So lässt der Schmerz nach

Viele Schmerzpatienten finden – oft nach vielen Rückschlägen – für sich einen Weg, ihre Beschwerden zu lindern. Ihre Strategien können dabei sehr unterschiedlich sein. Forscher versuchen die Arten der Schmerzverarbeitung besser zu verstehen, um für jeden die richtige Therapie zu entwickeln

So lässt der Schmerz nach

Viele Schmerzpatienten finden – oft nach vielen Rückschlägen – für sich einen Weg, ihre Beschwerden zu lindern. Ihre Strategien können dabei sehr unterschiedlich sein. Forscher versuchen die Arten der Schmerzverarbeitung besser zu verstehen, um für jeden die richtige Therapie zu entwickeln

Wenn ich mein Leben mit einem einzigen Wort beschreiben sollte, würde ich sagen: Schmerz.“ Patienten, die monate- oder jahrelang unter quälenden Schmerzen leiden, haben ein schweres Schicksal zu tragen. Doch egal ob die Schmerzen durch eine körperliche Schädigung entstehen oder ob sich keine organische Ursache nachweisen lässt: Die meisten stellen irgendwann fest, dass ihre psychische Verfassung die Schmerzen enorm beeinflusst. Diese Erfahrung hat auch Johann S. gemacht, der seit zwanzig Jahren wegen eines Bandscheibenvorfalls unter heftigen Rückenschmerzen leidet. „Als ich mich nach einer belastenden Ehe habe scheiden lassen, ging es mir lange Zeit deutlich besser“, berichtet der Mitte 50-Jährige. „In Zeiten, in denen ich bei der Arbeit viel Stress habe, nehmen dagegen auch die Schmerzen zu.“

Auch experimentell lässt sich nachweisen, dass Gefühle wie Angst oder eine niedergeschlagene Stimmung die Schmerzwahrnehmung verstärken, während positive Gefühle sie abschwächen. So verwendeten Michael Böttger und sein Team vom Universitätsklinikum Jena in einem Versuch einen sogenannten „thermischen Grill“ – ein Gitter aus Warm- und Kaltreizen, der bei einigen Menschen zu einer Schmerzempfindung führt. Gesunde, die in eine traurige Stimmung versetzt worden waren, empfanden bei den Warm-Kalt-Reizen deutlich mehr und intensivere Schmerzen als die Kontrollgruppe. Ähnliches ließ sich bei Probanden mit einer leichten Depression und Testpersonen mit einer starken Neigung zum Grübeln beobachten.

Umgekehrt bedeuten die Ergebnisse: Psychische Faktoren können bedeutend dazu beitragen, Schmerzen zu reduzieren oder zumindest besser mit ihnen zurechtzukommen. So hat Johann S. – unter anderem mithilfe einer Psychotherapie – viel aus seinen Erfahrungen gelernt. „Auch wenn die Schmerzen gerade schlimm sind: Ich versuche, positiv zu bleiben“, berichtet der gelernte Elektrotechniker. „Zum Beispiel sage ich mir: Ich bin nicht am Ende. Heute ist es schlimm, aber morgen wird es besser werden.“ Auch Dinge, die ihm guttun, tragen zu einer positiven Stimmung bei, zum Beispiel mit Freunden einen Ausflug machen oder einfach in der Sonne sitzen und „die Batterien wieder aufladen“.

Einen großen Einfluss auf die Schmerzintensität hat die subjektive Bewertung des Schmerzes. „Nimmt jemand die Schmerzen als bedrohlich wahr, dann führen Angst und Hilflosigkeit oft dazu, dass die Schmerzen als deutlich schlimmer empfunden werden“, erläutert Katja Wiech, Schmerzforscherin an der Universität Oxford.

