Die Waldmedizin

Warum fühlen wir uns nach einem Spaziergang unter Bäumen so gut? Forscher können jetzt belegen: Da gibt es etwas in der Waldluft, das nicht nur unsere Stimmung hebt, sondern uns auch vor Krankheiten schützt

Vor einiger Zeit lag mein kleiner Sohn Jonas im Krankenhaus. Ich blieb an seiner Seite. Wir teilten uns ein Zimmer an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in meiner Heimatstadt Graz im Süden Österreichs. Über mehrere Wochen hinweg durfte der damals erst 17 Monate alte Patient nicht nach Hause. Das zehrte an meinen ebenso wie an seinen Kräften. Doch im Umfeld der Klinik gab es etwas, das unsere Stimmung immer wieder aufhellte: Ein ausgedehnter Wald grenzte an das Krankenhaus. Jeden Tag gingen wir dort spazieren. Wie strapaziös die Erlebnisse im Krankenhaus auch waren, in der Natur war Jonas ausgelassen, lachte und war fröhlich. Wir beide kehrten jedes Mal mit neuer Kraft von unseren Waldausflügen zurück.

Während ich an der Seite meines Sohnes im Krankenhaus war, kam mir eine Studie immer wieder in den Sinn, die der Gesundheitswissenschaftler Roger Ulrich bereits vor mehr als 30 Jahren durchführte. Er zeigte darin, dass allein die Sicht aus dem Krankenhausfenster Einfluss auf die Heilung nimmt. 1984 veröffentlichte Ulrich, der heute an der Chalmers-Universität in Göteborg lehrt, die Ergebnisse einer klinischen Studie im Fachjournal Science. Für die Untersuchung operierten Ärzte 46 Patienten mit einem standardisierten Verfahren an der Gallenblase. Die Behandlung und die Unterbringung waren jeweils identisch. Nur ein einziger Faktor wurde immer wieder geändert: Einige Patienten schauten aus dem Fenster auf einen Baum. Der andere Teil sah durch das Krankenhausfenster nichts anderes als eine Hausmauer. Die Ergebnisse sprachen für sich. Die Probanden der Baumgruppe konnten schneller wieder nach Hause gehen als diejenigen aus der Hausmauergruppe. Bei ihnen waren nicht nur die Wundheilung und die allgemeine Regeneration beschleunigt. Sie benötigten auch signifikant weniger Schmerzmittel und wenn, dann reichten schwächere Wirkstoffe.

Forscher haben seit Roger Ulrichs Arbeit viele weitere Belege erbracht, die belegen, dass Bäume eine überraschend positive Wirkung auf unsere Gesundheit haben. Der Medizinprofessor Qing Li von der Nippon MedicalSchool in Tokio etwa analysierte Gesundheitsdaten der japanischen Bevölkerung. Er...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2016: Heimat finden
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