„Dann werden Mädchen keine Astronautinnen“

Unser Selbstbild wird nicht nur geprägt von uns – sondern auch von den Vorurteilen der anderen. Ein Gespräch mit Sarah Martiny über Stereotype

Das Foto zeigt ein Mädchen vor einer Tafel mit Weltraumzeichnungen.
Der Glaube an Stereotypen beeinflusst die Leistungsfähigkeit der Stigmatisierten. © eli_asenova // Getty Images

Professor Martiny, der sogenannte stereotype threat, also die Bedrohung durch Stereotpye, wurde seit 1995 in vielen Studien nachgewiesen. Können Sie ihn einmal anhand eines Beispiels erklären?

Die Forschung hatte sich relativ lange schon mit der Frage beschäftigt: Wie beeinflussen Stereotype das Verhalten derer, die an sie glauben oder sie anwenden? Was es sehr wenig gab, waren Studien, die zeigten, wie Stereotype die Personen direkt beeinflussen können, die von ihnen betroffen sind. Deswegen ist es so ein interessanter Effekt und deswegen ist es auch so wichtig, darüber zu sprechen. Lassen Sie mich den Effekt an einem Beispiel veranschaulichen: In den USA herrscht ein sehr weit verbreitetes negatives Stereotyp, dass Afroamerikaner weniger intelligent sind als weiße Amerikaner, vor allem im verbalen Bereich. Die beiden Wissenschaftler Claude M. Steele und Joshua Aronson haben 1995 untersucht, was passiert, wenn sie afroamerikanische Versuchsteilnehmerinnen und Versuchsteilnehmer vor einem verbalen Leistungstest an dieses Stereotyp erinnern. Es zeigte sich, dass die Probandinnen und Probanden dann tatsächlich schlechtere Leistungen erbrachten als Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die nicht an das Stereotyp erinnert wurden.

Was ist der Mechanismus dahinter?

Das ist eine relativ schwierige Frage, da bedarf es noch einiger Forschung. Ich argumentiere – ähnlich wie meine Kollegin Toni Schmader –, dass es sich um eine kognitive Belastung handelt. Wenn wir an ein negatives Stereotyp erinnert werden, zum Beispiel dass Frauen schlecht in Mathematik sind, dann fangen wir an, diese Information entweder bewusst oder unbewusst zu bearbeiten. Das beansprucht kognitive Kapazitäten. Teile unseres Arbeitsgedächtnisses sind also damit beschäftigt, diese Information abzumildern oder zu verarbeiten. Und dadurch haben wir weniger Ressourcen zur Verfügung, um die anstehende Aufgabe zu lösen. Die stereotype threat-Effekte finden wir interessanter Weise nur bei schwierigen Aufgaben. Denn es ist uns besonders wichtig, das Stereotyp zu widerlegen, und das führt zu einer höheren Motivation, was uns einfache Leistungen gut bewältigen lässt. Aber bei schwierigen Aufgaben gleicht die Motivation nicht aus, was wir an kognitiven Ressourcen weniger zur Verfügung haben.

Muss das Stereotyp in der Testsituation aktiviert werden? Oder reicht es, wenn es latent vorhanden ist?

In den klassischen Studien wurde es stets aktiviert. Der Punkt ist aber, dass man das Stereotyp sehr subtil aktivieren kann. Im Prinzip reicht es, wenn man vor der Testbearbeitung die Gruppenmitgliedschaft ankreuzt, also angibt „Ich bin Afroamerikaner“ oder – wenn es um die soziale Herkunft geht – „Mein Vater ist Lastwagenfahrer“. Deswegen sollte man, wenn man in einem pädagogischen Beruf arbeitet, darauf achten, dass man zum Beispiel demografische Daten nicht vor dem Test abfragt, sondern danach. Und man sollte auch nicht solche Sachen sagen wie „Ladies first“ oder „Los Mädels, ihr schafft das!“ Selbst wenn die Gruppenzuordnungen positiv gemeint sind, werden sie durch solche Aussagen bewusst und können in Leistungssituationen schaden.

Gibt es etwas, dass ich als Betroffene in der Situation tun kann, um die Wirkung des Stereotyps zu unterdrücken?

Ja, da gibt es ein paar Strategien. Eine Methode, die relativ konsistent gute Befunde zeigt, ist, dass man Leuten positive Rollenmodelle gibt. Also wenn ich höre: Frauen sind keine guten Politiker. Dann kann es mir helfen, wenn ich an Angela Merkel denke.