Allerdings unterscheiden sich Menschen darin, wie sehr sie Schmerzen negativ bewerten: Untersuchungen zeigen, dass manche eine besonders negative Einstellung gegenüber momentanen oder erwarteten Schmerzen haben. Solche „Schmerz­katastrophisierer“ erleben ihre Schmerzen als intensiver und haben Schwierigkeiten, sich von einem kurz zuvor erlebten Schmerzreiz wieder zu lösen. „Bei diesen Patienten kann Aufklärung hilfreich sein“, sagt Wiech. „Das Wissen, dass hinter den Schmerzen nichts Bedrohliches steckt, kann beruhigend wirken – und es kann helfen, sich von der ständigen gedanklichen Beschäftigung mit den Schmerzen zu lösen.“

Auf der anderen Seite hat auch das Gefühl, die Schmerzen selbst kontrollieren zu können, einen starken Einfluss auf die Schmerzempfindung. So hatten die Probanden in einem Versuch von Wiech entweder die Möglichkeit, Schmerzreize an ihrer Hand selbst zu stoppen, oder sie konnten diese nicht beeinflussen. Hatten die Teilnehmer Einfluss auf die peinigenden Reize, empfanden sie deutlich weniger Schmerzen und Angst. „Meiner Erfahrung nach ist es bei Schmerzpatienten ganz ähnlich“, berichtet die Psychologin. „Nicht die Schmerzen selbst, sondern das Gefühl, keinen Einfluss auf sie zu haben, ist für die Betroffenen am schlimmsten.“

Die Erfahrung, seine Schmerzen zumindest ein wenig beeinflussen zu können, hat auch Peter S. geholfen. Der 67-Jährige leidet seit seinem 14. Lebensjahr an Morbus Bechterew, einer chronisch-entzündlichen Erkrankung der Wirbelsäule. „Zumindest in Phasen, in denen die Schmerzen nicht so schlimm sind, hilft es mir, Sport zu machen oder zu meditieren – und zu wissen, dass es mir dadurch etwas besser gehen wird“, berichtet er. Darüber hinaus ist ihm bewusst, wie gut positive zwischenmenschliche Erfahrungen tun können: ein Gespräch mit seiner Frau oder der Austausch mit den Teilnehmern seiner Selbsthilfegruppe. „Wenn ich allerdings einen heftigen Schub habe, hilft gar nichts mehr“, sagt der ehemalige Kaufmann. „Das ist ein ekliges Gefühl.“

Dem Schmerz die Aufmerksamkeit verweigern

Auch Ablenkung kann einen verblüffenden Einfluss auf die Schmerzintensität haben. Viele Schmerzpatienten kennen das: Ein spannender Film, ein Moment intensiver körperlicher Nähe – und die Schmerzen sind kurzzeitig beinahe vergessen.

Worauf die Aufmerksamkeit gerichtet wird, kann jedoch individuell sehr unterschiedlich sein. Das zeigen Untersuchungen von Karen D. Davis von der Universität Toronto in Kanada. So sollten die Teilnehmer in einem ihrer Experimente eine anspruchsvolle geistige Aufgabe lösen, während sie gleichzeitig schmerzhafte Hitzereize spürten. Ein Teil der Probanden reagierte während der Schmerzreize erwartungsgemäß deutlich langsamer und machte mehr Fehler. „Andere reagierten überraschenderweise schneller, wenn sie die Schmerzreize spürten“, berichtet Davis. „Offenbar konzentrieren sie ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die Aufgabe und lenken sich so von den Schmerzen ab.“

In einer weiteren Studie fand die Forscherin heraus, dass manche Probanden Schmerzreize stark beachten, während andere ihre Aufmerksamkeit automatisch von den Schmerzen weglenken. Diese Unterschiede ließen sich auch langfristig nachweisen – und deuten somit auf unterschiedliche Schmerzverarbeitungsstile der Teilnehmer hin.

Der Grund, warum Schmerzen so unterschiedlich empfunden werden, ist ein hochkomplexes Schmerzverarbeitungs-Netzwerk im Gehirn. Hier spielen vor allem absteigende Nervenbahnen eine Rolle, die vom Stirnhirn über die Amygdala und die vordere Inselrinde – wichtige Areale für die emotionale Schmerzbewertung – und das zentrale Höhlengrau – das „Schmerzkontrollzentrum“ des Gehirns – zum Rückenmark verlaufen. Innerhalb dieses Systems werden körpereigene Opiate ausgeschüttet: Botenstoffe, die dafür sorgen, dass der Schmerz weniger intensiv und unangenehm erlebt wird. Psychologische Prozesse wie Aufmerksamkeit, Gefühle oder Bewertungen wirken sich auf dieses Netzwerk aus und führen dazu, dass die Schmerzen gedämpft oder aber verstärkt wahrgenommen werden.

