Klimaschutz? Wie unangenehm!

Wir alle könnten eine Menge tun, um umweltbewusster zu leben. Warum fällt es uns so schwer, unseren Alltag zu ändern? Was kann dagegen helfen?

Die Sorge um die Umwelt ist da, aber beim Handeln hapert's häufig trotzdem: Schon Recycling ist vielen zu anstrengend. © Getty

Klimaschutz? Wie unangenehm!

Auch in Europa ist der Klimawandel inzwischen angekommen. Wir alle könnten eine Menge tun, um umweltbewusster zu leben und die Natur besser zu schützen. Warum fällt es uns so schwer, unseren Alltag zu ändern?

Geologen können in den Gesteins- und Sedimentschichten unserer Erde lesen wie in einem Buch. Die Schichten der Zukunft werden Forscher vor ganz neue Herausforderungen stellen. Stoffe wie Beton, Plastik oder Aluminium werden fortan darin zu finden sein, genau wie Spuren von Plutonium durch Atombomben und Reaktorunfälle. Viele Geologen glauben inzwischen, dass der Einfluss des Menschen auf unseren Planeten so signifikant ist, dass die Einführung einer neuen erdgeschichtlichen Epoche zu rechtfertigen sei. Sie möchten unser Erdzeitalter Anthropozän nennen, menschengemachtes Zeitalter.

Heute wissen wir: Unsere moderne Lebensweise ist für unseren Planeten so schädlich, dass sie einen gravierenden Klimawandel verursacht. Vor allem wir, die Bewohner der westlichen Industriestaaten, sind dafür verantwortlich. Wir fahren zu viel Auto, fliegen zu oft in den Urlaub und essen zu viel Fleisch. Die Auswirkungen bekommen wir schon jetzt zu spüren: Immer häufiger treffen uns Hitzewellen, heftige Stürme und Überschwemmungen, in den Alpen schmelzen die Gletscher, viele Skigebiete sind längst nicht mehr schneesicher. Das geht nicht spurlos an den Menschen vorbei.

Vier von fünf Deutschen macht der Klimawandel Sorgen, nur zwölf Prozent der Bevölkerung sei der Klimaschutz vollkommen egal, so das Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov aus dem Jahr 2017. Und doch scheint diese Besorgnis nicht zu Taten zu führen. Nur die wenigsten lassen sich dadurch von ihrer Urlaubsplanung abhalten, das Auto steht als Transportmittel unverändert hoch im Kurs. Alle bewegen sich weiterhin in ihrer Komfortzone. Dennoch haben viele Menschen das Gefühl, dabei irgendwie zu versagen.

Neigung zur Ignoranz

Warum fällt es so schwer, einen klimafreundlicheren Lebensstil zu führen? Viele Klimaforscher, Soziologen und Psychologen beschäftigen sich aktuell mit dieser Frage. Der renommierte britische Umweltaktivist George Marshall hat sich in seinem Buch Don’t Even Think About It. Why Our Brains Are Wired to Ignore Climate Change damit auseinandergesetzt. Er sprach mit Psychologen, Linguisten und Risikoforschern, um herauszufinden, warum viele Menschen den Klimawandel ausblenden.

Er glaubt: „Die Ursachen liegen in dem, was wir alle teilen: in unserer gemeinsamen Psychologie, in unserer Wahrnehmung von Risiken, in unseren tiefsten Instinkten zur Verteidigung unserer Familie und unserer Sippe.“ Denn der Mensch sei so ausgestattet, dass er die negativen Konsequenzen seines gegenwärtigen Handelns lieber ignoriere. Ein Appell zum Klimaschutz, der mit Einschränkungen oder unangenehmen Anpassungen des Lebensstils einhergehe, sei also schlichtweg keine attraktive Option.