Bringt es etwas, wenn ich versuche, mich mit meiner Gruppe zu de-identifizieren, also sage: „Ich bin ja kein typisches Mädchen.“ Oder: „Ich bin ja keine typische Afro-Amerikanerin?“

Ich kann versuchen, das Stereotyp zu verändern. Ein Beispiel kommt im Buch von Claude M. Steele mit dem Titel Whistling Vivaldi. How stereotypes affect us and what we can do vor. Er zitiert dort Brent Staples, der Afroamerikaner ist und an der University of Chicago Psychologie studiert hat. Staples berichtet, dass er immer das Gefühl hatte, die Leute beäugten ihn misstrauisch, wenn er über den Campus oder durch gehobene Wohnviertel lief, oder sie drehten sich nach ihm um, wenn er am Geldautomaten hinter ihnen stand. Er hat dann immer angefangen, Vivaldis Vier Jahreszeiten zu pfeifen. Man kann also ein gegenteiliges Stereotyp aktivieren: Dann ist man nicht mehr der Afroamerikaner, dann ist man der gebildete Afroamerikaner.

Aber ist das nicht eher der Mechanismus: Die Ausnahme bestätigt die Regel? Und das Stereotyp an sich wird dabei nicht in Frage gestellt?

Ja, das ist ein Problem. In dem genannten Beispiel hilft es der Person natürlich, nicht mehr negativ stereotypisiert zu werden. Aber Studien haben auch gezeigt, wie schädlich das so genannte subgrouping oder subtyping ist. Das meint Folgendes: Wenn man zum Beispiel das Stereotyp hat, dass Frauen keine guten Führungspersonen sind, und man wird mit Angela Merkel konfrontiert, dann ist die Reaktion: Ja, aber das ist ja keine Frau, sondern eine Karrierefrau. Man bildet also eine Untergruppe, und das führt dazu, dass das Stereotyp noch stärker bestehen bleibt, weil man sich durch die Subgruppe nicht mehr mit divergenten Informationen auseinandersetzen muss.

Auf welche Weise verinnerlichen Menschen ein Stereotyp?

Das ist ein relativ komplexer Prozess. Am Beispiel von Geschlechterstereotypen: Das passiert schon in der frühen Kindheit. Wir Menschen haben ein sehr starkes Bedürfnis, dazuzugehören, „need to belong“ heißt das in der Forschung. Wir wollen zu einer Gruppe gehören. Und weil das ein so starkes Grundbedürfnis ist, ist es für Kinder erst einmal wichtig zu lernen, dass es unterschiedliche Gruppen gibt. Der zweite Schritt ist, dass sie zu einer der Gruppen dazugehören – dass sie zum Beispiel ein Mädchen oder ein Junge sind. Und der nächste Schritt ist dann zu lernen, welche Attribute diese Gruppe ausmachen – in der Realität passiert das natürlich alles relativ gleichzeitig. Kindern haben einen Peak im späten Kindergarten- oder frühen Grundschulalter, an dem sie extrem versuchen, diese Gruppennorm zu erfüllen und die Stereotype zu internalisieren. Dass Mädchen also zum Beispiel partout keine blaue Jacke anziehen wollen und Nagellack haben und ein Kleid tragen.

Wie kann man solche Stereotype aufbrechen?

Dafür sind Rollenvorbilder wichtig. Dass es zum Beispiel männliche Erzieher gibt und Kinder so lernen, dass sowohl Männer als auch Frauen fürsorglich sein können. Oder wenn wir eine Polizistin am Straßenrand sehen, dass wir unsere kleine Tochter auf sie aufmerksam machen.

Positive Rollenvorbilder zu finden, dürfte ja für Menschen mit Migrationshintergrund noch schwieriger sein als wenn man ein Mädchen ist und sich auf die Suche nach role models begibt.

Ja, das denke ich auch. Im Hinblick auf Frauen hat sich schon viel bewegt. Auch wenn es immer noch erschreckende Befunde gibt. Wenn man Kinder fragt: Wer ist denn wirklich schlau? Dann sagen sie: Die Jungs. Und wenn man sie fragt: Wer ist fleißig? Dann sagen sie: Die Mädchen. Das findet man schon bei wirklich kleinen Kindern. Und das ist nicht schön, wenn man ein Mädchen ist, und glaubt, man ist nicht so schlau, und traut sich dann nicht so viel zu. Dann werden Mädchen eben keine Astronautinnen oder Mathematikerinnen. Aber ich würde Ihnen zustimmen, dass es viele ethnische Minderheiten gibt, bei denen es viel weniger positive Rollenmodelle gibt, und gleichzeitig auch viel mehr völlig akzeptierte negative Stereotype.

Professor Dr. Sarah Martiny ist Psychologieprofessorin an der Universität Tromsø in Norwegen und forscht zu Stereotypen und Voruteilen

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2020: Die Macht des Selbstbilds
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