Vertrauen wider alle Vernunft?

Einem anderen Menschen Vertrauen zu schenken ist eine ziemlich riskante Angelegenheit. Dennoch vertrauen wir immer wieder – auch Fremden. Und das in zunehmendem Maße. Woher nehmen wir unseren Mut?

Vertrauen wider alle Vernunft?

Einem anderen Menschen Vertrauen zu schenken ist eine ziemlich riskante Angelegenheit. Dennoch vertrauen wir immer wieder – auch Fremden. Und das in zunehmendem Maße. Woher nehmen wir unseren Mut?

Ari Teman aus New York hatte im März 2014 ein Wochenende auf dem Land geplant und wollte seine Stadtwohnung in dieser Zeit weitervermieten. Über Airbnb, eine auch in Deutschland sehr erfolgreiche Internetplattform zur Vermietung von Privatunterkünften, fand er David Carter. Dieser erzählte Ari, er suche just an diesem Wochenende eine Bleibe für seinen Bruder und dessen Frau, die wegen einer Hochzeit in der Stadt seien. Auf seinem Profil glänzte David mit positiven Bewertungen, und seine Identität war von Airbnb verifiziert. Am Freitagnachmittag übergab Ari David die Schlüssel und machte sich auf den Weg. Als er später am Abend noch einmal wiederkam, um eine Tasche abzuholen, traf er in seiner Wohnung jedoch nicht auf die Carter-Familie in Hochzeitsvorbereitungen, sondern auf Dutzende korpulente Damen und Herren, die an einer Orgie mit dem Namen „XXX Freak Fest“ teilnahmen. David hatte die Wohnung für eine Fetischparty mit dickbeleibten Frauen angemietet, die bereits einen Großteil von Aris Einrichtung zerstört hatten und zu Hunderten weiterhin an der Tür klingelten, weil seine Adresse auf Twitter veröffentlicht war. Aus dem entspannten Wochenende wurde nichts, und auch die Orgie endete unbefriedigend: Die Polizei löste die Party auf, Ari hatte einen Schaden im Wert von 87 000 Dollar in der Wohnung und einen Vermieter, der ihm fristlos kündigen wollte.

Airbnb, laut Wall Street Journal mittlerweile zehn Milliarden Dollar wert, ist nicht der einzige Onlinemarktplatz der sogenannten Shareconomy, innerhalb derer sich einander vollkommen unbekannte Menschen vertrauen und ihr Eigentum miteinander teilen. Sie überlassen Wildfremden ihre Wohnungen, nehmen sie in ihren Autos mit (Uber, WunderCar, mitfahrgelegenheit.de), vertrauen ihnen gleich ganz die Wagenschlüssel an (tamyca, Autonetzer) oder verborgen ihre Kleider, Rasenmäher, Kletterausrüstungen und Karaokemaschinen (why own it, frents, Leihdirwas). Vor ein paar Jahren noch wäre es für die meisten undenkbar gewesen, vollkommen Unbekannten Bett, Badezimmer und potenziellen Zugriff auf intime Schrankinhalte zu überlassen – jetzt boomt der Shareconomy-Markt. Laut einer Umfrage des Verbands der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche BITKOM aus dem Jahr 2013 teilen 17 Prozent aller Internetnutzer in Deutschland – etwa neun Millionen Menschen – gelegentlich Dinge wie Autos, Werkzeuge oder Wohnungen. 85 Prozent stehen dem grundsätzlich offen gegenüber. Nie war es so einfach wie jetzt im digitalen Zeitalter, zu einem Grundprinzip menschlichen Zusammenlebens zurückzufinden: Teilen. BITKOM bescheinigt der Sharingkultur ein enormes wirtschaftliches Potenzial. Und Vertrauen ist die Währung dieser neuen Ökonomie.