Tatsächlich deuten die Ergebnisse der Hirnforschung darauf hin, dass verschiedene Strategien gegen Schmerzen auf unterschiedliche Weise wirken: So scheint Meditation eher zu einer passiven Schmerzregulierung zu führen, bei der die Schmerzwahrnehmung von der gedanklichen Verarbeitung des Schmerzes entkoppelt wird. Ein verhaltenstherapeutisches Training zur Löschung von Schmerzen scheint dagegen vor allem die emotionale Komponente des Schmerzes abzuschwächen.

Eine Therapie für jeden „Typ“

„Die weitere Erforschung der beteiligten Prozesse im Gehirn könnte dazu beitragen, Untergruppen von Patienten zu erkennen, die von unterschiedlichen Therapiemaßnahmen am meisten profitieren“, erklärt Herta Flor, Schmerzforscherin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Auch Karen Davis ist überzeugt, dass die unterschiedlichen Reaktionen auf den Schmerz dazu beitragen können, individuell zugeschnittene Schmerztherapien zu entwickeln. „Ich denke, dass es in Zukunft möglich sein wird, verschiedene Schmerzverarbeitungstypen zu identifizieren und für sie maßgeschneiderte Therapieansätze zu entwickeln“, sagt die Neurowissenschaftlerin. Auf diese Weise könnten Maßnahmen, die bereits heute in der psychologischen Schmerztherapie eingesetzt werden, je nach „Typ“ gezielt ausgewählt werden.

„Es könnte zum Beispiel sein, dass Menschen, die ihre Aufmerksamkeit automatisch von den Schmerzen weglenken, Strategien zur Aufmerksamkeitslenkung – etwa Yoga oder Methoden der Achtsamkeit – besser lernen können als andere“, erläutert Davis. Andere Patienten profitieren vielleicht mehr davon, die Schmerzen weniger negativ zu bewerten oder sich durch progressive Muskelrelaxation oder Biofeedback zu entspannen. „Manche Schmerzpatienten haben möglicherweise auch Schwierigkeiten, mentale Strategien zu erlernen“, so Davis. „Bei ihnen könnte eine Behandlung mit Schmerzmitteln oder eine gezielte Stimulation schmerzbezogener Hirn­regionen die effektivste Behandlungsmethode sein.“

Für Peter S. hat sich eine bewusste Ausrichtung der Aufmerksamkeit bereits als hilfreiche Strategie erwiesen. „Vor 40 Jahren habe ich begonnen, Meditationstechniken zu lernen, und seitdem meditiere ich regelmäßig. Sich gedanklich zu versenken und einfach seinen Atem zu beobachten: Das hilft mir, Distanz zu den Schmerzen zu bekommen.“

Den Schmerz maskieren

Neben den bisherigen Strategien gibt es in der psychologischen Schmerzforschung auch interessante neue Ansätze. So untersuchte ein Team um Raymonde Scheuren und Fernand Anton von der Universität Luxemburg, wie sich Lernprozesse nutzen lassen, um Schmerzen zu lindern. In einem Experiment blockierten die Forscher einen Schmerzreiz am Fuß mit einem stärkeren Schmerzreiz: Die Probanden hielten ihre Hand in Eiswasser. Jedes Mal, wenn das passierte, hörten die Probanden ein Telefonklingeln. Nach einer Weile reichte allein das Klingeln – auch ohne Eiswasser – aus, um den Schmerz am Fuß zu dämpfen. „Viele Teilnehmer waren sehr erstaunt, dass die intensiven Schmerzen, die sie empfanden, allein durch das Klingeln eines Telefons deutlich zurückgingen“, berichtet Scheuren.