Auch der norwegische Psychologe und Ökonom Per Espen Stoknes beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit dem Klimawandel. In seinem neuen Buch What We Think About When We Try Not To Think About Global Warming nimmt er die Psychologie des Klimaleugnens genauer ins Visier. Auch er glaubt, dass wir die Folgen des Klimawandels verdrängen, weil sie unser Leben und unsere Identität bedrohen. „Es mag frustrierend sein für Klimaforscher, dass ihre Botschaften es so schwer haben“, erklärt Stoknes. „Für Psychologen aber ist es nicht im Geringsten überraschend. Der Mensch neigt nun mal dazu, viele Dinge zu leugnen, um sein Selbstwertgefühl zu schützen: Untreue, Ladendiebstahl, Lügen, Neid, was auch immer. Wir leugnen, und dann leugnen wir geschickt, dass wir irgendetwas leugnen.“

Vermeintlich unter Kontrolle

In seinem Buch schildert Stoknes ausführlich, warum unser Gehirn und unsere kognitiv-emotionalen Funktionen schlichtweg nicht dafür gemacht sind, angemessen auf den Klimawandel zu reagieren. Dafür führt er Befunde der Evolutionspsychologie, Sozialpsychologie und der kognitiven Psychologie an. Evolutionspsychologisch sei unser Gehirn auf Eigennutz und kurzfristige Belohnungen ausgerichtet und mache es uns somit schwer, altruistisch und zukunftsorientiert zu denken, schreibt er. Die meisten Menschen seien somit für das Argument, dass Klimaschutz zum Wohle der zukünftigen Generationen wichtig sei, kaum erreichbar.

Auch das kognitive Verarbeiten abstrakter Klimawandeldaten sei zu komplex für viele Menschen und führe dazu, dass sie die Gefahren des Klimawandels lieber weit weg von sich schöben. Zudem halte der Mensch vermeintlich kontrollierbare oder auch langfristige Risiken – wie Zigarettenrauchen, Alkoholmissbrauch oder den Klimawandel – ohnehin für tendenziell weniger bedrohlich als unkontrollierbare Risiken wie Terrorattacken oder Meteoriteneinschläge. Folglich hätten die meisten Menschen große Angst vor Terroranschlägen, fürchteten den Klimawandel aber kaum. Schließlich sei außerdem das soziale Umfeld ausschlaggebend für unsere Meinungsbildung: Handeln die Menschen in unserer Umgebung nicht sonderlich klimafreundlich, ist die Chance hoch, dass auch wir das nicht tun.

Doch der Norweger plädiert für Verständnis: Weil die Verdrängung des Klimawandels eine normale menschliche Reaktion sei, müsse man eben effektivere Kommunikationsstrategien entwickeln. Viel zu lange hätten bedrohliche Zukunftsvisionen des Klimawandels im Vordergrund gestanden, nun müsse man versuchen, eher die positiven Szenarien einer klimafreundlichen Lebensweise in den Fokus zu rücken.

Inspiration und Automatismen

„Psychotherapeuten wissen: Wenn man zu stark gegen die innere Mauer des Widerstands drückt, macht man sie nur noch stärker“, sagt Stoknes. „Ich schlage vor, dass wir uns verabschieden von dem ‚Wir gegen sie‘. Die Leute müssen von sich aus in einer klimafreundlichen Welt leben wollen.“ Seine Vision: Gute Klimakommunikation erzähle begeisternde Geschichten, die von innovativen Erfindungen und Lösungen handeln, von vorbildlichen Communitys, Projekten und Wissenschaftlern.

Dadurch sollten mehr Leute dazu angestoßen werden, sich klimafreundlich zu verhalten und andere zum Mitmachen zu inspirieren. Wer sehe, dass die Kollegin ab sofort mit einem flotten E-Bike zur Arbeit fährt, spüre dann vielleicht auch den Wunsch nachzuziehen. Oder er lässt sich von der Idee begeistern, eigenen Strom zu produzieren und so unabhängig von den großen Energieanbietern zu werden – und dabei auch noch Gewinn zu machen.

Doch auch die Rahmenbedingungen müssten es den Menschen so einfach wie möglich machen, klimaschonend zu handeln: Elektrische Haushaltsgeräte sollten die Stromsparfunktion als Standardeinstellung aufweisen, Drucker sollten automatisch Tinte und Papier einsparen, Carsharing sollte steuerlich begünstigt werden. Auf Gesetzesvorgaben und Regulation, so Stoknes, könne auf keinen Fall verzichtet werden. Denn die Wahrheit ist: Klimaschonendes Verhalten ist oft unbequem und fordert ein radikales Umdenken.

Alte Gewohnheiten ändern

Eine konsequent vollzogene Energiewende reicht tief in den Alltag der Menschen hinein und zwingt sie, ihre Komfortzone zu verlassen. Sie stellt Lebensstile und Gewohnheiten infrage und fordert aktive Mitarbeit. Wer sich ein Elektroauto kauft, muss sich mit Lademöglichkeiten beschäftigen und lange Reisen besser planen. Wer keine Flugreisen mehr machen möchte, muss gegebenenfalls ganz auf den Urlaub im Süden verzichten. Sind die Menschen wirklich dazu bereit?

