„Cannabis würde durch die Legalisierung entzaubert“

Soll Cannabis legalisiert werden? Der Drogenberater Helmut Kuntz sagt ja – damit würde dem Rauschmittel etwas von seinem Mythos entzogen werden

„Cannabis würde durch die Legalisierung entzaubert“

Soll Cannabis legalisiert werden? Der Drogenberater Helmut Kuntz sagt ja – damit würde dem Rauschmittel etwas von seinem Mythos entzogen werden

Ja oder nein? Die Diskussion um die Legalisierung von Cannabis flammt immer wieder auf. Vor einigen Monaten sind die Grünen in die Offensive gegangen und haben im Bundestag einen Gesetzentwurf zur Legalisierung vorgelegt. Cannabis ist eine mythische Droge – von ihren Feinden verteufelt, von den Nutzern verharmlost. Gefährlich ist sie für viele Menschen auf jeden Fall, vor allem für junge Leute. Der Drogenberater Helmut Kuntz weiß das aus seiner täglichen Praxis nur zu gut. Er ist für die Legalisierung – vor allem aber für eine individuelle Prävention und Therapie, die zuerst den Menschen im Blick hat und dann erst den Süchtigen.

Herr Kuntz, ich habe gerade eine aktuelle Studie gelesen, wonach Cannabisgebrauch im jungen und modernen Medium Twitter zu 80 Prozent positiv dargestellt wird. Beunruhigt Sie so etwas?

Nicht wirklich. Das entspricht ja dem, was ich täglich erlebe, nämlich dass die jungen Leute Marihuana oder Haschisch immer noch für eine harmlose Droge halten. Sie kriegen ja nicht mit, was hinter den verschlossenen Türen von Therapieeinrichtungen passiert. Allerdings muss ich fairerweise sagen, dass Cannabis zu den Drogen gehört, die Menschen grundsätzlich kontrolliert nehmen könnten. Unter der Voraussetzung, dass sie erstens über die persönliche Reife dafür verfügen und zweitens über die drogenspezifischen Kompetenzen. Das heißt, wirklich zu wissen, welches die Wirkungen und Risiken von Cannabis sind und wie man das Risiko so begrenzen kann, dass man mit dem Konsum nicht in Schwierigkeiten gerät.

Aber wer weiß das schon?

Berechtigte Frage. Leider nicht alle. Aber mehr Konsumenten, als unterstellt, denn die meisten beenden ihren Gebrauch von Cannabis irgendwann in Eigenregie. Den richtig kompetenten Cannabisnutzern geht es darum, gut draufzukommen. Das sind Freizeit- und Gelegenheitskiffer, um die man sich nicht sorgen muss. Sie stehen heute allerdings im krassen Gegensatz zu den vielen jungen Leuten, denen es nicht ums Highwerden geht: Die kiffen, um sich wegzubeamen, zuzumachen. Da steckt ein ganz anderes Motiv dahinter.

Können Sie darüber aus Ihrer Praxis berichten?

Ich habe drei Beispiele aktueller Klienten. Da ist etwa ein 18-Jähriger, der so klar sagt, wie ich es selten höre: Ich kann dieses Leben, ohne zu kiffen, nicht mehr aushalten! Viele junge Leute fragen sich inzwischen: Ist das Leben ohne Rauschmittel überhaupt noch zu ertragen? Das zweite Beispiel: eine 17-Jährige. Die sagt verniedlichend: Cannabis, das ist mein Baby. Ihr ganzes Leben kreist um das Kiffen. Nichts anderes gilt. Sie geht in die spirituelle Richtung und hat Empfindungen besonderer Art, die sie Schickungen nennt. Aber wer schickt ihr was und aus welchen Gründen? Und ein dritter Fall: ein 40-Jähriger. Er kifft seit 25 Jahren. Es ist sehr berührend und auch traurig zu sehen, wie er jetzt vor den Trümmern seines Lebens steht. Seine Ehe zerbricht. Mit den Kindern ist es problematisch. Nun blickt er zurück und muss sich eingestehen: Eigentlich habe ich 25 Jahre meines Lebens vertan. Jetzt muss ich den Rest retten.

