„Wir waren alle ein wenig berauscht vom eigenen Mitgefühl“

Empathie ist das Modewort unserer Zeit. Sie wird als Allroundrezept für ein friedliches Miteinander gehandelt, etwa in der Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. Doch das wohlige Einfühlen ist oft nicht ganz selbstlos und kann rasch kippen, mahnt der Kulturwissenschaftler Fritz Breithaupt

„Wir waren alle ein wenig berauscht vom eigenen Mitgefühl“

Empathie ist das Modewort unserer Zeit. Sie wird als Allroundrezept für ein friedliches Miteinander gehandelt, etwa in der Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. Doch das wohlige Einfühlen ist oft nicht ganz selbstlos und kann rasch kippen, mahnt der Kulturwissenschaftler Fritz Breithaupt

Vor einiger Zeit hat Barack Obama über die Amerikaner gesagt, ihnen fehle vor allem Empathie. Ohne sie sei die Menschlichkeit in Gefahr. Stimmen Sie ihm zu?

Nein, das ist mir zu simpel. Ich glaube, wir trauen der Empathie zu viel zu, sehen in ihr so etwas wie eine unbedingte Garantie für Frieden und Humanität. Mit dieser Kurzsichtigkeit machen wir die Dinge aber schlimmer. Denn Mitgefühl allein garantiert keinesfalls, dass Menschen ethisch oder moralisch handeln.

Wie kann das sein? Empathie gilt laut neuropsychologischen Studien als eine unserer wertvollsten Fähigkeiten. Es gibt sogar empirisch überprüfte Empathietrainings.

Ja, aber wir wissen aus aktuellen Studien auch, dass Menschen, die mit Schwächeren mitfühlen, gar nicht zwingend aktiv werden oder helfen. Mitgefühl pumpt häufig einfach mehr Emotionen in eine Situation, sodass Konflikte zu eskalieren drohen oder eine gewisse Kopflosigkeit entsteht. Solche Kollateralschäden durch Empathie sind verbreitet. Und das ist noch nicht alles: Man kann Empathie auch gezielt de­struktiv einsetzen. Wer etwa seine Mitmenschen manipulieren, verletzen oder sadistisch quälen will, braucht ein gutes Einfühlungsvermögen. Sobald es ums Thema Mitgefühl geht, vergessen wir leicht, dass jede Fähigkeit auch Schattenseiten hat.

Warum sehen wir ausgerechnet in der Empathie nur das Gute und Hoffnungsvolle?

Das hat kulturhistorische Gründe. Der Siegeszug der Empathie begann vor 250 Jahren, um 1770, als die Menschen sich erstmals als Individuen verstanden. Sie fingen an zu betonen, dass wir alle verschieden sind,...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2017: Schwäche zeigen!
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