Echt toll! Warum wir Menschen auf den Sockel stellen

Die Kompetenz der Lehrerin bewundern wir, dem Popstar gilt unsere Verehrung. Dass das eine mit dem anderen wenig zu tun hat, liegt nicht nur an den Personen. Verehrung und Bewunderung sind völlig unterschiedliche Emotionen, wie Psychologen jetzt zeigen konnten

Echt toll! Warum wir Menschen auf den Sockel stellen

Die Kompetenz der Lehrerin bewundern wir, dem Popstar gilt unsere Verehrung. Dass das eine mit dem anderen wenig zu tun hat, liegt nicht nur an den Personen. Verehrung und Bewunderung sind völlig unterschiedliche Emotionen, wie Psychologen jetzt zeigen konnten

Frau Merkel landet auf Platz 26, als erste Deutsche in der Rangliste. Weltweit gesehen. Das vermeldete jüngst die britische Tageszeitung The Times. Das altehrwürdige Blatt hatte 14 00 Menschen aus allen Teilen der Erde befragen lassen, welche Personen sie bewundern. Auf die erste Position im Ranking kam Computerguru Bill Gates, auf Platz zwei schaffte es US-Präsident Barack Obama, gefolgt von, ja, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin – und Papst Franziskus. Dass sich die Redakteure wie auch die Befragten den Kopf darüber zerbrachen, was Bewunderung eigentlich ist – und wie sie sich von der Verehrung unterscheidet –, ist eher unwahrscheinlich.

Die Forscher Ines Schindler, Veronika Zink und Johannes Windrich haben es getan. Fünf Jahre lang, in einem Forschungsprojekt an der Freien Universität Berlin, haben sie alle Ergebnisse der Fachwelt zum Thema gesichtet und gedeutet und gestaunt, wie vergleichsweise selten sich die Wissenschaft mit diesen beiden Emotionen befasst hat. Mit eigenen Studien haben die Berliner Wissenschaftler nun diese Lücke gefüllt – und nur eine Gemeinsamkeit festgestellt: „Verehrung und Bewunderung zielen auf eine Person ab, die als höher oder besser als die eigene wahrgenommen wird“, wie die Psychologin Schindler sagt.

Nun die Unterschiede: Im Falle der Bewunderung kann man theoretisch die Leistungen der Person erreichen, sie gar überholen. So wie der junge Psychologiestudent, der seine Professorin anhimmelt – und womöglich irgendwann selbst als Professor zum Bewunderten avanciert. Die Bewunderung, hat Schindler ermittelt, „kann uns anspornen und zur Erweiterung unseres Selbst führen“. Anders die große Schwester: Bei der Verehrung wird die angehimmelte Person erhöht, sie ist für den Verehrer unerreichbar. „Die Verehrung“, sagt die Soziologin Zink, „ist ein prekäres und zwiespältiges Gefühl.“ In der rechten Dosis kann sie Sinn in einer Gemeinschaft stiften, in ihrer obsessiven Form zu einer Sucht entgleisen.

Fakt ist, dass beide Emotionen auch und gerade in modernen Gesellschaften weitverbreitet sind. Schon Kleinkinder bewundern, zumindest auf eine sehr basale Weise. Vielleicht sollte man besser sagen: Sie staunen und wundern sich. Über ihren tollen Papa. Ihre Oma. Und so weiter. Ältere Kinder bewundern dann eher einen Lehrer – den Chemielehrer zum Beispiel, der sie für das zunächst ungeliebte Fach begeistern kann. Das ist dann schon die „echte“ Bewunderung. Dafür muss man einschätzen können, dass jemand etwas Tolles leistet oder kann, was man selbst nicht vermag. Für diesen sozialen Vergleich braucht es geistige Fähigkeiten, die sich erst allmählich entwickeln. Insofern handelt es sich bei der Bewunderung um eine komplexe Emotion.

