Familienbande

Therapiestunde: Die Klientin beschreibt ihre Ehe als freudlose Zweckgemeinschaft. Liegen die Wurzeln des Problems in der eigenen Herkunftsfamile?

Asa führt sich gefesselt an einen erkalteten Mann und eine klagende Mutter. ©Michel Streich

Familienbande

Die Klientin beschreibt ihre Ehe als freudlose Zweckgemeinschaft. Der Psychoanalytiker ­Wolfgang Schmidbauer lenkt ihren Blick auf die stets klagende Mutter – und die ­Beziehung ihrer Eltern

Die Patientin war in einem Zustand gekommen, den sie Burnout nannte. „Eigentlich kann ich diese Mode nicht leiden“, setzte sie hinzu. „Alle reden von Burnout. Für mich stimmt das nicht so recht, weil ich eigentlich gerne zur Arbeit gehe und mich dort auch aufgehoben fühle und nicht denke, dass ich eine Auszeit brauche. Aber es ist so, als hätte ich die Freude an meiner Familie verloren. Ich funktioniere, das ist klar, und mein Mann funktioniert auch. Aber die einzigen, die noch lachen, das sind die Kinder.“„Und was sagt Ihr Mann dazu?“

„Der versteht das nicht. Neulich hat er gesagt, dass er das ganz normal findet, diesen Ernst und diesen Abstand zwischen uns. Es sei doch kindisch, zu erwarten, dass man glücklich ist. Man müsse froh sein, wenn einem nichts wehtut und man Arbeit hat.“

In den ersten Sitzungen hatte ich versucht, die Geschichte der Patientin, die ich hier Asal nenne, genauer zu erforschen. Sie hat eine persische Mutter und einen deutschen Vater, arbeitet als Informatikerin halbtags. Sie wollte Kinder; als sie 30 Jahre alt war und als ihr späterer Mann keine Anstalten machte, eine Familie zu gründen, stellte sie ihn vor die Wahl: entweder Trennung oder Ehe!

„Vielleicht war es ein Fehler“, sagt sie nachdenklich. „Ich habe ihn gezwungen. Aber er ist ein guter Vater. Die Mädchen lieben ihn. Er ist ein guter Mann. Entweder arbeitet er, oder er ist müde. Ich habe mich damit abgefunden.“

Erotik findet nicht mehr statt

Es geschieht leider nicht selten, dass ein Paar nach der Familiengründung nicht mehr zueinanderkommt. Ich erkundige mich nach der gemeinsamen Erotik. „Seit Jahren ist da nichts mehr“, sagt Asal. „Es war schon nach dem ersten Kind selten genug. Als ich das zweite Kind wollte, habe ich Druck gemacht, wenn ich die fruchtbaren Tage hatte. Einmal hat mein Mann gesagt: ,Muss das schon wieder sein?‘, das habe ich nicht vergessen. Es hat mich abgetörnt. Wenn ich nichts mache, macht er auch nichts.“

Wie kommt es, dass sich Asal nicht wehrt, wenn ihre Ehe eine derart freudlose Zweckgemeinschaft wird? Hat es etwas mit der Ehe ihrer Eltern zu tun?

„Ich habe keine Probleme mit meinem Vater. Aber meine Mutter ist schwierig. Sie ist immer beleidigt. Immer wenn ich meine Mutter treffe, habe ich davor Herzklopfen und danach ein schlechtes Gewissen.“

„Erzählen Sie von Mutter und Vater, von der Ehe Ihrer Eltern.“ „Es war eine schwierige Beziehung, schon vor meiner Geburt. Meine Mutter kam aus dem Iran, sie suchte sich Arbeit hier – und einen Ehemann, einen Studenten. Sie war dann viel allein mit mir. Mein Vater hat gearbeitet, meine Mutter hat ihre Heimat vermisst.“

„Wie erlebte Ihre Mutter die Ehe mit einem deutschen Mann?“, frage ich. „Ich habe die Ehe meiner Eltern nie verstanden. Seit ich denken kann, sagt meine Mutter, dass ihr Mann zu kalt ist. Ich begriff nie, warum sie ihn geheiratet hat, sie konnte es mir nicht erklären.“

