst. „Möglich ist natürlich, dass die ältere Generation das Vergeben sozusagen noch beim wöchentlichen Kirchgang geübt hat“, sagt Allemand.

Für die unterschiedliche Herangehensweise der Generationen könnte eine bestimmte Eigenschaft verantwortlich sein, die erst mit den Jahren stärker wird: die emotionale Stabilität. „Man muss dafür seine Emotionen regulieren können, das ist für jüngere Menschen oft schwieriger“, vermutet Allemand. Ältere haben mit Kränkungen schon mehr Erfahrung, „sie haben häufiger Mechanismen gefunden, damit umzugehen. Außerdem gewinnen emotionale Belange und Beziehungen im Alter an Bedeutung.“ Eine Einschätzung, die Soziologin Sonja Fücker teilt: „Ältere Menschen haben größere Angst davor, eine wichtige Beziehung zu verlieren, und verwenden mehr Energie darauf, sie am Leben zu halten.“

Von fehlender elterlicher Liebe

Gelingt das Vergeben nicht, neigen alte Menschen dazu, die ungelösten Konflikte und Verletzungen tief in ihrem Innern zu begraben, erfuhr Allemand bei seinen Verzeihensforschungen bei Senioren: „Da kommen die Leute plötzlich mit Kränkungen, die 20 bis 30 Jahre zurückliegen, berichten von fehlender elterlicher Liebe, davon, am Arbeitsplatz unfair behandelt worden zu sein, von Enttäuschungen durch Freunde, Familie, Nachbarn. Bis dahin hatten sie einen Weg gefunden, im Alltag damit umzugehen.“ Allemand arbeitet an einer Art Minitherapie für diese Menschen, die ihnen hilft, auch im Nachhinein erlittene Kränkungen zu verzeihen.

77 Prozent seiner betroffenen Studienteilnehmer fanden es wichtig, die negativen Teile ihrer eigenen Lebensgeschichte aufzuarbeiten. „Das ist auch eine Möglichkeit, das eigene Leben nachträglich zu verstehen“, sagt Allemand. Blick zurück – nicht im Zorn, sondern im Frieden. Auf dem Sterbebett, wissen Pfleger im Krankenhaus wie Mitarbeiter in Hospizen, ist Verzeihen oft der letzte Wunsch eines Menschen. Allemand ist überzeugt, dass es schon in frühester Kindheit eingeübt werden kann – dadurch dass die Eltern mit gutem Beispiel vorangehen: „Es ist sinnvoll, wenn Kinder früh lernen, sich für begangenes Unrecht zu entschuldigen.“

Verzeihen bedeutet loszulassen. Eigentlich auch eine Entrümpelungsaktion im Sinne des so angesagten Mottos Simplify your life. Tanja hatte sich am Ende übrigens auch dazu aufgerafft: Ruhig erklärte sie ihrer Schwester Laura in einem Brief, wie sehr sie sich von ihr in ihrer Kindheit verletzt fühlte. Dass sie ihr nun aber dafür vergebe. „Die Wirkung hat mich selbst überrascht“, erzählt sie. „Laura war bestürzt, weil ihr erst in dem Moment klarwurde, was sie getan hatte. Und ich hatte das erste Mal das Gefühl, von dem, was sie sagt und tut, unabhängig zu sein. Auf Augenhöhe einfach.“ 

* Name geändert

Verzeihen bringt Paaren Glück

In Beziehungen sollte gegenseitiges Verzeihen ganz normal sein, sagen Psychotherapeuten

Regelmäßige Bilanzen: Die Paartherapeutin Friederike von Tiedemann plädiert dafür, dass Verzeihen in Beziehungen selbstverständlich wird. Dazu gehören für sie regelmäßige Bilanzen, bei denen die Partner sich gegenseitig auch kleinere Verletzungen verzeihen – und damit das Klima zwischen sich bereinigen.

