Der neue Hochzeitskult

Traditionelle Hochzeitsriten liegen wieder im Trend. Ist dies ein Rückfall in alte Geschlechterrollen - oder ein Ausdruck von Emanzipation?

Der Vater führt die Braut zum Altar: Ein selbstbewusstes Spiel mit überholten Rollen? © Getty

Der neue Hochzeitskult und die alten Rollen

Die Frau, ganz in Weiß, wird vom Vater an den Traualtar geführt und dort dem Ehemann überantwortet. „Traditionelle“ Hochzeitsriten liegen wieder im Trend. Ein Rückfall in alte Geschlechterrollen? Oder ist gerade dieses Spiel mit längst überwundenen Klischees ein Ausdruck von Emanzipation?

Mareike und Mark feierten die Party ihres Lebens. Ihre Hochzeit in der Karibik ging über mehrere Tage. Die halbe Familie und ein paar enge Freunde hatten den Langstreckenflug auf sich genommen. Eine Yacht war gebucht, Häppchen für die illustre Gesellschaft gab’s beim Schippern im türkisfarbenen Meer am Tag vor der Trauung. Am nächsten Vormittag dann die Zeremonie am Strand, und später saßen alle von der besten Freundin bis zur Großmutter rund um den Pool im exklusiven Restaurant bei Loungemusik.

Jeder hat seine eigenen Vorstellungen von der Traumhochzeit. Aber der Trend ist: Das Eheversprechen wird immer häufiger zum Großereignis. Eine „Eventisierung“ beim Heiraten nennt das die Soziologieprofessorin Paula-Irene Villa von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Nachdem die Zahl der Eheschließungen seit den 1960ern über Jahrzehnte kontinuierlich gesunken war, steigt sie inzwischen wieder. Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung heiraten pro Jahr 410 000 Deutsche. Qualitative Untersuchungen zu Hochzeiten sind rar. Doch vertraut man der aktuellen Studie im Auftrag eines Onlinekartengestalters (kartenmacherei.de/hochzeitsstudie), so sieht man, wie aufwendig Hochzeiten heutzutage gefeiert werden: 71 Prozent der 1018 befragten Frischvermählten leisteten sich ein Hochzeitsfest für 5000 bis 30 000 Euro oder sogar mehr. Die meisten feierten mit 75 bis 100 Freunden und Verwandten, etwa jedes zehnte Paar sogar mit bis zu 200 Gästen.

Wie die Traumhochzeit in die Welt kam

Was aber bewegt Menschen heute dazu, ihre Hochzeit so teuer und mit so viel Pomp zu inszenieren? Das Ritual hat eine lange Vorgeschichte. Prächtige Kleider, eine reich geschmückte Tafel, überall Kerzenleuchter, sich einmal im Leben wie Prinz und Prinzessin fühlen – viele solcher Bilder und Ideen von einer Traumhochzeit gründen in einer Zeit, in der die Rollen von Braut und Bräutigam fest zementiert waren.

Die Historikerin Monika Wienfort erzählt die „Geschichte der Ehe seit der Romantik“ in ihrem Buch Verliebt, verlobt, verheiratet nach. Große Hochzeitsgesellschaften wurden bis ins 17. Jahrhundert nur von Königs- und Fürstenhäusern sowie wenigen besonders wohlhabenden Kaufmannsfamilien ausgerichtet. Wienfort berichtet, dass selbst die Hochzeiten reicher Bauernfamilien, sobald sie groß gefeiert wurden, von den adligen Landesherren als Ärgernis gesehen wurden. „Die Obrigkeit versuchte energisch, den Luxus dieser Feste zu begrenzen, auch um den Unterschied zu den Oberschichten zu wahren.“ Ein großes Hochzeitsfest demonstrierte neben dem Wohlstand vor allem Privilegien und Prestige.

Im 19. Jahrhundert zelebrierte man dann immer mehr Festlichkeiten auch im wohlhabenden Bürgertum. Die Hochzeit wurde zu einem gesellschaftlichen Großereignis. Man führte sein „Status- und Repräsentationsbewusstsein“ vor, indem man demonstrativ den Konsum zur Schau stellte, erzählt Historikerin Wienfort. Bankiersfamilien und andere reiche Bürger ließen sich das Festmahl etwas kosten und prahlten damit.

Heiraten: ein streng reglementiertes Event

Schon damals war die Hochzeit in einer bestimmten Gesellschaftsschicht also auch ein Event – allerdings eines, das streng reglementiert war. Man hatte die Heirat auf eine ganz bestimmte Art zu feiern. Populäre Ratgeber legten genau fest, wie die Festreden und Gedichte zur Hochzeit verfasst sein mussten, welche Darbietungen wie durchzuführen waren, damit sie den Regeln entsprachen. Der Bräutigam trug Frack und Zylinder – aber keinen faltbaren Chapeau claque, wie es warnend in den Anstandsbüchern hieß. Die Hochzeitsreden hielten Bräutigam, Brautvater und Trauzeuge. Die Braut sagte nichts. Aber schön aussehen sollte sie! Sie trug ein weißes langes Kleid. Das war üblich, vor allem seitdem Queen Victoria bei ihrer Hochzeit im Februar 1840 Weiß getragen hatte.