„Aber Ihre Eltern sind zusammengeblieben, trotz allem“, stelle ich fest und frage mich, was der Schatten auf Asals Leben mit ihrem Mann und mit ihrer klagenden Mutter zu tun haben mag. „Meine Mutter hat immer Gründe gefunden, warum es nicht geht, sich zu trennen: das Geld, die Scham, die Familie ist heilig, wer ausbricht, verliert das Gesicht. Als ich fünfzehn war, gab es dann Streit. Ich habe gesagt, ich will das Jammern über Papa nicht mehr hören. Ob ihr noch nie in den Sinn gekommen sei, dass zu jeder schlechten Ehe zwei gehören? Sie war sehr beleidigt, aber sie hat mich in Ruhe gelassen. Ich bin ausgezogen und habe studiert. Erst als ich schwanger wurde und nicht aus dem Beruf aussteigen wollte, wurde unser Kontakt wieder enger, aber er ist wahnsinnig anstrengend geblieben.“

Wer definiert die Beziehung?

Ich frage jetzt weiter: „Wer definiert denn eigentlich die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrer Mutter?“ „Definieren ist da ein komisches Wort. Was soll das in einer Beziehung?“ „Nun, was Sie gerade gesagt haben: Wer stellt fest, ob die Beziehung in Ordnung ist oder nicht?“ „Wenn das so ist, dann definiert eindeutig meine Mutter die Beziehung.“ „Darin sehe ich ein Problem. Sie sind jünger, kräftiger, sind besser ausgebildet, wissen über Dinge Bescheid, von denen Ihre Mutter nie erfahren hat, machen eine Therapie – und doch überlassen Sie es Ihrer Mutter, sich selbst und ihrer Tochter zu erklären, dass die Beziehung schlecht ist.“

„Aber wie soll ich sie überzeugen? Sie versteht mich nicht, sie hört nicht zu.“

„Wann haben Sie Ihre Mutter zuletzt umarmt?“ „Ich kann mich kaum erinnern. Sie … sie ist mir so fremd. Ich habe Angst, denke ich, ich habe Angst vor ihr.“ „Das wäre auch eine Definition: dass Sie die Tochter sind, die trotz aller Ängste und Konflikte die Mutter in den Arm nimmt.“

In die nächste Sitzung, einige Wochen später, kam Asal aufgeräumt, aber ernst.

Eine erste Umarmung

„Das mit meiner Mutter ist geklärt“, sagte sie. „Ich habe mir das mit der Definition durch den Kopf gehen lassen. Und dann habe ich gedacht, ich probiere etwas aus. Ich habe sie umarmt, wie ich meine Freundinnen umarme, ich habe sie gedrückt und auf die Backen geküsst. Sie hat sich zittrig angefühlt, viel zerbrechlicher, als ich dachte. Es hat mir gutgetan, sie so zu spüren und zu merken, dass ich stärker bin als sie und sie doch eigentlich darauf vertrauen kann, dass ich sie liebe. Sie hat mich auch geküsst. Wenn sie jetzt wieder nach den Schulnoten meiner Kinder fragt oder alles verbessern möchte, indem sie erst einmal sagt, wie schlecht es ist, denke ich etwas wie: Ach, sie meint es doch gut, aber sie hat Angst, dass etwas schiefgeht. Und ich kann sie beruhigen.“

Ich freute mich. Das hatte ich mir nicht zu wünschen gewagt. So ist es eben, dachte ich. Manchmal verändert sich eine Beziehung in zwei Sitzungen, manchmal in zwanzig nicht.

„Aber ich habe jetzt ein neues Problem“, sagte Asal. „Ich denke daran, dass ich mich von meinem Mann trennen will.“ Ich hätte gleichzeitig den Kopf schütteln und nicken wollen, rührte mich aber lieber nicht. Die Trennung von Partnern ist eine sehr ernste Angelegenheit, aber es mochte wohl sein, dass Asals Ehe ohne diesen Gedanken noch weniger Chancen hatte als mit ihm.

Wolfgang Schmidbauer ­arbeitet als Psychoanalytiker, Familientherapeut und Autor in München. Sein Buch Raubbau an der Seele. ­Psychogramm einer überforderten Gesellschaft ist bei Oekom ­erschienen (München 2017)

Die Illustration zeigt eine einsame Frau, die an eine Eisenkugel gekettet ist
Asa führt sich gefesselt an einen erkalteten Mann und eine klagende Mutter.

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2018: Diese Wohnung tut mir gut!
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