Karin Frick, Forschungsleiterin am Schweizer Gottlieb Duttweiler Institute (GDI), hat sich mit dem Trend in Deutschland und der Schweiz beschäftigt und in der „Sharity“-Studie 2013 herausgefunden, dass die vertrauensvolle Haltung gegenüber Fremden stark mit unserem Kommunikationsverhalten im Internet zusammenhängt. „Im Netz werden wir für Extravertiertheit belohnt“, sagt sie. „Soziale Netzwerke machen nur dann Spaß, wenn man großzügig mit Informationen umgeht. Wenn wir ein offenes Verhalten an den Tag legen und Informationen, Erlebnisse und Erfahrungen austauschen, bekommen wir Aufmerksamkeit, gute Ratschläge, stoßen auf interessante Menschen und verlockende Ideen. Diese überwiegend positiven Erfahrungen prägen dann auch unser Verhalten in der Realität.“

Jeder Mensch handelt im eigenen Interesse

Tatsächlich hat eine US-amerikanische Studie 2013 gezeigt, dass die Nutzung von Facebook unsere allgemeine Vertrauensbereitschaft durch die Erfahrungen mit den sozialen Bindungen, die wir dort eingehen, positiv beeinflusst. Das scheint zunächst eine gute Nachricht zu sein. „Da Vertrauen eine wesentliche Grundlage eines positiven sozialen Miteinanders darstellt, profitiert jede Gesellschaft von vertrauensvollen Interaktionen“, sagt Professor Martin Schweer vom Zentrum für Vertrauensforschung an der Universität Vechta. „Gerade in unseren zunehmend komplexer werdenden Systemen – Digitalisierung, Globalisierung, Technologisierung und so weiter – sind wir gezwungen zu vertrauen, um auf diese Weise wieder subjektive Handlungssicherheit zu gewinnen.“

Ratsam scheint es aber nicht, irgendjemandem zu vertrauen, zumindest wenn man Philosophen wie Machiavelli oder Hobbes glaubt. Jeder Mensch handelt im eigenen Interesse, oder? Auch die Wirtschaftswissenschaften gehen davon aus, dass Menschen das in sie gesetzte Vertrauen enttäuschen, wenn sie daraus Nutzen ziehen können und für das egoistische Verhalten keine Nachteile befürchten müssen. Im Umgang mit Fremden gäbe es also aus philosophischer und wirtschaftlicher Sicht keinen Grund, nicht ausschließlich an sich selbst zu denken.

Allerdings vertrauen sich die Menschen trotzdem, wie psychologische Experimente zeigen. Für eine aktuelle Studie spielten Forscher der Universität zu Köln und der US-amerikanischen Cornell University mit Studenten aus Deutschland und den USA das Vertrauensspiel: Die Versuchsteilnehmer mussten entscheiden, ob sie einen Geldbetrag behalten oder an einen anonymen Fremden übergeben wollten. In letzterem Fall wird der Betrag für den Fremden vervierfacht, der dann wiederum entscheiden kann, ob er die Hälfte davon zurückgibt oder alles für sich behält. Eine dritte Möglichkeit war, das Geld einem Fremden zu geben, der dann eine Münze wirft, die entscheidet, ob er das Geld teilt oder nicht. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer pfiff auf die sichere Variante oder die 50/50-Chance und gab dem anonymen Fremden das Geld im Vertrauen darauf, dass dieser gerecht teilen werde.

Aus rationaler Sicht ist das nicht sinnvoll, aber Vertrauen beruht offenbar auch nicht auf vernünftigen Kalkulationen der Chance auf persönlichen Gewinn. Die Tatsache, dass sich nur 22 Prozent für die ökonomisch gesehen aussichtsreichste Variante der 50/50-Chance entschieden, zeigt, dass Menschen im Umgang mit Fremden ein Risiko akzeptieren, das sie in einem Glücksspiel nicht akzeptieren würden. Mehr noch, sie vertrauen einander sogar dann, wenn sie keine großen Hoffnungen haben, dass ihr Vertrauen belohnt wird. Durchschnittlich gingen die Teilnehmer nämlich davon aus, dass sie das Geld nur in 37 Prozent der Fälle zurückbekommen würden.

