Bist du Freund oder bist du Feind?

Zwei Fremde begegnen sich. In Sekundenschnelle begutachten sie einander und bilden sich ein erstes Urteil. Wie verlässlich ist dieser frühe Eindruck? Und warum sollten sie ihn fairerweise überprüfen?

Bist du Freund oder bist du Feind?

Zwei Fremde begegnen sich. In Sekundenschnelle begutachten sie einander und bilden sich ein erstes Urteil. Wie verlässlich ist dieser frühe Eindruck? Und warum sollten sie ihn fairerweise überprüfen?

Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance, sagt der Volksmund. Und wie neuere Forschungsarbeiten zeigen, liegt darin viel Wahrheit. Denn: Es genügt ein Augenblick, ein Millisekunden währender kurzer Kontakt, um sich ein Bild von einer Person zu machen. Besonders fatal: Das schnelle erste Urteil ist dauerhaft und ziemlich resistent gegen neue Informationen, die die womöglich ungerechtfertigte Meinung korrigieren könnten. Und ungerechtfertigt ist diese oft.

„Wir fallen zwei Annahmen zum Opfer: dass andere uns vorurteilslos wahrnehmen und dass sie uns so sehen, wie wir uns selbst sehen“, schreibt die Sozialpsychologin Heidi Grant Halvorson in ihrem neuen Buch No One Understands You and What to Do About It (Niemand versteht Sie und was Sie dagegen tun können). Uns müsse klar sein, dass unsere Worte und Handlungen ständiger Interpretation unterliegen, die aber meist vollkommen unfundiert und unvollständig ist.

Laut Halvorson sind wir alle „kognitive Geizhälse“: Wenn wir einen Menschen kennenlernen, setzen wir dabei so wenig mentale Energie wie möglich ein. Effektive Denkprozesse bestimmen unsere Wahrnehmung, anders wäre die Flut an Informationen gar nicht zu bewältigen. Eine gute Abkürzung zu einer Beurteilung ist zum Beispiel das Phänomen der Bestätigungstendenz: Wenn wir Grund zu der Annahme haben, dass jemand charmant ist – etwa weil ihm dieser Ruf vorauseilt oder weil er auf einem Foto so aussieht –, werden wir Anzeichen dieser Eigenschaft in seinem Verhalten aufspüren, und ist derjenige an dem Tag noch so garstig. Wir tendieren dazu, entweder nicht wahrzunehmen, was nicht zu einer bereits gefassten Meinung passt, oder wir spielen es als unbedeutend herunter.

Ein Wort aus unserem Mund – schon sind wir entlarvt?

Stereotype und Vermutungen bieten einen weiteren kurzen Weg zu einer Einschätzung eines anderen Menschen: Zu welcher sozialen Gruppe und Kultur gehört er, was ist sein Beruf, wie sieht er aus? Schlimmstenfalls erinnert die Person uns an jemanden, mit dem wir schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Im besseren Szenario setzt der sogenannte Halo-Effekt ein, der den Gesamteindruck einer Person aufpoliert. Halvorson schreibt: „Wenn Sie eine positive Eigenschaft haben – wenn Sie klug, schön, lustig, freundlich und so weiter sind –, dann ist es wahrscheinlich, dass andere noch mehr positive Eigenschaften an Ihnen entdecken.“

Für all diese Wahrnehmungen sorgt der Autopilot, der aber nicht passiv vorgeht, sondern Fragen an die neue Bekanntschaft hat: Hat sie gute Absichten, kann sie mir für irgendetwas nützlich sein oder mir im Weg stehen? Halvorson sagt, dass wir andere bei einem ersten Treffen unbewusst auf diese Weise abscannen. Es geht um Vertrauen, Macht und unser Ego. Wir wollen wissen, ob jemand Freund oder Feind ist; wir wollen unsere Ziele erreichen und herausfinden, ob uns unser Gegenüber vielleicht dabei helfen kann; und wir wollen unser Selbstbewusstsein schützen. Also sind wir wachsam, lassen niemanden zu nahe an uns herankommen, der uns unsere Position streitig machen könnte. Ein kompetenter Bewerber kann bei einem selbstbewussten Vorgesetzten auf den Halo-Effekt bauen. Sitzt ihm beim Bewerbungsgespräch jedoch eine selbstwertschwache Person gegenüber, wird deren Autopilot versuchen, sich die potenzielle Bedrohung vom Hals zu halten.

