In eine fremde Sprache eintauchen

Mehr Menschen denn je erlernen lange nach der Schulzeit noch eine Fremdsprache. Doch wie bemächtigt man sich einer Sprache, die einem in Klang und Bedeutung völlig unvertraut ist?

In eine fremde Sprache eintauchen

Mehr Menschen denn je erlernen lange nach der Schulzeit noch eine Fremdsprache. Doch wie bemächtigt man sich einer Sprache, die einem in Klang und Bedeutung völlig unvertraut ist?

Mama!“ „Papa!“ „Ball!“ Noch bevor Kleinkinder das erste Wort aussprechen, lallen und probieren, prusten und schmatzen sie Wortähnliches, das sie aufgeschnappt haben oder vorgesprochen bekamen. Schnell, sehr schnell geht es mit dem Nachahmen von Wörtern immer besser, nach dem ersten Schwall erlernter Wörter folgen Zwei- und Drei-Wort-Sätze und im Folgenden immer komplexere. Ein Wunder für jedes Elternpaar, ein besonderes Phänomen auch für Sprachwissenschaftler: Beim Erwerb der Muttersprache wird diese intuitiv und als Ganzes „implizit“ erfasst, ohne dass Strukturen hinterlegt und Regeln erklärt werden müssten.

Geht das auch mit zwei Sprachen gleichzeitig? Ja, das geht. Wenn das Kind sich tagsüber in der ersten Sprache verständigt und der Vater – oder die Mutter – abends konsequent in der zweiten Sprache mit ihm redet, lernt es, auch diese akzentfrei zu sprechen. Selbst im Schulalter bis etwa zwölf Jahre können Kinder eine Sprache noch muttersprachlich erlernen. In diesem Alter klappt das allerdings bereits effizienter mit Unterstützung expliziter Lernmethoden, also schriftlicher Übungen, Analyse von Satzstrukturen, Regelfindung und -anwendung, Ausspracheübungen. Wer erst in der Pubertät in eine fremde Sprache einsteigt, kann diese immer noch auf Universitätsniveau erlernen, doch meist bleibt dann ein Akzent.

Sich als Erwachsener auf das Abenteuer einer Fremdsprache einzulassen bedeutet, einige Hürden mehr zu nehmen. Fast mit ein wenig Neid beobachten Eltern, wie bei längeren Auslandsaufenthalten ihre Kinder, die vielleicht nur mäßige Schüler sind, sie in der Fremdsprache schnell überholen, obwohl sie selbst regelmäßig und mit Fleiß Sprachkurse besuchen. Doch dass die „im Sprachbad“ erlernte Zweitsprache (so heißt die im Ausland erlernte Fremdsprache) vom Nachwuchs schneller erfasst wird, ist ganz normal und hat mehrere Ursachen: Innerhalb einer „kritischen Phase“ bis etwa zwölf Jahre sind Kinder wegen ihres noch formbaren, sich entwickelnden Gehirns besonders effizient in der Lage, Sprachen zu erlernen. Daneben sind Kinder und Jugendliche auch verstärkt offen für Neues. Sie haben, sofern sie im Ausland eine Regelschule besuchen, meist viel mehr Kontakte und Gelegenheiten zum Anwenden der Zweitsprache als Erwachsene. Für junge Leute ist der Bezug zum früheren Heimatland in der Regel weniger präsent und weniger wichtig als für die Eltern, die sich neue Sozialkontakte häufig mühsam erarbeiten müssen.

Die Sprachdidaktikerin Imke Mohr vom Goethe-Institut legt gleichwohl Wert darauf zu betonen, dass „der Mythos vom sich schließenden Fenster für das Sprachenlernen so nicht haltbar ist“. Erwachsene verfügen über Kompensationsstrategien, die Kindern und Jugendlichen verschlossen sind. Sie haben bessere analytische Fähigkeiten, können beispielsweise Sprachstrukturen vergleichen, Übereinstimmungen und Divergenzen auffinden, Schlüsse ziehen. Jede bereits erlernte Sprache bereichert diese Möglichkeiten und erst recht das „Weltwissen“, das sich Erwachsene im Laufe des Lebens angeeignet haben und das enorm bei der Überbrückung von Lücken und Unsicherheiten helfen kann, so Mohr.

