„Der Perfektionist trägt eine Maske der Makellosigkeit“

Perfektionismus ist das Einfallstor zum Unglücklichsein, meint der Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli und beschreibt, welche unbewussten Glaubenssätze einen perfektionistischen Menschen leiten

Herr Dr. Bonelli, in Ihrem aktuellen Buch Perfektionismus. Wenn das Soll zum Muss wird beschreiben Sie eindrucksvoll die Gefahren des Perfektionismus. Ist denn Perfekt-sein-Wollen immer schädlich?

Durchaus nicht. Das gesunde Perfektionsstreben spielt eine wesentliche Rolle in unserem täglichen Leben: Wir wünschen uns beispielsweise ganz selbstverständlich, dass der Automechaniker unseren Wagen perfekt herrichtet. Nicht nur zu 80 Prozent, sondern er soll ihn hundertprozentig reparieren. Sich hohe Ziele zu setzen ist also nicht prinzipiell verkehrt. Wir alle richten unser Leben nach Vorgaben oder Idealen aus, diese kann man Soll-Werte nennen. Der Ist-Wert stellt in diesem Bild unsere Realität dar. Zwischen Ist- und Soll-Wert besteht daher immer ein gewisser Abstand, der Spannung erzeugt. Ein gesunder Mensch erträgt diese Diskrepanz mit Leichtigkeit. Er weiß, dass er nicht vollkommen ist. Bei ihm hat das Soll die sinnvolle Funktion, ein Wachstum des Ist-Zustandes zu bewirken. Beim Perfektionisten besteht genau hier das Problem: Er wird durch die Diskrepanz innerlich zerrissen, das Soll ist für ihn ein Muss, ein unerträglicher Vorwurf. Das Problem des Perfektionisten ist also nicht ein zu hohes Soll, sondern ein Nicht-Aushalten der Ist-Soll-Spannung.

Verstehe ich das richtig: Wenn Menschen diese Spannung nicht aushalten können, werden sie zum Perfektionisten?

Ja. Sie versuchen, diese Spannung zu vermeiden. Perfektionismus ist in erster Linie ein ängstliches Vermeidungsverhalten. Vermieden werden sollen Fehler, alles, was nicht…

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