Die Kunst, es gewesen zu sein

Sich ​Fehler einzugestehen ist in unserer Kultur eine rare Tugend. Warum fällt es vielen so schwer, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen?

Dafür bin ich verantwortlich: Dieser Satz kommt bei Fehlern nur wenigen freiwillig über die Lippen. © Daniel Balzer

Die Kunst, es gewesen zu sein

Fehler einzugestehen ist in unserer Kultur eine äußerst rare Tugend. Warum fällt es vielen so schwer, ­Verantwortung für das eigene Tun zu ­übernehmen? Und wie kann man über den Automatismus der ­Selbstrechtfertigung hinauswachsen?

Der Satz ist kurz, kompakt und offenbar so tonnenschwer, dass er nur mühsam den Weg über die Lippen findet: „Ich war’s.“ Oder: Ich bin schuld, ich habe einen Fehler gemacht, ich hab’s vermasselt, ich habe das getan, ich bin verantwortlich. Ob FIFA-Skandal oder der ­Betrug um die Dieselabgaswerte: Wo immer sich die Scherbenhaufen türmen, findet sich selten jemand, der die Verantwortung für sein Tun übernimmt. Wer war das und muss deshalb die Konsequenzen daraus ziehen? Jeder Beteiligte weist jede Schuld von sich und behauptet wie der ertappte Dreijährige, dem noch die Schokolade an den Mundwinkeln klebt: „Ich war’s nicht.“

Scheitern und Fehler zeigen in unserer Kultur selten ein Gesicht. Viele Menschen leugnen die eigene Täterschaft. Und wenn das nicht möglich ist, dann werden die Ursachen für das eigene Fehlverhalten eben den Umständen, der Überforderung oder dem System zugeschrieben. Man kann doch gar nicht anders als zugreifen, wenn die Gelegenheit so günstig ist. Wer könnte diesem Selbstbedienungsangebot die kalte Schulter zeigen? Und so dürfen sich sogar die Täter ein bisschen wie Opfer fühlen – und mit Oscar Wilde sagen: „Ich kann allem widerstehen, außer der Versuchung.“

Der verstorbene Philosoph Odo Marquard (1928 bis 2015) beschrieb „den Ausbruch des Menschen in die Unbelangbarkeit“ 1973 in seinem Aufsatz Die Kunst, es nicht gewesen zu sein: „Die Menschen haben sich von der Vorstellung verabschiedet, dass Gott die Menschen durch Sünde, Schuld und Leid straft und erzieht; sie haben sich selber auf den Platz des obersten Verbesserers der Menschheit gesetzt. Nur: Wer ist dann schuld, wenn es mit der Verbesserung der Menschheit nicht so recht vorangeht? Der Mensch selber? So wird aus der kritischen Frage nach dem gerechten Gott die scharfe Frage nach dem gerechten Menschen – und dessen Antwort lautet, wenn es schiefgeht: ‚Dumm gelaufen. Aber ich war das nicht.‘“

Wer Freiheit wählt, wählt Verantwortung mit

Die im Zuge der Aufklärung gewonnene Freiheit, selbst zu entscheiden, was wir tun und was nicht, ist uns viel wert. Doch wer die Freiheit wählt, der wählt Verantwortung gleich mit. Wo sie beginnt, wo sie endet, war schon immer Gegenstand der Debatte. Bereits am Ende des 18. Jahrhunderts friedete der Philosoph Immanuel Kant die frisch errungene Freiheit mit klaren Bedingungen ein und rief dazu auf, sich um die „unschädlichste aller Freiheiten“ zu bemühen, nämlich die, „in allen Bereichen von seiner Vernunft umfassenden Gebrauch zu machen“. Die Fähigkeit, Fehler wahrzunehmen, einzugestehen und auch vor anderen offen zuzugeben, hängt am strahlenden Gedanken der Freiheit wie der Schweif an dem Kometen. Ohne Verantwortung ist Freiheit nicht zu haben.

An die Stelle des neurotischen Schuldbewusstseins ist eine Art neurotisches Unschuldsbewusstsein getreten. Wie tief haben manche von uns verinnerlicht, dass nicht sie selbst für ihre Taten verantwortlich sind, sondern dass da die schwere Kindheit war, der sadistische Lehrer, die falschen Freunde, die widrigen Umstände. Wenn Paare sich trennen, ist sowieso immer der andere schuld. Wer Menschen misshandelt, gibt nur die Gewalt weiter, die er selbst erfahren hat. Wer klaut, wurde verführt. Der Kapitalismus ist schuld, wenn einer Steuern hinterzieht, und der Konkurrenzdruck im Berufsleben zwingt einen geradezu, den Kollegen auszutricksen, um auf der Karriereleiter voranzukommen.