Wie sich in den Studien von Ines Schindler und anderer Forscherteams herausgestellt hat, dient die Bewunderung dem persönlichen Wachstum. Die Vorbilder motivieren, etwas Neues zu lernen und neue Kompetenzen zu entwickeln. Bewunderung dient somit der Selbstexpansion. Diesen Prozess erkennen Psychologen oft in romantischen Beziehungen: Ein Mensch verbessert sein Potenzial, indem er Ideen, Perspektiven, Ansichten und ähnliche Ressourcen eines anderen Menschen annimmt, den er liebt. Das Selbst des anderen verschmilzt in gewissem Maße mit dem eigenen Selbst. Ergebnis: Die eigenen Möglichkeiten und Chancen im Leben steigen. Die positiven Emotionen, die sich die Partner entgegenbringen, sind unerlässlich für die Selbstexpansion.

Tatsächlich bereichert Bewunderung das Selbst in ähnlicher Weise wie die Liebe, wie Ines Schindler in einer Befragung von 270 Probanden feststellte. Durch die Bewunderung eines anderen Menschen hatten die Studienteilnehmer den Eindruck, „neue Perspektiven und Ressourcen für die Zukunft gewonnen zu haben“, so Schindler. Offenbar, so eine weitere Erkenntnis, ist für die Selbstexpansion eine enge Bindung zwischen zwei Menschen nicht zwingend nötig.

Auf alle Fälle wird beim Bewundern das Vorbild so gut wie möglich imitiert, um vielleicht eines Tages auf der gleichen Stufe wie dieses zu stehen. Das heißt, der Bewundernde verfolgt durchaus egoistische Interessen: Seine Bewunderung dient als probates Gegengift gegen Neidgefühle. „Wenn ich eine Vision verfolgen will“, resümiert Ines Schindler, „dann ist Bewunderung sicher die bessere Emotion als der gutartige Neid.“

Vorausgesetzt, das Vorbild wurde geschickt gewählt, wie die US-Psychologen Jonathan Haidt und Sara Algoe betonen. Sie hatten ihren Probanden in einer Studie beispielsweise Videos der amerikanischen Basketballlegende Michael Jordan gezeigt. Einige Versuchsteilnehmer fühlten sich in ihrer Bewunderung sogleich angespornt. Andere hingegen frustrierte und lähmte das jordansche Können eher. Vernünftigerweise haben die Teilnehmer an Ines Schindlers Studien meist Freunde oder Verwandte angegeben, die sie bewundern, dazu oft noch Vorgesetzte oder Lehrer. Wer bewundert wird, lebt oder vertritt Werte, die anderen Menschen oft auch sehr wichtig sind: Hilfsbereitschaft, Einfühlungsvermögen, Großzügigkeit, Durchhaltevermögen, Mut, Risikobereitschaft, eine besondere musikalische, technische, künstlerische Begabung.

Figuren wie Jordan eignen sich – eigentlich – eher für die Verehrung. Also Figuren, die in ihrem Denken und Handeln, anders als ein Bewunderter, unerreichbar sind. Figuren, die sakrosankt über allem stehen. Ikonen jenseits des Reiches der Sterblichen. „Die Verehrung wird ab dem Jugendalter möglich. „Dann aber richtig“, sagt Schindler. Traditionell, höchstwahrscheinlich schon in den Tagen der tiefen menschlichen Steinzeit, ist die Verehrung sakral verankert. In postmodernen Zeiten haben auch die Popkultur und ihre Stars Elemente der religiösen Verehrung übernommen.

Veronika Zink hat das Phänomen aus dem Blickwinkel einer Soziologin beleuchtet und Anhänger zweier schillernder Persönlichkeiten interviewt: zum einen die Fans des verstorbenen „King of Pop“ Michael Jackson, zum anderen die Anhänger von Jesus Christus, die in der evangelikalen Glaubensgemeinschaft Jesus Freaks organisiert sind. Mit Elementen der Popkultur wollen diese zum Kern des Glaubens zurückkehren, indem sie den Sohn Gottes ohne großen Pomp verehren.