Tatsächlich werden Methoden der Schmerzmaskierung bereits in der konventionellen Schmerztherapie genutzt. So verwendet Johann S. jedes Mal, wenn die Schmerzen im Rücken besonders stark sind, ein TENS-Gerät (transkutane elektrische Nervenstimulation). Dabei erzeugen Elektroden, die auf der Haut über dem Schmerzort angebracht werden, einen elektrischen Impuls, der die Schmerzweiterleitung zum Gehirn verringern soll. „Die elektrischen Impulse erzeugen bei mir ein Kribbeln und einen leichten Schmerz auf der Haut“, berichtet Johann S. „Dadurch nehme ich die Schmerzen nicht mehr so stark wahr.“

Scheuren hofft, Konditionierungstechniken wie in ihrem Eiswasserversuch in Zukunft bei Patienten mit chronischen Schmerzen einsetzen zu können: „Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, einen neutralen oder positiven Reiz aus der Lebensgeschichte des Patienten so zu konditionieren, dass er zu einer Abnahme der Schmerzen führt.“

Ein großes Problem bei chronischen Schmerzen ist die sogenannte Schmerzsensibilisierung: Im Lauf der Zeit nehmen viele Betroffene Schmerzreize als stärker wahr und empfinden oft sogar harmlose Berührungen als schmerzhaft. Karen Davis und ihr Team überprüften daher, ob eine kurze verhaltenstherapeutische Übung die Schmerzsensibilisierung verringern kann. In ihrem Experiment lösten die Forscher mit Hitzereizen zunächst eine anhaltende erhöhte Schmerzempfindlichkeit aus – ähnlich wie bei einem Sonnenbrand. Zuvor hatte die Hälfte der Teilnehmer in einer fünfminütigen Anleitung gelernt, negative Gedanken zu den Schmerzen zu erkennen und die Schmerzen weniger negativ zu bewerten. Nach dem Training nahmen die Probanden den Schmerz zwar nicht als weniger stark wahr – aber als deutlich weniger unangenehm. „Das könnte dazu beitragen, einer Schmerzsensibilisierung mit relativ einfachen Mitteln zu begegnen“, hofft Davis.

Lebenssinn und Zuversicht

Im Moment sind Patienten mit chronischen Schmerzen noch darauf angewiesen, selbst herauszufinden, was ihnen am besten hilft. Und das sind – neben psychologischen Hilfestellungen – oft Dinge, die für den Einzelnen persönlich bedeutsam sind.

„Mir helfen vor allem der Glaube an Gott und regelmäßige Besuche des Sonntagsgottesdienstes“, erzählt Johann S. „Das gibt mir Zuversicht und ermutigt mich immer wieder, nicht aufzugeben.“ Entscheidend ist für ihn auch, einen Sinn im Leben gefunden zu haben. „Am wichtigsten sind für mich meine Tochter und mein Job, der mir Spaß macht und auf den ich auch stolz bin.“

Für Peter S. sind es seine Frau und sein Pflegesohn, die ihm immer wieder Kraft und Lebensfreude geben. Gleichzeitig helfen ihm herausfordernde und zugleich erfüllende Aufgaben, die Schmerzen in den Hintergrund treten zu lassen – vor allem seine ehrenamtliche Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen. „Mein Glück ist vielleicht auch, dass ich von Natur aus ein positiver Mensch bin“, fügt der 67-Jährige hinzu. „Ich nehme die Dinge eben einfach, wie sie sind.“

Literatur

  • A. Kucyi, T. V. Salomons, K. D. Davis: Mind wandering away from pain dynamically engages antinociceptive and default mode brain networks. PNAS, 110/46, 2013, 18692–18697
  • N. Erpelding, K. D. Davis: Neural underpinnings of behavioural strategies that prioritize either cognitive task performance or pain. Pain, 154, 2013, 2060–2071
  • T. V. Salomons u. .: A brief cognitive-behavioural intervention for pain reduces secondary hyperalgesia. Pain, 155/8, 2014, 1446–1452
  • R. Scheuren u. .: Beep tones attenuate pain following Pavlovian conditioning of an endogenous pain control mechanism. PLOS ONE, 9/2, 2014, 88710
  • H. Flor: Psychological pain interventions and neurophysiology: Implications for a mechanism-based approach. American Psychologist, 69/2, 2014, 188–196

Das Gute am Schmerz

von Thomas Saum-Aldehoff

Schmerz ist ein Übel. Doch er hat auch seine hilfreichen Seiten. Manchmal trägt er sogar Lust im Gepäck