Wenn wir eine Bekanntschaft beim ersten Date mit einem Kuss auf den Mund begrüßen, sind wir selbst schuld, wenn sie uns fortan für forsch bis furchtbar hält. Vielleicht würde uns sogar irgendwann dämmern, warum wir diesen Eindruck hinterlassen haben. Oft aber haben wir keinerlei Einfluss auf das Etikett, das wir aufgedrückt bekommen, und wissen auch nicht, wie hartnäckig es an uns klebt. Schon ein einfaches „Hallo“ kann den Ausschlag geben: Ein Wort aus unserem Munde – und unser Gegenüber meint genau zu wissen, was er von uns zu halten hat. Der Psychologe Phil McAleer von der University of Scotland hat im vergangenen Jahr 64 schottische Männer und Frauen „hello“ sagen lassen. Er bat sie, einen Text zu lesen, in dem das Wort vorkam, extrahierte es und konfrontierte dann 320 Studienteilnehmer damit. Sie sollten angeben, wie vertrauenswürdig, aggressiv, warm oder liebenswürdig sie die Stimmen fanden. Weitere Eigenschaften, die den Sprechern zugeschrieben werden sollten, waren Selbstvertrauen, Attraktivität, Kompetenz, Weiblichkeit, Männlichkeit und Dominanz.

„Es war faszinierend zu sehen, wie sehr die Teilnehmer in ihren Urteilen übereinstimmten – obwohl sie sich nicht kannten und auch die Stimmen nie vorher gehört hatten“, sagt McAleer. „Menschen sind sich offenbar einig darüber, welche Stimmen vertrauenswürdig klingen und welche nicht. Das ist großartig, weil es den Blick auf so viele Fragen öffnet: Wie kommt zum Beispiel die allgemeine Vorstellung davon in die Köpfe, was dominant klingt?“ McAleers These ist, dass viele Menschen während ihrer Kindheit und des Erwachsenwerdens ähnliche Erfahrungen machen und Eltern, Schule oder die Gesellschaft, in der sie aufwachsen, die Wahrnehmung formen.

Die Ergebnisse der Studie offenbarten auch interessante Unterschiede in der Wahrnehmung von männlichen und weiblichen Stimmen. So assoziierten die Teilnehmer bei den weiblichen Stimmen Wärme und Vertrauenswürdigkeit mit Attraktivität, während sie bei den männlichen vor allem die dominanten als attraktiv empfanden. Allerdings erzielten die sehr dominanten Stimmen allgemein weniger gute Werte auf der Vertrauenswürdigkeit-Wärme-Skala. „Wenn Sie bei einem ersten Treffen Vertrauen gewinnen wollen, ist eine Stimme am besten, die warm und freundlich klingt und in der ein wenig Kompetenz mitschwingt. Aber nicht zu viel, damit Sie nicht zu dominant rüberkommen“, rät McAleer. Theoretisch klar, aber praktisch? „Für Männer ist es gut, die Stimmlage ein bisschen zu erhöhen. Das klingt wärmer, verlässlicher und deutet auf einen offenen und freundlichen Charakter hin. Bei Frauen scheint die Tonhöhe weniger ausschlaggebend zu sein, wichtiger war die Melodie: Unsere Studienteilnehmer nahmen es zum Beispiel als unfreundlich wahr, wenn Frauen ihre Stimme am Ende von Wörtern oder Sätzen erhoben. Frauen, die die Stimme senkten, wirkten hingegen freundlich und kompetent.“

