„Es gibt kein Recht auf Entschuldigung“

Wann kann man eine Entschuldigung erwarten, wie muss diese ausfallen? Und muss man Übeltätern verzeihen, wann darf man unversöhnlich bleiben? Aus Sicht der Moralphilosophie gibt es auf Fragen zum Thema „Schuld und Sühne“ keine einfachen Antworten, wie Susanne Boshammer, Professorin für praktische Philosophie, aufzeigt

Frau Boshammer, als Moralphilosophin beschäftigen Sie sich auch mit moralischen Fehlern und wie wir damit umgehen. Wie muss man sich das konkret vorstellen, wie definieren Sie, was ein moralischer Fehler ist?

Ich verstehe Moral als eine Art Maßstab der Gestaltung von Beziehungen. Seine Besonderheit besteht darin, dass Moral unseren Umgang miteinander reguliert, unabhängig von unseren konkreten sozialen oder emotionalen Bindungen. Dabei ist zentral, dass jede und jeder von uns die gleichen grundlegenden Ansprüche geltend machen kann: Wir dürfen voneinander erwarten, dass wir bestimmte Dinge füreinander tun und andere niemandem antun – egal, ob wir uns kennen und mögen, miteinander verwandt oder einander unbekannt sind. Moralische Fehler verletzen diese Ansprüche, und mich interessiert, was das mit der Beziehung zwischen Menschen macht, und wie sich die Störung infolge eines Unrechts reparieren oder besser: integrieren lässt.

Nehmen wir zunächst die Sicht eines Betroffenen ein: Wann können wir eine Entschuldigung einfordern?

Grundsätzlich haben wir diesen Anspruch nur, wenn uns wirklich Unrecht geschehen ist. Das zu betonen ist wichtig, weil wir im Alltag häufig übersehen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Unrecht, also der Verletzung von berechtigten Ansprüchen, und Schaden oder Schmerz. Viele erwarten eine Entschuldigung, wenn jemand ihnen wehgetan hat – etwa eine verzweifelte Person, die vom Partner oder der Partnerin verlassen wurde, ein Enttäuschter, der bei einer Beförderung nicht zum Zuge kam, oder Menschen, deren Gefühle verletzt wurden. Dass wir dann leiden, ist verständlich. Doch Leid, so hat es Albert Camus formuliert, verleiht keine Rechte – auch kein Recht auf Entschuldigung.

Was gibt uns dann dieses Recht?

Nur wenn jemand uns Unrecht getan hat, also moralischen Normen zuwidergehandelt hat. Und selbst das reicht nicht aus: Ein Recht auf Entschuldigung habe ich erst, wenn jemand Ansprüche wissentlich verletzt hat. Wenn ich zum Beispiel nicht ahnen konnte, dass die...

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Artikel zum Thema
Leben
Im Interview spricht Susanne Boshammer über zweite Chancen, Unverzeihlichkeit und ihr neues Buch.
Leben
​Vergeben fällt nicht leicht. Doch die Mühe lohnt sich: Wer vergibt, lässt die Kränkungen hinter sich – und erlebt eine neue Freiheit.
Gesellschaft
Jeder kann sich im Internet entrüsten, kann skandalisieren und diffamieren. Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen über Menschen in der "mentalen Pubertät" -...
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2015: Vorwärts Leben
Psychologie Heute Compact 63: Loslassen
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Leben
Selbstunsicher, bindungsängstlich, überfordernd: Viele Menschen stecken von Kindheit an in einem Schema fest. Wie entkommt man der Falle?
Beziehung
Zweifel an der eigenen Beziehung sind eine große Belastung – für den Partner und insbesondere den Betroffenen.
Familie
Wie reagieren Kinder und Jugendliche auf Corona? Im Interview spricht eine Expertin über typische Symptome – zum Beispiel Zwänge. ​