Schmerz ist gewiss keine angenehme Erfahrung. Er zehrt an den Kräften und zermürbt – vor allem, wenn er anhält und nicht weichen will. Wir setzen deshalb alles daran, Schmerz zu meiden oder so rasch wie möglich loszuwerden. Und genau das ist ja auch seine Funktion: Schmerz ist ein Warnsignal: „Achtung, was du da gerade treibst, tut dir nicht gut; lass es besser bleiben und suche das Weite!“

Doch längst haben wir andere Wege, den leidigen Boten zum Schweigen zu bringen. Der weltweite Jahresverbrauch von Schmerzmitteln wird auf 25 Milliarden Euro geschätzt. Mehr als 20 Fachjournale widmen sich dem Studium des Schmerzes. Im Vordergrund steht dabei verständlicherweise seine Bekämpfung. Diese Forschung brachte Erkenntnisse, „die vielen Menschen das Leben erleichtert haben“, konstatieren die Psychologen Brock Bastian, Jolanda Jetten, Matthew Hornsey und Siri Leknes. Das gilt vor allem für Patienten mit chronischen Schmerzen.

Doch vielleicht, so fahren sie fort, seien wir so fixiert darauf, den Schmerz so wirkungsvoll wie möglich zu beseitigen, dass wir dessen „andere Seite“ aus dem Blick verloren hätten. Schmerz habe nämlich durchaus positive Wirkungen, und die hat das Forscherquartett der Universitäten in Sydney, Brisbane und Oslo nun erstmals in einem Studienüberblick zusammengetragen. Die Autoren sehen drei hilfreiche Aspekte des Schmerzes:

Schmerz bereitet Lust den Weg

„Ach, wie schön, wenn der Schmerz nachlässt!“ Der ironische Spruch enthält durchaus ein Körnchen Wahrheit. Viele Experimente haben bestätigt: Das Weichen, ja selbst das Nachlassen von Schmerz wird von Versuchspersonen als Wohltat erlebt – sie fühlen sich dann oft besser als vor der Tortur. Je stärker der Schmerz war, desto größer ist die Wohltat, wenn er endlich schwindet, und je abrupter er sich verzieht, desto stärker ist die Euphorie. Der Motivationsforscher Richard Solomon hatte dafür eine Theorie: Schon wenn der Schmerz einsetzt, steuert der Organismus gegen, um die Qual zu lindern und das homöostatische Gleichgewicht wieder herzustellen: Das Gehirn schüttet Dopamin und Opioide aus. Wenn nun aber der Schmerz von sich aus abbricht, bleibt zunächst ein Überschuss an Wohlgefühl, bis der Körper die Glückshormone allmählich wieder einkassiert.

Nicht nur unser Körper, auch wir selbst belohnen uns für die durchstandenen Qualen: In einer Studie von Bastian und seinen Kollegen entschädigten sich Teilnehmer, die zuvor Schmerz hatten aushalten müssen, indem sie auf den Schreck mehr Süßigkeiten als gewöhnlich aus einer bereitstehenden Schale fischten. (Der Nachteil des Effekts: Patienten mit chronischen Schmerzen neigen zu stärkerem Zigaretten-, Alkohol- und Drogenkonsum!)

Es mag zynisch klingen, aber auch der Schmerz selbst hat eine euphorische Komponente: Als Kampf-oder-Flucht-Reaktion steigert er die körperlich-seelische Mobilmachung, das arousal. Man leidet zwar Qualen, doch fühlt sich dabei lebendig und vital. Nicht von ungefähr wird Schmerz von denen, die drauf stehen, als Stimulanz zur Steigerung sexueller Lust eingesetzt. Einen ernsteren Hintergrund haben Ritzen und anderes selbstverletzendes Verhalten, das zunehmend unter Jugendlichen grassiert. Auch hier scheint plausibel, dass die Betreffenden sich Schmerzen zufügen, um sich lebendig zu fühlen. Und noch etwas kommt hinzu:

