„Es gibt kein langweiliges Leben – nur einen Mangel an Vorstellungskraft“

Was unterscheidet uns Menschen von noch so klugen Maschinen? Unsere Vorstellungskraft! Ein Gespräch mit der Psychologin Anna Abraham.

Die Illustration zeigt die Vorstellungskraft als einen Kreis der explodiert und Neues entstehen lässt
Vorstellungskraft hilft, sich im Chaos des Lebens zurechtzufinden. © Benjamin Courtault

Frau Professor Abraham, wozu brauchen wir Vorstellungskraft?

Entgegen der weitläufigen Meinung ist Vorstellungskraft nicht nur notwendig, um sich auszumalen, „was wäre, wenn…“. Sie ist unentbehrlich für unsere Sinneswahrnehmung. Einerseits hilft sie dabei, auf uns einprasselnde Informationen zu bändigen. Andererseits ist sie notwendig, um immer wieder neue Informationslücken zu füllen.

Welche Informationslücken schließt die Vorstellungskraft für uns?

All jene, die durch Ungereimtheiten in unserer Sinneswahrnehmung entstehen. Denken Sie an Grundsätzliches: Licht reist schneller als Schallwellen. Dennoch erscheint uns die Mundbewegung unseres Gesprächspartners synchron mit seinen Worten. Wir erleben Bild und Ton als gleichzeitig – das sind sie aber nicht. Heute wissen Wissenschaftler, dass diese Vorstellung von Gleichzeitigkeit eine Fähigkeit des Gehirns ist, die uns pausenlos zugutekommt. So finden wir uns dank der Vorstellungskraft leichter in unserer Umwelt zurecht.

Und wie bändigt unsere Vorstellungskraft die Informationsflut?

Ziehen Sie morgens eine Armbanduhr an? Oder streifen Sie sich eine Kette über? Unmittelbar nachdem wir uns Schmuck oder Uhren anlegen, spüren wir ihr Gewicht, fühlen ihre Stofflichkeit. Aber bereits wenige Minuten später verschwindet dieses Gefühl. Nicht etwa weil der Schmuck verschwunden ist. Sondern weil wir die Information, dass er da ist, nicht ständig brauchen. Die Informationsflut in Schach zu halten ist nur eine der vielen wichtigen Funktionen der menschlichen Vorstellungskraft. Sie ist an vielfältigen neuronalen Vorgängen beteiligt, etwa beim Sehen, beim Musikhören oder wenn wir uns bewegen.

Sie vergleichen unsere Vorstellungskraft mit Wasser. Welche Parallelen sehen Sie da?

Vorstellungskraft ist so allgegenwärtig und essenziell für unser Leben wie das Wasser. Sie ist dynamisch, geht in verschiedene Formen über – so wie Wasser, das sich als Eis, Regentropfen oder Ozean...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2020: So gelingt Entspannung
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