Herr Inglis, warum de-zivilisieren wir uns?

Im Interview erklärt David Inglis, wie sich eine Dezivilisierung auf Individuen auswirkt und was der Brexit damit zu tun hat.

Sie sehen im Brexit ein Beispiel für eine weltweite Dezivilisierung der Gesellschaften. Was meinen Sie damit?

Dezivilisierung passiert schubweise innerhalb von Jahren, manchmal Jahrzehnten. Sie hat zur Folge, dass sich die Mentalität der Menschen und ihr Verhalten verändern. Ihr Denken wird kindlicher, irrationaler, emotionaler, unreifer, und die Überzeugungen werden pathetischer, leidenschaftlicher.

Die Bereitschaft zu diskutieren geht zurück, die Fähigkeit, Kritik anzunehmen, ebenfalls. Es herrscht mehr Angst, und Menschen sind stärker von Ärger getrieben. Sie scheren sich weniger um andere. Verbale Aggression und körperliche Gewalt in der Öffentlichkeit werden häufiger und eher akzeptiert. Dezivilisierung schadet Individuen und verschlechtert ihr Wohlbefinden.

Ihrer Meinung nach führt populistische Politik wie beispielsweise jene von Boris Johnson zur Dezivilisierung.

Ja. Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Gesellschaften zivilisiert bleiben, sind nämlich Konsistenz und Stabilität. Diese Eigenschaften zeigen populistische Politikerinnen und Politiker nicht: Sie sagen in einer Woche dieses, in der nächsten das Gegenteil. Die falschen und sich ständig ändernden Versprechungen im Zusammenhang mit dem Brexit in Großbritannien und das Neuverhandelnwollen von bereits unterzeichneten Verträgen mit der Europäischen Union, das sind zwei Seiten der gleichen Medaille: durchgängige Inkonsistenz.

Dadurch erodiert das Vertrauen der Menschen in die Politik, und dieses Misstrauen übertragen sie auf ihnen unbekannte Mitmenschen. Viele werden aggressiver, unhöflicher, intoleranter. Die Bereitschaft, Regeln einzuhalten, sinkt – nach der Devise: „Ich lasse mir nichts mehr sagen.“

Unter welchen Umständen beginnen diese Prozesse der Dezivilisierung?

Meist handelt es sich um gesellschaftliche Krisen. Was dabei wichtig ist: Es können reale Krisen sein wie etwa die Coronapandemie oder auch behauptete Krisen. Entscheidend ist, wie öffentlich über tatsächliche oder erfundene Krisen berichtet und geredet wird, wie sie inhaltlich gerahmt werden [framing], ob übertrieben und verzerrt wird, ob Opportunismus vorherrscht, welche Atmosphäre dabei geschaffen wird. So kann sich eine Dynamik entwickeln, aus der sich ein Dezivilisierungsschub entwickelt.

Die Prozesse der Zivilisierung von Gesellschaften dauern J­ahrhunderte, sagen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Warum hat sich die Menschheit überhaupt zivilisiert?

Es hat damit begonnen, dass Menschen zu verschiedenen Zeitpunkten in unterschiedlichen Gegenden der Welt Staaten gebildet haben. Im Zuge dessen haben sich Instanzen wie Militär, Polizei, Verwaltung herausgebildet, deren Aufgabe es ist, Menschen zu regulieren. Einer der Hauptvertreter dieser Theorie ist der Soziologe Norbert Elias, für den ein Staat etwas Gutes war und der im Nationalsozialismus den historisch massivsten Schub der Dezivilisierung sah. Er war der Auffassung, dass die staatlichen, gesellschaftlichen Instanzen die Voraussetzungen schufen, dass Menschen friedlicher wurden.

David Inglis ist Soziologe und forscht an der Universität Helsinki.

Literatur

David Inglis: Brexit barbarization? The UK leaving the EU as de-civilizing trend. Journal of Sociology, 57/1, 2021. DOI: 10.1177/1440783320960525

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2021: Gelassen durch ungewisse Zeiten
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