„Wir müssen uns dem Grauen aussetzen“

Terroristen des Islamischen Staates richten ihre Geiseln hin, die Ebola­epidemie wütet in Afrika. Der Impuls, die unerträglichen Nachrichten einfach auszublenden, ist verständlich, meint der Dortmunder Professor für Journalistik Claus Eurich. Aber wegschauen ist keine Option

„Wir müssen uns dem Grauen aussetzen“

Terroristen des Islamischen Staates richten ihre Geiseln hin, die Ebola­epidemie wütet in Afrika. Der Impuls, die unerträglichen Nachrichten einfach auszublenden, ist verständlich, meint der Dortmunder Professor für Journalistik Claus Eurich. Aber wegschauen ist keine Option

Täglich sehen, hören und lesen wir Katastrophenmeldungen und entwickeln dabei eine Routine, die sich manchmal beängstigend abgebrüht anfühlt. Wie können wir mit den Schreckensbildern umgehen, ohne völlig abzustumpfen oder uns davon überfluten zu lassen?

Eine grundsätzliche Bemerkung vorneweg: Seit einigen Jahrzehnten ist das Recht auf Information nicht nur ein kulturelles, sondern ein elementares Menschenrecht, direkt vergleichbar mit dem Recht auf ein Dach über dem Kopf und dem Recht auf Bildung und körperliche Unversehrtheit. Ein Leben in globalisierten Kontexten ist nicht möglich, ohne dass wir voneinander wissen und angemessen informiert sind. Ich halte es für nicht vertretbar, bestimmten Informationen auszuweichen und uns davon abzuschotten. Wir müssen uns dem, was in der Welt geschieht, stellen, auch wenn es furchtbar ist und wehtut.

Gleichzeitig leben wir in einer Kultur, der wir, was die Schnelligkeit und Dichte von Informationen angeht, evolutionär noch nicht gewachsen sind. Wir haben bisher keine Mechanismen entwickelt, mit der Informationsflut selektiv umzugehen. Und wir müssen Dinge verarbeiten, die das Maß dessen, was Menschen normalerweise verarbeiten können, weit überschreiten.

Wir stecken also in einem Dilemma. Wir sollen uns konfrontieren und sind gleichzeitig überfordert. Was nun?

Zunächst einmal müssen wir verstehen, welche Macht Bilder auf uns ausüben, und realisieren, dass dieser Prozess unbewusst abläuft. Wir leben in der Illusion, dass wir uns freiwillig informieren und das selbst steuern. Doch vieles, was wir sehen, suchen wir uns nicht bewusst aus. Mir ist das deutlich geworden bei der Tsunamikatastrophe im Jahr 2004 und vor allem bei den Terroranschlägen des 11. September 2001. Die unendliche Wiederholung der Bilder der einstürzenden Türme hat bei vielen einen Sog ausgelöst, sich die Aufnahmen immer wieder anzuschauen. Auch beim Tsunami, der von einer Sekunde auf die andere 200 00 Menschen getötet hat, gab es diese sonderbare Mischung aus Ohnmacht und Faszination beim Anblick der tosenden Fluten. Es lebt in uns so etwas wie die Ästhetik des Grauens. Es bereitet uns eine gewisse Form von Befriedigung, diese Bilder zu sehen, auch wenn wir das nicht gerne zugeben. Nur wenn wir die merkwürdige Faszination, die Bilder von Zerstörung auf uns ausüben, zur Kenntnis nehmen, können wir lernen, damit angemessen umzugehen.

Wie erklären Sie sich die Faszination?

Gerade Bilder von Katastrophen intervenieren tief ins Unbewusste. Wenn ich mir solche Bilder anschaue, muss ich mich fragen: Was löst das in mir aus? Und warum suche ich diese Bilder? Kommunikation funktioniert ganz grundlegend über Resonanz. Wenn ich merke, dass ich Gräuelbildern nicht ausweiche, sie vielleicht sogar faszinierend finde, stellt sich die Frage, was in mir berührt wird und in Resonanz tritt. Welcher Abgrund tut sich da in mir selbst auf? Erst wenn wir uns damit beschäftigen, können wir darüber nachdenken, wie wir in Zukunft damit umgehen und wie wir vielleicht unsere Rezeptionsgewohnheiten verändern können.