Am Tag der Trauung stand die Braut im Mittelpunkt. Die Sozialanthropologin Hilde Schäffler beschreibt das Heiraten im 19. Jahrhundert als eine Gelegenheit „weiblicher Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung: Sie wird in eine Fee, in eine Prinzessin verwandelt“. Diese „mythische Überhöhung“ der Braut hatte im Kontext des Bürgertums ein Ziel, so Schäffler, nämlich die „nachfolgende häusliche Unterwerfung und den Ausschluss der Frau aus dem öffentlichen Leben zu beschönigen“. Oder wie es die Kunsthistorikerin Christiane Syré formuliert: Am Tag der Hochzeit wechselte die Braut „aus der Vormundschaft des Vaters in die des Gatten“.

Braut und Bräutigam hatten ihre festen Rollen als hierarchisch verankertes Paar, im Normalfall mit einem dominierenden Mann und einer sich anpassenden Frau. Die Hochzeit konnte erst gefeiert werden, wenn der Mann Beruf und Einkommen hatte und in der Lage war, seine Frau und die künftige Familie zu ernähren. Die Hochzeit war ein Übergangsritual, ein rite de passage. Doch bereits seinerzeit war der zelebrierte Übergang nicht mehr der von der Jugend zum Erwachsenenalter. Es war vielmehr der gesellschaftliche Status, dessen Veränderung man mit dem Event dokumentierte: Der Mann wurde zum Ernährer, die Frau zur Hüterin von Heim und Familie.

Ein Jahr lang die Rolle der Braut üben

Auch dieser Statusübergang ist längst Vergangenheit. Heute sind die Akteure beim Heiraten meist älter und solventer. Laut Statistik ist die Braut durchschnittlich 31,2 Jahre alt, der Bräutigam 33,8 Jahre, Tendenz steigend. Die beiden Partner sind also bei der Hochzeit häufig längst erwachsen und wohnen auch oft seit geraumer Zeit zusammen. Beide sind meist berufstätig und stehen wirtschaftlich auf eigenen Beinen.

Und trotzdem – oder deshalb? – wählen viele Paare eine ausgesprochen traditionelle Art: in Weiß, mit Spitzenrobe und Brautjungfern und vielen Gästen. Paula-Irene Villa beobachtet, dass Heiraten heute oft in einer konventionellen Form geschieht. Zwar werde das Fest betont individuell gestaltet, doch darin würden viele klassische Hochzeitsrituale übernommen.

In einer Studie hat Andrea Bührmann, Soziologieprofessorin an der Georg-August-Universität Göttingen, mit ihrem Team Kosten und Aufwand von Hochzeiten und deren Einfluss auf Geschlechterrollen untersucht. Dazu interviewten die Wissenschaftlerinnen 235 Brautpaare aus Göttingen – aber auch deren Gäste sowie Standesbeamte und Besitzer von Blumen- oder Brautmodengeschäften, Hotels oder Gaststätten. Insgesamt beobachtete Bührmann ein „Wiederaufleben von Cinderella“: prächtige Brautkleider, in die „ein irres Geld reingeht“, lange geplante Hochzeiten, Frauen, die sich mehr als ein Jahr damit beschäftigen, ihre Rolle als Braut zu üben.

Die Aufgaben des Bräutigams: das Auto, der Grill, das Budget

Einige Frauen beginnen bereits am Tag des Heiratsantrags mit einer Diät und speziellem Workout, um zur Hochzeit schlank, doch mit definierten Oberarmen ins Traumkleid zu passen. Man schließt sich mit anderen Bräuten in Facebook-Gruppen zusammen. Die praktische Vorbereitung beginnt mit Terminen bei der Kosmetikerin und beim Friseur. Die Suche nach einem Brautkleid wird zelebriert und ausgedehnt.

Doch auch die Hochzeitsorganisation ist fest in der Hand der angehenden Ehefrau. Sie übernimmt, oft zusammen mit Freundinnen und weiblichen Verwandten, die Planung, vor allem bei der Dekoration, beim Essen, dem Heiratsort. Männer bekommen Aufgaben zugewiesen, die ihrer traditionellen Geschlechterrolle entsprechen, typischerweise müssen sie das Hochzeitsauto organisieren, das Grillen und die Getränke, vielleicht auch die Verwaltung des Budgets.