Diese Leute konsumieren hardcoremäßig?

Und wie. Sie nutzen jede Gelegenheit und konsumieren verhärtet. Fast täglich bis mehrfach täglich – so dass sie nichts mehr auf die Reihe kriegen.

Ist dieser Typ häufig?

Ich würde schätzen, das sind etwa zehn Prozent aller Cannabisnutzer. Auf jeden Fall bekommen wir immer mehr Probleme mit richtig schwerer Cannabis­abhängigkeit, die es vor 20 Jahren so noch nicht gab. Die Gebrauchsmuster haben sich verändert, die Stoffqualitäten auch. Das Eintrittsalter wird immer jünger. Das heißt, die Anfälligkeit für eine Suchtentwicklung steigt.

Wie alt sind die Jugendlichen denn, wenn sie anfangen zu kiffen?

Das offizielle Einstiegsalter liegt bei 16,4 Jahren. Aber das trifft nicht die Realität. Ich gehe oft in Schulen mit Schülern ab der siebten Klasse, da finde ich pro Klasse immer mindestens drei, die schon eigene Erfahrungen mit Cannabis gemacht haben. Mein jüngster Kiffer, der es faustdick hinter den Ohren hat, war elf Jahre alt. Ein Ausnahmefall. Aber spätestens ab 14 Jahren steigt der Gebrauch sprunghaft an.

Warum machen die jungen Leute das? Was sind die Motive?

Neugier natürlich. Spaß haben wollen, chillen. Aber sie suchen oft auch etwas, das in ihrem Leben fehlt. Diese jungen Menschen leiden massiv unter dem Druck an der Schule oder in der Ausbildung, aber auch unter einer mangelnden Perspektive, unter fehlenden Ausbildungsplätzen und generell unter dem Druck, der viel zu früh kommt. Sie retten sich mit dem Kiffen durch ihren Alltag. Würden sie nicht kiffen, würden sie sich selbst oder anderen vielleicht sogar Schlimmeres antun. Manche drohen mit Suizid. Das ist eine Ohrfeige für unsere Kultur und Gesellschaft. Eine weitere, unterschätzte Ursache ist die permanente Reizüberflutung durch moderne Medien. Da gibt es keine Frustrationstoleranz mehr, keine Fähigkeit, warten zu können. Auf der anderen Seite steht die Verharmlosung der Droge: Das ist doch alles ganz locker und easy und ungefährlich.

Wie bedeutend sind familiäre Muster für einen Cannabismissbrauch?

Ziemlich bedeutend, besonders bei jungen Männern. Da spielt der entwertende oder nicht anwesende Vater eine große Rolle. Oder aber auch ein ganz sensibler Punkt für Eltern: Viele Jugendliche, vor allem junge Mädchen, sagen, das Schlimmste für mich war die Scheidung meiner Eltern, und deshalb habe ich angefangen zu kiffen. Nun sollen Eltern daraus natürlich nicht die Konsequenz ziehen, sie dürften sich nicht trennen. Aber die Trennung muss anständig geregelt sein und darf nicht auf Kosten der Kinder ausgetragen werden. Die leiden eh genug.

Und Sie erwähnen in Ihrem Buch Haschisch, dass viele Cannabiskonsumenten in ihrer Reifung blockiert sind.

Absolut, ich beobachte das häufig. Junge Menschen, die schon früh Marihuana konsumieren, hochdosiert und über längere Zeit, wirken irgendwann so, als wären sie in ihrem Reifungsprozess stehengeblieben. Das bestätigen auch ihre Mütter und Väter. Wenn die jungen Leute dann abstinent werden, können sie diese Verzögerungen zwar nachholen, aber sie müssen sich wirklich bemühen und der Droge fernbleiben.

Ist Cannabis ein, sagen wir, besonderes Rauschmittel?

Schon, ja. Es ist eine Kultdroge, der der Mythos anhaftet, relativ harmlos und beherrschbar zu sein. Cannabis ist leicht romantisierbar. Eine der meistunterschätzten Drogen.

Wie abhängig macht Cannabis?

