Das stille Ich

Müssen wir uns abstrampeln, ständig für uns selbst trommeln, um Erfolg zu haben, respektiert und beachtet zu werden? Ganz und gar nicht, wie neue Erkenntnisse der Psychologie zeigen. Es gibt gute Argumente für ein „leiseres“ Auftreten

Mal ehrlich: Wie oft gehen Sie in Konkurrenz zu anderen? Wie oft sind Ihre Entscheidungen vom Wunsch getrieben, mithalten zu können, andere zu übertreffen, gut dazustehen, sich nicht unterbuttern zu lassen? Wie sehr streben Sie danach, Aufmerksamkeit, Beachtung und Lob zu bekommen? Wie häufig sind Sie ein schlechter Verlierer, fühlen sich übergangen oder unter Wert beurteilt? Wie oft vergleichen Sie sich mit anderen, prüfen, ob Sie sich auch gut verkaufen und nicht den Kürzeren ziehen?

Wenn Sie sich jetzt ertappt fühlen – das alles ist kein Grund zur Selbstanklage. So wie Ihnen geht es mehr oder minder uns allen. Unser Ego steht unter Dauerstress, es sieht sich ständig herausgefordert und glaubt, sich vordrängen und ständig auf sich aufmerksam machen zu müssen. Selbstbehauptung und Eindruckschinden sind bis zu einem gewissen Grad Teil unserer Natur – ein gesundes Maß an Egoismus ist ein wichtiger Teil unseres biologischen Programms. Aber etwas ist aus dem Ruder gelaufen.

Das allzu selbstbewusste, laute Ich wird in einer individualistischen Kultur wie unserer idealisiert, romantisiert und überhöht: Der Duft von Freiheit und Abenteuer umgibt es, der Mythos des Einzelgängers. Die Werbung kitzelt dieses Ich immer wieder – „Du hast es dir verdient!“, „Mach dein Ding“ oder „Weil Sie es sich wert sind!“. Doch ein überaktives, aufgeblähtes Ich ist gefährlich. Es verhält sich wie freie Radikale im Körper eines Menschen. Freie Radikale sind aggressive Moleküle. Sie werden unter anderem vom Immunsystem produziert, um Viren und Bakterien zu bekämpfen. Aber wenn sie überhandnehmen, wenn sie in zu hohem Maße eingreifen, attackieren sie auch gesundes Gewebe und intakte Zellen und verursachen schließlich vorzeitiges Altern, Krebserkrankungen und vieles andere. Stärken werden zu Risiken. Ein zu aufgeblähtes Ego kann – wie die freien Radikalen – ziemliche Schäden anrichten, was die Zusammenarbeit mit anderen, unsere sozialen Beziehungen und auch unser Wohlbefinden angeht. Die Haltung „Ich bin besser als …“ ist der Feind unserer Lebenszufriedenheit.

Egonomics – die richtige Lautstärke für das Ich finden

Selbstüberschätzung und der Glaube an die eigene Besonderheit sind nicht von vornherein ein schädliches Projekt. Die Sozialpsychologin Shelley Taylor hat in vielen Untersuchungen gezeigt, dass wir positive Illusionen über uns…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2016: Das stille Ich
Psychologie Heute Compact 66: Meine Wohnung und ich
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