Die Lido-Spatzen

Er kommt aus der Region des Handkäs und erlebte Tage voller Antipastiplatten: Andreas Maier über Festlichkeiten und das Abstreifen der Individualität.

Die Illustration zeigt einen Mann, der auf einem Lauch Trompete spielt und eine Frau mit einer Violine aus Brot und einem Brotmesser als Bogen.
In Italien gab es immer etwas zu feiern. © Jan Robert Dünnweller

Eben habe ich eine Espressopackung aufgeschnitten und das Kaffeepulver in die Kaffeedose umgefüllt. Immer, wirklich immer fällt mir dabei Piero ein.

Mit achtzehn, neunzehn Jahren – also inzwischen vor Ewigkeiten – fuhr ich öfter über die Lagune zum Lido. Dort kannte ich eine Familie, bei der ich manchmal einige Wochen lebte. Sie bewohnten eine kleine Wohnung in der Nähe der Anlegestelle, von deren Küchenfenster man einen kleinen Blick auf die nahe Lagune hatte. Ich saß dort jeden Morgen an einem Brett, das an der Wand angebracht war, auf einem Barhocker und trank italienischen Kaf­fee mit aufgeschäumter Milch, dazu stellte mir Barbara kleine Fenchelkekse hin, die ich in eine Thunfischcreme dippte, die Barbara eben angefertigt hatte.

Alles war leichter

Es herrschte eine für mich ganz besondere Atmosphäre dort. Das Licht, ganz anders als bei uns, der Blick aus der etwas dunklen Küche hinaus auf das erstrahlende, zugleich aber tiefblaue Wasser, die italienischen Aromen in meinem Mund und zugleich dieses Luftige um mich herum, das die Möbel, der Marmorboden, die dünnen Fenster ausstrahlten. Alles wirkte wesentlich leichter als dort, wo ich herkam: aus der Wetterau nördlich von Frankfurt am Main, tiefstes Hessen.

Ständig feierten sie. Ich kann mich an eine Woche erinnern, die verlief so: Barbaras Tochter hatte Geburtstag. Also machte Barbara Antipasti, zahllose kleine Dinge, gebratene Auberginen, Zucchini, eine Art russische Eier, gefüllte Tomaten, die obligaten Mozzarellascheiben usw. Wie gesagt,…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2021: Zeit finden
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