Schwester Gertrud

In ihrer Kolumne stellt Mariana Leky die stürmische Krankenschwester Gertrud vor, die sich eine glückliche Kindheit wahrhaftig verdient hat.

Schwester Gertrud ist überall zugleich. © Elke Ehninger

Schwester Gertrud und die glückliche Kindheit

Gertrud, Krankenschwester in einer Notaufnahme, sieht überhaupt nicht aus, als würde sie Gertrud heißen. Sie trägt einen pinkfarbenen Kurzhaarschnitt und ist so riesig, dass man glaubt, sie könne mit einem nur leicht angehobenen Arm den Accent aigu aus dem Wort Charité vom Dach des Krankenhauses abstauben. Sie ist alterslos im Bereich zwischen dreißig und fünfzig, sie hat Arme, mit denen man Menschen wuchten kann, und sie ist stämmig wie der Rettungswagen, aus dem sie meinen Onkel Ulrich und mich herausholt. Wir sind hier, weil mein Onkel Ulrich sich plötzlich nicht mehr bewegen kann.

Es wirkt dramatisch, wenn einer plötzlich Arme und Beine nicht mehr rühren kann, aber hier sind wir ein leichterer Fall. Ein leichterer Fall ist man hier, wenn Kopf und Herz noch planmäßig ihren Dienst versehen.

Onkel Ulrich liegt auf einer Pritsche, ich sitze daneben. Um uns herum gibt es zwei weitere Liegen. Auf einer befindet sich ein violetter nackter Mann, der nach Ammoniak und Galle riecht und in regelmäßigen Abständen irgendetwas grölt, auf der anderen liegt eine winzige steinalte Frau mit einer Platzwunde am Kopf. Wir warten auf einen Arzt.

Sie stürmt herein, sie stürmt hinaus

In unregelmäßigen Abständen stürmt Gertrud herein. Sie ist hervorragend im Losstürmen und in Vollbremsungen. „Was habe ich denn?“, fragt Onkel Ulrich Gertrud, und man sieht ihm an, dass er sich fürchtet. „Das weiß ich nicht, ich hab ja nicht Medizin studiert“, sagt Gertrud, „aber Ihre Angst auch nicht.“ Dann stürmt sie wieder hinaus. Wir blicken ihr nach wie einer Erscheinung. Die Angst hat nicht Medizin studiert – allein für diesen Satz möchten wir Gertrud mit einem Verdienstkreuz dekorieren. Angst gibt vor, sich mit allem auszukennen, alles studiert zu haben, aber ihre ganzen Abschlusszeugnisse sind gefälscht.

Gertrud taucht wieder auf, mit einer Art Blumensprüher, und sprüht dem violetten Nackten damit ins Gesicht. „1,2 Promille sind aber mehr als zwei Bierchen, mein Lieber“, sagt sie, kommt wieder zu Onkel Ulrichs Liege und flüstert: „Ich glaube ja, Sie haben einfach Bandscheibe.“ Onkel Ulrich strahlt, wir glauben das Gertrud sehr gern.

„Schwester Gertrud mein Name“, sagt sie jetzt zu der alten Frau mit Platzwunde, „wo haben Sie sich gestoßen?“ „Am Kopf“, sagt die Frau leise. „Am linken oder am rechten?“, fragt Gertrud, die Frau lacht leider nicht, und Gertrud fragt: „Wissen Sie, welcher Tag heute ist?“ Die alte Frau denkt fieberhaft nach. Es steigt ihr diese Kinderhitze ins Gesicht, die erscheint, wenn der Mathelehrer überraschend was fragt. Zum Glück wird Gertrud jetzt großzügiger. „Wissen Sie denn, welchen Monat wir haben?“ Die Frau sagt immer noch nichts. „Eher Juni oder eher Oktober?“, fragt Gertrud. „Eher Oktober?“, fragt die Frau, und Gertrud sagt „Bingo“ und stürmt davon. In der Notaufnahme ist ein Kopf intakt, wenn er ungefähr weiß, dass eher Oktober ist.

