„Romantik hat einen lebensfeindlichen Aspekt“

Die Hochzeit in Weiß. Der alte Tisch vom Trödel. Die Sehnsucht nach dem Echten und nach tiefen Emotionen ist weitverbreitet. Der Historiker Christian Saehrendt hält die neue Gefühligkeit für ein gefährliches Übel unserer Zeit

„Romantik hat einen lebensfeindlichen Aspekt“

Die Hochzeit in Weiß. Der alte Tisch vom Trödel. Die Sehnsucht nach dem Echten und nach tiefen Emotionen ist weitverbreitet. Der Historiker Christian Saehrendt hält die neue Gefühligkeit für ein gefährliches Übel unserer Zeit

Herr Saehrendt, sind Sie ein Romantiker?

Am Anfang der Recherchen zu meinem Buch Gefühlige Zeiten war ich noch romantikanfällig. Ich habe gedacht: Man muss gegen diese Rationalisierung der Welt etwas tun. Man muss zu seinen Gefühlen stehen. Man muss ausbrechen aus einer Welt, die immer weiter verrechtlicht wird und überregelt ist. Aber als ich das Thema Romantik durchdrungen hatte, habe ich gemerkt, dass das ein ziemlich großer Quatsch ist und dass die neoromantische Aufwallung mehr Probleme schafft als Probleme löst.

Nun gibt es aber nach Ihrer Erkenntnis eine große Welle der Sehnsucht nach dem Echten, den Gefühlen, der Romantik.

Man kann in allen gesellschaftlichen Schichten so etwas wie eine Verabsolutierung des Gefühls feststellen. Das geht einher mit dem Glauben, es handele sich um ein subjektives Erleben, eine subjektive Reaktion auf die Welt und ihre Probleme. Aber oft sind diese scheinbar subjektiven Gefühle und Reaktionen nichts weiter als die Übernahme schon bestehender Ressentiments, Vorurteile und vorgefertigter Sentimentalitäten.

Das heißt, ich habe eine Einstellung zu einem Thema, und das unterfüttere ich mit Gefühlen?

Ja, genau. Zum Beispiel: Eine Sache gefällt mir nicht – etwa eine bestimmte religiöse Empfindung, der Auftritt eines Politikers, ein Musikstück oder was auch immer. Und ich sage: Es gefällt mir nicht. Denn: Ich habe ein schlechtes Gefühl dabei. Dieses Gefühl kann so individuell empfunden werden, dass es mir absolut wahrhaftig erscheint. Es zählen nicht Argumente, sondern nur mein echtes, authentisches Gefühl ist das einzig ausschlaggebende Motiv, über etwas zu urteilen.

Sie halten die verbreitete Gefühligkeit sogar für ein Übel unserer Zeit. Warum?

Weil im Zuge dieser neoromantischen Welle eine enorme Wissenschaftsfeindlichkeit auftritt, die gerade die gutsituierten und gebildeten Milieus betrifft. Ein Beispiel ist der zunehmende Widerstand von Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen, aus einer Verschwörungstheorie gegen die Pharmaindustrie heraus und der Vorstellung, dass man sein Kind natürlich abhärten müsse.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Ganz sicher ist da ein mehr oder minder großer Leidensdruck vorhanden. Man fühlt sich wie in einem falschen Leben, weil man meist irgendwas tun muss, was man eigentlich nicht tun will. Ich glaube, in jüngster Zeit ist das stark angewachsen, weil im Alltagsleben, vor allem in der Berufswelt, soziale Fähigkeiten viel stärker gefragt sind, als das früher der Fall war. Wir müssen in der Kommunikation stark sein, wir müssen Emotionen kontrollieren, damit wir mit Geschäftspartnern und Kunden korrekt umgehen können. Immer freundlich bleiben. Es ist eine enorme Anstrengung, immer diese gute Laune und diesen Gleichmut aufzubringen. Nett zu sein zu Leuten, die man eigentlich überhaupt nicht mag. Man hat einen Fluchtreflex, muss aber im Meeting bleiben. Und vielen Leuten gelingt das.

Diese tägliche hohe Selbstkontrolle hat aber ihren Preis?

Ganz genau. Und der Preis ist ein irrer Leidensdruck. Nicht allein, dass man seinen Körper als physische Arbeitskraft verkauft. Viel schlimmer: Ich muss meine Laune, meinen Gemütszustand permanent verkaufen, indem ich ein ewiges Stewardess- oder Autoverkäuferlächeln auf mein Gesicht zaubere. Das befeuert den neoromantischen Impuls, ein Leben zu führen, in dem diese Widersprüche nicht mehr existieren. Man sehnt sich nach dem echten Erleben, sehnt sich nach einem Moment, in dem man ganz aufgehen kann – wo eine absolute Übereinstimmung herrscht von dem, was ich sehe, fühle und bin.

Wie äußert sich dieser neoromantische Impuls?