Sich Bildern gegenüber zu distanzieren ist schwieriger als beispielsweise einen Zeitungsartikel nicht zu lesen oder nur zu überfliegen. Es gehört viel Selbstdisziplin dazu, Grenzen zu ziehen.

Das stimmt. Wir sind Augentiere. Wir schauen automatisch dahin, wo sich etwas bewegt. Das ist ein konditionierter Reflex. Warum gucken Säuglinge auf den Fernseher, obwohl sie überhaupt noch nicht verstehen, was dort geschieht? Es sind die Bilder als solche. Und wenn die Bilder laufen, schauen wir auch. Und wenn noch etwas anderes in uns berührt wird, durch Grauen oder Obszönität oder Freude, Harmonie oder Spannung, dann bleiben wir dem ausgesetzt. Deshalb ist es wichtig, dem, was im Unbewussten abläuft, Reflexion und Selbstreflexion gegenüberzusetzen und bewusste Entscheidungen zu fällen. Auch wenn das schwer ist und wir immer wieder Rückfälle erleben werden.

Das klingt nach einer anspruchsvollen Aufgabe und nach einem längeren Suchprozess.

Es ist tatsächlich ein sehr persönlicher Suchprozess, der auch immer wieder zu veränderten Ergebnissen kommen wird. Wenn ich selbst gerade in einer existenziellen Krise stecke, weil ich einen nahen Menschen verloren habe oder krank bin, sieht das Maß dessen, was ich von außen aufnehmen kann, völlig anders aus, als wenn ich in für mich gesunden, geordneten Verhältnissen mitten im Leben stehe und mir die Dinge aus einer gefestigten Position heraus anschauen, analysieren und verarbeiten kann. Was sich für mich heute als aushaltbar darstellt, kann mich morgen vollkommen überfordern.

Wir müssen also eine Gratwanderung vollbringen: Wir sollten uns je nach unserer individuellen Situation schützen, aber völlig abschotten sollten wir uns nicht?

Es gibt Grenzen des Wegschauens. Wie schon gesagt, glaube ich, dass wir heute ein hohes Maß an Informiertheit brauchen, wenn ein humanes Leben auf dieser Erde noch funktionieren soll. Wir müssen uns auch manchen Formen von Gewalt und Grauen aussetzen, allein schon deshalb, weil es sie gibt. Wir sollten nicht den Fehler machen, zu glauben, der Irak oder Syrien seien weit weg. Schauen wir einmal 20 Jahre zurück: In den Kriegen, die am Balkan durch das zerfallende Jugoslawien ausgebrochen sind, hatten wir dieselben Formen von Barbarei, wie wir sie heute durch den Islamischen Staat in den Nachrichten erleben. Das ist auch ein Zeichen dafür, wie viel Unbearbeitetes es in allen Kulturen gibt, in der deutschen natürlich in besonderem Maße. Wir müssen uns dieser Gewalt stellen und auch nachspüren, was sie mit unserer eigenen Kultur zu tun hat.

Aber muss ich mir dafür Gräuelvideos anschauen? Reicht es nicht, darüber zu lesen und es zur Kenntnis zu nehmen?

Um mich über Gräueltaten in Irak oder Syrien zu informieren und mich damit auseinanderzusetzen, muss ich mir als normaler Medienkonsument keine Filme von Giftgasangriffen, mit aufgequollenen Leichen und Enthauptungen ansehen. Vielmehr sollte man in die Rolle des mündigen Bürgers treten und eigene Grenzen ziehen und sich nicht hinter den Medien, die solche Videos anbieten, verstecken.

Jeder ist verantwortlich für das, was er schaut?