Therapeutisches Verzeihen: Vergebung ist inzwischen auch Grundpfeiler vieler Paartherapien. „Der Verletzte darf ansprechen, was ihn verletzt hat“, erklärt Friederike von Tiedemann. „Der andere muss zuhören, sich für die Not des Partners interessieren.“ Wichtig: Rechtfertigungen sind nicht erlaubt. Wenn der eine Partner dem anderen verziehen hat, sollte das Thema damit für beide erledigt sein.

Gute Beziehungsqualität: Sie ist beim Verzeihen entscheidend, vor allem das Gefühl, trotz der Verletzung eigentlich sicher gebunden und gut aufgehoben zu sein. Dies fand die Psychiaterin Lorig Kachadourian 2004 bei einer Umfrage unter Partnern heraus, von denen einer den anderen betrogen hatte. Die zufriedenen verziehen leichter als andere. Und viele betrogene Partner, die sich in ihrer Beziehung benachteiligt fühlten, forderten vom Partner Wiedergutmachung.

Neue Beziehung: Geschiedene Frauen und Männer, die ihren Ex-partnern schwere Verletzungen wie Seitensprünge oder Lügen verzeihen konnten, lebten mit ihren neuen Partnern zufriedener als diejenigen, die noch Groll gegenüber ihren Verflossenen hegten. Das zeigte eine Studie der Universität des Baskenlandes.

„Man lässt auch die eigenen ­Gewissensbisse los“

Die Psychologin und Gestalttherapeutin Bärbel Wardetzki erklärt, warum es wichtig ist, sich selbst zu verzeihen

Wie schafft man es, sich selbst zu verzeihen? Gibt es ein Ritual, einen Fahrplan?

Zunächst muss man sich eingestehen, was man getan hat. Es geht ja nicht darum, die Schuld einfach wegzudrängen. Sinnvoll ist auch, sich zu fragen, ob man einen anderen Menschen schon mal ähnlich behandelt hat und warum dies vielleicht öfter vorkommt. Steckt eine innere Not dahinter, Angst, Scham oder eine Hemmung?Dann kann es hilfreich sein, in einer Art innerem Dialog Verzeihung vom anderen zu erbitten: Man stellt sich die Person vor, die man gekränkt hat, äußert sein Bedauern. In der Gestalttherapie steht da stellvertretend für die Person zum Beispiel ein leerer Stuhl. In der eigenen Vorstellung spricht man ruhig mit dem anderen, und der antwortet nicht mit Groll, sondern es kommt zu einer Versöhnung. Dadurch ändert sich das Bild, das man sich vom anderen macht.

Warum ist es wichtig, sich mit der eigenen Schuld zu beschäftigen?

Man akzeptiert, was man getan hat, und lässt die eigene Schuld und damit auch die Gewissensbisse los. Und man erlaubt sich, es sich nicht immer wieder vorzuwerfen. Das klappt nicht von heute auf morgen, das ist ein Prozess. Es hat etwas damit zu tun, sich selbst so zu lieben, dass man sich von Schuld befreien kann, um nicht länger unter der Qual der eigenen Vorwürfe zu leiden.

Gelingt uns das bei anderen besser als bei uns selbst?

Wir sind tatsächlich oft großzügiger mit anderen als mit uns selbst. Weil wir bei uns selbst mit der eigenen Scham in Kontakt kommen oder auch sonst mit Gefühlen, die uns unangenehm sind. Gerade Scham meiden wir wie der Teufel das Weihwasser.

Sollte man sich, wenn man selbst verletzt wurde, fragen, ob man vielleicht auch einen eigenen Anteil hatte?

Immer wenn wir einen Konflikt mit einem anderen Menschen haben, sind wir beteiligt. Und man kann sich immer fragen: Was ist an meinem Verhalten provozierend? Wie kann ich mein Verhalten korrigieren, damit wir in Frieden kommen? Nur Menschen mit einer starken narzisstischen Anhaftung wie etwa Donald Trump ist es völlig egal, was der andere eigentlich will, was er braucht.

