„Wir sind keine Heiligen“

Niemand ist grundsätzlich vertrauenswürdig, sogar uns selbst können wir nicht blind vertrauen. Denn Vertrauenswürdigkeit ist veränderlich und immer abhängig vom Kontext. Ein Gespräch mit dem Psychologen David DeSteno

„Wir sind keine Heiligen“

Niemand ist grundsätzlich vertrauenswürdig, sogar uns selbst können wir nicht blind vertrauen. Denn Vertrauenswürdigkeit ist veränderlich und immer abhängig vom Kontext. Ein Gespräch mit dem Psychologen David DeSteno

Herr DeSteno, Sie wollen uns vor Augen führen, wem wir trauen können und wem lieber nicht. Was Sie in Ihrem Buch The truth about trust (Die Wahrheit über Vertrauen) über Vertrauenswürdigkeit schreiben, kann einen schon irgendwie desillusionieren.

Wieso?

Na ja, da behaupten Sie beispielsweise, dass wir alles tun, um als vertrauenswürdig wahrgenommen zu werden. Obwohl wir es nicht sind.

Stimmt. Unter bestimmten Umständen, wenn wir keine Folgen für unser Handeln fürchten müssen, ist das so. Das sehen wir in unseren simpelsten Laborversuchen immer wieder. Wir laden ganz normale Leute mit gutem Ruf ein und sagen denen beispielsweise: „Jetzt kommt entweder eine langwierige Aufgabe auf euch zu oder eine kurze spaßige. Geht einfach in das nächste Zimmer, da seid ihr allein und werft eine Münze, um zu entscheiden, welche Aufgabe ihr angeht.“ Wir beobachten sie aber natürlich heimlich. Und wir sagen jedem einzelnen Probanden: Entscheidet die Münze für die leichte Aufgabe, wird ein anderer Proband im Raum nebenan die schwere erledigen müssen. Was passiert? 90 Prozent der Leute werfen die Münze nicht und entscheiden sich einfach für die schnelle Aufgabe. Oder sie werfen sie so lange, bis das Ergebnis ihrem Wunsch entspricht. In jedem Falle betrügen sie. Obwohl sie vorher hoch und heilig versprochen haben, sie würden fair handeln. Obwohl sie erklären, dass sie solch vertrauensunwürdiges Verhalten ihrer Mitmenschen ablehnen.

Fühlen sie sich nicht wenigstens schuldig?

Wenn wir sie nach den Gründen ihres Handelns fragen, denken sich die Teilnehmer Geschichten aus, um ihr Gewissen zu beruhigen. In der Art: „Ich bin eigentlich eine sehr vertrauenswürdige Person, hatte aber gerade keine Zeit.“ Tief im Inneren wissen...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2015: Vorwärts Leben
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