Wie aus Lauten Worte werden

Warum klingt das Wort „klettern“ so zackig und „malen“ so rund? Klar ist: Emotionen spielen bei der Evolution der Wörter eine zentrale Rolle.

Die Illustration zeigt ein Pferd, das auf einem Mensch reitet
Warum heißt der Mensch nicht Pferd? Die Bedeutungen unserer Wörter sind nicht zufällig entstanden. © Karsten Petrat

Keine Frage, die Frau auf dem Foto sah traurig aus. Doch wie sollte man sie nennen? Real existierende Namen schieden aus, das hatten die Versuchsleiter untersagt. Wie wäre es mit Odola? Oder Jomelane? Und der freundliche lächelnde Typ auf dem nachfolgenden Bild? Vielleicht Edigadin? Oder gar ein extra langes Tririsinidadamini? Den 65 Probanden am Psychologie-Lehrstuhl der Universität Erfurt waren bei der Länge ihrer Namenserfindungen keine Grenzen gesetzt. Genauso wenig wie bei der Zusammensetzung der Buchstaben. Und doch zeigten sie eine klare Tendenz: Bei den positiv gestimmten Gesichtern wählten sie als Vokal deutlich öfter das „i“ und bei den traurigen und wütenden deutlich öfter das „o“.

Heißt das also, dass Iris und Lisa schon allein wegen ihres Namens positivere Emotionen bei ihren Mitmenschen hervorrufen als Roland und Mona? Dazu später mehr. Die beiden Leiter der Studie, Ralf Rummer, inzwischen an der Universität Kassel, und Judith Schweppe von der Universität Erfurt, interessiert bei ihrer psychologischen Spracherkundung etwas Grundsätzlicheres. „Es geht uns um die Frage, warum Menschen die Dinge so nennen, wie sie es tun“, erläutert Rummer. Es dreht sich also um den Kreißsaal der Sprache: warum Objekte wie „Sonne“, „Tisch“ und „Ozean“ genau so und nicht anders heißen und was bei der Entstehung dieser Begriffe eine entscheidende Rolle spielte.

Es sind Fragen, die schon die Philosophen des antiken Griechenlands faszinierten. Platon verfasste sogar eigens ein Werk dazu: Kratylos. Darin debattieren drei Männer – Kratylos, Hermogenes und Sokrates – über den Ursprung der Wörter. Die Eingangsthese lautet, dass jedem Benennbaren eine...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2019: Zwischen Liebe und Pflichtgefühl
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