Bringt es noch etwas, über seine eigene Schuld nachzudenken, wenn man mit dem Menschen, den man verletzt hat, gar nichts mehr zu tun hat?

Es ist auf jeden Fall sinnvoll, sich den anderen vorzustellen und um Entschuldigung zu bitten. Das beendet auch einen inneren Konflikt. In der Gestalttherapie sprechen wir von offenen Gestalten, die sonst immer wieder auftauchen, wenn man sie nicht schließt.

Darf man sich alles verzeihen?

Warum nicht? Es heißt ja nicht, dass wir unser Verhalten, mit dem wir uns schuldig gemacht haben, gutheißen. Wir sollten immer differenzieren: Was ist der Mensch, was ist nur sein Verhalten? Das können wir auch bei uns selbst tun.

Bärbel Wardetzki, Jahrgang 1952, arbeitet in München als Psychotherapeutin in eigener Praxis. Sie veröffentlichte mehrere Bücher zu Themen wie Narzissmus, Kränkungen oder Essstörungen, hält Vorträge und Seminare und ist in Funk und Fernsehen Expertin für psychologische Alltagsfragen.

Literatur

Angelika Rohwetter: Versöhnung: Warum es keinen inneren Frieden ohne Versöhnung gibt. Klett-Cotta, Stuttgart 2017

Masi Noor, Marina Cantacuzino: Forgiveness is really strange. Singing Dragon, London 2018

Anke Hiddfeld: Du sollst Mutter und Vater ehren? Eine Tochter bricht den Kontakt zu ihren Eltern ab. BOD, 2012

Friederike von Tiedemann: Versöhnungsprozesse in der Paartherapie: Ein Handbuch für die Praxis. Junfermann, Paderborn 2018

Bärbel Wardetzki: Nimm´s bitte nicht persönlich: Der gelassene Umgang mit Kränkungen. Kösel, München 2012

Verena Kast: Wege zur Versöhnung. Kreuz, Stuttgart 2007

Mathias Allemand, Marianne Steiner, Patrick L. Hill: Effects of a forgiveness intervention for older adults. Journal of Counseling Psychology, 60/2, 2013, 279–286. 

Hill, Allemand, Heffernan: Placing Dispositional Forgiveness Within Theories of Adult Personaliy Development. European Psychologist, 18/4, 2013.

Robert D. Enright: Forgiveness is a choice: A Step-by-step process for resolving anger and restoring hope. American Psychological Association, Washington 2001

Kevin M. Carlsmith, Timothy Wilson, Daniel Gilbert: The paradoxical consequences of revenge. Journal of Personality and Social Psychology, 2008.

Pietro Pietrini u. a.: How the brain heals emotional wounds: the functional neuroanatomy of forgiveness. Frontiers in Human Neuroscience, 9.12.2013.

J. Carson, Duke Study Links: Forgiveness to less back pain, depression. Duke University Medical Center, Durham 2003

Sergio P. da Silva, Charlotte van Oyen Witvliet, Blake Riek: Self-forgiveness and forgiveness-seeking to rumination: Cardiac and emotional responses of transgressors. The Journal of Positive Psychology, 12/4, 2017, 362–372.

Jarred Younger u. a.: Dimensions of forgiveness: The views of laypersons. Journal of Social and Personal Relationships, 21, 2004, 837–855.

S. Fücker, C. von Scheve: Die soziale Praxis der Vergebung als Gradmesser gesellschaftlicher Integration: Zum Einfluss sozial geteilten Wissens in moralischen Bewertungsprozessen. In: M. Löw: Vielfalt und Zusammenhalt: Verhandlungen des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bochum 2012. Springer, Wiesbaden 2012

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2018: Die Kraft des Verzeihens
file_download print