„Trotz der Behauptung von Philosophen und Ökonomen, dass es entgegen aller Vernunft ist, vertrauen Menschen Fremden“, schreiben die Wissenschaftler in der Studie. Des Rätsels Lösung sind Gefühle: Bereits in vorangegangenen Experimenten der Forschungsgruppe gab es Hinweise auf emotionale Beweggründe bei Vertrauensentscheidungen. „Die unmittelbaren Gefühle waren von enormer Bedeutung“, schrieben David Dunning und Detlef Fetchenhauer, die auch die jetzt vorliegende Studie betreuten, in Understanding the Psychology of Trust. „Diejenigen, die beim Gedanken daran, das Geld abzugeben, positive Gefühle hatten, … vertrauten zu 91 Prozent. Diejenigen, die sich gut fühlten, wenn sie daran dachten, das Geld zu behalten, vertrauten nur zu 35 Prozent.“ In der aktuellen Studie nun konnte dieser emotionale Aspekt näher beleuchtet werden. Und siehe da: Wir vertrauen, weil wir denken, dass wir es tun sollten. „Menschen vertrauen nicht, weil sie wollen, sondern weil sie sich in ihrer gegenwärtigen sozialen Rolle dazu verpflichtet fühlen“, schreiben Fetchenhauer und Kollegen. „Die Gefühle, die mit dem Erfüllen einer sozialen Pflicht oder Verantwortung assoziiert werden – wie Schuld oder Angst –, bedingen das beobachtete übersteigerte Vertrauen maßgeblich.“ Dem Fremden zu vertrauen sei die bevorzugte Entscheidung der Probanden gewesen, weil sie gegenüber dem anonymen Partner respektvoller und weniger beleidigend war als die beiden anderen Varianten.

Wenn sich derzeit also eine wachsende Zahl Menschen dafür entscheidet, ihr Hab und Gut mit anderen zu teilen, spielt vielleicht nicht nur das gute Gefühl eine Rolle, Geld zu sparen, Teil einer Bewegung Gleichgesinnter zu sein und positive Bewertungen zu sammeln, sondern auch die Aussicht darauf, das Richtige zu tun: dem Überkonsum entgegenwirken, die Ressourcen der Erde schonen, vertrauensvolle Bindungen mit anderen Menschen eingehen. Das Bedürfnis danach ist groß. „Solche Beziehungen befriedigen fundamentale menschliche Bedürfnisse nach Sicherheit, Kontrolle und Wertschätzung“, sagt Martin Schweer vom Zentrum für Vertrauensforschung. Das potenzielle Risiko bei Geschäften innerhalb der Shareconomy steht also in Konkurrenz zu der Aussicht auf ein Gemeinschaftsgefühl, das vor allem Menschen in urbanen Lebensräumen vermissen. So hat die „Sharity“-Studie gezeigt, dass sich der Trend vor allem in Großstädten ausbreitet, wo die Menschen oft niemanden in ihrer unmittelbaren Umgebung kennen, sodass eine soziale Plattform nicht zuletzt einen Weg zu den Nachbarn darstellt.

Doch können wir jemandem über den Weg trauen, den wir nur von einem Profilfoto im Internet kennen? Offenbar ja: Aktuelle Forschungsergebnisse lassen annehmen, dass wir für unsere Vertrauensentscheidungen ohnehin keine weiteren Informationen brauchen, da wir sehr instinktvoll mit unserem Vorschussvertrauen umgehen. Ein kurzer Blick aufs Gesicht reicht aus, um zu entscheiden, ob jemand vertrauenswürdig ist. Eine Forschungsgruppe der Havard University, der New York University und des Dartmouth College zeigte Versuchspersonen Bilder von Menschen mit mal mehr und mal weniger vertrauenswürdigen Zügen. Die Bilder wurden nur für den Bruchteil einer Sekunde präsentiert, damit das Gehirn keine Chance hatte, sie so weit zu verarbeiten, dass der Proband eine bewusste Entscheidung treffen konnte. Es zeigte sich, dass die Amygdala – der Teil des Gehirns, der unter anderem für Warn- und Abwehrreaktionen verantwortlich ist – in gewohnt blitzschneller Manier auch darüber entscheidet, ob wir jemandem vertrauen. „Entscheidend ist der erste Eindruck, den wir uns aufgrund spezifischer Merkmale einer Person machen“, sagt Vertrauensexperte Martin Schweer. „Das kann beispielsweise das Aussehen, der Sprachstil oder auch die Mimik sein. Je mehr dieser Eindruck aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen den eigenen Vorstellungen von einem vertrauenswürdigen Interaktionspartner entspricht, umso eher werden wir bereit sein, Vertrauensvorschüsse zu investieren.“