Grundsätzlich sehe ich zwei große widersprüchliche Erscheinungen, die aber die gleiche Quelle haben. Die eine ist der Wunsch nach einer Idylle, nach einer Einkapselung. Das kann man vergleichen mit diesen russischen Püppchen, die man ineinanderschachtelt. Ganz außen ist der behütende Staat, dann kommt das Dorf oder in der größeren Stadt das Viertel, der Kiez, dann das Eigenheim, darin das lauschige Wohnzimmer, schließlich die Couch im Wohnzimmer. Alles soll gemütlich und überschaubar sein. Und die Gegenbewegung ist: Ruhelosigkeit, Ausbruch. Alles hinwerfen für eine große Sache. Diese Ausbruchsbewegungen betreffen in manchen Fällen den eigenen Körper, mit dem man zum Beispiel im Extremsport seine Grenzen überwindet. Oder indem man in einer Art neuer Spiritualität in Richtung Meditation geht, Achtsamkeit – eine Art Ruhelosigkeit der Ruhesuchenden.

Kann auch die Suche nach den eigenen Wurzeln neoromantisch motiviert sein?

Es kann durchaus sein, dass man in einer Situation der Verunsicherung, in einer persönlichen Krise sich stabilisieren will, indem man sich auf seine Herkunft bezieht und sagt: „Ich bin ein Viertel deutsch, ein Viertel jüdisch, ein Viertel polnisch und so weiter.“ Und dann glaubt man, dass jetzt eine ethnische Wurzel oder Mentalität durchkommt, die man bisher nicht wahrgenommen hat. Dahinter kann eine Sehnsucht nach Selbstvergewisserung stecken, nach einer Identität ohne Widersprüche.

Steckt auch eine romantische Sehnsucht dahinter, wenn Söhne und Töchter von Migranten für den sogenannten Islamischen Staat in den Krieg ziehen?

Absolut! Aber das würde ich weniger als Suche nach den ethnischen Wurzeln betrachten, vielmehr geht dieser romantische Dschihadismus von einem ganzheitlichen Weltbild aus. Wenn die Romantik die Kultursphäre überschreitet und in die Politik eindringt, dann steckt meist die Sehnsucht nach einem gesamtheitlichen Gesellschaftsbild dahinter. Nach einer Gesellschaft, die stabil und dauerhaft harmonisch ist. Im 19. Jahrhundert war das romantische Denken oft verbunden mit dem Nationalismus. Wenn wir erst mal eine geeinte Nation sind, in der es beispielsweise nur noch Deutsche oder nur noch Türken gibt, dann wird alles gut. Im 20. Jahrhundert führte dieses Denken zu schlimmen Exzessen.

Aber solche Vorstellungen sind historisch doch vielfach widerlegt?

Natürlich. Sehen Sie, im 19. Jahrhundert bezog sich das romantische Denken auf eine mittelalterliche Gesellschaftsform, die es so nie gegeben hat. Dass jeder seine soziale Position hatte in einem der Stände und dass es über die Priesterschaft eine Verbindung zu Gott gab. Was die romantischen Dschihadisten heute erleben, ist im Prinzip eine Wiederkehr jener romantischen Mittelalterbegeisterung, die man im christlichen Europa des 19. Jahrhunderts hatte. Der sogenannte Islamische Staat verspricht ja seinen Freiwilligen, dass er in einer homogenen Gesellschaft eine gottgegebene Ordnung herstellt, in der jeder seinen Platz hat. In der Männer tun, was Männer zu tun haben, und Frauen tun, was Frauen zu tun haben. Eine Gesellschaft, in der Minderheiten bestimmte Rechte oder eben keine Rechte haben. Dass alles aus einer gottgefälligen Hand regiert wird, ohne Widerstände, ohne Konflikte.

Die Dschihadisten scheinen der übelste Auswuchs der neoromantischen Sehnsucht zu sein– einer wilden Jagd nach dem authentischen Ich, wie Sie es nennen. Das eine authentische Ich ist aber gar nicht möglich, weil wir nach wissenschaftlicher Erkenntnis kein stabiles Ich haben können.

Ja, das ist eben das Dilemma, in dem wir stecken und aus dem wir uns befreien sollten. Dieser Authentizitätsbegriff, der ursprünglich zur Befreiung des Individuums kultiviert wurde, ist jetzt zu einem neuen Zwang geworden. Vergleichbar mit anderen Süchten, die es gibt – Drogensüchten, Esssüchten, Sportsucht, was auch immer. Diese Sucht nach authentischer Identität und authentischen Erlebnissen beherrscht unser Denken und Handeln. Aber man kann diese Sucht nie befriedigen. Deshalb gilt es, den Teufelskreis zu durchbrechen. Und möglicherweise wieder stärker zu akzeptieren, dass das Unechte im Alltag notwendig ist – natürlich in einer sozialverträglichen Dosis – und wir immer auch soziale Rollen spielen. Wir sind nicht immer die gleichen authentisch handelnden Personen. Je nach Situation und Gesellschaft spielen wir verschiedene, zum Teil sich widersprechende Rollen. Das ist auch gut so.

Was hat die Sehnsucht nach Echtheit mit analoger und virtueller Realität zu tun?