McAleer ist allerdings unentschlossen bei der Frage, ob es überhaupt möglich ist, seine Stimme für einen besseren Eindruck zu verstellen. Mit einiger Übung könne man wohl freundlicher und verlässlicher klingen, indem man Tonhöhen und Melodie manipuliert. Aber Dominanz und Stärke gehörten eher zu den Eigenschaften, die man ausstrahlt oder eben nicht. Hier geht es um die Größe der Kehle, und McAleer glaubt nicht, dass man eine bewusst tief gehaltene Stimme lange so halten kann.

Die hohe Übereinstimmung bei der Einschätzung der Stimmen faszinierte den schottischen Wissenschaftler: „Man muss eine Person nicht sehen und hören, um sich ein Bild von ihr zu machen. Man kann ein Urteil auch aufgrund nur eines Signals fällen.“

In der Forschung zur Gesichterwahrnehmung wurde im vergangenen Jahr sogar gezeigt, dass sich die ersten Eindrücke voraussagen lassen. Wissenschaftler der University of York in England analysierten 1000 Porträtfotos und beschrieben 65 für den ersten Eindruck relevante Züge: Auf welcher Höhe sind die Augen angeordnet, wie weit stehen sie auseinander, welche Kurve schlägt die Unterlippe, wie viel Platz ist zwischen Mund und Kinn, wie breit sind die Augenbrauen? Die Charakterbeurteilungen von Testpersonen auf Grundlage der Fotos ordneten sie den drei Kategorien „Zugänglichkeit“, „Jugendlichkeit/Attraktivität“ und „Dominanz“ zu und entwickelten so ein Modell, das die Beziehungen zwischen den Gesichtszügen und den Kategorien quantifizieren konnte. In jeder Kategorie gab es Gesichtszüge, die von besonderer Wichtigkeit waren. So spielt die Mundgegend offenbar die stärkste Rolle für das Attribut Zugänglichkeit – eine starke Kurve in der Unterlippe, ein Lächeln also, ist der sicherste Weg, als offen wahrgenommen zu werden. Große Augen wurden besonders oft mit Jugendlichkeit und Attraktivität assoziiert, und als maskulin geltende Gesichtszüge wie hohe oder dunkle Augenbrauen, eine markante Wangenform oder ein getönter Teint lösten Vorstellungen eines dominanten Charakters aus.

Was aber tun bei fauler Unterlippe? Muss man sich damit abfinden, lebenslang als unfreundlicher Typ zu gelten? Oder kann man bei nächster Gelegenheit klarstellen, dass man entgegen allem Anschein ein zugänglicher Typ ist? Das wird wahrscheinlich nicht gelingen. Psychologieprofessor Nicholas Rule von der University of Toronto hat bereits 2012 gezeigt, dass man der Macht des ersten Eindrucks einfach nicht entkommt. Nicht einmal knallharte Informationen überzeugen uns davon, dass jemand beispielsweise vertrauenswürdig ist, wenn er eben nicht so aussieht. In Rules Studie erinnerten sich die Teilnehmer eher daran, dass eine Person auf einem Bild vertrauenswürdig aussah, als an die bereits gegebenen Informationen zu deren Unzuverlässigkeit.

