„Wir müssen Demokratie neu erfinden“

Was geschieht mit einer Gesellschaft, der die alten Autoritäten verlorengehen? Ein Gespräch mit dem belgischen Psychoanalytiker Paul Verhaeghe über unaufgeräumte Kinderzimmer, direkte Demokratie – und Unternehmen, in denen die Mitarbeiter selbst bestimmen, wer ihr Vorgesetzter wird

„Wir müssen Demokratie neu erfinden“

Was geschieht mit einer Gesellschaft, der die alten Autoritäten verlorengehen? Ein Gespräch mit dem belgischen Psychoanalytiker Paul Verhaeghe über unaufgeräumte Kinderzimmer, direkte Demokratie – und Unternehmen, in denen die Mitarbeiter selbst bestimmen, wer ihr Vorgesetzter wird

Professor Verhaeghe, glauben Ihnen Ihre Studenten alles, was Sie erzählen?

Die meisten schon. Das liegt im Wesentlichen an zwei Dingen: Ich habe einige Erfahrung mit dem Unterrichten – und einen guten Ruf bei den Studenten.

Das heißt, Sie besitzen eine gewisse Autorität?

Die Studenten haben Respekt vor mir. Das ist nicht dasselbe.

In Ihrem aktuellen Buch Autorität und Verantwortung sucht man den Begriff „Respekt“ vergeblich. Woran liegt das?

Nun, Respekt ist etwas, das zu einem Individuum gehört. Sie können sich Respekt erwerben oder ihn verlieren – beides aufgrund Ihres Verhaltens. Autorität jedoch wird Ihnen verliehen aufgrund Ihrer Funktion. Anders gesagt: Wer als Professor einen schlechten Job macht, verliert nicht seine Autorität, sondern nur den Respekt der Studenten.

Wenn es nicht Ihre Leistung ist – was gibt Ihnen als Professor Autorität?

Autorität stammt immer aus einer dritten Quelle. Sie entsteht nicht einfach aus einem Verhältnis zwischen zwei Menschen. Früher besaßen Institutionen Autorität, weil sie sich auf Gott berufen konnten. Meine Autorität als Professor speist sich aus der Glaubwürdigkeit von Wissenschaft und...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2017: Lebenskunst
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