Unser Gehirn neigt dazu, Informationen zu suchen, die unsere bestehende Meinung bestätigen, und neue Informationen, die ihr widersprechen, zu ignorieren. Dieser confirmation bias lässt uns in vielen Situationen fehlende Beweise so deuten, als seien sie ein Beleg für unsere Meinungen. Wenn sich zwei Kognitionen, also Ideen, Wahrnehmungen oder Meinungen, widersprechen, entsteht ein Zustand der Anspannung. Das ruft negative Gefühlszustände hervor, die vom leisen Zwicken des schlechten Gewissens bis zu tiefen Angstzuständen reichen können.

Im Dienste eines positiven Selbstbilds

Diese „kognitive Dissonanz“ ist eine Triebfeder der Selbstrechtfertigung – ein Prozess, der automatisch abläuft und nicht unbedingt die Bewusstseinsschwelle überschreitet, aber immer darauf abzielt, unser positives Selbstbild zu schonen. „Dieser Impuls soll uns vor der bitteren Erkenntnis schützen, etwas falsch gemacht zu haben“, erläutern die Sozialpsychologen Carol Tavris und Elliot Aronson und verweisen auf eine Reihe von Erkenntnissen aus neurowissenschaftlichen Experimenten. Dissonante Informationen führen dazu, dass der Teil des Gehirns, der mit logischem Denken zu tun hat, weniger aktiv wird, mit der Folge, dass wir Informationen nicht unbedingt logisch verarbeiten. Erst im Nachhinein suchen wir dann eine logische Rechtfertigung für unsere Handlungen.

Dissonanz ist immer unangenehm, wird aber vor allem dann richtig unerfreulich, wenn ein wichtiger Teil des Selbstkonzepts infrage gestellt wird. Die meisten Menschen haben ein leidlich positives Selbstkonzept und halten sich für kompetent, moralisch und klug. Der Versuch, dissonante Gefühle zu reduzieren, soll das positive Selbstbild erhalten. Je berühmter, selbstsicherer und mächtiger eine Person, umso weniger ist sie geneigt, einen Fehler einzugestehen. Zu viel von dem guten Eindruck, den sie von sich selbst hat und behalten will, steht auf dem Spiel. „Dissonanzminderung funktioniert wie ein Thermostat“, sagen Tavris und Aronson. „Sie hält unsere Selbstwahrnehmung auf dem Sollwert, den wir ihr zugewiesen haben.“ Das funktioniert auch bei geringem Selbstwertgefühl: „Wer sich für einen Dummkopf oder Gauner hält, empfindet keine Dissonanz, wenn er betrügt.“

Wenn wir sagen: „Ich war’s nicht“, rechtfertigen wir uns vor uns selbst und entwickeln ein elastisches Verhältnis zu den Tatsachen. Uns selbst zuliebe bagatellisieren wir das Ausmaß des Problems und den entstandenen Schaden. Wir räumen ein: Es wurden Fehler begangen. Von den anderen. Aber nur von einigen wenigen.

Die Fußsoldaten unseres Gedächtnisses

Das Gedächtnis hilft uns dabei, indem es die Falten der Dissonanz glättet und die Erinnerung verzerrt. Abweichende Informationen blenden wir aus. Wird ein Fehler offenbar, gibt unser Gedächtnis – wenn möglich – die beruhigende Auskunft, dass dieser von jemand anderem gemacht wurde. Wenn ich überhaupt dabei war, dann nur als unschuldiger Zuschauer. Wenn ich das wirklich getan haben sollte, hat mich jemand dazu verleitet. Probate Strategien, die wir anwenden, um Dissonanz zu reduzieren: „Schwindeleien, Verzerrungen und schlichtes Vergessen sind die Fußsoldaten unseres Gedächtnisses“, schreiben Carol Tavris und Elliot Aronson. „Sie werden an die Front geschickt, wenn das totalitäre Ich uns vor dem Kummer und der Verlegenheit bewahren will, die wir unweigerlich verspüren, wenn wir etwas getan haben, das nicht zu unserem Selbstbild passt.“

Der erste Schritt in Richtung Selbstrechtfertigung macht jeden weiteren einfacher. Tatsächlich verstärkt sich die Motivation, ihn zu wiederholen, denn wenn man es nicht täte, würde man damit, zumindest vor sich selbst, eingestehen, dass man schon beim ersten Mal falsch gehandelt hat, fassen Tavris und Aronson zusammen. Ehe man sich versieht, weicht man auch schon in wesentlich weniger eindeutigen Fällen von den Fakten ab. Die ichstärkende Erinnerungsverzerrung hat das Ruder übernommen, die Kettenreaktion von Tun und Rechtfertigung läuft.