Wenn Zeit fehlt, urteilt man nach dem Äußeren

In einer aktuellen Untersuchung zeigte Rule erneut, dass der erste Eindruck, den man von einer Person nach einem Blick in deren Gesicht hat, selbst Fakten standhält. Diesmal ging es um Männer und die Frage: schwul oder nicht? Rule zeigte 100 Testpersonen Fotos von 20 Männern und sagte ihnen dann, ob diese homo- oder heterosexuell waren. Anschließend wurde das Gedächtnis der Probanden in mehreren Runden getestet, bis sicher war, dass sie sich einwandfrei gemerkt hatten, welcher Mann an Männern und welcher an Frauen interessiert war. Danach wurden den Teilnehmern die Fotos noch einmal vorgelegt und die sexuelle Orientierung abgefragt. Und siehe da: Die Probanden gingen, wenn sie nur wenig Zeit für eine Entscheidung hatten, nach dem Äußeren. Schwul war, wer ihren Vorstellungen von Schwulsein am ehesten entsprach. Das vorher gelernte Wissen konnte dem nichts entgegensetzen.

„Mich hat sehr überrascht, dass die Teilnehmer kontinuierlich auf ihren ersten Eindruck zurückfielen, vor allem wenn man bedenkt, wie sehr wir sie vorher gedrillt hatten!“, sagt Rule. „Dass dieses Wissen nur Minuten später schon keine Rolle mehr spielte, war bemerkenswert und hat deutlich gemacht, wie sehr wir uns auf unseren ersten Eindruck verlassen.“ Zeit scheint dabei eine Rolle zu spielen, denn für ihre Einschätzungen hatten die Probanden unterschiedlich lange Zeit – manche unbegrenzt, andere nur den Bruchteil einer Sekunde. Sobald sie schnelle Entscheidungen treffen mussten, urteilten sie allein nach dem Äußeren. „Unsere Theorie ist, dass Menschen unmittelbare Wahrnehmungen verarbeiten, bevor sie ihr Wissen aus der Erinnerung miteinbeziehen, um die ursprünglichen Eindrücke zu korrigieren. Es braucht also Zeit, um Wahrnehmungen mit Wissen abgleichen zu können.“

Zeit – und Motivation. Da wir meistens mental anderweitig beschäftigt sind, müsse man annehmen, dass sich niemand je freiwillig von seinem ersten Eindruck abbringen lässt, sagt Rule. „Werden wir nicht explizit aufgefordert, unser erstes Bauchgefühl zu überdenken oder es zumindest mit Vorsicht zu genießen, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir uns ganz auf unsere Sinne verlassen.“

Sind wir dem machtlos ausgeliefert, oder können wir die Einschätzung unseres Gegenübers nicht doch in eine positive Richtung steuern? Wer weiß, wie die Wahrnehmung bei einem ersten Eindruck funktioniert und wo die Fehlerquellen bei der Kommunikation in Sachen Vertrauen, Macht und Ego liegen, so Sozialpsychologin Halvorson, könne leicht kontrollieren, wie die eigenen Botschaften beim anderen ankommen. Augenkontakt halten, lächeln, regelmäßig nicken, zuhören und ausreden lassen – so könne man einem Gesprächspartner helfen, die Freund-oder-Feind-Frage schnell zu klären. Und entgegen landläufiger Meinung sagt Halvorson sogar, dass es eine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt. Man müsse sich nur sehr viel Mühe geben. Ein Weg führe über eine Häufung an Beweisen dafür, dass der erste Eindruck falsch war. So emsig und so lange müsse eine Person das mit ihrem Handeln untermauern, bis sich selbst der größte kognitive Geizhals einer Revision nicht länger verwehren kann.

Literatur

  • Heidi Grant Halvorson: No one understands you and what to do about it. Harvard Business Review Press, Boston 2015
  • Philip McAleer u. .: How do you say “hello”? Personality impressions from brief novel voices. PLOS ONE, 12. März 2014. DOI: 10.1371/journal.pone.0090779
  • Tom Hartley u. .: Modeling first impressions from highly variable facial images. PNAS, 111 (32), 2014. DOI: 10.1073/pnas. 1409860111
  • Nicholas Rule: On the interactive influence of facial appearance and explicit knowledge in social categorization. European Journal of Social Psychology, 44 (6), 2014, 529–535. DOI: 10.1002/ejsp.2043

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2015: Ich steh dazu!
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