Die erfolgreichsten E-Commerce-Unternehmen sind laut einer Studie der University of Zaragoza jene, deren Geschäftsmodell auf gegenseitigem Vertrauen der Nutzer beruht. Daneben tritt die Plattform als schützende Basis auf, auf die man sich verlassen soll. Bei Airbnb etwa gibt es eine 24-Stunden-Hotline, ein Verifizierungssystem, bis zu 700 000 Euro Gastgebergarantie und natürlich das Bewertungsportal – elementarer Bestandteil der Vertrauensbildung, denn hier können die Handelspartner einen guten Ruf etablieren. Weiterhin wird mit der Kraft der Information um das Vertrauen in der Community gerungen. Auf Wohnungsportalen wird dazu animiert, so viele Fotos wie möglich hochzuladen, denn wer schon einmal in das Schlaf- und Badezimmer eines Menschen spähen und vielleicht sogar einen Blick auf das gerahmte Familienporträt mit Oma und Hund an der Wand erhaschen konnte, ist vermutlich eher bereit, Vorschussvertrauen zu investieren.

Dennoch sind all das eher „Krawattengründe“, jemandem zu vertrauen – wie sich Matthias Kohring vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Mannheim ausdrückt. Er und seine Kollegin Sevda Arslan erforschen derzeit, wie Menschen dazu kommen, anonymen Kommentaren auf Arztbewertungsportalen zu glauben. „Bei Sharingplattformen ist man auf Indikatoren angewiesen, die mit dem Gegenstand des Vertrauens eigentlich nichts zu tun haben. Genauso wenig wie eine Krawatte mit Seriosität zu tun hat“, sagt er. „Vielleicht setzen wir auch gar nicht Vertrauen in die anderen, sondern in uns selbst und unsere Fähigkeit, Situationen gut einzuschätzen. Außerdem legitimieren wir unser Vertrauen durch die Generalisierung der positiven Erfahrungen anderer in den Bewertungen. Legitimieren heißt aber nicht rational begründen – das Vertrauen bleibt ein Schuss ins Blaue.“

Dass es nicht so wirkt, ist das Erfolgsgeheimnis der Sharingportale – es besteht die Illusion, dass sich eben nicht ein vollkommen Fremder in unsere Betten legt, unsere Bohrmaschine abholt oder zu uns ins Auto steigt. Man überlege sich, dass Trampen noch vor ein paar Jahren fast ein Tabu und mancherorts sogar verboten war – es herrschte tiefes Misstrauen in den Fremden als solchen. Heute werden allein über die Plattform mitfahrgelegenheit.de täglich Tausende Unbekannte von der Straße aufgelesen, und in den meisten Fällen bewährt sich das Vorschussvertrauen. Was anderenfalls passiert, lässt sich an Ari Temans Beispiel sehen. Keine 24 Stunden nach der Sexsause in seinem New Yorker Apartment hatten die Plattformbetreiber die Schlösser seiner Wohnung ausgewechselt, ein Hotelzimmer reserviert und mehr als 18 000 Euro für Reparaturen überwiesen. Schließlich könnte ein grober Vertrauensbruch wie dieser einem Shareconomy-Unternehmen das Fundament wegreißen. Bisher scheint es allerdings nicht so, als habe der Vorfall die Airbnb-Community nachhaltig abgeschreckt. Und das obwohl das Profil des „XXX Freak Fest“-Veranstalters von Airbnb verifiziert war und ausschließlich positive Bewertungen hatte.

Literatur

  • David Dunning u. .: Trust at zero acquaintance: More a matter of respect than expectation of reward. Journal of Personality and Social Psychology, 107/1, 2014, 122–141
  • Jonathan B. Freeman u. .: Amygdala responsivity to high-level social information from unseen faces. The Journal of Neuroscience, 34/32, 2014, 10573–10581
  • Noah Carl, Francesco C. Billari: Generalized trust and intelligence in the United States. PLOS ONE, 11. März 2014
  • David Dunning, Detlef Fetchenhauer: Understanding the psychology of trust. In: David Dunning: Social Motivation. Psychology Press, 2011, 147–169
  • Brandon C. Bouchillon: Social ties and generalized trust, online and in person. Contact or conflict – the mediating role of bonding social capital in America. Social Science Computer Review, 32/4, 2014, 506–523

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2015: Vorwärts Leben
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