Die alte Frau liegt allein da, seit Stunden. Als ich sicher bin, dass sie weit und breit keinen Anhang hat, kommt ein schnauzbärtiger Mann schwer atmend angerannt. „Mutti“, sagt er zu der Frau, „was machst du denn für Sachen!“, und ich bin froh, dass die alte Frau jemanden hat, der ihr Vorwürfe macht.

Onkel Ulrich und die Neurosen

Onkel Ulrich geht es sichtlich besser, seit Gertrud ihm einen Bandscheibenvorfall unterstellt hat. Das merkt man daran, dass er beginnt, sein Lieblingsspiel zu spielen. Wie sehr viele Männer in meiner Familie ist auch Onkel Ulrich Psychoanalytiker, und immer, wenn er irgendwo warten muss, dichtet er den Mitwartenden Kindheiten, Neurosen und die wirksamste Therapieform für die angedichtete Neurose an. Ich kann förmlich sehen, wie hinter Onkel Ulrichs Stirn die Kindheit des grölenden Nackten aufploppt, und ich wette, es kommt Alkoholismus in der Ursprungsfamilie und wiederholte frühkindliche Beschämung darin vor.

„Hol mir doch mal was zu trinken“, sagt Onkel Ulrich, und ich bin froh, dass ich etwas zu tun habe. Ich gehe auf den Flur. Ein ganz in goldene Folie gewickelter Körper wird an mir vorbeigeschoben. Eine Frau mit einem Motorradhelm in der Hand geht hinterher, und ich finde den Getränkeautomaten nur, weil sie sich dagegenlehnt. Sie schaut in den Helm, als befände sich darin ein bisheriges Leben. Ich versuche, die Münzen sehr leise in den Automaten zu werfen, ich will die Frau nicht stören, vermutlich findet sie zu Recht, dass jetzt alles stillstehen muss, dass jetzt keinesfalls Münzen einfach so durch einen Automaten klimpern dürfen. Es klimpert aber doch, weil Münzen sich um nichts scheren. Ich beuge mich hinunter, hebe die Automatenklappe an und schaue in den kleinen schwarzen Raum, in dem gleich eine Capri-Sonne aufgehen müsste, und vor meinen Augen schweben kleine durchsichtige Punkte, die mich darauf hinweisen, dass wir schon sehr lange in der Notaufnahme sind, so lang, dass man nicht mehr ganz sicher sein kann, ob es draußen eher Juni oder eher Oktober ist.

Eine herrliche Spritze

In einer Notaufnahme verhält sich die Zeit wie Schwester Gertrud: Mal stürmt sie aus dem Stand los, mal macht sie Vollbremsungen, und als ich mit der Capri-Sonne zurück zu Onkel Ulrichs Liege komme, ist mehr Zeit vergangen, als ich dachte, denn Onkel Ulrich steht jetzt neben der Liege – ziemlich schief zwar, aber er steht.

„Es ist nur ein Bandscheibenvorfall“, sagt er und strahlt wie ein Geburtstagskind, „ich habe eine herrliche Spritze bekommen.“ Dann flüstert er mir zu: „Es war ein sehr netter Arzt. Allerdings scheint er mit einer endogenen Depression zu kämpfen, ich vermute eine empathielose Mutter.“

Gertrud, die überall ist, sagt: „Sie können jetzt nach Hause humpeln“, und reicht Onkel Ulrich die Hand. Er schüttelt sie mit seinen beiden Händen, feierlich lange, als befänden wir uns in einem Staatsakt, und dann sagt er: „Frau Gertrud, ich wünsche Ihnen eine sehr glückliche Kindheit.“

Mariana Leky ist mit ihrem Roman Was man von hier aus sehen kann seit vielen Wochen in den Bestseller­listen. In Psychologie Heute schreibt sie jeden Monat darüber, was die Menschen, die sie umgeben, bewegt. Mit psychologischen ­Themen kennt sich Leky aus: In ihrer Familie sind zehn ­Psychoanalytiker

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2018: Manipulation durchschauen
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