Anders als die Bewunderung hat die Verehrung keinen egoistischen, individuellen Antrieb. Mit der eigenen Identität hängt sie dennoch zusammen. Den Ergebnissen der Berliner Forscherinnen zufolge stimmen die Werte, die den Verehrten auszeichnen, mit den Werten des Verehrenden weitgehend überein. Offenbar suchen wir uns selbst in der Persönlichkeit des Angehimmelten, bauen ihn und seine Ideale ein in das eigene Selbst. „Jemanden, der ganz anders ist als man selbst, kann man nur schwerlich verehren“, sagt Zink.

Das erklärt, warum die verehrte Person für ihre Anhänger oft eine existenzielle Bedeutung hat. Sowohl die Fans von Michael Jackson als auch die Jesus Freaks deuten ihr Verehrungssubjekt als hochcharismatisch. Für ihn, meint beispielsweise ein Jackson-Fan, „geht es einfach darum, dass jemand so vollkommen rein“ sei. Und dann bringt er tatsächlich einen Vergleich mit dem Sohn Gottes: „Der Jesus hatte eine unglaublich ausgeprägte soziale Intelligenz; und das ist auch das, was Michael hatte.“ Klar, der King of Pop sei schon ein einzigartiger Sänger, Tänzer und Entertainer gewesen. Was aber viel mehr zähle, sei sein Dasein als Wohltäter für die schwarze Bevölkerung, die Dritte Welt und die Natur. „Der allliebende, allumarmende Mensch, der sich für das Soziale aufgab“, resümiert Zink die Erzählungen der Fans, „davon lebt die Verehrung, dass jemand Großes für die Gemeinschaft tut.“

Derlei Prozesse untermauern den Status der Verehrung als soziale Sinnstifterin. Die Verehrenden wollen sich ihrer Gruppe unbedingt zugehörig fühlen. Ihre Emotionen empfinden sie als „unglaublich“ und „unbeschreiblich“. Die Erfahrung der Verehrung in der Gemeinschaft bewerten Jacko-Fans wie Jesus Freaks als beglückend.

Dennoch bleibt die Verehrung nach den Erkenntnissen Zinks ein „heikles und widersprüchliches Gefühl“. So sagt beispielsweise ein Jackson-Fan: „Also, ich bin ja auch süchtig.“ Und als ob man an seinen Worten zweifeln würde, legt er noch einen drauf: „Ich bin auf jeden Fall süchtig danach.“ Eine „typische Antwort“ für die Soziologin, die inzwischen an die Universität Gießen gewechselt ist. Und mehr noch: Wenn die Fans eines Stars ihrem Idol einmal begegnen, spüren sie den Drang, in die Knie gehen zu müssen, sich in einer Untertanengeste klein zu machen. Oder sie brechen zusammen, weinen und rennen weg, weil sie die Nähe zum Verehrten nicht aushalten.

Diese Dynamik und Riten der Verehrung sind für die Umwelt meist unbegreiflich, wie Zink festgestellt hat: „Außenstehende sind kritisch und bezeichnen die Verehrung als krankhaften Ausdruck irgendeiner Form von Hysterie.“ Fast alle der Jackson-Fans, die sie befragte, hatten das sogenannte celebrity worship syndrome (siehe Kasten). Als Soziologin habe sie fasziniert, dass derlei Unverständnis von außen an den Verehrenden abprallt und eher das Gruppenverständnis verstärkt. Nach dem Motto: Nur in der Gruppe kann man so sein, wie man wirklich ist, und seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Durch die Verehrung entstehe ein „dynamischer emotionaler Raum“, in dem die soziale Stigmatisierung unter den Verehrenden kaum zu einem Leidensdruck führt. „Das hat mich sehr erstaunt“, fügt Zink an.