Schmerz ermöglicht Kontrolle

Schmerz aktiviert einen vom cingulären Kortex ausgehenden Hirnschaltkreis, der auch für die kognitive Kontrolle zuständig ist. Als Überlebensreflex unterbricht Schmerz sämtliche Überlegungen und Tätigkeiten, mit denen wir ansonsten gerade so beschäftigt sind. Und das kann eben auch bedeuten: Er unterbindet Grübeln und nutzlose Selbstbespiegelung. Ja, der physische Schmerz rückt sogar den emotionalen Schmerz – den Liebeskummer, die Kränkungen, den Selbstzweifel – in den Hintergrund. In Experimenten waren Probanden, die Schmerz ausgesetzt waren, besser in der Lage, ihre Gefühle zu regulieren.

Schmerz „erdet“. Das Selbstbild, ansonsten ein aufgeblähtes Konstrukt aus dem, was ich gesellschaftlich bin und kann und habe, schrumpft zusammen zu einem Kern von existenzieller Empfindung. Der Identitätsballast wird vorübergehend abgeschüttelt, man geht zurück auf null – und kann sich von dort aus vielleicht neu erfinden. Diesen Zweck, so vermuten die vier Psychologen, haben kulturelle Initiationsriten, die ja auch oft Schmerzen und Entbehrungen umfassen.

Es mag uns nicht sympathisch sein, aber den Schmerz umweht auch etwas Heroisches. Im Mittelalter demonstrierten Flagellanten mit ihrer Selbstzüchtigung, wie stark ihre Selbstbeherrschung und damit auch ihr Glaube war. Schmerzen würdevoll ertragen zu können verleiht Stolz und festigt das Selbstwertgefühl: Ich bin der Meister meines Schmerzes, stehe über ihm. Im Falle von Selbstverletzungen folgt allerdings der Katzenjammer auf dem Fuße, und all die Wunden wecken eher Scham als Stolz. Die Autoren wissen eine bessere Möglichkeit, an Qualen zu wachsen: anstrengenden Sport.

Schmerz fördert Zugehörigkeit

Schmerz hat eine soziale Komponente. Jemand, dem ganz offensichtlich etwas weh tut, weckt bei anderen Mitgefühl und Zuwendung. Die meisten Beobachter haben eine gute Antenne für solche Ausdruckssignale. Schmerzen werden laut Studien gerade dann besonders treffsicher erkannt, wenn der Betreffende versucht, sich nichts anmerken zu lassen.

Oft läuft es aber auf das Gegenteil hinaus: Wir verleihen unserem Unwohlsein allzu gerne Ausdruck, wenn wir mal umsorgt und verhätschelt werden wollen. Wir versprechen uns vom Leiden dann einen „sekundären Gewinn“: Wir wollen nicht nur Empathie, sondern auch Aufmerksamkeit und Zuwendung ernten. In einem Experiment zeichnete sich eine bestimmte Sorte von Schmerzprobanden, die „Katastrophisierer“, dadurch aus, dass sie sofort noch heftiger jammerten als ohnehin und grimassierten, sobald potenzielle Beobachter im Raum waren.

Bisweilen zeigt die Show Wirkung: In einem sozialpsychologischen Versuch wurde ein potenzieller Spielbetrüger von den Teilnehmern tendenziell eher von Schuld freigesprochen, sobald er Schmerzen erkennen ließ. Doch man sollte es nicht übertreiben: Ständig wehklagende und klingelnde Patienten sind beim Pflegepersonal nicht eben die beliebtesten. Anteilnahme erschöpft sich mit der Zeit – leider auch dann, wenn die Person wirklich dauerhaft leidet.

Brock Bastian ist nicht daran gelegen, insbesondere starke und chronische Schmerzen zu verniedlichen. Doch momentan neige unsere Kultur eher zum anderen Extrem: Man verteufelt den Schmerz wie überhaupt alle „negativen“ Empfindungen und redet uns ein: „Das gute Leben ist ein schmerzfreies Leben.“ Doch ist das wahr?

Literatur

  • Brock Bastian, Jolanda Jetten, Matthew J. Hornsey, Siri Lek­nes: The positive consequences of pain: a biopsychological approach. Personality and Social Psychology Review, 2014. DOI: 10.1177/1088868314527831

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2015: Die Angst vor Nähe
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