Den wahren Genusstypen kann es kaum etwas anhaben. Aber bei den anderen kann die seelische und körperliche Abhängigkeit riesig sein. Und das erzeugt dann richtiges Leid, beim Kiffer und seinem sozialen Umfeld. Mütter und Väter halten es oft nicht aus, wie ihre Kinder sich wegkiffen. Wenn der Betreffende kein Interesse mehr hat für anderes, kann man daran das Ausmaß der Abhängigkeit erkennen. Und ich bevorzuge immer noch den Begriff seelische Abhängigkeit im Gegensatz zum neuen Begriff der Sensitivierung. Der macht das Suchtverhalten zu einer organischen Erkrankung des Gehirns und grenzt die ganze innere Landschaft des Konsumenten aus. Das ist problematisch, weil es auch das Verständnis von Heilung begrenzt.

Cannabis soll ja auch Psychosen auslösen. Ein echtes Risiko?

Man sollte das nicht dramatisieren. Aber es gibt sie, die Cannabispsychose, und es gibt sie immer öfter. Eben wegen der neuen Entwicklungen: niedrigeres Einstiegsalter, stärkere Stoffqualitäten, problematischer Konsum. Zum Glück ist manches davon reversibel, anderes leider nicht.

Eine Psychose ist kein Spaß.

Überhaupt kein Spaß. Wenn man einmal eine Psychose hatte, ist das Leben nie mehr so, wie es vorher war. Selbst wenn sie ausheilt.

Was ist mit dem sogenannten amotivationalen Syndrom?

Das amotivationale Syndrom wurde auf der einen Seite als Abschreckungsstrategie benutzt, die nicht gegriffen hat. Auf der anderen Seite merken wir, dass es diese Null-Bock-Haltung tatsächlich gibt: Ist mir alles egal! Wenn jemand chronisch viel kifft, erleben wir genau das. Kiffen steht im Mittelpunkt des Lebens. Dann ist die Freundin egal. Dann sind die Eltern egal. Die Liebe egal. Die Schule egal. Die Lehrstelle egal. Sämtliche Alltagskompetenzen fallen völlig hinten runter.

Ist das nicht generell ein Problem von Süchtigen?

Ja. Aber bei Cannabis ist es noch einmal etwas Besonderes, weil der Mensch auch körpereigene Cannabinoide hat, die im Gehirn Glücksgefühle mitverursachen. Genau diese Regulation von Glücksgefühlen gerät durch das Zuführen zusätzlicher Cannabinoide von außen völlig aus dem Lot. Das Schlimme bei längerfristigem harten Gebrauch ist diese Herunterregulierung ins Traurige, Depressive hinein. Sich von innen heraus zu freuen, glücklich zu sein ist nicht mehr drin, weil im Gehirn die Bindungsstellen für die körpereigenen Cannabinoide besetzt sind. Der Dauerkonsum greift die natürliche Glücksfähigkeit an. Da hilft auch keine Dosissteigerung.

Kann dem harten Kiffer noch geholfen werden?

Ganz sicher! Und zwar indem man ihn als Mensch betrachtet und nicht nur als Kiffer. Jeder Kiffer ist zuerst ein Mensch und dann erst ein Süchtiger. Wir müssen ihm das Gefühl vermitteln, was sein Menschsein wert ist. Und nicht nur ein therapeutisches Programm abspulen. Wenn wir dem süchtigen Menschen auf dieser Basis begegnen, dann ist viel möglich, auch bei Betroffenen, die schwer abhängig sind. Aber das bedeutet Einzelarbeit mit Menschen – und nicht alle über einen Kamm zu scheren. Leider geht genau dahin die Tendenz: zu standardisierten Beratungs- und Therapieprogrammen.

Was können Eltern zur Prävention tun?