Auch der Mobilitäts- und Zukunftsforscher Stephan Rammler von der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig war einmal überzeugt davon, dass ein narrativer Ansatz helfen könne, mehr Menschen für klimaschonendes Handeln zu begeistern. In seinem 2014 erschienenen Buch Schubumkehr. Die Zukunft der Mobilität entwarf der Soziologe positive Szenarien einer nachhaltigen Mobilität und erzählte verheißungsvolle Geschichten von der Zukunft. Er schrieb von Luftschiffen, die am Berliner Flughafen Tempelhof „wie eine Armada silbergrauer Wale“ vor Anker lägen, und vom globalen Ausstieg aus der fossilen Autowelt, von IT-gesteuerten Transportflößen und einer hocheffizienten, internetbasierten Verkehrsinfrastruktur. Leuchtende Zukunft statt Apokalypse, Wollen statt Müssen. Doch inzwischen ist Rammler desillusioniert.

„Damals dachte ich noch, wir brauchen eine Utopie des gelingenden Lebens statt endlose dystope Botschaften“, sagt er. „Inzwischen glaube ich aber, dass Narrativität nur begrenzt wirksam ist. Viele wollen die Einschränkungen, die mit klimafreundlichem Verhalten einhergehen, einfach nicht. Dafür müsste man ja zurücktreten von seinen Interessen zugunsten der Daseinsvorsorge. Die SUV-Fahrer werden niemals von sich aus in Elektroautos steigen, die lachen sich tot über irgendwelche tollen Zukunftsszenarien.“

Debatte statt Visionen

Wir bräuchten also keine Visionen und Leitbilder mehr im Kampf gegen den Klimawandel, sagt Rammler, sondern müssten in den Köpfen der Menschen etwas verändern. Und wir müssten eine Debatte über Werte führen, über Änderungen im Lebensstil, über experimentellere Grundhaltungen im Alltag, über andere Formen des Tourismus. In seinem jüngst erschienenen Buch Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität plädiert der Professor für „Transportation Design & Social Sciences“ deshalb für den Abschied von der Automobilität.

Statt des Privatautos fordert er „nutzungsintelligentere“ Formen des Umgangs mit unseren Autos: Carsharing statt Privatwagen, Radwege statt Straßen, Wohnungsbauflächen statt Parkplätzen, Tempo 30 in Ortschaften und eine City-Maut. Dass auch dies im Moment noch bloße Vorstellungen von einer besseren Welt sind, weiß Rammler. Er glaubt, dass wir derzeit noch an unseren Gewohnheiten scheitern, an einer Vergangenheit, die es uns schwermacht umzuschalten. In vielen Teilen des Landes funktionieren unsere Siedlungsstrukturen noch nicht ohne die Automobilindustrie, unsere Lebensweise und Bedürfnisse sind angepasst an die bestehenden Strukturen. Dennoch glaubt der Mobilitätsforscher, dass jeder Einzelne von uns eine Menge Spielraum hat.

„Viele Dinge muss man täglich aushandeln, auf einer individuellen und politischen Ebene“, sagt Rammler. „Ich habe mit meinen Kindern dauernd die Debatte, ob wir im Restaurant lieber Salat oder Schnitzel essen. Das macht nicht immer Spaß. Aber ich sage: Leute, fangt einfach an, eure Spielräume zu nutzen! Hört auf, bigott zu sein, delegiert die Verantwortung nicht an die Politik. Scheitern ist okay, aber macht wenigstens was.“ Auch kleine Änderungen können etwas bewirken.

Klima- und Umweltschutz beginnt im Kleinen: weniger Auto fahren, mit Tasche zum Einkaufen gehen, Eis statt aus dem Einwegschälchen in der Waffel essen, keinen Kaffee im Pappbecher und so weiter. Der beste Konsum ist gar kein Konsum. Immer überlegen: Ist die Anschaffung wirklich nötig? Lieber auf Gebrauchtes setzen, Schränke, Speicher, Keller durchstöbern, Verwandte und Freunde fragen, auf den Flohmarkt gehen. Und: Auch ältere Dinge mit Stolz tragen und benutzen! EMT

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute Compact 54: Natur & Psyche
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