Dieser Prozess wird befeuert von einer verbreiteten Fehlerphobie in unserer Gesellschaft. Aus Angst vor Autoritätsverlust haben viele Ärzte jahrelang das Image der Unfehlbarkeit gepflegt, was Patienten wiederum als Arroganz oder Herzlosigkeit empfanden. Mit dem Mut zur Transparenz und dem Versuch, eine neue Fehlerkultur zu etablieren, und mit Ärzten, die ihre Fehler offen zugeben und ihre Bereitschaft bekunden, daraus lernen zu wollen, konnte die Ärzteschaft Ansehen zurückerobern. Wenn kompetente Ärzte ihre Fehler offen zugeben, werden sie nämlich immer noch als kompetente Ärzte wahrgenommen, wenn auch mit menschlichen Fehlern behaftet wie wir alle.

Schuld lässt sich nicht vermeiden

Es ist eine reife Form des Schuldbewusstseins, das um seine Freiheit weiß und ihren Preis nicht leugnet: Wer Entscheidungen trifft, kann sich irren. Frei zu entscheiden bedeutet, möglicherweise falsche Entscheidungen zu treffen – zu irren, mal mit den besten Absichten, mal aus Faulheit oder Schlampigkeit. Doch ein reifes Schuldbewusstsein fragt im Vorhinein nach den Folgen des persönlichen Handelns, es macht sich empfindlich für die Leidtragenden und fähig, den Schmerz auszuhalten, wenn eine Entscheidung sich als falsch herausstellt und Leid verursacht.

Es fragt kritisch, innerhalb welcher Verstrickungen ganz unschuldige Handlungen schuldhafte Folgen haben können: der Flug in den Urlaub angesichts des Klimawandels, der Kauf der Billigjeans im Bewusstsein der Arbeitsbedingungen in Bangladesch und anderswo. Dieses Bewusstsein weiß, dass es Schuld nicht vermeiden und auch nicht ungeschehen machen kann. Aber es weiß auch um die Verantwortung, die daraus erwächst, und sucht nicht im Nachhinein nach selbstwertschonenden Ausflüchten. Wer keine Schuld eingestehen kann, muss sie immer von sich weisen und anderen zuschieben.

Es kann etwas sehr Befreiendes haben, wenn wir die Verantwortung für unser Tun und Lassen übernehmen. Margot Käßmann hat diese Art Größe bewiesen: In ihrer kurzen Zeit als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland stellte sie sich nach ihrer Alkoholfahrt der Öffentlichkeit und bekannte: „Ich habe Mist gebaut. Es gibt nichts zu entschuldigen und nichts zu relativieren. Und ich ziehe die Konsequenz, statt nach Wegen zu suchen, den Posten irgendwie zu behalten; ich trete zurück.“ Ihr Fehler wurde dadurch nicht kleiner oder ungeschehen gemacht. Aber sie behielt im Bekenntnis ihrer Schuld ihre Würde.

Leben in einer infantilen Gesellschaft

Doch wenn es so befreiend ist, sein Gewissen zu erleichtern, warum tun es dann nicht mehr Menschen? „Wenn wir begreifen, warum unser Kopf so funktioniert, wie er es nun mal tut, lässt sich die Kettenreaktion von Tun und Rechtfertigen aushebeln“, schreiben Tavris und Aronson. „Wir müssen genau auf unser Verhalten und unsere Beweggründe achten. Dazu brauchen wir guten Willen, Reflexion und Zeit.“ Daran mangelt es offenbar.