Auch der Fremdsprachendidaktiker Dietmar Rösler, der zu Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Justus-Liebig-Universität Gießen forscht und lehrt, bestätigt, dass die Komplexität der bereits erlernten Sprachen sowie der Einfluss von Lehr- und Lernkultur mitentscheidend sind für den Umgang mit dem Lernstoff. Das ist eine Herausforderung für Lehrende, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten und es dabei aktuell mit extrem heterogenen Gruppen zu tun haben, von der Angestellten einer Firmenniederlassung aus Südkorea bis zum Flüchtling aus Afghanistan. „Der Fokus auf Korrektheit“, so Rösler, „ist beispielsweise bei vielen Lernenden asiatischer und osteuropäischer Herkunft stärker als bei anderen.“ Die Gründe sind vielschichtig. Einer davon ist wohl die Komplexität der eigenen Muttersprache: Das Polnische beispielsweise hat wie das Deutsche drei Geschlechter, dazu gleich sieben Fälle – da werden die vier deutschen Kasus als verkraftbar empfunden. Für US-Amerikaner hingegen mit nur einem Artikel und ohne Kasus in der Muttersprache ist dies naturgemäß ganz anders.

Auch wenn ihre Voraussetzungen und Motive sich unterscheiden: Heute wollen und müssen Menschen fast aller Nationen Fremdsprachen erlernen (oder die Schulkenntnisse auffrischen), mehr als je zuvor. Das größte Hindernis dabei ist nach Aussage vieler Lernender die Bezwingung des „inneren Schweinehundes“, die Selbstüberwindung. In Kursen, die in der Freizeit besucht werden, gibt es keine Noten oder Einträge ins Klassenheft. Eine Kursanmeldung unterschreiben ist die eine, regelmäßig zum Kurs gehen und sich auch zu Hause mit dem Lernstoff beschäftigen schon eine ganz andere Sache.

Im Tandem geht’s leichter

Verbindlichkeiten helfen dabei, am Ball zu bleiben: Wenn eine Freundin oder ein Bekannter mit zum Kurs kommt, fällt es schwerer, Stunden ausfallen zu lassen, weil jemand auf einen wartet. Wer im Französischkurs eine Rumänin kennenlernt, hat womöglich schon eine Lernpartnerin gefunden, mit der sogar hauptsächlich in der Fremdsprache kommuniziert wird. Auch Tandempartner aus dem Land der Zielsprache sind hilfreich. Das Goethe-Institut, Universitäten und andere Institutionen vermitteln Tandems. Über Plattformen oder per E-Mail wird abwechselnd in der eigenen und in der Muttersprache des Partners oder der Partnerin kommuniziert, die Häufigkeit der Kontakte und die Bedingungen innerhalb eines Tandems sind individuell auszuhandeln.

Auch konkrete, möglichst nicht zu hoch gesteckte Ziele sind gute Haltegriffe beim Sprachenlernen. Für den nächsten Italienurlaub kann man sich beispielsweise vornehmen, dort nach Wegen fragen, bestimmte Dinge einkaufen, Essen bestellen und übers Wetter reden zu können. Ein halbes Jahr später sollte der Anspruch höher sein und beispielsweise darin bestehen, sich mit einem Tandempartner über Erlebnisse bei der Arbeit und im Urlaub auszutauschen (und sich somit auch der Vergangenheitsformen zu bedienen). Ein nächster Schritt kann sein, den Lernpartner persönlich kennenzulernen und nach dem schriftlich Erprobten sich dem viel schnelleren Tempo der mündlichen Kommunikation auszusetzen – im Italienischen, aber nicht nur dort, eine echte Herausforderung!

Dabei hilft es auch, „schwimmen“ zu lernen, das heißt, nicht jedes Wort verstehen zu wollen, sondern möglichst den Zusammenhang zu erfassen. Zur Erholung nach einem vielstimmigen Sprachbad, wenn die Ohren zum Glühen gebracht wurden, ist das Lesen von Nachrichten, Zeitungen und Zeitschriften in der Fremdsprache bestens geeignet. Hier kann das Tempo wieder selbst bestimmt und etwas sorgfältiger entschieden werden, welches Wort man nachschlägt und welches nicht.

Welcher Lerntyp sind Sie?

Neben dem Schwimmenlernen hilft auch, über die eigenen Stärken beim Lernen nachzudenken und womöglich die Methoden und Materialien anzupassen, um effizienter zu lernen. Bereits 1975 unterschied der Systemforscher Frederic Vester „Lerntypen“ und folgerte:

Der visuelle Typ lernt nicht nur gut mit Bildern und Videos, ihm helfen auch Grafiken und klar aufgebaute Tafelbilder, die er abspeichern kann.

Für den auditiven Typ ist Frontalunterricht kein Problem, er nimmt gerne und gut hörend auf, macht Fortschritte mit Audio-Lern-CDs und Filmen.

Der haptische Lerntyp fasst gerne an, was er lernt, ihm hilft auch aktives Aufschreiben.

Der motorische Typ sitzt nicht gerne 90 Minuten auf einem Stuhl; durch den Raum gehen und dabei rhythmisch sprechen ist für ihn eine effektive Lernmethode.