Ich muss einen inneren Maßstab entwickeln, der auch mit meiner Selbstachtung zu tun hat. Was schaue ich an und was nicht? Wo ziehe ich bewusst die Grenze? Das betrifft nicht nur kriegerische Gewaltverbrechen, sondern auch beispielsweise Pornografie. Ich sollte eine Entscheidung treffen, über welche Medien ich mich informiere und über welche nicht. Auch hier ist die Selbstverantwortung gefragt, weil wir in einer Situation sind, in der politische Steuerung nicht mehr möglich ist. Durch das Internet, die sozialen Netzwerke und die ungezügelte Verbreitung von Inhalten im Netz sind politische Kontrollen nur noch schwer möglich, de facto gibt es nur noch die Selbstkontrolle des Einzelnen.

Sehen Sie überhaupt Einflussmöglichkeiten beim einzelnen Konsumenten?

Was nicht rezipiert wird, kann auch kein erfolgreiches Marktmodell werden. Auf dieser Ebene sehe ich Einflussmöglichkeiten, nicht auf der Ebene von sozialen Netzwerken. Wenn das Publikum sich beispielsweise von Enthauptungsvideos abwendet, wird das Folgen haben. Selbst die Bildzeitung ist in diesem Bereich sehr zurückhaltend geworden. Auch das Verhalten der Rundfunkanstalten ist in den letzten Jahren im positiven Sinne defensiv geworden. Als Medienkonsument kann ich lernen, mich zu artikulieren und deutlich zu machen, was ich sehen möchte und was nicht. Es gilt auch hier der Satz des Franziskus: „Es kommt auf dein gelebtes Beispiel an.“ In der Familie kann man sich beispielsweise darüber verständigen, was man anschaut und was nicht. Im eigenen Mikrokosmos lässt sich eine Menge machen und verändern. Das muss nicht gleich bedeuten, dass man den Fernseher abschafft, was viele inzwischen tun. Aber eine gemeinsam geführte Diskussion kann vielleicht zu einer neuen Form des dosierten Umgangs führen.

Ist Selbstkontrolle wirklich der einzige Weg? Sollte es nicht doch auch andere Kontrollmechanismen geben?

Selbstregulierungsmechanismen im Mediensystem und journalistische Ethik sind natürlich wichtig. Wenn es um die Darstellung von menschenverachtenden Situationen geht, bin ich tatsächlich für Kontrollen. Vergewaltigungsvideos oder Videos des sogenannten Islamischen Staates sollten nicht verbreitet werden. Da haben der Staat und entsprechende Kontrollgremien auch eine Schutzfunktion gegenüber den Opfern. Es gibt die Würde des Opfers über den Tod hinaus. Diese Würde verletzt aber nicht nur derjenige, der Bilder von Opfern ins Netz stellt oder in die Zeitung bringt, sondern auch derjenige, der sich das anschaut. Das sollten wir uns bewusstmachen.

Es gibt also auch eine Ethik des Zuschauens. Wir können uns nicht darauf zurückziehen, dass wir nur passiv konsumieren?

Im Bereich der Kinderpornografie haben wir ja genau diese Debatte zu Recht. Nicht nur die Produktion von Kinderpornografie ist strafbar, sondern auch das Anschauen der Videos. Auf Gräueltaten in Kriegen und die Zurschaustellung von Opfern bezogen, haben wir diese Debatte in der notwendigen Intensität noch nicht. Wobei das allerdings ein problematischer Fall ist, weil wir uns bestimmten Informa­tionen, auch wenn sie brutal sind, nicht entziehen sollten.

Wenn so etwas auf der Erde passiert und Menschen solches Leid widerfährt, müssen wir das zur Kenntnis nehmen, manchmal auch visuell. Allerdings stellt sich immer die Frage, ob dieses Material produziert wird, um den Voyeurismus des Publikums auszunutzen und damit die Quote zu erhöhen oder um wirklich zu informieren.

Das ist ein schmaler Grat.

Für mich ist das eine Sache der journalistischen Professionalität. Natürlich muss ich, wenn ein Prominenter Suizid begeht, wie damals der Nationaltorwart Robert Enke, darüber berichten, aber ich muss nicht die Leiche zeigen und den mit Blut beschmierten Zug.

Wir brauchen einerseits Grenzen, um uns vor belastenden Bildern zu schützen. Aber brauchen wir nicht auch Offenheit für das Leid der anderen und Mitgefühl?