Mit Blick auf die entwicklungspsychologischen Stadien der Gewissensentwicklung von Kindern konstatiert der Bonner Psychiater Michael Winterhoff, dass bereits ein 14-Jähriger über eine Gewissensinstanz verfüge, die außerhalb von Eltern und Lehrern funktioniere. Der Weg vom Kind zum Erwachsenen beschreibe den Weg von der Fremd- zur Selbstbestimmung. Dass indes immer mehr Erwachsene keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, führt Michael Winterhoff auch auf die allgegenwärtige Reizüberflutung im digitalen Zeitalter zurück, in der zuallererst die Intuition und damit die Besinnung auf Richtig und Falsch verlorengehe. „Die digitale Überforderung durch die Reizflut und den Druck, zu viele Entscheidungen in kurzer Zeit treffen zu müssen, lässt die Psyche punktuell regredieren“, sagt er. Die Folge: Wir leben in einer infantilen Gesellschaft, die nicht über ihre Psyche bestimmt, und verhalten uns wie fremdbestimmte Kinder.

Hinzu komme die Flut von Negativmeldungen und Katastrophennachrichten, die uns in einen andauernden Panikmodus versetze. Dieser Zustand sei für die Psyche gefährlich, weil die Speicher leerliefen, aus denen sich die erwachsene Selbstbestimmung „Ich entscheide“ speise. Stattdessen dominierte die Fragen: Wie komme ich aus der Nummer raus? Wie kann ich daraus Kapital schlagen? Er sieht in der Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, die Weigerung, sich zu entwickeln – erwachsen zu werden. Winterhoff schreibt in seinem Buch Mythos Überforderung: „Jederzeit eine gute Ausrede parat zu haben ist eine hochwirksame Verweigerungsstrategie. Aber der Lerneffekt fällt weg – und damit auch die Möglichkeit, beim nächsten Mal besser zu entscheiden.“

Lügen als Normalität

Wie wirkt es sich aus, wenn immer dreister gelogen wird und normal ist, sich aus der Verantwortung zu stehlen? Es gibt ein echtes Bedürfnis nach Ehrlichkeit und Integrität, das empfindlich reagiert: In der Sprache des Tatorts, der die Kunst, es nicht gewesen zu sein, jeden Sonntagabend neu erzählt, erfahren wir tiefe Beruhigung, weil am Ende die Rechtmäßigkeit der Verhältnisse wiederhergestellt ist und der Verbrecher seiner gerechten Strafe entgegensieht. Grenzüberschreitung und Kompensation durch Überführung des Täters sind in dieser Dramaturgie ein auf Ausgleich bedachter Prozess.

„Wir haben moralische Bedürfnisse“, sagt Susan Neiman, Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums. „Etwa das Bedürfnis, Ehrfurcht zu äußern, und das Bedürfnis, Empörung auszudrücken, das Bedürfnis, Euphemismen abzulehnen und Dinge bei ihren Namen zu nennen.“ Wo Lügen immer mehr zur Normalität werde, schwinde Vertrauen, und das leiste weiteren Lügen Vorschub.

Wo niemand Verantwortung übernimmt, stehen wir da und fragen einfältig, ob es sein kann, dass es niemand war. Wenn wir uns das ersparen wollen, so schlägt Peter Sloterdijk vor, sollten wir uns an den Grundsatz halten: Handle jederzeit so, dass du auf die Frage, wer es war, nie antworten musst: Niemand war es. Wir brauchen ein wenig Aufmerksamkeit, was uns selbst angeht. Wenn wir erst einmal erkennen, wie und wann wir Dissonanz mindern, werden wir wachsam und können über den Automatismus der Selbstrechtfertigung hinauswachsen. Dazu müssen wir begreifen, wie sehr unser Gehirn nach Konsonanz strebt, wie entschieden es alles ablehnt, was unsere Ansichten und Vorlieben infrage stellt.

Der Mechanismus, Dissonanz zu vermeiden, mag angeboren sein. Die Haltung Fehlern gegenüber lässt sich korrigieren. Ein Fehler hat den Sinn, das innere Wachstum zu ermöglichen. Die ersten Schritte der Kunst, es gewesen zu sein, beginnen so: Ich war’s. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich möchte begreifen, woran das lag, weil ich denselben Fehler nicht noch einmal machen will.

Literatur

Carol Tavris, Elliot Aronson: Ich habe recht, auch wenn ich mich irre. Riemann, München 2010

Michael Winterhoff: Mythos Überforderung. Was wir gewinnen, wenn wir uns erwachsen verhalten. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2015

Susan Neiman: Moralische Klarheit. Leitfaden für erwachsene Idealisten. Hamburger Edition, Hamburg 2010

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2018: Die Kraft des Verzeihens
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