Nachdem die Braut im Vorfeld die „Macherin“ war, schlüpft sie am Hochzeitstag wieder in die Rolle der duldsamen Braut, so die Göttinger Studie. Das zeigt sich besonders gut an einem Ritus, den man aus amerikanischen Filmen kennt: der Übergabe der Braut durch den Brautvater. Dieses Ritual wird zunehmend auch in Deutschland zelebriert: Mit feierlicher Geste übergibt der stolze Brautvater seine Tochter in die Hand des Bräutigams. „Bei diesem Übergangsritual“, so Bührmann, „spielen weder Brautmutter oder Bräutigammutter noch die Braut selbst eine aktive Rolle, vielmehr wird die Braut zur ‚Gabe‘ ihrer Herkunftsfamilie an die Familie des Gatten.“

Ein selbstbewusstes Spiel mit Rollen?

Diese Rollenbilder werden immer wieder kritisiert. So stellte die Autorin Charlotte Haunhorst kürzlich fest: „Beim Thema Hochzeit sind wir konservativer als unsere eigenen Eltern.“ Und fragte: Was soll das? „Warum heiraten wir so rückschrittlich? Da muss man als moderner Mensch doch eigentlich laut ‚Halt‘ schreien.“ Haunhorst führt diesen Rückfall in alte Muster auf Bequemlichkeit zurück: Man bedient sich gedankenlos am Hergebrachten.

Paula-Irene Villa hat eine andere Erklärung: Die Eheleute würden diese Verwandlung bewusst inszenieren – oftmals als Zitat. Das weiße lange Kleid etwa zitiert die traditionelle Vorstellung für das Reine, Jungfräuliche. Es ist eine Aufführung. Die Braut ist an diesem Tag die Prinzessin, auch wenn sie im Alltag sonst nur Hosen trägt. Sie ist Mittelpunkt eines selbstgestalteten Märchens: „Paare, die in traditioneller Form heiraten, müssen zeigen, dass sie das nicht so tun, weil sie es tun müssen, sondern weil sie es so wollen“, so Villa.

Bewusst traditionell zu heiraten bedeutet also nicht automatisch, so auch zu leben, meint Andrea Bührmann. Sie sieht die Darstellung von Rollenklischees bei Hochzeiten sogar als Ausdruck einer gleichberechtigten Beziehung. In ihrer Hochzeitsstudie beobachtete sie, dass die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern sich im Alltag deutlich annähere, das Verhältnis bei Paaren längst nicht mehr so „natürlich hierarchisch“ daherkomme wie vor ein paar Jahrzehnten: „Es tut sich was in der Gleichberechtigung.“

Stereotypisierung der Charaktere

Doch die Erosion der vertrauten Rollenmuster löse Verunsicherung aus, so Bührmann. Daher der Wunsch nach einer Inszenierung der alten Stereotype, nach einer Überbetonung des weiblichen und des männlichen Prinzips. Am Hochzeitstag werden dann die alten Muster zelebriert. „Männer versuchen als aktiv, dominant und rational zu erscheinen, während Frauen sich als passiv, unterlegen und emotional inszenieren.“ Das fange schon beim Antrag an: wenn der Mann auf die Knie fällt, bevor er „die Frage“ stellt. Oder beim Über-die-Schwelle-Tragen der frischgebackenen Gattin nach dem Hochzeitsfest. Auch die Pose beim Hochzeitsfoto, bei der die Braut schmachtend von unten ihren Gatten anblickt, ist heutzutage durchaus gängig. Hier werden Rollenklischees in Szene gesetzt.

Gerade weil die Paare so gleichberechtigt miteinander leben, empfinden sie es als Freiheit, während der Hochzeit ihre Geschlechtsidentität individuell auszuleben und ihre Weiblichkeit oder Männlichkeit stärker herauszukehren, als sie es im Alltag je tun würden, so Bührmanns These. Sie sieht darin ein selbstbewusstes Spiel mit Symbolen und Rollen. Wenn der Bräutigam beim Hochzeitswalzer die führende Rolle übernimmt, heißt das noch lange nicht, dass er auch in der Beziehung den Ton angibt. Die Braut kann in einem weißen Traum in Tüll durch den Tag schweben und gleichzeitig eine Rede halten. Und beim Brautstraußwerfen machen auch die verheirateten Freundinnen mit.

An diesem Spiel, die Geschlechterstereotype in einer Hochzeit auszuleben, sieht die Göttinger Forscherin nichts Verwerfliches. Ihre Interpretation: Die Hochzeit erweitere „den Handlungsspielraum der Beteiligten durch eine Stereotypisierung ihrer Charaktere“.

Darstellung der Rollenklischees – ein Zeichen für gleichberechtigte Beziehungen? Das mag zunächst abwegig klingen, doch es gibt Indizien dafür aus anderen Lebensbereichen. So ziehen sich Managerinnen in den USA in als nahezu gleichberechtigt geltenden Branchen besonders weiblich an, um ihre Geschlechteridentität herauszukehren, beobachtet Andrea Bührmann. Womöglich sind sie so selbstverständlich emanzipiert, dass sie sich nicht als männlich inszenieren müssen.

Brautvater und Braut in Kirche
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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2018: Alles zu meiner Zeit
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