Mit dem Begriff Mitgefühl habe ich an der Stelle ein Problem, denn es geht für mich nicht um Mitgefühl und nicht um Mitleid. Wir brauchen eine Gratwanderung zwischen der Nähe, die erforderlich ist, um das Leid des anderen wirklich wahrzunehmen, nachzuvollziehen, und der Distanz, die notwendig ist, um nicht selbst handlungsunfähig zu werden. Ich darf das Leiden der Menschen, die sich in Afrika gerade mit dem Ebolavirus infiziert haben, nicht zu meinem eigenen Leid machen. Ich kann mich davon berühren lassen, aber ich muss handlungsfähig bleiben, denn gefordert bin ich hier an meinem Platz, unabhängig davon, was in Afrika passiert. Die Distanz sollte gewahrt bleiben. Gleichzeitig ist es aber sicher sinnvoll, aus der Isolation herauszukommen und sich gemeinsam mit anderen über das zu verständigen, was man sieht und liest.

Unsere Kultur entwickelt sich jedoch in die entgegengesetzte Richtung, der Medienkonsum wird zunehmend individualisiert. Jeder sitzt allein vor seinem Smartphone.

Da gebe ich Ihnen recht. Und es geht dabei etwas Wichtiges verloren. Denn in dem Moment, wo ich mit jemandem über das Gesehene reden kann, beginnt bereits die Problemverarbeitung. Das ist wie mit allen Formen von Angst. In dem Moment, wo ich den Mund aufmache und sage, ich habe Angst, und dann die Angst benenne, beginnt sie bereits, sich zu verändern und vielleicht schrittweise aufzulösen. Wenn ich das Grauen anspreche und über das rede, was in meiner Seele lebt, auch wenn ich kaum Worte dafür habe, fange ich schon an, es zu verarbeiten – und es möglicherweise auch besser zu verstehen. Das ist aus meiner Sicht das Allerwichtigste. Deshalb dürfen wir nicht wegschauen. Ich will auch Adolf Hitler verstehen und begreifen, warum er die Generation meiner Eltern fasziniert hat. Das will ich in der Tiefe verstehen, dann urteile ich. Ich will auch den IS verstehen. Was führt einen jungen Muslim in Köln, der seine Geschwister, Eltern, Freunde und Freundinnen liebt, dazu, über die Türkei einzureisen und andere Muslime zu massakrieren?

Oft höre ich den Satz: „Ich will solche Menschen gar nicht verstehen.“ Auch werden die Täter zu Monstern erklärt, ihnen wird die Menschlichkeit abgesprochen. Machen wir es uns damit zu einfach?

Das ist für mich keine akzeptable Haltung. Verstehen bedeutet nicht, etwas zu rechtfertigen oder zu vergessen. Solange wir nicht verstehen, warum etwas passiert, wird es weiter passieren. Dann haben wir keinen Punkt, an dem wir ansetzen können, weder in der Bildungsarbeit noch in der Kultivierung von Mitempfinden. Und im Letzten bleibt auch der mordende IS-Terrorist ein Mensch, und an dieses Menschliche möchte ich wieder herankommen können. Ich möchte Empathie empfinden auch gegenüber dem Terroristen und dabei gleichzeitig eine nüchterne Distanz wahren, damit meine eigenen Emotionen mich nicht in die Rachefalle locken. Wenn wir dieses Vertrauen aufgeben, haben wir nur politische Handlungsmöglichkeiten, die gewalthaft sind. Das aber bringt uns als Menschheit nicht weiter. Als Medienrezipienten und mündige Bürger müssen wir Ambiguitätstoleranz entwickeln. Wir müssen lernen, dass es sowohl in unserem persönlichen Leben als auch kulturell und global Bedingungen und Wertesysteme gibt, die nicht miteinander vereinbar sind. Es gibt Konflikte, die wir nur evolutionär aushalten aber gegenwärtig nicht lösen können.Claus Eurich ist Hochschullehrer für Kommunikationswissenschaften am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund, Kontemplationslehrer und Autor mehrerer Bücher. Seine Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Ethik, Medien- und Kulturtheorien, gewaltlose Kommunikation und Friedensjournalismus.

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