Das virtuelle Leben befeuert den Echtheitskult, weil es viele Möglichkeiten der Reproduktion gibt. Wir ertrinken in den Varianten der Reproduktion. Das „einzig wahre“, das echte Bild ist ja nur noch ein Tropfen in einem großen Swimmingpool voller Reproduktionen. Deswegen auch diese Fotografiersucht, die ja manische Ausmaße angenommen hat. Da kommen Leute angefahren aus einem anderen Teil der Welt und fotografieren pausenlos drauflos. Und zwar aus Angst, den entscheidenden echten Moment zu verpassen. Den sie aber natürlich niemals erleben, weil sie dabei sind, zahllose Kopien dieses Moments herzustellen. Tragisch auch die Selfiesucht: andauernd sich selbst fotografieren zu müssen, um den Moment einzufangen, in dem man sein „wahres Ich“ zeigt.

Welche Rolle spielt der Kapitalismus im Hinblick auf die Sehnsucht nach den echten, wahren romantischen Gefühlen und dem authentischen Ich?

Eine große. Wir alle nutzen eine Authentizitätsindustrie, die allerdings nur eine Art Romantik light bieten kann – mit einer breiten Palette von Produkten, mit denen ich mein Leben angeblich authentischer gestalten kann. Nur als Beispiel: Einen industriell vorgefertigten Tisch, der neu aus dem Werk kommt und aus Plastik ist, lehne ich gefühlsmäßig ab. Stattdessen möchte ich einen Tisch, der schon Gebrauchsspuren hat. Der alt ist. Natürlich war das nicht mein Tisch. Es war auch nicht der Tisch meiner Oma. Aber ich möchte mich so fühlen können, als sei er das. Und meine Besucher sollen sich gleich mit so fühlen, als säßen wir an einem traditionsreichen Tisch, der schon viel gesehen und erlebt hat. Ich profitiere dann parasitär von einer Geschichte, die ich nicht erlebt habe. Von der Aura dieses alten Tisches, mit all den Storys, die man sich dazu ausdenken kann.

Ist die Sehnsucht nach dem Echten also auf dem dünnen Sand falscher Hoffnung und Selbsttäuschung gebaut?

Das kann man wohl sagen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Leute schon wissen, dass es sich um eine Selbsttäuschung handelt. Bei manchen Hochzeitspaaren kann man schon absehen, dass sie sich bald scheiden lassen, aber sie ziehen die romantisch durchgestylte Hochzeit in Weiß trotzdem durch. Vielleicht gibt es auch so ein Art Trotz, dass man das Scheitern schon ahnt, aber sagt, ich möchte trotzdem diesen einen Moment erlebt haben. Obwohl der vermeintlich schönste Tag im Leben paradoxerweise auch inszeniert ist von Hochzeitsplanern, kann man sich anscheinend in dem Augenblick in ein authentisches Erleben hineinsteigern. Wenn diese ganzen inszenierten Dinge passen, weiße Kutschen, Rosen und so weiter, kann es sein, dass einen die Inszenierung übermannt und man die Sache für ein authentisches Erlebnis hält.

Warum ist diese Sehnsucht nach dem Echten meist eine Falle?

Ich denke, dass die Sucht nach Romantik und Authentizität wie jede Art von Sucht zu viel Leid führt und zu keiner nachhaltigen Befriedigung. Es ist tatsächlich so etwas wie eine Drogensucht oder Spielsucht. Man scheint einem echten Erlebnis, seiner echten Identität ein Stück nähergekommen zu sein, aber die Befriedigung darüber hält nicht lange an. Oder es kommt ein neues Ereignis von außen, das diese Echtheit plötzlich wieder infrage stellt, sodass die Sucht weitergeht und man wieder versucht, mehr über sich zu erfahren oder ehrlicher in sich hineinzuhorchen oder kohärenter zu agieren, ohne dass man der Sache wirklich näherkommt. Weil Authentizität oder Echtheit absolute Begriffe sind, im Prinzip unmenschlich, weil nicht alltagskompatibel. Romantik hat schon einen lebensfeindlichen Aspekt.

Sie schreiben, wir könnten der Falle entkommen durch eine neue „Wurstigkeit“? Was meinen Sie damit?

Die neue Wurstigkeit, für die ich eintrete, diese Egal-Haltung, bezieht sich nicht auf die Beziehung zu anderen Menschen, sondern auf die Selbsterkundungsgrübeleien oder Selbstoptimierungszwänge, die uns beherrschen, weil uns suggeriert wird, dass wir ständig an uns arbeiten müssen, um in dieser sich permanent verändernden Welt bestehen zu können. Wir sollten daher versuchen, vielen dieser pseudoromantischen Dinge zu entgehen, die uns von der Romantikindustrie angeboten werden. Die meisten sind nicht relevant für ein gutes Leben.

Dr. Christian Saehrendt, geboren 1968, ist Historiker und Kunsthistoriker. Sein Buch Gefühlige Zeiten. Die zwanghafte Sehnsucht nach dem Echten erschien 2015 im DuMont Verlag, Köln.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2016: Sprich mit Dir!
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