Als der Sex in die Schulen kam

Die Geschichte der Sexualpädagogik zeigt, wie politisch Sex stets war – und noch immer ist.

Das Foto zeigt ein Mädchen und einen Jungen in der Schule vor einer großen Schautafel, die die Sexualorgane von Mann und Frau zeigt.
So fing alles an: In einer Hamburger Klasse stehen im Dezember 1968 die Fortpflanzungsorgane auf dem Lehrplan. © Interfoto/Marz

Um keusch zu bleiben, müssen wir vor allem schamhaft sein: Die Schamhaftigkeit ist eine Schutzmauer der Keuschheit. Wir müssen unsere Augen und Ohren und unsere Gedanken bewahren und unsere Triebe in Zucht halten. Um keusch zu bleiben, müssen wir alles meiden, was zur Unkeuschheit führen kann: schlechte Schriften und Bilder, Schaustellungen und Tänze, schlechte Kameraden und schlechte Gesellschaft; unehrbare Kleidung, Müßiggang und Verweichlichung.“ So klang es in einem 1955 neu aufgelegten Lehrbuch für den katholischen Religionsunterricht.

Im Jahr 2018 gibt der Berliner Senat eine Aufklärungsbroschüre mit dem Titel Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben heraus. Als sexualpädagogisches Handbuch für Kita-Erzieherinnen und -Erzieher ist sie gedacht und beantwortet Fragen wie diese: „Wie begegne ich Eltern, die nicht wollen, dass ein schwuler Erzieher ihr Kind betreut? Was bedeutet es, wenn ein Junge jeden Morgen in einem Kleid in die Kita kommt? Wie reagiere ich, wenn Tom Lea hänselt, weil sie keinen Vater, aber zwei Mütter hat?“ Dem Vernehmen nach wurde die Broschüre auch von Kitas in katholischer Trägerschaft bestellt.

Es hat sich viel getan in Deutschland seit der Pubertät der Republik in den 1960er Jahren: Seit 1961 ist die Pille auf Rezept erhältlich, seit 1973 machen sich Hoteliers nicht mehr strafbar, wenn sie Doppelzimmer an unverheiratete Paare vermieten. 1974 wurde der Paragraf 218 zu Schwangerschaftsabbrüchen liberalisiert. Seit 1994 ist der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches, der Homosexualität unter Strafe stellte, abgeschafft. Seit 2017 gibt es auch per Gesetz die „Ehe für alle“, können gleichgeschlechtliche Paare fremde Kinder adoptieren. Da scheint es logisch, wenn sich auch ein Kita-Ratgeber dieser Frage widmet.

Von Anfang an umstritten

Was sich wie eine Erfolgsgeschichte der Liberalisierung und Akzeptanz sexueller Vielfalt liest, war und ist freilich immer heftig umstritten. Auch in Berlin ist der Widerstand konservativer Politiker und Initiativen wieder massiv. Mehr als 50 000 Menschen...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2018: Manipulation durchschauen
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