Erst einmal brauchen die Eltern Basiswissen: Was ist Cannabis? Wie sieht es aus? Welche ersten Anzeichen verraten mir, dass mein Kind anfängt zu kiffen? Dieser leicht verschlagene Blick. Oder diese ganz feinen Veränderungen im Verhalten. Und ganz wichtig: Ruhe bewahren. Es hilft nicht weiter, wenn die Eltern mit ihren Kindern herumschreien. Vielmehr sollten sie trotz ihrer Sorge und Angst versuchen, in Ruhe mit ihren Kindern zu reden und sie nicht zu entwerten und als Kiffer zu bezeichnen. Wenn Eltern aber nicht weiterwissen, dann sollten sie sich sehr frühzeitig ohne falsche Scham an eine Beratungsstelle wenden oder sich eine Elterngruppe suchen, um Rückenstärkung zu erfahren. Das ist Gold wert. Leider gibt es die nicht als Regelangebot.

Wenn es um Cannabis als Einstiegsdroge geht, sprechen Sie von einer Gespensterdiskussion. Warum das denn?

Weil es gar nicht so wichtig ist, was die Einstiegs­droge ist: Alkohol, Zigaretten, Medikamente, Cannabis. Mich interessiert viel mehr: Was ist der Beweggrund, was ist mit dem Menschen los, dass in ihm dieser innere Hunger nach Drogen wächst und schließlich auch genährt wird? Dass wir also nicht mit guter seelischer Nahrung versorgt werden, sondern dass es irgendetwas gibt, das die Seele leiden lässt. Was sind die Ursachen der kaum erträglichen Gefühle, die ich mit psychoaktiven Drogen manipulieren will?

Wäre die Legalisierung das beste Mittel, um Cannabis zu entzaubern?

Sicher würde Cannabis durch die Legalisierung entzaubert. Es gäbe auch die Entkriminalisierung von jungen Leuten, die Cannabis ganz „normal“ zum Genuss konsumieren. Wir hätten durch die Legalisierung die Trennung der Vertriebswege, könnten also dem organisierten Verbrechen etwas entgegensetzen. Wenn Cannabis an entsprechenden Stellen verkauft würde, hätten wir eine kontrollierte Qualität. Wir könnten die Käufer, dort wo gekauft wird, ganz anders ansprechen und hätten so eine Chance, ihnen substanzspezifische Kompetenzen nahezubringen. Es wäre endlich das Selbstbestimmungsrecht von schwerkranken Patienten gegeben, die nicht einklagen müssen, sich Cannabis als Medikament besorgen zu dürfen. Und das i-Tüpfelchen: Natürlich könnten wir den Verkauf von Cannabis besteuern, so wie bei Alkohol und Tabak. In manchen US-Bundesstaaten wird das bereits gemacht. Und die verdienen sehr gut an der Cannabissteuer. Da kann man anrüchig die Nase rümpfen und fragen: Ist das in Ordnung? Aber ich sage: Um eine gute Suchtarbeit und Prävention zu leisten, brauchen wir Geld. Wenn wir die Cannabissteuer dort hinleiten würden, dann hätten wir eine weitere, dringend benötigte Finanzierung für gute Prävention, die derzeit allerorten der Schuldenbremse geopfert wird.

Aber würde sich die orientierungslose süchtige Konsumgesellschaft durch eine Legalisierung nicht nur selbst bestätigen?

Diese Sichtweise ist mir zu eng. Es wird immer behauptet, durch eine Legalisierung würde der Konsum massiv steigen. Das ist in Ländern, in denen Cannabis legalisiert ist, nicht der Fall. Es wird zwar gekauft, aber es ist bisher nicht zu sehen, dass sich die Probleme dort verschärfen würden. Vielleicht könnten wir die Probleme damit auf Dauer sogar besser in den Griff bekommen. Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert, weil das, was jetzt passiert, schlecht genug ist. Wir sollten den Mut haben, es auszuprobieren. Es gibt sehr viele gute Gründe für die Legalisierung. Und sie wird kommen, das ist nur eine Frage der Zeit.

Helmut Kuntz, Jahrgang 1955, ist Familien-, Körper- und Suchttherapeut. Bei der Drogenhilfe Saarbrücken arbeitet er mit Betroffenen und ihren Familien in den Bereichen Prävention, Beratung und Therapie.

Helmut Kuntz hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Verstehen, was uns süchtig macht (2015) und Haschisch (2012). Beide Bücher sind im Beltz-Verlag erschienen.

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2015: Schöner Stress!
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