Der kommunikative Typ lernt am besten in Interaktion mit anderen Menschen – Diskussionen, Rollenspiele, Projektgruppen sind sein Ding.

Hingegen kommt der ­medienorientierte Typ, der gern und oft online ist, gut ohne Gruppendynamik aus, Üben am Computer liegt ihm mehr.

Natürlich gibt es Menschen, die sich dieser Kategorisierung entziehen und gerne durch Einsicht und auch mit Regeln und Strukturen lernen.

Wie auch immer: Um die Vokabeln kommt niemand herum! Christoph Bürgel, der an der Universität Paderborn Didaktik des Französischen und Spanischen lehrt, beklagt: Die Wortschatzkompetenz der Studenten entspreche oft nicht dem, was eigentlich im Abitur verlangt werde. Seine Kollegen der Anglistik teilten diese Einschätzung, so Bürgel, obwohl deren Studenten im Durchschnitt zwei bis drei Jahre länger in der Sprache unterrichtet wurden. Mit Tandems und Tutorien steuern sie gegen – und mit einem Wegkommen von rein grammatischen Lösungen, hin zu mehr chunks, also dem Lernen fertiger Worteinheiten. Zwei Beispiele: Wer die Ellipse „Ohne mich!“ lernt, braucht nicht unbedingt zu wissen, dass die Präposition „ohne“ den Akkusativ verlangt. „Nimm dir Salat!“ enthält den Imperativ, kann aber auch als Phrase erlernt werden.

Chunks sind auch für Sprachlernende außerhalb von Schulen und Universitäten erreichbar. Wer beispielsweise fremdsprachliche DVDs ausleiht, möglichst mit Untertiteln in derselben Fremdsprache, erhält Sprachunterricht mit vielen idiomatischen Redewendungen aus dem Alltag; gerade im Englischen und Amerikanischen, die viele Idiome enthalten, ist das sinnvoll. Die Untertitel, die neben dem Hören den Lernkanal des Lesens bedienen, sorgen dafür, auch Verschliffenes verständlich zu machen und falsch Gehörtes zu korrigieren.

Motivation ist ein weiterer, hoch einzuschätzender Antrieb fürs Sprachenlernen. Wer sich in einen ausländischen Partner verliebt hat, einen Job im Ausland anstrebt oder das Ziel hat auszuwandern, lernt eine Fremdsprache in der Regel ausdauernder, als dies „just for fun“ der Fall ist. Viele Erwachsene mit Migrationshintergrund besuchen dann wieder einen Deutschkurs, wenn sie bemerken, dass sie den Kindern nicht bei den Hausaufgaben helfen können. Andere treibt der Ansporn, mit dem über eine Hilfsorganisation gewonnenen Patenkind in Kontakt zu treten. Oder sich an Balzac im Original zu versuchen. Da wird der Satz von Goethe ganz praktisch und aktuell: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“

Tipps zum Sprachenlernen

Peilen Sie ein Ziel an, konkret, nicht zu hochgesteckt, und überprüfen Sie zum Beispiel bei einer Reise, ob Sie es erreicht haben.

Trainingsmaterial: Suchen Sie sich neben einem passenden Sprachkurs zusätzliche Lehr- und Lernmaterialien wie zum Beispiel interaktive Audiodateien (die man sogar im Auto nutzen kann), Filme, Kinderbücher oder Zeitschriften.

Suchen Sie einen Tandempartner, der Deutsch lernen möchte. Das Goethe-Institut, Universitäten und andere Institutionen vermitteln Tandems. Sprechen und schreiben Sie abwechselnd in Deutsch und der Fremdsprache mit dem Tandempartner.

Lernen Sie „schwimmen“, das heißt, versuchen Sie nicht, jedes Wort zu verstehen, sondern sich Zusammenhänge zu erschließen. Das geht besonders gut beim Lesen.

Gehen Sie humorvoll mit den eigenen Fehlern um, ärgern Sie sich nicht über Defizite, sondern freuen Sie sich über Ihre Fortschritte.

Benutzen Sie eine Lernkartei mit drei Abteilungen: Ein neues Wort wird mit Artikel, Plural, passender Präposition und eventuell Kasus in der Fremdsprache auf eine Karte geschrieben. Am besten sollte auch ein Beispielsatz dazu. Auf die Rückseite kommt das Wort in der eigenen Muttersprache. Und dann: täglich lernen! Wenn neue Wörter dreimal richtig erinnert werden, wechseln sie in Abteilung 2, die nur einmal wöchentlich wiederholt wird. Sitzt auch dies sicher, kommt das Wort in Abteilung 3, die nur noch einmal monatlich in Angriff genommen wird. Am Ende ist die Karte überflüssig und kann vernichtet werden.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2016: Sieh's doch mal so!
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