Derlei Dynamiken hat die junge Wissenschaftlerin sowohl bei den Jacko-Fans als auch bei den Jesus Freaks beobachtet. Obwohl beide Gruppen so unterschiedlich erscheinen, ähneln sich die Muster der Verehrung mehr, als man glauben möchte: „Da ist ein gemeinsamer Mechanismus am Werk.“ So betrachten Veronika Zink wie auch Ines Schindler die Verehrung als eine mächtige Emotion. Für sie steckt in der Verehrung fast immer ein gehöriger Schuss Obsession. „Menschen, die verehren, sind meist nicht autonom“, sagt Schindler, „und verlieren leicht den eigenen Blick auf die Dinge.“

Im Vergleich dazu ist die Bewunderung weitaus harmloser und unverfänglicher. Sie hängt übrigens nach ihren Erkenntnissen nicht von der Persönlichkeit oder vom Selbstwertgefühl eines Menschen ab. Selbstbewusste wie eher unsichere Leute können im gleichen Maße bewundern – und davon profitieren.Literatur

  • Veronika Zink: Von der Verehrung. Eine kultursoziologische Untersuchung, Campus, Frankfurt am Main 2014
  • Ines Schindler, Veronika Zink u. .: Admiration and adoration: Their different ways of showing and shaping who we are. Cognition and Emotion, 27, 2013, 85–118
  • Ines Schindler u. .: Linking admiration and adoration to self-expansion: Different ways to enhance one’s potential. Cognition and Emotion, 29, 2014, 292–310
  • Randy Sansone, Lori Sansone: “I’m your number one fan.” A clinical look at celebrity worship. Innovations Clinical Neuroscience, 11, 2014, 39–43

Besessen Vom Star

Wer einen Teenager im Hause hat, weiß, wie weit die Verehrung für einen Star gehen kann. Studien in Großbritannien und den USA zufolge ist rund ein Viertel der Bevölkerung – vor allem jüngerer, aber auch anderer Altersschichten – vom celebrity worship syndrome (CWS, Star-Verehrungs-Syndrom) betroffen. Rund zwei Dutzend Untersuchungen zum CWS sind mittlerweile erschienen. Sie nutzen spezielle Fragebögen, mit denen sich die Obsession für einen Star abgestuft ermitteln lässt.

Deren Auswertung ergab, dass etwa 10 Prozent der Teilnehmer leichte Erscheinungen eines CWS zeigen. Sie sprechen beispielsweise häufig über ihren Star und/oder schließen sich einem Fanclub an (Kategorie 1). Knapp 15 Prozent zeigen Zeichen der mittelschweren Variante. Sie entwickeln eine intensive innere Beziehung zu ihrem Idol. Stößt ihm etwas zu, fühlt es sich so an, als sei es ihnen selbst passiert (Kategorie 2). Ein Prozent schließlich leidet unter der härtesten Form. Diese Leute fühlen eine intensive Bindung zum Verehrten und geben an, sie würden sogar für ihn sterben. Sie können nicht aufhören, an ihr Idol zu denken. Sie glauben, er oder sie sei in sie verliebt (Kategorie 3).

In etlichen Studien mit inzwischen Tausenden Beteiligten haben Forscher beleuchtet, wie es um Psyche und soziale Umstände der Betroffenen steht. Ergebnis: Besonders Betroffene der Kategorien 2 und 3 sorgen sich verstärkt um ihr Körperbild (vor allem die Jüngeren) und würden sich gerne aus kosmetischen Gründen operieren lassen. Sie sind oft sensationslustig. Ihre Persönlichkeit zeigt häufig narzisstische Merkmale. Sie neigen zu Sucht, Stalking und heftigem Konsumverhalten – und zu Depressionen und Angststörungen.

Eine psychologische Therapie hält der amerikanische CWS-Experte und Psychiater Randy Sansone aber nur für sinnvoll, „wenn die sozialen Beziehungen und das alltägliche Leben unter dem Syndrom leiden“. Das heißt: wenn die Betroffenen zum Beispiel in Finanznöte geraten, weil sie ihr Geld aus dem Fenster werfen, um ihrem Idol zu huldigen. Oder wenn sie sich, statt Partner, Freunde oder Bekannte zu treffen, lieber mit Videos und anderen Medien über ihren Star beschäftigen. Eine spezielle CWS-Therapie gebe es nicht. Vielmehr sei es sinnvoll, eine assoziierte Begleiterkrankung – zum Beispiel eine Depression – zu behandeln.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2015: Nichtstun
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